Borons Wille

Für die Dauer eines Wimpernschlages scheint selbst Satinav den Atem anzuhalten; keiner der Menschen, die um die Bahre stehen rührt sich. Noiona fühlt die mageren Schultern des Jungen unter ihren Händen. Kein Zittern, nur eisige Starre, als habe Firuns kalter Hauch ihn getroffen und in eine Statue verwandelt.

Doch die Zeit verweilt niemals. Vielleicht dehnt sie manchmal einen Augenblick, bis er uns unendlich erscheint, oder sie lässt ihn schrumpfen und er vergeht, bevor wir ihn überhaupt wahrgenommen haben, aber sie steht nicht still.

Der Novize kniet neben dem Ohnmächtigen, redet flüsternd auf ihn ein, schaut sich schließlich Hilfe suchend um, als der Mann am Boden nicht reagiert. Die beiden Mönche, die auf der anderen Seite der Bahre standen, erwachen aus ihrer Erstarrung, eilen um den Tisch herum und hinter Noiona und dem Jungen vorbei, um ihrem Mitbruder beizustehen. Der Greis, der der Geweihten und ihrem Schützling gegenüber steht, bewegt sich kaum, hebt nur leicht den Kopf.

Noiona kann nun das Antlitz des Mannes erkennen, auf dem jahrelange Askese tiefe Spuren hinterlassen hat. Kein Fleisch füllt die hohlen Wangen, deren Knochen unter Haut wie Pergament spitz hervorstechen, zwei strenge Falten begrenzen einen harten Mund, die Augen unter der hohen Stirn liegen in tiefen, von dunklen Schatten umgebenen Höhlen und erwecken den Eindruck tiefer Brunnen. Wenn dieser Mensch jemals Gefühle gezeigt, ja vielleicht sogar gelacht oder geweint haben sollte, so muss das in einem anderen, unendlich fernen Leben gewesen sein.
Stumm mustert er den Verursacher des Aufruhrs und dann seine Beschützerin, macht unvermittelt eine herrische Bewegung, die ihr und nur ihr bedeutet: Geh!


Die Priesterin erkennt, dass sie es möglicherweise an Respekt hat mangeln lassen. Sie drückt Gorm die Schulter, denn ihr fällt gar nicht ein, dem Befehl des alten Asketen nicht zu folgen.

Um ihr mutwilliges Verfehlen wiedergutzumachen, sinkt sie in einen tiefen Knicks, schenkt Gorm einen langen Blick und wendet sich dann ab. Mit schwebenden Schritten verlässt sie das Gewölbe. Ihr Blick ist auf den Schein ihrer Laterne gerichtet, aber ihre Ohren lauschen auf jedes Geräusch hinter ihr.

Die Treppe nach oben. Die Luft wird frischer.

Wieder ins Freie. Ein Blick an den Himmel.

Was werden sie mit ihm tun? War es richtig, ihn alleine zu lassen? Woher kommen diese Männer? Niemand hat mir gegenüber ein existierendes Boronkloster in dieser Gegend erwähnt, nicht einmal Schwester Elìn.


Inzwischen ist es hell geworden, wenn man von Helligkeit sprechen kann an diesem düsteren Wintertag. Der Himmel ist verhangen und die noch tief stehende Praiosscheibe hinter grauen Wolken verborgen.

Noiona steht inmitten der teils eingestürzten Mauern des Gevierts, sieht die Eiche und das geborstene Boronsrad in der Nähe des Tors. In eine Ecke des Gevierts schmiegt sich ein Haus, dessen Dach eingestürzt ist und an dessen Mauern sich Efeu klammert. Dort, wo die Ranken einen Riss im Gemäuer gefunden haben, sind sie eingedrungen, haben sich des Innern bemächtigt und im Lauf der Jahre der Wildnis zurückgegeben.

Gegenüber lehnen sich die Reste eines aus Holz gebauten Schuppens oder Stalls an die Mauer. Die Tür hängt schief in den Angeln und ein in der Öffnung gespanntes Spinnennetz, in dem sich uralter Staub gefangen hat zeugt davon, dass hier schon lange weder Mensch noch Tier hinein oder hinaus gegangen sind.

Das Tor, durch das sie und Gorm getreten sind, und das nun, im Tageslicht, weit weniger beeindruckend wirkt als im Schein ihrer Laterne, ist nicht der einzige Zugang in die Klosteranlage. Eine breite Bresche befindet sich in der rückwärtigen Mauer, die von irgendjemandem nur notdürftig durch ein paar trockene Äste verschlossen wurde, und die Noiona einen Blick nach draußen auf einen kleinen Boronanger erlaubt.

Dieses Kloster war niemals wichtig. Nicht für die Welt außerhalb dieses Ortes. Aber vielleicht für eine Frau, die hier Zuflucht gefunden hatte.

Stille umgibt sie. Aus dem unterirdischen Gewölbe dringt kein Geräusch zu ihr herauf, und die Natur um sie herum scheint wie eingefroren. Die Zeit dehnt sich ins Unermessliche.


Noiona haucht in ihre Hände und blickt kurz dem weißen Dampf hinterher, der sich in der kalten Winterluft auflöst. Beim Umherblicken zieht das Haus ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie beschließt, sich abzulenken, schlägt den Weg durch den Schnee zu dem efeuüberwucherten Gebäude ein und drückt die Klinke herunter.


Sie versucht die Tür zu öffnen, spürt einen Widerstand, der unvermittelt nachgibt, als sie etwas fester gegen die Tür drückt. Etwas fällt dicht neben ihren Füßen in den Schnee. Es ist ein Ziegel, der wohl nur noch lose auf einem der morschen Sparren lag, die über ihr ins Nichts ragen. Das Dach ist eingestürzt, der alte Firstbalken versperrt ihr den Weg. Der Rest eines Kamins ragt wie ein abgebrochener Zahn in den schneeschweren Himmel, der Herd darunter hat schon lange kein Feuer mehr gesehen. Der Efeu hat das Haus für sich beansprucht und scheint das einzig Lebendige hier zu sein.

Doch dann bemerkt sie, dass sie sich getäuscht hat. Auf einem der letzten verbliebenen Dachbalken hockt unbeweglich ein Rabe und schaut auf sie herab.


Erschrocken fährt Noiona zusammen, als knapp neben ihr unvermittelt etwas Schweres herabfällt und sich mit einem dumpfen Geräusch und mit Schwung in den Schnee gräbt. Ein Ziegel! Ihr Herz rast hinter ihren Rippen wie ein scheues Pferd in der Umzäunung, noch bis sie in die Ruhe und das Dämmerlicht des eingesunkenen Hauses tritt und sich umsieht.

Umständlich klettert sie um den eingestürzten Balken. So kann sie einen Blick auf den zähen Efeu werfen, die rußige und lange erkaltete Herdstelle und…

„Oh, hallo du Hübscher.“, sagt sie leise zu dem schwarzen Vogel. „Mal sehen, ob ich etwas für dich finde…“ Ihr Murmeln geht im Stöbern durch ihre Taschen unter, auf der Suche nach ein paar Krümeln, die sie ihm geben kann. Als Wiedergutmachung, dass sie seine Ruhe gestört hat.


Der Rabe trippelt auf seinem hohen Sitz ein paar Schritte zur Seite, reckt neugierig den Hals, legt dabei den Kopf ein wenig schief, trippelt wieder zurück. Kurz darauf landet er etwa einen Schritt weit von ihr entfernt im Schnee, nähert sich Noiona mit diesem typisch wiegenden Schritt, der diesen Vögeln eigen ist. Er pickt die wenigen Krümel, die sie in ihren Taschen gefunden und ihm hingestreut hat, eher höflich als hungrig aus dem Schnee.
Nach einer Weile scheint er der Scharade überdrüssig zu sein, kehrt wieder zurück auf den Balken und beginnt sich angelegentlich zu putzen.


Ein blasses Lächeln erhellt Noionas Züge, als der Rabe wieder an seinen Platz zurückfliegt. Viel mehr scheint es hier nicht zu entdecken zu geben, also bewegt sie sich wieder zur Türe und fragt sich dabei, ob Schwester Moorlinde immer noch hier gelebt hat, in dieser geborstenen Ruine? Aber sie hätte keinen Winter überlebt. Hat sie unten in der Krypta gewohnt? Und wer hat sie versorgt? Gernot? Wie viele fromme Leute gab es hier wohl, die in ihr eine Götterdienerin und nicht bloß eine arme Irre sehen… gesehen haben?

