RimWorld: Bruchlandung

Dies ist ein Logbuch, das aus einer Blackbox ausgelesen werden konnte. Die Blackbox wurde auf einem Planeten in der zur Milchstraße benachbarten Galaxie Andromeda entdeckt, wo sie mehrere Jahrhunderte überdauert hatte. Es handelt sich um einen habitablen Planeten. Verwitterte Strukturen weisen darauf hin, dass hier einst menschliche Siedler Fuß gefasst hatten. Ob sie ihren Aufenthalt auf dem Planeten langfristig überlebten oder mit ihren begrenzten Mitteln eine neue Raumkapsel bauen und den Planeten wieder verlassen konnten, ist bis dato ungeklärt.

 

Planet

Tundra- und Taigagürtel reichen bis zum Äquator – warme südliche Hemisphäre – ein Meer im Südwesten, eines im Nordwesten, vermutlich die meiste Zeit des Jahres zugefroren – ein Ozeam im Westen mit bewaldeten Inseln – zwei Seen im Nordwesten und mehrere im Süden

Charaktere

Alex (37), in der Kindheit stumm gewesen wegen Trauma, Bastlerin und Schrottsammlerin, zwischenmenschlich unfähig, fühlt sich schwach in ihrem menschlichen Körper, wünscht sich manchmal einen bionischen Körper.

Dr. Kimiko Asano (Kimi) (20), stammt aus Ärztefamilie, ging dann zur Space Navy, lernte Nahkampf und wurde Expertin, solche Kampfwunden zu versorgen. Kältetolerant und pyromanisch und süchtig nach Go-Juice. Beste Schützin der drei. Kann gut mit Tieren umgehen. Beziehung mit Victor.

Victor (20), als Junge Stalljunge auf einem mittelalterlichen Planeten aufgewachsen, jetzt Kapitän eines Schmugglerschiffs. Auch zwischenmenschlich unfähig, arbeitsam aber er läuft langsam. Beziehung mit Kimi.

Husky Buffy (w) (5), Alex‘ Hund

 

Die Kapseln schlagen auf und geben ihre drei Menschen frei. Wir haben eine harte Bruchlandung hinter uns, aber wir leben. Sumpf um uns herum, zerklüftete Felsen und die leeren Gebäudehüllen von drei Häusern.

Weitere Einschläge folgen, kleiner. Es sind weitere Kapseln, kleiner als unsere. Waffen und… Buffy! Kimi bekommt das Gewehr, Victor das Messer, Alex die Pistole. Hinter einer Felsnase im Süden geht eine Schlucht zwischen die schroffen Felsen, die sich verjüngt, dort steht eine Ruine mit intaktem Dach, davor ist ein Sumpfgebiet. Die Stelle ist gut zu verteidigen, also schleppen Alex und Kimi unsere Ausrüstung, Werkzeug und Bruckstücke der Metallhülle, die sicher noch nützlich werden, dorthin. Ein paar der Bäume sind bei unserem Landgang zu Bruch gegangen, jetzt haben wir Holz zum Feuermachen. 30 Packungen feinste Fertignahrung. Yummy.

Es ist kalt. Es hat vier Grad über Null, sagt mein Armbandcomputer.

Kimi hat die Ruine von Schutt befreit. Es wird dunkel und es beginnt zu regnen, nach ein paar Momenten schüttet es in Strömen. Wir bringen die Essenspäckchen ins Trockene. Kimi ruht sich einen Moment aus, setzt sich in der Ruine neben das Feuer, die Hündin sitzt neben ihr. Wir haben ein Dach überm Kopf und wärmendes Feuer. Es riecht nach nasser Buffy.

Victor arbeitet bis spät in die Nacht. Er hämmert einen Durchgang von der Landezone zur Ruine, sodass wir nicht mehr so weit außen um den Felsen herum tragen müssen. Dann hat auch er genug. Wir haben einen warmen Raum, aber wir schlafen auf viel zu engem Raum. Keine Privatsphäre mehr. Hunger. Die Notrationen bleiben unberührt, die nächsten Tage gibt es Beeren. Himbeeren, Brombeeren, Blaubeeren, Preiselbeeren. Was auch immer diese hier sind. Ich liebe Beeren, aber ich bin mir sicher dass ich meine Meinung schon bald relativieren werede. Wir reden ein bisschen, dann schlafen wir auf unseren provisorischen, harten Matten ein.

