Hedwyg: Traum

Das Mädchen weinte. Dicke heiße Tränen kullerten ihre Wangen hinunter, die Nase lief, das Mündchen bebte, die kleinen Fäuste waren zornig geballt. „A-aber… aber ich bin doch schon ein großes Mädchen! Das hast du selbst gesagt! Ich kann ganz alleine bis zum Felsen am Strand, und ich kann auch schon mitsegeln!“ Dass die Mutter lachte war gemein. So sorgfältig hatte sie ihren Rucksack gepackt, und sogar die Puppe hatte sie auf dem Bett liegen lassen, damit die Mutter an sie dachte, wenn sie weg war. Auf großer Fahrt mit dem Vater. Doch sie durfte nicht, und das war unfair. Schließlich hatte sie Sigun erst gestern mit der Nachbarin darüber reden hören, was für ein großes Mädchen sie doch hatte. Da hatte die Mutter sie noch gelobt, aber jetzt…

Sie wirbelte so schnell herum, dass der blonde Zopf in weitem Bogen flog und rannte los. Sollte Sigun doch so viel rufen, wie sie wollte, sie würde nicht stehen bleiben und zurück kommen. Sie nicht. Nicht Hedwyg Raskirdottir. Erst als der stechende Schmerz in der Seite zu viel wurde, verlangsamte sie ihre wilde Flucht, verschnaufte keuchend und wischte sich mit dem Handrücken Rotz und Tränen aus dem Gesicht. Das Dorf war jetzt weit genug weg, entschied sie, nun konnte sie im normalen Schritt weiterlaufen. Die Mutter wird schon sehen, dass ich gut alleine zurechtkomme! Die Füße gingen wie von selbst den altbekannten Weg, ein kurzes Stück durch den Wald, die sechs Trittsteine über den Bach und dann immer bergab bis zu den Dünen. Die Schreie der Möwen hörte sie schon von weitem. In ihren Ohren klangen sie heute besonders gemein, oder vielleicht auch traurig und enttäuscht. Das Meer hörte sich an wie immer an einem ruhigen Tag.

Sie zog sich am kantigen Strandgras auf die Düne und ließ ihren Rucksack und danach sich selbst in den Sand fallen. Die Tränen waren versiegt, die Wut brannte noch im Magen und in der Kehle. Der Vater und die ganze Gemeinschaft, so kam es ihr im Moment vor, würden diesen Nachmittag mit dem großen Drachenschiff Viksand verlassen und erst im stürmischen Spätherbst wiederkommen. Monatelang müsste sie auf alle warten! In der Zwischenzeit hätte sie bestimmt schon längst ihre letzten Milchzähne, die hinteren, verloren. Und Raskir hatte ihr versprochen, dass sie bald – bald! – mit durfte. Es war ungerecht. Der Vater hatte gesagt, dass aus ihr eine große Seefahrerin würde, aber wie sollte sie eine große Seefahrerin werden, wenn sie nicht mit den anderen zur großen Ausfahrt mit durfte?