In der offenen Türe legt Noiona den Kopf nach hinten und blickt in den hellgrauen Himmel. Ihr kann sie diese Fragen nicht mehr stellen. …Was Elìn, Jadwiga und Gwynna nun tun? Und Gorm? Wie mag es ihm ergehen?

Die Fragen treiben Noiona wieder dazu, sich zu bewegen und sie wandert zu der Bresche in der Mauer, um den Boronanger zu betreten.


Als sie über die trockenen Äste steigt, die die Lücke nur notdürftig verschließen, verheddert sich ihr Umhang in langen Brombeerranken. Fast scheint es, als wollten sie die Geweihte davon abhalten, den Boronanger zu betreten, doch mit etwas Geduld gelingt es Noiona schließlich sich aus ihrem Griff zu befreien, nur um sogleich bis zu den Knien in einer Schneewehe zu versinken. Sie spürt, wie der Schnee einen Weg in ihre Stiefel findet und dort zu schmelzen beginnt. Schon fühlt sie die feuchte Kälte an ihren Füßen.

Niemand, auch keiner der Männer in der Gruft, scheint in den letzten Stunden den Boronanger betreten zu haben, die weiße Fläche dehnt sich von Menschenspuren unberührt vor ihr aus. Umso mehr Tierspuren kann sie entdecken, die überall zwischen den Grabsteinen verlaufen, sich kreuzen und wieder auseinander streben, um sich irgendwo in der Ferne zu verlieren.
Obwohl dieser Ort gänzlich verlassen wirkt, ist offensichtlich, dass irgendjemand sich große Mühe gegeben hat, die Gräber vor dem völligen Verfall zu retten. Ein paar der Steine sind zwar im Lauf der Jahrhunderte zur Seite gesunken, doch bei den meisten ist es zumindest gelungen, sie von den üppig wuchernden Brombeer- und Efeuranken freizuhalten, die im Inneren der Klostermauern allgegenwärtig waren. Verwitterte Inschriften wurden sorgfältig von Moos befreit, wohl in der Hoffnung, sie dem Vergessen zu entreißen.


Noiona brummelt missmutig, als der Schnee in ihre Schuhe dringt und sich sogleich eine kalte Pfütze zwischen ihren Fuß- und Schohsohlen ausbreitet. Naja, es ist nicht mehr zu ändern. Stattdessen lenkt sie ihre Aufmerksamkeit auf das, was sie sieht: Die Schönheit der nahezu makellosen Schneedecke. Die Spuren der kleinen und größeren Tiere; auf Pfoten, Krallen und Hufen unterwegs. Die Inschriften auf den nächsten Grsbsteinen, die sie zu entziffern versucht. Der Blick auf das winterliche Moor und auf die überwucherten und verschneiten Klostermauern.

Hätte Boron sie nicht gerufen… dann hätte sie sich am ehesten der milden Ifirn zugewandt.

Vorher: Im Zwielicht

Im Zwielicht

Schwester Elìns sprunghaften Abschied nimmt Noiona nahezu reglos entgegen. Lediglich die Laterne in ihrer Hand schaukelt wild bei Elìns spontaner Umarmung und Noiona hebt die andere, freie Hand zum Abschied.

Dann folgen ihre hellblauen Augen der Spur, auf die Gorm sie hinweist, und wandern bis zu der dunklen Stelle, wo dem Anschein nach Stufen im Halbdunkel nach unten führen. „Ich glaube schon, dass sie noch da ist“, sagt sie mit Bedacht, „und wir haben den Herrn Boron auf unserer Seite. Es gibt einen alten Spruch: Wenn die Götter für uns sind, wer kann dann gegen uns sein?“

Mit dieser offenen Frage, voller Zuversicht gestellt, verfolgt Noiona Schritt um Schritt die Stapfen im Schnee.


Gorm hat wieder ihre Hand gefasst, und nebeneinander gehen sie im unruhig über den Schnee tanzenden Licht der kleinen Laterne auf die Stufen zu. Am oberen Ende der etwa zwei Schritt breiten Treppe zögert er unmerklich, und die Geweihte spürt fast körperlich die Angst des Jungen vor dem, was ihn dort unten wohl erwarten möge.

Seite an Seite steigen sie hinab. Die ersten Stufen sind noch von Schnee bedeckt, doch bald wird die Schneedecke dünner, um endlich ganz zu verschwinden. Kalter schwarzer Stein umgibt sie nun, und das Heraufziehen des neuen Tages ist nur noch eine Erinnerung. Das Licht ihrer Laterne scheint schwächer zu werden, es ist, als raube ihm die neuerliche Dunkelheit jede Kraft; es erhellt kaum den roh behauenen Stein, der sie auf allen Seiten umgibt. Die Erbauer dieses Tempels haben sich nicht mit überflüssigem Zierrat aufgehalten, ob aus mangelnder Kunstfertigkeit oder Demut angesichts der Macht des Ewigen wird niemand je erfahren, denn die Steinmetze, die diese Treppe einst schlugen, müssen seit Jahrhunderten tot sein.
Tiefer geht es und tiefer, nach vielleicht zwanzig Stufen hört Noiona auf zu zählen, achtet nur noch auf ihre Schritte im ungewissen Licht.
Ein Geräusch lässt sie innehalten. Zuerst fühlt sie es mehr als dass sie es hört – ein tiefes Vibrieren, und es ist ihr, als sei es Sumu selbst, deren Leib diesen Ton erzeugt. Gorms eiskalte Hand umklammert die ihre, und während sie überlegt, ob es ratsam ist ihren Weg fortzusetzen, erklingt dort in der Tiefe eine zuerst leise, dabei fast überderisch schöne Stimme, schwingt sich empor zu einer herzzerreißenden Klage, deren Worte ihren Weg in die Herzen der beiden Zuhörer in der Dunkelheit finden.

„Ich bin elend und voller Schmerzen
Hilf mir, o Boron!
Schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle
Ich bin in tiefem Schlamm versunken
Und habe keinen Halt mehr
Ich geriet in tiefes Wasser
Die Strömung reißt mich fort
Ich bin müde vom Rufen
Meine Kehle ist heiser
Mir versagen die Augen
Während ich warte auf meinen Gott
Ich bete zu dir,
Herr Boron, um Gnade.“

Und wie eine Antwort gesellen sich weitere Stimmen der ersten zu, streng, mahnend und doch voll inbrünstigen Glaubens hallt ihr Gesang von unsichtbaren Wänden wider.

„Senkt euer Haupt im Angesicht des Herrn.
Tuet Buße!
Bedeckt eure Augen vor der strahlenden Allmacht des Herrn.
Er bringt euch Erlösung, er bringt euch Vergessen.
Kniet nieder zum Gebet!
Erflehet Seine Gnade für euer unwürdiges Leben.
Seinen Geboten habt ihr zu folgen.
Denn Er ist der Herr über eure Seelen,
Er ist der Stille,
Er ist der Schweigsame,
Er ist der Unergründliche,
Er ist der Unausweichliche,
Er ist BORON!“

Die auf den Choral folgende Stille gleicht dem ewigen Schweigen Borons.


Noiona steigt vorsichtig über die dunklen Stufen nach unten. Dieser Gesang… Die erste Stimme ordnet sie Morlinde zu, weniger weil sie den Klang aus ihrem Traum wiedererkennen würde, sondern aufgrund der Verlassenheit und der Verzweiflung, die in überderischer Schönheit zum Ausdruck gebracht werden. Doch sie ist nicht verlassen! Gleich mehrere Stimmen geben ihr gesanglich Antwort.

Die Geweihte bemerkt erst, dass sie stehen geblieben ist, als Gorm an ihrer Hand zupft, und tut erst wieder einen Schritt, wenn der Nachhall der letzten Silbe verklungen ist. Sie kann das Zeichen Borons nicht mit den Händen machen, da sie rechts die Laterne, links Gorms Hand hält, aber sie betet im Geiste die Worte ergriffen mit.


Endlich hat sie den Fuß der Treppe erreicht. Vor ihr und ihrem kleinen Begleiter öffnet sich ein Gewölbe, dessen Größe schwer einzuschätzen ist, wird es doch vom flackernden Licht einer Fackel, die in einem Halter an der Wand steckt, und der Laterne in ihrer Hand nur unzureichend erleuchtet.

Zwischen mehreren gedrungenen Säulen, die die Decke der Krypta stützen, erblickt sie fünf zu stummem Gebet um einen Altar versammelte, in dunkle Roben gehüllte Gestalten. Zwei der Männer kehren ihr den Rücken zu, ihnen gegenüber stehen auf der anderen Seite der Bahre ein dritter Mann und ein Jüngling, wohl ein Novize.