Kimi ist als erste wach. Wir zimmern vor der Ruine ein Häuschen für Kimi und Victor aus Brettern zusammen, dazu ein richtiges Bett. Ein Truthahn läuft bei uns herum, Kimi ist eine Zeitlang mit ihm beschäftigt und zähmt ihn tatsächlich. Er folgt ihr jetzt, wenn er nicht gerade auf Nahrungssuche ist. Kimi ist stolz.

Victor hat Kimi einen Heiratsantrag gemacht, sie hat natürlich angenommen.

Es ist Abend. Irgend jemand hat heute Betten zusammengezimmert, wir werden alle komfortabler schlafen können. Die Ruine bekommt einen Anbau im Osten, zum Eingang der Schlucht hin, was Victors Zimmer wird. Alex schläft noch in der Ruine. Bei Kimi und Victor hat es kühle zehn Grad. Ihr macht es nichts aus und er hat sie zum Wärmen.

Nächster Tag. Alex findet eine Truthenne und zähmt sie. Jetzt haben wir ein Pärchen und sollten einen Stall bauen. Im Süden ist eine Felsnische, die wir einzäunen.

Jemand zimmert einen Tisch und drei Stühle für die Ruine und – ganz wichtig im Hinblick auf unsere aufkommende Truthahnzucht – wir errichten einen Herd. Das ist jetzt unser Hauptraum.

Kimi kocht gerade irgendwas aus Beeren, Victor macht Holz und Alex trägt immer noch Stahl von den abgestürzten Rettungskapseln ins Lager. Da bellt Buffy, jemand Fremdes nähert sich. In der Dämmerung erscheinen zwei Leute von Nordwesten. Sie stellen sich als Roslyn und Marjot vor, älteren Alters, wohl Ende 50 oder Anfang 60, in einfacher, abgetragener Kleidung. Kimi ist unsere Sprecherin und Roslyn ist bereit zu handeln. Beide machen einen nicht ungebildeten Eindruck (Roslyn: Lehrerin, Marjot: Wissenschaftlerin). Sie trägt ein bisschen Essen, Medizin und „Yayo“: Ein weißes Pulver zum Schnupfen, das Schmerzen unterdrückt, wach macht und Euphorie bewirkt. Kimi ist sehr interessiert an Yayo. Gegen drei Rationen der frisch gekochten Beerenmahlzeit ertauschen wir uns dreie Portion Yayo, eine für jeden von uns. Buffy muss leider leer ausgehen. Kimi geht’s nicht gut, sie braucht lange für alles, was sie anpackt, und macht den Eindruck als könne sie sich nicht richtig konzentrieren. Sie geht früh schlafen.

Victor hat vorgeschlagen, dass wir unserer Ansiedlung einen Namen geben. Schließlich sieht es nicht danach aus, als würden wir hier in nächster Zeit wieder wegkommen. Wir haben uns für „Ellis“ entschieden.

Und steht spät auf. Scheinbar hat sich Victor seiner ehelichen Pflichten angenommen. Kaum ist sie einigermaßen wach geworden, schlurft sie zu den drei Päckchen mit dem weißen Pulver, die immer noch draußen im Freien liegen, und genehmigt sich ihre Portion. Das erste Mal seit sie hier gelandet sind, lässt der Schmerz in ihren Muskeln nach. Es geht ihr so gut wie schon lange nicht mehr.

Auch den Truthähnen scheint es in ihrem Verschlag zu gefallen. Sie suchen nachts in den Schlafkästen Unterschlupf.

Wir ummauern weiter hinten in der Schlucht einen weiteren Raum. Diesmal aus Metall statt Holz, denn dies wird unser Gebäude für den Generator. Der Sommer ist jetzt schon so kalt, dass er diesen Namen kaum verdient doch auf einmal…

ein Eichhörnchen rennt auf unsere Behausung zu, an Buffy vorbei und springt Alex an! Sie gibt drei Schuss auf das tollwütige Nagetier ab und erlegt es. Alex „die Jägerin“ hat Kimi vorgeschlagen. Sie hat Kratzer an Kopf und Torso davongetragen, Kimi versorgt sie und ist total übermütig. Sie arbeitet die Nacht durch am Generator, bis sie um fünf Uhr erschöpft ins Bett fällt.