Die Kleine warf sich mit einem schweren Seufzer auf den Rücken und ließ Handvoll um Handvoll Sand durch die Finger rinnen. Zuerst energisch und mit den Handflächen immer wieder auf den Boden schlagend, doch mit der Zeit wurden ihre Bewegungen ruhiger. Die Frühlingssonne schien zwischen schnell dahinziehenden Wolken und wärmte ihr Gesicht und die bloßen Arme. Die Möwen kreischten, der stete Wind bließ. Er wischte ihr ein paar Haarsträhnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, über die Stirn und kitzelte sie in der Nase. Na gut, dachte sie sich, schnaubte die Haare weg, rappelte sich in den Schneidersitz hoch, verschränkte die Arme vor der Brust und streckte der Welt im Allgemeinen und dem böigen Wind im Besonderen die Zunge raus. Dann ärgerst du mich heute auch noch, fiese Windsbraut. Der Wind zupfte weiter an ihren Haaren. Jetzt kitzelten sie im Nacken. Hedwyg musste wider ihren Willen lachen. Ein leises Summen begann tief in ihrer Kehle und bahnte sich seinen Weg nach oben, die Mundwinkel zuckten, ein Kichern perlte zwischen halb geöffneten Lippen hervor, bis ein freies Lachen die Dünen hinunter scholl. Sie sprang auf, breitete die Arme weit aus, hüpfte im Kreis, legte den Kopf in den Nacken und lachte, lachte, bis ihr die Tränen kamen. Der Lachanfall verebbte in einem Glucksen, das sich im Rauschen der Wellen gegen den Strand verlor. Sie hickste. Na toll, jetzt hatte sie auch noch einen Schluckauf bekommen. Das hat man davon, wenn man nicht mehr Trübsal bläst. Aber nein, es war schon besser so. Die Erwachsenen waren immer so stur, da würde sie sich schon heimlich auf das Schiff schleichen und hinter irgendwelchen Kisten verstecken müssen, als dass sie mitdurfte. Und dann wären sie alle sauer auf sie. Bestimmt so lange, bis sie selbst erwachsen war. Dann lieber doch nicht. Sie angelte nach dem Riemen des Rucksacks, zog ihn zu sich herunter und kramte nach etwas Essbarem. Zwei Dörräpfel hatte sie eingepackt, eine Zwiebel, einen Kanten Brot… da, der süße Zwieback, ganz hinten war er gelandet. Der war jetzt genau das Richtige. Während sie zufrieden kaute und sich für ihre Weitsicht, das leckere Gebäck eingepackt zu haben, lobte, hatte sie sich wieder zwischen ein paar Büscheln Gras niedergelassen.

Der Nachmittag verging, das Mädchen verfütterte das Brot an die zankenden Seevögel, genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres und schmiedete Pläne für den kommenden Sommer. Eine Woche lang die Tante besuchen, beim Schafscheren helfen, einen rotweißen Drachen bauen und ihn ganz hoch steigen lassen. Bis zu den Wolken, schwerelos im Wind tanzen… sehnsüchtig ging ihr Blick in den Himmel, wo die Brise die Wolken jagt. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Wie eine Feder, so leicht, ja, sie konnte sich gut vorstellen, wie das wäre, wie sich das anfühlen würde. Der Wind wisperte ihr unablässig ins Ohr, sie konnte die Worte nicht verstehen, doch das musste sie auch nicht. Sie wusste, was sie bedeuteten. Von der Sehnsucht und der Ferne und vom Meer erzählte ihr der Wind, von der Unrast und der Reise. Das Kind sehnte sich nach der Reise. Doch das weite Meer musste noch warten. Wenigstens ein paar Jahre noch. Solange hatte sie den Wind, der ihr von seinen Fahrten sang.

Wie eine Feder schwebte sie. Jeder Windhauch trug sie höher, das glitzernde Meer unter ihr erstreckte sich immer weiter, sie sah das Dorf wie Bauklötze auf dem Hügel hinter dem Wald. Dorthin wollte sie jetzt noch nicht zurück. Ein freundlicher Luftstrom trug sie in die andere Richtung, auf das Wasser zu. Sie hielt Ausschau, und da! Dort sah sie es, klein wie eine Nussschale schwamm das sonst so mächtige Drachenschiff auf der gekräuselten Oberfläche. Winzig wie Ameisen und genauso emsig beschäftigt wuselten die Frauen und Männer des Dorfes auf dem Schiff und am Ufer umher. Alles bereitete eifrig die baldige Abfahrt vor. Nach kurzem Umschauen fand sie den, den sie suchte: Im blauen Hemd, die alte Lederweste offen, hievte Raskir gerade ein paar Kisten von hier nach dort. Eine Bö zauste durch seinen rotblonden Pferdeschwanz und Hedwyg hätte ihm am liebsten zugerufen und wäre in seine Arme gehüpft. Aber als Feder hatte sie natürlich keine Stimme. Abrupt hob da der Vater den Kopf. Er runzelte die Brauen und drehte den Kopf von links nach rechts. Vater! wollte Hedwyg noch einmal rufen. Doch der hatte sich schon wieder seiner Arbeit zugewandt. Sie glaubte, ein warmes, wohlbekanntes Lächeln auf seinen Lippen gesehen zu haben.