Wenn sie eben noch gehofft hatte, es sei Morlinde, deren Gesang sie tief im Herzen berührt hat, wird sie nun eines Besseren belehrt. Das, was Noiona beim ersten Hinschauen als Altar zu erkennen vermeinte, ist ein Tisch aus Stein, auf dem, die Hände über der Brust gekreuzt, eine Tote aufgebahrt liegt. Zu Füßen der Toten steht hoch aufgerichtet mit zur Anrufung Borons erhobenen Händen ein Greis.
Niemand der fünf Männer scheint die beiden Eindringlinge zu bemerken, und wenn doch, so lassen sie sich nicht in ihrer tiefen Kontemplation stören.

Auch die Tote ist in den Habit der Diener Borons gehüllt. Die Kapuze ist ein wenig von ihrer Stirn geglitten und entblößt ein kahl geschorenes Haupt und von jahrelanger Askese ausgezehrte Züge. Noiona hat schon viele Tote gesehen, der Tod, so er kommt, hat keinen Schrecken für sie, ist er doch das Geschenk des Herrn Boron an die Lebenden. „Wenn des Lebens Müdigkeit überschwer wird, wenn du alles gesehen, was zu sehen und alles ertragen, was zu ertragen ist, dann ist der ewige Schlaf Lösung und Erlösung.“ So steht es geschrieben.
Der Junge an ihrer Seite aber zittert wie Espenlaub und in der Stille ist das Aufeinanderschlagen seiner Zähne zu hören.


Kälte, Furcht, gespannte Erwartung – Noiona fallen viele Auslöser für Gorms Schlottern ein. Spontan lässt sie seine Hand los und legt den Arm stattdessen um seine schmalen Schultern. Ihr ist auch kalt und mulmig zumute. Wer sind diese Männer, diese Geweihten? Und gleich zu fünft, das ist kein Zufall. Wie fanden sie den Weg in das abgelegene, in Ruinen liegende Kloster? Hatte Bishdariel auch ihnen Träume von Morlinde gesandt? Diese Fragen bemächtigen sich ihrer wie ein diffuser Nebel.

Dass Morlinde zu Boron gegangen ist, muss Gorm erkannt haben, genauso wie sie. Die sinistre, aber bewegende Szenerie lässt keinen anderen Schluss zu. Mit Gorm im Arm geht sie in kleinen Schritten auf die aufgebahrte Frau zu. Zwei Schritt von den Männern entfernt, die mit dem Rücken zu ihr stehen, verharrt sie. Sie wartet ab, doch keiner rührt sich. Lediglich den Jüngsten, den Akoluthen oder Novizen, so glaubt sie, sieht sie einen Wimpernschlag kurz zu ihnen blicken, doch im nächsten Augenblick schaut er wieder unbestimmt ins Nichts, über die Schulter seiner beiden Gegenüber hinweg.

Mit leisen Schritten, die zusammen mit dem Rascheln ihres Habits und Mantels in der fast mit Händen zu greifenden Stille von den rohen, im Schatten liegenden Wänden widerhallen, wandert die Ordensschwester weiter und hinter den Männern vorbei zum Kopfende der Toten. „Dies ist der Moment“, wispert sie Gorm tonlos zu und beugt sich zu seinem Ohr, „an dem du Abschied nehmen musst. Es tut mir leid, dass du sie nicht kennengelernt hast. …Magst du näher hingehen?“, fragt sie ihn um ihm zu zeigen, dass es ihm wohl niemand übel nehmen würde. Die Abschiednahme ist schließlich ein Teil aller Begräbniszeremonien, die sie kennt. Und dass sie den Arm nicht von seiner Schulter nimmt soll Gorm versichern, dass sie die kurze, aber schwere Strecke an die Bahre gemeinsam mit ihm gehen würde.


Der Junge blickt zu ihr auf. Sie sieht die Angst in seinen Augen, aber auch das Vertrauen, dass sie ihn nicht allein lassen wird. Langsam nickt er, schluckt schwer und sie kann spüren, wie das Zittern weniger wird und schließlich ganz aufhört. Er macht einen ersten, zögernden Schritt, dann einen zweiten. Niemand nimmt von ihnen Notiz, obwohl ihre Anwesenheit keinem der Männer entgangen sein kann.

Ein letzter Schritt, und sie stehen am Kopfende der Toten. Unbewegt sieht Gorm auf die Frau, die seine Mutter war. Es gibt keine Ähnlichkeit zwischen dem Jungen und Morlinde. Wo seine Brauen und Wimpern golden sind, sind die ihren wie schwarze Schatten, wo seine Lippen voll und rot, sind die ihren schmal und blass. Nur die Form des Gesichts und die zarte Nase mögen ein wenig an sie erinnern.

Gorm strafft die schmalen Schultern.

„Worte der Heiligen Schrift, wie sie überliefert sind seit Anbeginn der Zeiten. Ehre sei Boron.“

Seine Stimme ist leise, aber fest, als er fortfährt, die Worte zu rezitieren, die er sich bei Jumis Begräbnis gemerkt haben muss.

„Da sprach Boron ein Wort, und das Wort war der Tod. Und Boron sprach ein zweites Wort, das war der Schlaf. Und er gab den Menschen das Vergessen, damit sie Trost finden können, und den Traum und das Schweigen.“

Der Greis, der zu Füßen der Toten steht, lässt langsam die Hände sinken. Er trägt wie alle Diener Borons den schwarzen Habit. Auf seiner Brust, im Licht der Fackel kaum zu erkennen, ist eine Stickerei zu sehen: das gebrochene Rad, darüber die Schwingen des Raben. Im Schatten der Kapuze kann Noiona sein Gesicht nur erahnen, doch seine ganze Haltung atmet Strenge und Tadel.

Sie wird nie erfahren, was der Geweihte getan oder gesagt hätte, denn in diesem Moment stößt der Mann neben dem Novizen einen Schrei aus, deutet auf den Jungen und sinkt bewusstlos zu Boden.


Noiona staunt nicht schlecht, als Gorm unvermittelt die Worte wiedergibt, die sie selbst ausgesprochen hat. Ihr verblüfftes Schweigen und die gestrenge Stille, mit der der Alte Gorm mustert, währen jedoch nicht lange.

Der Schrei schmerzt in ihren Ohren und reißt sie mit einem Mal aus der andächtigen Stimmung. Mit einem Schritt steht sie hinter dem Jungen und legt ihm beschützend die Hände auf die Schultern. Ihre Sorge um Gorm ist größer als die Frage, wen oder was der andere Boroni in ihm erkannt zu haben glaubt. Abwehrend blickt sie in die Gesichter der Männer, eine Rabenmutter, die bereit ist, ihr Junges zu verteidigen.


Davor: Morlinde
Danach: Borons Wille

Der Tribut des Winterunholdes

Im Gegensatz zu Schwester Elìn schreckt Noiona zusammen, als das scharfe Klopfen an der Türe durch die Hütte klingt. Gorm ist schon aufgesprungen, als die Priesterin sich mit steifen Gliedern vom Boden aufrappelt und den Staub, von dem es in Schwester Elìns Hütte wahrlich nicht viel gibt, von der Robe über ihren Knien klopft.

Verstohlen wischt sie sich mit den Fingerknöcheln über die Augenlider und die getrockneten Tränen weg. Sie erkennt Jadwigas Stimme und rückt aus Verlegenheit den Stuhl zurecht, auf dem gerade noch ihre spitzen Ellbogen geruht hatten.

Erst als Gwynna ihre düsteren Worte spricht, blickt Noiona auf. Der Winterunhold – wohl nicht die verkleidete Strohpuppe, die der Mummenschanz durch die Häuser und das Moor getragen hatte, sondern das, was die Puppe repräsentierte? Ein Untier? Ein Geist? Im Hintergrund dieser Überlegungen rührt sich die Freude und Erleichterung darüber, dass es der alten Großmutter besser geht – so gut sogar, dass sie wenn noch die Sterne am Nachthimmel stehen die Reise zur Dreifelderschwester unternehmen kann. Doch was ist so dringend, dass es keinen Aufschub bis zum Tagesanbruch duldet?

Ohne dass sie sich dessen bewusst ist, umklammern Noionas Finger die Stuhllehne und sie blickt unentwegt zu der alten Frau.


„Morlinde ist tot. Ich habe sie gesehen in meinem Traum. Ganz bleich war sie.“

„Bitte setz dich, Gwynna und du auch, Jadwiga. Ich werde euch einen Tee zubereiten und dann erzählt ihr, was geschehen ist.“

Immer noch ist Elìns Stimme ruhig, doch die Art, wie sie ein Licht entzündet und zum Herd geht, um den schwarzen Kessel darauf zu stellen verrät Noiona, dass selbst sie um ihre Selbstbeherrschung ringt.