Keine Stunde später steht Victor auf und setzt ihre Arbeit fort. Es ist acht Uhr früh und der Generator steht!

Nachmittag. Ein Wanderer namens Yoshinoya erzählt, dass er ein reisender Erzähler ist. Er kann sich selbst vor den Gefahren der Straße schützen, aber anscheinend kann er nicht hart arbeiten und hat ein paar wirklich schräge Weltansichten. Ach ja, und er ist nackt. Er will bei uns bleiben. Wir wollen ihm eine Chance geben. Immerhin hilft er gleich beim Beerensammeln mit. Er hat ein Bett bei den Truthähnen bekommen, da hat er wenigstens ein Dach überm Kopf und wir hatten endlich einen Grund, eine Türe einzubauen.

Der Generator läuft auf Hochtouren und produziert Strom.

Außerdem bauen wir Gold ab. Im Norden sieht der Fels nach Erz aus, östlich davon zieht sich eine Goldader durch das Gestein.

Ein Pirat streift aus dem Osten heran und greift uns an!

Kimiko schnupft eine zweite Portion Yayo. Schmerzen weg, Zielsicherheit da. Ihr erster Schuss dabeben. Ihr zweiter auch. Der dritte trifft, doch der Pirat ist viel schneller durch den Sumpf als wir geglaubt haben. Er trägt türkisfarbenes Haar, einen zerlumpten Parka und eine Keule. Victor hat sich am Hauseck versteckt, kommt aus seiner Deckung und greift ihm mit dem Messer an, Kimi schießt weiter. Alex gibt ebenfalls ein paar Schüsse ab. Die Beine des Mannes knicken unter ihm ein, er ist sofort tot. Drei Schüsse in den Torso, zwei Schüsse ins Bein. Kimi schnuppert. Der vertraute, beruhigende Geruch von Go-Juice haftet ihm an. Es muss hier irgendwo eine Quelle für Go-Juice geben!

Er hatte welchen in den Taschen. Ob Kimi das schon gesehen hat? Wahrscheinlich nicht.

Im Osten hinter dem weitläufigen Sumpf legen wir den Toten in einer Gebäuderuine ab.

Yoshinoya sieht ihm hinterher, bedauernd? Er bekommt die Hose und das Hemd. Mir ist aufgefallen, dass er sich nie darüber beschwert hat, im Stall zu schlafen. Wenn er es lange genug durchhält, bauen wir ihm eine eigene Hütte.

Victor liegt im Bett und hat Schmerzen. Kimi versorgt ihn. In medizinischer Hinsicht.

Das zeigt uns, dass wir eine Verteidigungsstellung brauchen. Verschanzung. Wir kunstruieren eine vorgelagerte Mauer mit Schießscharten. Kimi arbeitet wieder die Nacht durch, weil sie high ist. Metallwände und Sandsäcke, dazwischen ein paar Waffenregale.

Abends: Victor beleidigt Yoshi.

Nachts: Yoshi macht Avancen gegenüber Alex, die ihn aber zurückweist.

Mitternacht. Kimi isst endlich mal was, sie hat es am letzten Tag einfach vergessen.

Ein Feuer im Süden von Kimis und Victors Holzhütte bricht aus. Kimi hat es gelegt, Victor löscht es. Kurz darauf brennt der Wald zwischen der Pärchenhütte und dem Geschützvorbau, danach auch die Bäume in der Nähe des Solarpanels des Generators. Die anderen müssen erst aufwachen, Victor kann alleine nicht dem Feuer Herr werden. Alex will sie festnehmen, sie widersetzt sich. Zusammen mit Victor überwältigen sie sie, er trägt sie zu ihrem gemeinsamen Bett. Er hat ihr einen Schnitt am Hals und zwei Schnitte am Torso zugefügt. Jetzt versorgt Victor sie.

Das Feuer zwischen Hütte und Verschanzung ist gelöscht. Das am Solarpanel wird größer. Yoshi tut nichts, er ist sich zu fein zum Feuerlöschen. Alex löscht.