Das Mädchen schlug die Augen auf. Es fröstelte, die Sonne wärmte nicht mehr und stand eine Handbreit über der Wasseroberfläche. Das Meer hatte sich zurückgezogen. Die Ebbe! Sie wollten doch mit der Ebbe auslaufen! Schnell schnappte sie sich ihren Rucksack und trabte zur Hafenbucht. Dort standen sie alle versammelt, diejenigen, die daheim bleiben würden, und die, die zur Sommerfahrt aufbrachen. Der Vater hielt gerade die Mutter im Arm, er blickte über ihre Schulter und sah sie heraneilen. Er zwinkerte ihr zu. „Na, kommst du mich noch einmal verabschieden?“ Seltsam, er betonte das „noch einmal“ so, als hätte sie das heute schon getan. Dabei hatte sie das doch bloß geträumt.

Sie drückte den Vater ganz fest und gab ihm einen dicken Abschiedskuss. An der Hand der Mutter winkten sie ihm solange nach, bis das gestreifte Segel in der Dämmerung verschwand. Der Wind wehte vom Meer, fuhr ihr durch die Haare und versprach dem Kind, ihm Botschaft vom Vater zu überbringen.

13.01.2014

Tree spirit

Du bist eine Eichel, geborgen in ihrer Schale. Es ist Herbst. Du spürst die Wärme der Sonne, die Luft um dich herum, hörst das Rauschen der Blätter neben dir, an der Eiche, an der du gewachsen bist. Den ganzen Sommer über bist du gereift und gewachsen, an den Anfang kannst du dich gar nicht mehr richtig erinnern, aber jetzt bist du bereit, selbst zu einem starken Baum zu werden, wie der, der dich im Moment noch trägt. Doch nicht mehr lange.
Denn schon spürst du, wie der Wind stärker wird und an deinem Ast rüttelt. Du wirst kräftig durchgeschüttelt – und plötzlich fällst du, fällst hinunter in die unbekannte Tiefe, tief hinab… Du kullerst einen kleinen Abhang hinunter, rundherum dreht es dich, dir wird ein wenig schwindelig. Doch da stoppst du auch schon, ein kleiner Stein hat dich gebremst. Jetzt liegst du neben diesem Steinchen, und ein paar Tage vergehen, kühle Nächte, in denen du mit frischem Tau benetzt wirst, und warme Tage, in denen dich die Sonnenstrahlen kitzeln. Dann bedeckt dich der Wind langsam mit Laub und Erde. Du fühlst dich geborgen und sicher. Als es einmal regnet, platzt auf einmal die Schale auf, die dich so lange geschützt hat, und an der Stelle wächst eine Wurzel, die sich in den Boden gräbt und dich fest im Boden verankert. Die Wurzel teilt sich und mehr Wurzeln wachsen nach unten. Es ist ein Gefühl, wie wenn du am Stand deine Zehen und Füße tief in den Sand gräbst, nur besser.

Mit der Zeit scheint die Sonne immer kürzer. Jetzt wird es Winter. Es ist kälter und Schnee bedeckt dich. In dieser Zeit wächst du nicht mehr, du ruhst und sparst deine Kräfte für den Frühling. Erst als es so weit ist, dass die Temperaturen langsam wieder ansteigen und die Sonne wieder anfängt, kräftiger und wärmer zu scheinen, regst du dich wieder. Die letzten Schneereste schmelzen weg aus den kalten Ecken und du reckst einen kleinen grünen Trieb nach oben, dem Sonnenlicht entgegen. Zwei kleine Blätter kommen aus der Spitze dieses Triebes und regen sich leis im Wind. Sie fangen das Licht und die Wärme ein, und deine Wurzeln saugen für dich Wasser aus der Erde und halten dich, wenn dich ein Windhauch schwanken lässt. Ameisen und andere Insekten krabbeln und fliegen an dir vorbei. Es kitzelt, wenn sie ein kleines Stück an deinem Stämmchen emporklettern. Nach einem Regenguss fühlst du dich erfrischt und gestärkt. Es ist angenehm, wenn die Wassertropfen auf deine Blätter rieseln und dann hinunter fallen oder am Stamm nach unten rinnen, um schließlich von deinen Wurzeln aufgesogen zu werden, damit sie dich stärken. Die Luft ist frisch und rein.
Und du gräbst deine Wurzeln tiefer in die Erde, und bemerkst, wie locker sie ist. Viele Regenwürmer und andere Insekten, die in der Erde leben, haben sie locker und luftig gemacht.