„Und nun nehmen sie sie mit.“

Gwynna steht immer noch aufrecht, streicht Gorm, der ängstlich zu ihr aufschaut, scheinbar ohne es selbst zu bemerken über das helle Haar.

„Morlind, Morlind, wiegt ihr Kind. Da kommt der wilde Reiter, nimmt mit sich das arme Kindelein, Morlinde bleibt zurück allein…“

„Sei still, Weib! Willst du, dass er dich hört?“

Jadwiga unterbricht erschrocken ihren Singsang.

„Es musste ja irgendwann so kommen. Hab ich gleich gesagt, damals“,

beginnt sie dann zu wimmern.

„Bitte, Gwynna!“

mahnt die Dreifelderschwester eindringlich.

„Du machst dem Jungen Angst. Setz dich, und sage mir was passiert ist.“

„Ich habe sie gesehen, in meinem Traum. Ganz bleich war sie. Und da waren Stimmen, viele. Sie haben immer wieder das Gleiche gesagt.“

„Was haben sie gesagt? Gwynna!“

„Pekatum! Pekatum! Pekatum!“

Die alte Frau sinkt auf den angebotenen Hocker und schlägt die Hände vor das Gesicht. Ihre nächsten Worte sind kaum zu verstehen.

„Ich weiß nicht was das bedeutet. Aber sie klangen… zornig.“

Elìn sucht den Blick der Boron-Geweihten. In ihren Augen steht nun echte Besorgnis. Jadwiga beginnt erneut zu murmeln, während sie sich unablässig vor und zurück wiegt.

„Morlind, Morlind, wiegt ihr Kind. Da kommt der wilde Reiter, nimmt mit sich das arme Kindelein, Morlinde bleibt zurück allein…“


Gwynna spricht wieder von prophetischen Träumen. Am vergangenen Morgen hatte sie Noiona erzählt, dass sie von ihr geträumt hatte. Nun hatte sie Morlinde gesehen, die Frau, die bei der Ruine des Klosters lebte. Über die Ingalf der Köhler ihr gesagt hatte, dass sie wirr im Kopf war.

Die Frau, der Noiona Schwester Elìns Gesellschaft vorgezogen hatte.

Und mehr noch, ihr eigener Traum war darin aufgetaucht. Ein geteilter Traum? Morlinde ist in ihrem eigenen Traum nicht vorgekommen.

Noiona tritt an Jadwiga heran, hebt einen Arm und legt der Greisin langsam eine Hand auf die Schulter – ganz behutsam, sodass sie sich jederzeit die Berührung verbitten lassen kann. Sie spürt die Kälte der Nacht, die auf Jadwigas Gewand liegt, auf ihrer Haut, die knochige Schulter unter dem Stoff, zart wie die Knochen eines Vögelchens. Dass Jadwiga aber keineswegs so schwach und wehrlos ist, wie sie jetzt wirkt, steht ihr noch lebhaft in Erinnerung.

Mit leiser Stimme sagt Noiona: „Peccatum. Es bedeutet ‚Gesündigt‘.“ In diesem Moment wird ihr eines klar und mit der Erkenntnis keimt Erleichterung in ihrer Brust auf: War es gar nicht sie, die gesündigt hatte? Hat sich der Traum an jemand anderen gerichtet – an Morlinde? – Ach, was für ein selbstherrlicher Gedanke! Besonders wenn es wahr war und Morlinde tot ist.

Genauso ruhig fährt sie fort: „Ich habe es auch geträumt. Am besten gehen wir wohl zu Morlinde.“ Sie wirft einen raschen Blick zu Schwester Elìn, dann zu Gwynna. „Was… ist mit dem Lied?“, fragt sie die beiden Frauen zögernd. „Hatte Morlinde ein Kind?“


Davor: Nächtliche Stimmen

Danach: Morlinde

Worte und Rauch

Sobald der Pfeifentabak glimmt, zieht ein weißer Rauchfaden aus der Pfeife gen Zimmerdecke. Noiona nimmt einen Zug und verbreitet mitsamt einer diffusen Wolke den Duft nach Süße und südländischen Gewürzen. Nelken und Zimt.

Noiona kann irgendwie, ohne einen konkreten Grund dafür benennen zu können, nachvollziehen, was die andere Ordensschwester über Gorm sagt, über sein Anderssein. Er war ihr als ein feinfühliger Junge erschienen, der nicht dem Pfad folgen will, den sein Vater für ihn vorsieht, ohne dass er nach links und rechts von diesem Weg abweicht und erkundet, was jenseits davon liegt.

Nun, da sie zu zweit sind, wird Elìns Anrede vertraulicher. Sie wechselt zum Du in ihrer Anrede Noionas. Und dann weckt Schwester Elìns Vorrede, ihre Hinführung zu einer schwierigen und möglicherweise – wie Elìn sagte – unschicklichen Frage, ein kitzelndes Gefühl in Noiona, das die Boroni sehr selten spürt: Neugierde. Sie legt ihre Unterarme auf die Tischplatte, beugt sich leicht nach vorne und blickt Schwester Elìn aufmerksam an, damit ihr auch kein Wort und keine Regung in Elìns Gesicht entgeht.

Zuerst will sie sich zurückziehen – körperlich und von diesem unbekannten, erschreckenden Thema -, als die Feldschwester ihre Hand auf Noionas dünnen Arm legt. Der Moment geht vorbei. Und als die Frage heraus ist, lassen sich in ihren Gesichtszügen, in ihrem unwillkürlichen, gelösten Heben der Mundwinkel, deutlich Verblüffung und Erleichterung erkennen. In ihrer Vorstellung hatten sich diffuse weiß-Boron-welche privaten, intimen Frage gebildet – und nun wollte Elìn lediglich ihren Weg zum Glauben, zu Boron erfahren. Puuh. Ich hatte gerade befürchtet, ihr jetzt erklären zu müssen, dass ich im Zölibat lebe und ihr bei ihrer Frage beileibe nicht helfen könne…

 

Schwester Noiona hebt die Pfeife an ihre schmalen Lippen, nimmt einen bedächtigen Zug. Bläst den Rauch zur Seite hin aus. Bedenkt Schwester Elìn mit einem langen Blick, den sie in ihre eigene Vergangenheit wirft. Dann erst setzt sie zu einer Antwort an. Als sie es tut, passt sie sich Elìns Flüstern an.

„Niemand hat über mich bestimmt, außer Ihm. Boron.“ Erneut folgt ein kurzes, versonnenes Schweigen, in dem Noiona an der Pfeife zieht.

„Ich bin im Kloster meiner heiligen Ordensstifterin aufgewachsen, in Selem. Dort wurde ich nach einem Sturm an Land gespült… was mir erst danach gesagt wurde, nachdem ich erwachte. Und was sich dazwischen ereignet hat, als ich lange bewusstlos war, das ist die eigentliche Geschichte und meine Bestimmung.

Und dir, Schwester Elìn, als Glaubensschwester, erzähle ich es gerne.

Es… Ich erlebte das Untergehen im Wasser wie im Traum. An den Sturm kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, nur an das Sinken. Nach der Panik war es friedlich, vor allem als ich den Grund erreicht hatte. Alles war still… die heilige Stille… bis mich etwas mit sich forttrug. Damals sah ich es nicht, aber heute weiß ich, dass ich über ein anderes Meer getragen wurde.“ Das Nirgendmeer. Sie spricht es nicht aus, aber das Wort ist offensichtlich.

„Und dann endete die Reise und vor mir war eine Frau. Aber sie war viel mehr als eine Frau. Ihr Kleid war aus dem Stoff, vor dem die Sterne strahlen, und Sterne leuchteten zwischen den Falten und aus dem Dunkel ihrer Augen.“ Noionas Blick driftet weg und ihr Ausdruck ist abwesend, während sie mit leiser Stimme von dem einschneidensten Erlebnis ihres Lebens spricht.

„Sie reichte mir ihre Hand und zog mich hoch und immer höher, zurück durch die nächtliche Schwärze und die grauen Schwaden, in die Licht scheint, und hinein in das Licht. Vielleicht kennst du das Gefühl, wenn du lange getaucht bist und durch die Oberfläche brichst und nach Luft ringst. Es war… ähnlich.