Victor flickt Kimi wieder zusammen. Sie hat sich beruhigt.

Langsam fällt Yoshi auf, dass es im Stall kalt ist und er auf dem Boden schlafen muss. Jetzt müssen wir ihm schneller ein ordentliches Bett bauen. Ob er schon so weit ist, dass wir ihm vertrauen können?

02.09.2016

Zündung (Rahjageflüster 11 – In Space)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Diese Geschichte im ‚Rahjageflüster‘ ist etwas Besonderes: Sie spielt als erste Geschichte im Weltraum, ich habe also ein vollkommen anderes Setting ausgestaltet als in allen vorangehenden erotischen Kurzgeschichten. Damit bringe ich neue Spielarten der Liebe und ihrem Vollzug in das gesamte Kapitel des ‚Rahjageflüsters‘ ein.

Auch wenn sich der Ort und die Erzählzeit von den anderen Kurzgeschichten unterscheiden, ist das prickelnde Leseerlebnis das gleiche wie immer.

 

Zündung

Rahjageflüster 11 – Im All

 

Auf und ab, auf und ab, auf und wieder ab und in stetem, rhythmischem Wechsel bewegten sich die Kolben in ihren Zylindern. Mit goldenem Schimmer strömte das Öl in die Leitungen. Sanft und mit angenehmen Surren setzte sich das Schwungrad in Bewegung, bis es gleichmäßig um seine Achse kreiste.

Raul schwebte in der Schwerelosigkeit des Maschinenraums, die Hände gelassen über den zerzausten, schwarzen Haaren verschränkt, und seine dunklen Augen folgten zufrieden den reibungslosen Bewegungen der Treibstoffpumpe. Ein leises Schmunzeln kräuselte seine Lippen und zeichnete ihm kleine Fältchen in die Augenwinkel.

Eine runde Höhle, aus deren vollkommener Dunkelheit lautlos ein Plasmainferno hervorschoss. Da wurde Raul der Schraubenschlüssel aus der Hand gerissen. Klirrend schepperte er gegen das Gitter, das den Mechaniker davor bewahrte, seinen Arm versehentlich in die Kessel und Räder und Kolben zu stecken. Er selbst krallte sich an einen Kabeltunnel, um nicht gegen die Kühlrippen geschleudert zu werden. Die alte Mühle war noch gut in Schuss – und das war ja zu einem guten Teil auch sein Verdienst -, aber mit diesem abrupten Schub hatte selbst er nicht gerechnet. Vor allem nicht ohne Vorwarnung.

“Zündung.”, verkündete die blecherne Stimme des Kapitäns durch den Lautsprecher. Drei Sekunden zu spät. Schönen Dank auch. Als ob auch nur einer auf dem Schiff diesen Ruck verpasst hatte.

Jetzt hatten sie vorübergehend also wieder so etwas wie Schwerkraft. Vielleicht 0,3, höchstens 0,5 G. Der Aufstieg würde also nicht so easy sein wie Rauls Abstieg zum Treibstofftank, wo er sich so lange mit sachtem Druck von den Wänden abgestoßen hatte, bis er unten angekommen war. Nur nicht zu fest. Die Schwerelosigkeit hatte ihm das Klettern die Leiter hinab erspart. Für den Aufstieg sah es leider nicht mehr so günstig aus.

 

Mit einem leisen Seufzer auf den Lippen griff er nach der ersten Sprosse. Sein Blick fiel dabei auf seine Hand. Ein roter Striemen zog sich über seinen gebräunten Handrücken, aus dem kleine Blutströpfchen perlten. Mierda, wo hatte er sich schon wieder geschnitten? Aber eigentlich… ärgerte er sich nicht wirklich. Jetzt, wo er es bemerkt hatte, brannte die Wunde aber der Schmerz störte ihn nicht. Es war eine gute Gelegenheit, um der Krankenstation von Dr. Nguyen einen Besuch abzustatten.

Dr. Nguyen Quyn war vor ein paar Monaten zur Crew gestoßen. Der Kapitän hatte sie angeheuert, nachdem diese hässliche Sache mit Lawrence und der explosiven Dekompression passiert war.