Der Sommer und der darauf folgende Herbst vergehen. Während dieser Zeit bist du ein gutes Stück gewachsen, dein Stamm ist nun nicht mehr grün und biegsam und verletzlich, sondern holzig und stärker. Als das Licht schwächer wird, vertrocknen deine kleinen Blätter und fallen ab, aber du kannst deine Kraft in deinen Stamm und deine Wurzeln zurückziehen, die geschützt tief in der Erde liegen, und so den nächsten Winter schlafend überstehen.
Auf diese Weise vergehen ein paar Jahreszeiten. Deine Wurzeln wachsen immer weiter und tiefer und deine Äste strecken sich immer weiter und höher in den blauen Himmel.
Jedes Frühjahr wachsen dir aufs neue frische junge Blätter, immer ein paar mehr als im letzten Jahr. Mit tausenden über tausend Blättern tankst du das Sonnenlicht auf und nimmst die Kraft aus der Sonne über deine Blätter auf und über deine vielen Äste mit hinunter in den Stamm, bis runter in die Wurzeln, und gleichzeitig fließt die Kraft aus der Erde über die Wurzeln in deinen Stamm und dringt bis nach oben, bis in alle Blätter. Und jedes Frühjahr bist du voll mit duftenden Blüten und lockst Schwärme von Insekten an: dicke Hummeln und summende Bienen, die dich kitzeln, wenn sie auf dir herum krabbeln.
Manchmal kommt ein Wildschwein vorbei und kratzt sich an deinem Stamm. Und manchmal kommen Rehe und fressen ein paar von den Blättern, die ganz unten hängen. Aber das dürfen sie, du hast ja genug.
Und der Wind weht durch dein Laub, und deine Äste bewegen sich sanft, so wie Haare.

Betrachte dich einmal von außen – du bist jetzt eine schöne, große, starke Eiche, die im vollen Laub steht, auf der sich Vögel und Eichhörnchen niederlassen und ihre Nester und Kobel bauen. Auch viele andere Tiere ruhen in dem Schatten, den du ihnen mit deiner weitreichenden Krone spendest.

Du spürst den Wind, der durch deine Blätter raschelt, die Sonne, die warm auf deine Blätter und Rinde scheint und vor allem die Erde, in der du tief verwurzelt bist, so tief, wie deine Äste hoch in den Himmel ragen. Der warme Boden gibt dir Halt, Nahrung und Wasser. Er ist deine Grundlage.

Vielleicht sind um dich herum ja noch andere Bäume gewachsen. Vielleicht sind sogar welche dabei, die im selben Herbst wie du zu keimen und zu wachsen begonnen haben. Und du bist über die Erde und deine Wurzeln mit ihnen verbunden, wo sich eure Wurzeln berühren. Denn dort nehmt ihr dasselbe Wasser auf, seid im selben Boden verankert. Du spürst sie neben dir. Ihr fühlt euch gemeinsam, ihr spürt eure Verbundenheit, ich könnt euch mitteilen, eure Gefühle und Eindrücke miteinander teilen. Und während ihr wachst, wächst diese Verbindung im gleichen Maße mit euch, im Einklang mit eurem Leben und Wachsen. Ihr gebt euch gegenseitig Halt.
Durch eure Wurzeln seid ihr miteinander verbunden, ihr kennt bis in die hintersten Ecken und Winkel eurer Gemeinschaft.
Manchmal hast du das Gefühl mehr als ein einzelner Baum zu sein, das Gefühl, fester Teil einer Gemeinschaft zu sein. Zusammen bildet ihr einen einzigen großen Wald.