Ich erwachte im Kloster, so wie ich jetzt bin.“ Mit ihrer freien Hand weist sie auf ihr Gesicht. „Boron hatte mich zurück ins Leben geschickt und ich weihte es Ihm.“


Nachdem Noiona mit ihrer Erzählung geendet hat, breitet sich Schweigen im Raum aus. Keines von der Sorte, die einen hoffen lässt, es möge schnell vorbei sein, sondern eines, das ein Fenster zu öffnen scheint, und den Blick schweifen lässt in eine noch unbekannte, verlockende Ferne.

Elìn hat ohne es zu bemerken wieder die blasse Hand der Geweihten ergriffen, streicht sanft darüber, während sie ihr Gegenüber unverwandt ansieht. In ihren Augen vermischen sich Freude und Ehrfurcht mit etwas anderem, das Noiona nur schwer zu deuten vermag. Ist es Mitgefühl? Gar Trauer? Ein letztes Mal streicht Elìn über die schmale Hand, die so zerbrechlich wirkt in ihrer eigenen, von Feldarbeit und Praios‘ Strahlen gegerbten.

Sie erhebt sich und geht schweigend hinaus, kehrt aber nach kurzer Zeit schon mit einem Eimer voll Schnee zurück, füllt ihn in den Kessel über dem Feuer und legt noch einmal etwas Holz nach, bevor sie sich wieder zu ihrem Gast an den Tisch setzt.

„Die Wege der Götter sind unergründlich, und wir dürfen uns nicht anmaßen sie zu beurteilen. Er hat dich ausgezeichnet wie nur wenige andere, und vielleicht wird dein weiteres Leben dir zeigen, warum Er es tat. Doch Er hat dir auch ein schweres Los auferlegt, als Er dir Sein Mal für alle sichtbar auf den Körper zeichnete und die Erinnerung an dein erstes Leben nahm, denn das tat Er, nicht wahr?“

Elìn schaut die Boroni an und ihre blauen Augen scheinen tiefer zu blicken und von einer Weisheit beseelt zu sein, die bei der Einfachheit der Dreifelderschwester überrascht.

„Und doch sehe ich nichts als Demut und Freude in deinen Augen darüber, dass du auserwählt wurdest.“

Unvermittelt breitet sich das ihr eigene strahlende Lächeln über ihr Gesicht aus.

„Ich gestehe, dass mich die Sünde der Neugier plagt. Ich weiß so wenig über die Welt. Ich weiß nicht einmal, wo diese Stadt von der du sprichst, Selem, sich befindet. Du sagst, du wurdest dort an Land gespült, weshalb ich annehme, dass diese Stadt am Meer liegt.“

Sie steht auf, geht hinüber zur Feuerstelle und wirft ein paar Kräuter in das im Kessel kochende Wasser. Wenig später erfüllt ein frischer Duft den Raum, der stark an Zitronen erinnert. Sie gießt etwas von dem Tee in einen hölzernen Becher und stellt ihn mit einem freundlichen Nicken vor Noiona auf den Tisch.

„Verbene. Sie blüht im Sommer in meinem Garten. Sie wirkt sowohl anregend als auch beruhigend und ihr starker Duft hält Motten fern, wenn man sie mit Lavendel vermischt und in Säckchen gefüllt in die Truhen legt.“

Sie nimmt sich ebenfalls etwas von dem Tee und setzt sich dann wieder zu Noiona an den Tisch.

„Du warst also noch ein Kind, als du in das Kloster eintratest? Zumindest meine ich das herausgehört zu haben? Was glaubst du, wer die Frau war, die dir die Hand entgegenstreckte? War es die Heilige Noiona selbst? Hast du deshalb ihren Namen angenommen?“

Sie lächelt entschuldigend.

„Verzeih, dass ich dich so mit Fragen überhäufe. Schweigen gehört nicht zu meinen Stärken. Doch zu meiner Entschuldigung kann ich sagen, dass ich nicht ganz ohne Grund frage.“

Sie unterbricht sich, lauscht in die Stille, die vom Knistern der Flammen, dem Rascheln der beiden Gänse in ihrem Verschlag und dem regelmäßigen Atmen Gorms über ihren Köpfen kaum unterbrochen wird. Als sie fortfährt, ist das Lächeln auf ihrem Gesicht verblasst, hängt nur noch in den Winkeln ihrer Augen wie eine Erinnerung.

„Es geht um den Jungen. Ich habe die Spuren der Schläge gesehen. Wie ich schon sagte, sein Vater ist kein schlechter Mensch. Ich glaube, man könnte mit ihm reden. Der Kleine ist ihm sowieso keine große Hilfe fürchte ich. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich ihn zu mir nehmen soll, aber ich glaube, er wird den Weg des Geistes gehen. Hast du seine Hände gesehen? Sie ähneln den deinen, sie sind fein, die Hände eines Künstlers oder eines Gelehrten, nicht die eines Köhlers oder eines Bauern wie diese hier.“

Sie hebt ihre eigenen Hände wie um das Gesagte zu unterstreichen.

„Natürlich gibt es da noch Morlinde, die sich um die alten Gräber kümmert. Aber sie spricht wenn überhaupt nur noch mit ihren Toten und interessiert sich wenig für die Lebenden.“

Eine Pause tritt ein, in der Elìn zu überlegen scheint, wie sie das, was sie sagen will in die richtigen Worte fasst. Als habe sie ein Zwiegespräch mit sich geführt und sei zu einem Schluss gekommen, nickt sie endlich.

„Gorm scheint dir zu vertrauen. Vielleicht hat der Herr Boron dich genau deshalb in diesen abgelegenen Weiler gesandt…“

Wieder ein kurzes Zögern, bevor sie entschlossen endet,

„…damit du diesen Jungen in deine Obhut nimmst?“


Noiona ist mit ihren Gedanken weit weg, zeitlich weniger weit weg als räumlich – in ihrem Heimatkloster weit im dampfigen Süden, in der Zeit ihres Noviziats, als sie noch einen weißen Novizinnenschleier trug anstelle des schwarzen Schleiers der Priesterinnen. Elìns vieldeutiger Blick holt sie in die Gegenwart zurück und die hellblauen Augen der Noionitenschwester folgen dem kräftigen Rücken der Ackerpriesterin, als diese nach draußen geht.

Überrascht nickt sie, als Elìn das Vergessen anspricht, das der Herr des Schweigens über ihre Kindheit gebreitet hat, denn sie selbst hat es gar nicht ausgesprochen. Und Schwester Elìn hat auch den Zwist erkannt, den die Albino manchmal im Geheimen mit ihrem Gott ausficht – wenn sie damit hadert, dass sie im alltäglichen Leben keine Farben sieht (was sie der Feldschwester verschwiegen hat) und ihr die strahlenden Lichtreflexe der farbigen Kirchenfenster, das farbenfrohe Blühen einer Blumenwiese und die bunten Illuminationen in ihren geliebten Büchern so sehr fehlen, dass der Verlust in ihrer Brust schmerzt.

Die Demut und stille Freude, Ihm zu dienen, bestimmen den allergrößten Teil.

Sie schnuppert an dem Tee und befindet, das es der beste Tee ist, den sie bislang getrunken hat. Verbene also. Das ist ihr neuer Lieblingstee.

Noiona schmunzelt, als die Neugier Elìn packt und übermannt und Frage um Frage – nach Selem, nach dem Kloster, nach ihrer Todesvision – aus ihr heraussprudelt.

„Stell dir vor, du nimmst in Havena ein Schiff gen Süden. Du passierst die Hafenstädte des Horasreichs und die Zyklopeninseln. In knapp zwei Wochen bist du in Drôl. Dort steht die Pyramide mit den Hängenden Gärten, aber das ist nicht dein Ziel. Du reist auf dem Harotrud bis zu seiner Quelle und weiter südwärts nach Port Corrad. Das ist nicht sehenswert. Aber 100 Meilen weiter im Osten liegt Selem.“ Sie macht eine Pause, damit Schwester Elìn ihre Beschreibung im Geiste nachvollziehen kann.

 

„Sie haben mich auf ungefähr sieben Sommer geschätzt. Ein gutes Alter, um in ein Kloster einzutreten. Wenn es die meisten auch erst mit zwölf Jahren tun.

…Ich glaube, es war der Wille der Heiligen Marbo. Sie erbittet manchmal eine Frist, dass eine Seele noch einmal zurückgeschickt wird.“, legt sie leise dar und erklärt dann, weshalb sie trotzdem den Namen der Heiligen Noiona trägt: „Jede Schwester im Orden erhält beim Eintritt den Namen unserer Ordensstifterin als zweiten Namen. Die Brüder wählen zwischen Sankt Uthar und Khalid. Und weil man mich, weil ich mich an keinen Namen erinnerte…“, plötzlich stockt sie. Orfeo!, hallt eine junge Mädchenstimme in ihrer Erinnerung wider und eine Gänsehaut kriecht ihr über die Arme.

Die Erinnerung verhallt. Wo war sie gewesen? Ach ja, bei den Namen. „…Die Schwestern nannten mich Noiona. Und weil ich ihren Namen bereits trug, wählte ich als Zweitnamen ‚Marbonna‘.“ So hatte sie zu Ehren ihrer Erretterin deren Namen angenommen, wie Schwester Elìn gemutmaßt hatte – nur eine andere der drei heiligen Frauen.

 

Was Elìn danach sagt, lässt Noionas Plauderlaune versiegen wie den letzten Schnee unter den ersten warmen Sonnenstrahlen im Tsa . So sagt man, sie kennt Schnee nur aus der Ferne von den höchsten Bergen, wo er niemals schmilzt.

Und als Elìn ihre Frage stellt, schaut Noiona sie geradeaus mit großen Augen an. Ihn in ihre Obhut nehmen? Heißt das, dass sie ihn mitnehmen würde? Wohin sie auch ging, sie würde für ihn verantwortlich sein…? Und ihn dann, sobald er das zwölfte Lebensjahr erreichte, offiziell in die Reihen der Zwölfgöttergläubigen einsegnete und damit erkennen konnte, ob er sich für ein Noviziat eignete? Nun ist sie diejenige, bei der sich die Fragen überschlagen.

Sie müsste über das verschneite Moor zurück und mit Ingalf sprechen. Ihm beibringen, dass er fortan zwei helfende Hände weniger haben würde, und einen heranwachsenden Esser weniger. Sie müsste für dicke Kleidung und für gescheite Schuhe für den Jungen sorgen. Und so vieles andere, was ihr jetzt noch nicht in den Sinn kam.

Kinder… sie würde niemals eigene Kinder haben.

Und hatte es noch nie vermisst.

Und jetzt war da Gorm. Mit seinem Vertrauen und seinen kleinen Händen, die er so selbstverständlich in die Hand Noionas gesteckt hatte. Dessen kindliche Trauer Noionas Herz gerührt hatte und dessen wachen Augen scheinbar nichts entging. Und seine geschwollene Backe, wie hatte sie Noiona geschmerzt.

Unvermittelt blickt sie Elìn an, mit einem sanften Lächeln in den Mundwinkeln, und stellt nicht die allererste Frage, an die sie gedacht hat: „Wie alt ist er?“


Davor: Gesegneter Abend
Danach: In Verbena Veritas

Gesegneter Abend

Die Hütte hält noch die Wärme des letzten Feuers, auch wenn außer Elìns Talglicht kein Feuer brennt. Wie eine warme, freundliche Erinnerung. Noiona müht sich einmal mehr mit kalten Fingern mit den Mantelknöpfen ab und hängt den schwarzen Wollmantel an einen Nagel, den sie neben dem Haken ertastet, an dem Schwester Elìn ihren Umhang aufgehängt hat. Den Rucksack stellt sie darunter.

Mit ihrer eigenen Frage hat sie ihre unzureichenden Kenntnisse in der Kochkunst offenbart. Sie weiß nicht, wie einfach oder aufwändig Buchweizenküchlein zuzubereiten sind. Die Hände will die Scriptorin aber trotzdem nicht in den Schoß legen; vor allem nicht, wenn die fleißige Elìn ihr Tür und Tor öffnet und mit gutem Beispiel spätabendliches Kochen in Angriff nimmt. Deswegen ist sie froh, dass die Feldschwester ihr eine andere Aufgabe zuweist.

Die Asche in der Herdstelle ist noch warm. Noiona stellt ein paar Scheite zu einer Pyramide auf, steckt Reisig dazwischen, schiebt die erkaltete Asche beiseite, bis sie auf Glut stößt, und pustet sachte. Prompt* springt ein Funke auf den trockenen Reisig, brennt sich ein und züngelt als Flämmchen empor. Bald prasselt das Feuer und die Flammen beginnen, an den gespalteten Scheiten zu lecken.

Noiona hebt den Kopf, als Schwester Elìn die zwei ungewöhnlichen Namen ausspricht, die die Gänse tragen. Áhkká und Neljä. Es klingt fremdartig in ihren Ohren, die mit den südlichen Sprachen des Kontinents aufgewachsen ist. Und dann erzählt die Geweihte, dass sie aus einem so kalten Land stammt, das dort keine Buchen wachsen! Noiona stellt sich windumtoste, flechtenbewachsene Felsen vor, wo der Boden karg und die Luft selbst im Sommer kalt ist. Ähnlich wie das Koschgebirge, wo weit oben das Traviakloster Sankt Travinian steht, und ganz anders als Selems schwülwarme, pflanzenreiche Sumpflandschaft.

Dann sitzt sie zwischen Gorm und Schwester Elìn, die Kinderhand in der rechten und die rauhe Hand Elìns in der linken.

„Ein warmer Herd, ein sicheres Haus am Ende eines langen Tages. Unser Dank gilt Herrin Travia, die uns empfängt, wo immer wir aufgenommen werden,
Herrin Peraine, die uns nährt, wo wir Speise erhalten,
Herrin Tsa, die uns erfrischt, wo wir uns freundlich begegnen
und Herrn Boron, der uns bettet, wo uns Ruhe geboten wird.“

Einen Moment noch hält sie die Hände in besinnlicher Stille. Und dann kann sie dem Duft und dem versprochenen Ahornsirup – wie er im Feuerschein glänzt! – nicht widerstehen.


„So sei es“,

bekräftigt Elìn. Sie legt jedem ein Küchlein auf den Teller und gießt Gorm etwas Ahornsirup darüber, bevor sie den Krug mit einem freundlichen Nicken Noiona reicht.

„Und nun lasst es euch schmecken!“

Der Junge muss völlig ausgehungert sein, schon nach wenigen Augenblicken hat er seine Portion verschlungen. Sehnsüchtig wandert sein Blick zu dem Häuflein Pfannkuchen in der Mitte des Tisches.

„Nimm nur. Es ist genug da“,

ermuntert ihn die Geweihte, und Gorm lässt sich das nicht zweimal sagen. Er greift zu, hält die Köstlichkeit mit beiden Händen.

„Rauðíkorni“,

meint die Geweihte beim Anblick des Jungen, der auf beiden Backen kaut und streicht ihm durch das Haar.

„Was ist das, ein Ra…Rau…“

„Ein Rauðíkorni? So nennen wir dort, wo ich herkomme, die Eichhörnchen. Wenn sie eine Nuss essen, halten sie sie mit beiden Händen, genau so wie du das Küchlein.“

Der Junge schaut von einer der Frauen zur andern, über sein Gesicht huscht ein scheues Lächeln, er zieht die Nase hoch, dann erfüllt wieder Stille den Raum, kaum gestört vom leisen Rascheln der Gänse im Stroh und dem Knistern des Feuers im Ofen.
Irgendwann, als alle satt sind, steht Elìn auf. Sie deutet auf eine Leiter, die zu einer Art Heuboden unter dem Giebel führt.

„Dort oben findet ihr die Schlafstatt. Ich habe erst gestern frisches Heu aufgeschüttet, so dass es schön weich ist. Nehmt Euren Mantel mit hinauf, Schwester Noiona, denn wenn das Feuer erlischt, wird es kalt werden. Du, Gorm, kannst meinen Umhang haben. Geh schon voraus, du musst müde sein.“

Der Junge erhebt keine Einwände. Nach dem Essen sind ihm die Lider merklich schwer geworden und die Schatten unter seinen Augen tiefer.
Der Blick der Geweihten folgt Gorm, der, den wollenen Mantel Elìns unter dem Arm, etwas unbeholfen die Leiter erklimmt. Als sie sich wieder Noiona zuwendet, steht eine unausgesprochene Frage in ihrem Gesicht. Schweigend beginnt sie schließlich den Tisch abzuräumen.


Beim Anblick Gorms, der sein Essen mit sichtlichem Hunger verschlingt, muss Noiona in ihr Küchlein schmunzeln. Bei Travia, sie ist ja selbst hungrig! Aber der heranwachsende Junge futtert wie ausgehungert. Vielleicht war das bei heranwachsenden Jungen aber auch immer so?

Sie geht sparsam mit dem goldglänzenden Sirup um und selbst dabei rühren sich in ihr leichte Zweifel, ob sie damit nicht ihre gelobte Enthaltsamkeit strapaziert. Aber nach diesem schrecklich, eisig kaltem, schneeüberladenem Wintertag konnte die Heilige Noiona doch sicherlich ein gutes Wort beim gestrengen Herrn Boron zugunsten ihrer ihrer Ordensschwester und Namensvetterin einlegen…?

Die Süße und Wärme fluten alle Zweifel hiinweg. Und wieder nimmt Elìn ein Wort in den Mund, bei dem sich Noiona vornimmt, es sich zu merken. Rauðíkorni. Ein seltsamer Laut war das, so ein weiches, fast unhörbares „d“ hat sie noch nie gehört.

Gorm fallen im Sitzen die Augen zu und Schwester Elìn schickt ihn ins Bett. Noiona schickt ihm, als er mit dem eingerollten Mantel unter dem Arm zur Leiter vorbeischlurft, hundert stumme Segenswünsche nach und lässt einen Gute-Nacht-Wunsch über ihre Lippen kommen: „Bishdariel schenke dir schöne Träume.“

Sie geht der Ordensschwester zur Hand, in einträchtigem Schweigen.

Dabei sieht sie die wortlose Frage in Elìns Züge geschrieben. Der Tisch ist aufgeräumt und Noiona lässt Stille einkehren, ẃährend der sie darüber nachdenkt, wo sie ihre Erzählung beginnen soll. In Selem, ihrem Heimatkloster? …Nein, dass sie von einem Ordenshaus ihrer Gemeinschaft aufgebrochen ist, ist offensichtlich. Im Kloster Sankt Travinian, in dem die Pocken ausgebrochen waren? …Nein. Das hatte sie in die Hände der Priester aus Gratenfels und Garrensand gelegt, es wäre Geschwätz.

Also in einer Köhlerhütte. Und vorher holt sie ihren Wollmantel vom Haken, aus dem sie eine Pfeife und den Tabaksbeutel nimmt. „Stört es dich?“ Sie packt die Sachen entweder wieder weg oder beginnt damit, ihre Pfeife zu stopfen.

„Jadwiga, seine Großmutter, geht mit mir zu den Ruinen des Kalmunsklosters.“, sagt sie schließlich. Unsicher, welchen der implizierten Punkte sie weiter ausführen soll, lässt sie für den Anfang erst einmal nur diesen Satz verklingen.


Elìn bedeutet ihrem Gast mit einem Kopfnicken, dass der Pfeifenrauch sie nicht stören wird.

„Der Junge hat es nicht leicht.“,

eröffnet sie, als die Pfeife entzündet ist, mit gedämpfter Stimme das Gespräch, will wohl nicht, dass das Kind auf seinem Lager ihre Worte vernimmt.

„Er ist anders als andere Kinder, und Ingalf…“

Sie scheint nach Worten zu suchen.

„Der Köhler ist beileibe kein schlechter Mensch, nur… er braucht einen Sohn, der ihm bei der Arbeit hilft, der zupacken kann. Gorm… er gibt sich Mühe, aber… Ich glaube, er ist für etwas Anderes bestimmt, auch wenn ich nicht sagen kann was es ist.“

Die Geweihte schaut ihr Gegenüber forschend an, nicht sicher, ob sie das, was ihr auf dem Herzen liegt, aussprechen soll. Dann hat sie wohl eine Entscheidung getroffen.

„Vielleicht schickt es sich nicht, dich danach zu fragen, aber wir sind Schwestern, auch wenn ich einer anderen Kirche angehöre als du. Sei gewiss, ich stelle die Frage nicht leichtfertig, nicht, um eine oberflächliche Neugier zu stillen. Doch wenn du sie nicht beantworten möchtest, so werde ich nicht weiter in dich dringen.“

Sie legt ihrer bleichen Gesprächspartnerin die Hand auf den Arm. Noiona kann die Spuren erkennen, die die harte Arbeit auf dem Feld hinterlassen hat. Es ist eine zupackende Hand, mit kurz gehaltenen Fingernägeln und voller Schwielen. Eine noch frische Narbe läuft quer über den Handrücken. Sie ist wunderbar warm.

„Wann hast du den stillen Ruf Borons gehört? Warst du immer schon auf der Suche nach ihm? Oder bestimmten andere über dich und dein Leben, wie es so oft der Fall ist?“


*Würfelprobe auf „Wildnisleben“


Davor: Zwei Schwestern unter einem Dach

Danach: Worte und Rauch

Zwei Schwestern unter einem Dach

Noiona folgt dem Wink und der anderen Schwester – sozusagen eine Cousine im Glauben – mit Gorm an der Hand. Sie könnte sich fast daran gewöhnen, denn wie viel sanfter als die herrische Großmutter ist doch der Junge!

Am Rande des Dorfes weht der kalte Wind vom Moor her und sie fasst mit ihrer Hand fest um Gorms Finger. Die Boroni zieht den Kopf zum Schutz gegen die Böen ein, gegen die der Stoffschleier über ihren Haaren nur dürftig Schutz bietet. Wieder stapft sie durch den Schnee, doch diesmal hat sie jemanden, der ihnen den Weg weist.

Dann schälen sich aus der Dunkelheit, nur knapp vor ihnen, die Umrisse einer Mauer. Die Mauer, die Schwester Elìn aus dem Tempelsteinen des ehemaligen Tempels errichtet hatte. Im Vorbeigehen berührt Noionas freie Hand einen Bruchstein. Er ist kalt und hart. Nichts anderes hat sie erwartet.

An der Türe zum Haus wartet Noiona, verdutzt darüber, dass Elìn sie noch warten lässt. Ja, das Übertreten einer Schwelle ist ein besonderer Moment, aber sie sind doch willkommene Gäste? Doch das Warten dauert nicht lang, gerade einmal so lange, dass Noiona Gorms Hände in ihre frierenden Hände nehmen und sie fünfmal zwischen ihren Handflächen reiben kann. Es reicht nicht, um die Wärme zurück zu bringen.

Sie richtet sich von Gorm auf, als Schwester Elìn mit dem Lichtschein im Türrahmen erscheint. Noiona legt die Hände zusammen, verbeugt sich und erwidert: „Im Namen der Drei Heiligen Schwestern und in Namen des Herren der Nacht danke ich für Heim und Herd, die uns aufnehmen.“

Sie nickt mehr zu sich als zu den anderen, als sie das Geräusch erkennt: Die fauchenden und schnarrenden Gänse. Gans und Ganter, vermutet Noiona. Und wer eine Gans hat, braucht keinen Wachhund mehr.

Bei Elìns Angebot, zu kochen, bleibt Noiona zunächst still. Es streiten zwei Regungen in ihrer Brust: Ja, sie ist schrecklich hungrig. Der andere, widerstreitende Part ist nicht die Müdigkeit, sondern ihr Gewohnheit gewordenes Gelöbnis der Enthaltsamkeit. Hinzu kommt, dass sie der guten Ordensschwester so spät nicht noch Arbeit aufhalsen will, wo sie schon für das schöne Flötenspiel auf dem Fest verantwortlich gewesen ist.

Aber… Buchweizenküchlein! Mit Ahornsirup!

Schließlich kommt sie zu einem Mittelweg: „Hast du etwas einfaches, das du nicht eigens backen musst?“


„Etwas Einfacheres als Buchweizenküchlein? Ich fürchte nein.“

Elìn lächelt und zwinkert Gorm zu, dessen Magen bei der Erwähnung von Buchweizenküchlein hörbar geknurrt hat. Sie hängt ihren Umhang an einen Haken, der in einen der dunklen Balken geschlagen ist, die das Dach der kleinen Kate tragen. Der Habit besteht aus einem einfachen wollenen Gewand, dessen einziger Schmuck einen gestickten Kreis aus drei kunstvoll ineinander verschlungenen Formen darstellt, die von ferne an Hände erinnern mögen. Ein dicker, nur lose geflochtener Zopf hängt ihr über die Schulter bis fast auf das Zingulum. Sie streicht sich eine helle Strähne, die sich wohl im Wind gelöst hat hinter die Ohren und schlägt die Ärmel zurück.

„Aber wenn Ihr euch nützlich machen wollt, so könnt ihr schonmal das Feuer neu anfachen. Das wird hoffentlich Eure klammen Finger wärmen.“

Sie deutet auf einen kleinen Stapel Holz direkt neben der Feuerstelle.

„Und du, Gorm, kannst meine liebe Áhkká fragen, ob sie dir eines ihrer Eier überlässt. Keine Angst, sie wird dich nicht beißen. Hier, ich gebe dir ein paar Körner für sie und natürlich auch Neljä mit, die du ihnen zum Tausch anbieten kannst.“

Sie greift in einen Leinensack, der an einem Haken befestigt von der Decke herabhängt.

„Und nun halte die Hände auf.“

Der Junge folgt der Aufforderung, und die Geweihte lässt etwas Getreide hineinrieseln.

„Sie haben eingewilligt, mit uns Menschen zusammenzuleben, und uns ihre Eier, und wenn sie eines Tages sterben, sogar ihren Körper zu überlassen.“

Lächelnd sieht sie zu der Boroni.

„Ich weiß, das klingt mehr nach unserem Herrn Phex, aber ist es nicht mehr als angemessen, unseren Geschwistern, den Tieren, etwas von dem, was uns die Göttin Peraine in ihrer großen Güte schenkt abzugeben?“

Gorm nickt andächtig. Dann geht er, die kostbaren Körner vor sich her tragend, hinüber zu den beiden Gänsen, die erwartungsvoll die Hälse recken, als der Junge auf sie zukommt.

„Hier, ich habe Körner für euch.“,

hört Noiona den Jungen flüstern.

„Gebt ihr mir dafür eines von den Eiern?“

„Nur zu, geh ruhig zu ihnen hinein. Sie werden dir nichts tun.“,

wiederholt Elìn.

Mit dem Ellbogen hebt der Junge den hölzernen Riegel und schiebt sich, die beiden Gänse nicht aus den Augen lassend, durch die Tür des kleinen Verschlages. Dann hält er ihnen die Körner hin. Noiona kann sehen, dass seine Hände leicht zittern, als zuerst Áhkká, dann auch Neljä sich ihm nähern.

„Du kannst es ihnen hinschütten. Sie werden es zwischen dem Heu finden, und nicht eines der Körner wird ihren scharfen Augen entgehen. Und nun kannst du mir das Ei bringen, das ich heute Morgen in der hinteren Ecke habe liegen sehen.“

Wenig später reicht Gorm ihr stolz das Ei, und Elìn macht sich daran, den Teig zuzubereiten.

„Wisst ihr…“,

erklärt sie, während sie energisch in der Schüssel rührt,

„…dort, wo ich herkomme, gibt es keinen Buchweizen, er wächst schlecht, wenn es zu kalt ist, wurde mir gesagt. Die Leute des Dorfes haben mir dann gezeigt, wie man ihn anbaut, und wie man aus den Körnern Mehl macht. Könnt Ihr mir bitte einmal den Tiegel mit der Butter reichen? Er steht auf dem obersten Regalbrett. Danke. Ach, und dort drüben hängt die Pfanne… Jadwiga, oder war es Nella? Na jedenfalls hat eine von ihnen mir dieses köstliche Rezept verraten… wenn Ihr sie auf das Feuer stellt und etwas von der Butter schmelzen lasst… Gorm, der Ahornsirup ist in dem Krug da. Stelle ihn doch schon einmal auf den Tisch…“

Bald erfüllt ein köstlicher Duft den kleinen Raum. Elìn fordert ihre Gäste auf sich zu setzen und stellt einen großen Teller voller Buchweizenküchlein in die Mitte der bescheidenen Tafel.

„Wie schön es ist, wieder einmal zu dritt an diesem Tisch zu sitzen und für die Gaben der Götter zu danken!“

Sie fasst ihre beiden Gäste an den Händen und fordert sie mit einem Nicken auf, dasselbe zu tun.

„Wollt Ihr den Segen sprechen, Schwester Noiona?“


Mein Rezept für Buchweizen-Pfannkuchen


Davor: Elìn von den Feldern

Danach: Gesegneter Abend

Elìn von den Feldern

Einem Impuls folgend, geht Noiona in die Knie als der Junge ihren Namen ruft und sie ihn auf sich zu rennen sieht. Sie streckt ihm einen Arm entgegen, um ihn aufzufangen und kurz zu drücken.

Mit der Ankunft der Drei-Schwestern-Ordensschwester richtet sie sich wieder auf. Dieses herzliche, herzerwärmende Lächeln kann nicht anders als mit einem Lächeln erwidert werden, wenn auch Noionas Version eine Spur blasser ausfällt.
Sie bejaht ihre Vermutung, dass Gernot sie bereits vorgestellt hat, mit einem Nicken und einem Seitenblick auf den Torfstecher.
„Habt Dank, Schwester Elìn. Ich bin Schwester Noiona… und auf einer Pilgerfahrt nach Punin. Und jetzt zur Klosterruine Sankt Kalmuns.“, stellt sie sich und ihre Reise vor. „Habt Ihr heute Nacht einen Platz für mich, in Travias Namen?“


„Aber natürlich, Schwester Noiona, habe ich eine Lagerstatt für Euch. Und auch für dich, Gorm, wenn du es nicht vorziehst, bei Gernot zu übernachten. In Travias Haus, sei es auch noch so klein, ist Platz für jeden Gast.“

Elìn scheint sich nicht weiter zu wundern, dass Noiona nicht nach dem Weg zum Boronkloster fragt, wie sie überhaupt den Eindruck erweckt, als nehme sie das Leben genau so, wie es kommt, ohne es jemals in Frage zu stellen.
Gorm schaut unsicher von einem zum andern, als wisse er nicht genau, was von ihm erwartet wird, doch als der Torfstecher ihm gutmütig auf die Schulter klopft und sich mit einem

„Gute Nacht, mein Junge!“

von ihm verabschiedet, ist er offensichtlich erleichtert, dass ihm die Entscheidung, wem er sich anschließen soll abgenommen wird.

„Gute Nacht, Gernot.“

Der Torfstecher verbeugt sich stumm vor den beiden geweihten Frauen und geht den Weg zurück, den sie gekommen sind.
Elìn aber, die sich wohl inzwischen an das Schweigegebot der Borondiener erinnert hat, bedeutet Noiona mit einer einladenden Geste ihr zu folgen. Zu dritt stapfen sie durch den Schnee, vorneweg die Geweihte des Dreischwesternordens, gefolgt von Noiona und Gorm, der wie selbstverständlich wieder ihre Hand genommen hat. Sie gehen an den immer noch um das Feuer tanzenden Dorfbewohnern vorbei über den Anger, doch niemand nimmt Notiz von den drei Gestalten, die zwischen den eng beieinander stehenden Hütten in der Dunkelheit verschwinden.
Sobald sie den Schutz der Mauern verlassen wird es kälter, der eisige Wind weht ihnen erneut ins Gesicht und ihre Stiefel versinken im Schnee, der hier nicht von Dutzenden Füßen plattgetreten ist. Doch Elìn scheint das nicht im geringsten zu stören. Mit wehendem Habit geht sie voran, dreht sich nur von Zeit zu Zeit zu ihren beiden Begleitern um, um zu sehen, ob sie mithalten können.
Der Lärm vom Dorf wird leiser und leiser, nur ab und zu noch weht der Wind einen Geräuschfetzen zu ihnen herüber, als vor ihnen eine halbhohe Steinumfriedung auftaucht. Die Geweihte öffnet ein Holzgatter, lässt Noiona und Gorm an sich vorbeigehen und schließt es sorgfältig wieder. Es sind nur wenige Schritte bis zu einer bescheidenen, mit Schilf gedeckten Behausung. Elin öffnet die Tür, bittet sie zu warten und verschwindet im Innern der Hütte. Kurz darauf kehrt sie mit einer Talglampe zurück.

„Im Namen der Drei Göttinnen, seid willkommen und tretet ein.“

Das Licht erleuchtet nur unzureichend das Innere des Hauses, aber es genügt um zu sehen, dass die Geweihte des Dreischwesterordens ein mehr als einfaches Leben führt, das sich kaum von dem der Moorbauern unterscheidet. Allerdings ist es peinlich sauber, und der Duft frischen Heus dringt Noiona in die Nase.
Eine Ecke des Raumes ist durch einen halbhohen Verschlag abgeteilt, aus dem jetzt ein seltsames Geräusch zu hören ist.

„Meine lieben Kinder, haben wir euren Schlaf gestört?“

Zwei prächtige Gänse recken hinter den Brettern ihre Hälse und fauchen die Fremden verärgert an.

„Aber aber, wer wird denn da so grimmig sein. Seht nur, wir haben Gäste!“

Und zu Noiona und Gorm gewandt,

„Habt keine Angst. Sie beruhigen sich gleich wieder. Aber ihr müsst schrecklich müde sein. Ich zeige euch, wo ihr schlafen könnt. Oder seid ihr vielleicht hungrig? Die Glut im Ofen ist noch warm, ich kann ein paar Buchweizenküchlein backen. Und ich habe noch etwas Ahornsirup.“


Davor: Der Winterunhold

Danach: Zwei Schwestern unter einem Dach