Kaum hatte sie ihre winzige Krankenstation bezogen, unterzog sie die gesamte Mannschaft einem Routine-Check-Up. Raul wurde gewogen, gemessen, der Puls genommen, Strahlungstest, Reflextest, Sehtest, der nächte bitte. Und bei ihrer ersten Begegnung war er ihr sofort verfallen: Ihre katzenhaften, braunschwarzen Augen, ihre zierliche Gestalt, diese schlanken, gepflegten Hände, die über die Kraft hinwegtäuschten, mit der sie zupacken konnten, die spielerische Anmut, mit der sie alltägliche Bewegungen vollführte, etwa wenn sie ihre seidig glatten, glänzenden Haare hinter ihre Ohren steckte, brachten ihn um seinen Schlaf und Verstand.

Sie hatte ihn dann sein Shirt ausziehen lassen, damit sie ihn mit ihrem Stethoskop abhören konnte. Und dann hatte sie ihn für seine körperliche Fitness gelobt und seine Ration an muskelaufbauenden Tabletten gekürzt.

 

Kurze Zeit später hatte er Reparaturen am Treibstofftank durchführen müssen. An der Außenwand. Eine Naht musste verstärkt werden, zur Sicherheit. Danach war, wie immer nach einem Einsatz im Weltraum, in dem nur der Raumanzug zwischen dem Menschen und der kosmischen Strahlung stand, eine Strahlungsuntersuchung angesagt. Dr. Nguyen hatte ihn sehr gründlich untersucht und hatte sie ihm dabei nicht immer wieder zugezwinkert und ihn so… versonnen angesehen? Raul wollte sie darauf ansprechen, aber dann wiederum hatte er befürchtet, sich zum Deppen zu machen. Zum Gespött der ganzen Mannschaft hätte er sich gemacht! Ein einfacher Mechaniker wie er konnte sich doch nichts von so einer gelehrten Frau erhoffen, rief er sich zur Ordnung. Und sagte nichts zu ihr. Und sie entließ ihn mit einem langen Blick ihrer dunklen Augen wieder aus dem Behandlungszimmer.

 

Raul hörte Schritte auf der Leiter. Jemand stieg hinab. Er spähte nach oben. Ein dunkler Schemen vor einem noch dunkleren Hintergrund. Der Besucher hatte sogar die Luke wieder geschlossen, nachdem er in den Schacht gestiegen war. Weil im oberen Abschnitt keine Lampen waren, konnte er nicht sehen, wer es war. Außer Raul kümmerte sich sonst niemand um den Wartungsschacht und die Instandhaltung der Treibstofftanks, deshalb hatte er dort keine Lampen montiert.

In dem Moment, in dem er den Kopf in den Nacken legte, fiel ein kleiner, silberner Hammer dicht an Rauls Arm vorbei. Er war gerade einmal so lang wie seine Hand und so breit wie zwei seiner Finger. Ein Kinderspielzeug?, fragte er sich einen kurzen, verwirrten Moment, bis ihm einfiel, wer an Bord ein solches Werkzeug besaß.

Fast im selben Augenblick rief Dr. Nguyen von oben: “Vorsicht, Raul! Mein Reflexhammer-!” – “Schon vorbei.”, beruhigte sie Raul. “Aber was machen Sie hier überhaupt?” – “Ich… wollte nach Ihnen sehen. Das war ja ein sehr spontaner Schub und ich dachte, Sie im Maschinenschacht könnten vielleicht jemanden brauchen, der mal nach Ihnen sieht.” Sie klang eindeutig nervös. Rauls Herzschlag beschleunigte sich, als hätte jemand einen alten Verbrennungsmotor um einen Gang nach unten geschalten. “Danke, mir geht’s ganz gut. Also, ich habe mich tatsächlich verletzt, aber es ist nichts Schlimmes.”

Jetzt war sie bei ihm angekommen und dirigierte ihn die wenigen Sprossen wieder hinunter, die er erklommen hatte. Ihre Mandelaugen erfassten sofort den Kratzer an seiner Hand. “Nicht tief, aber das sollten wir desinfizieren. Zur Sicherheit.” Damit zog sie die kleine Sprühflasche hervor, die sie für solche Fälle hatte.

Komisch, er hatte vor Kurzem erst fast dasselbe zum Kapitän gesagt, kurz bevor er seinen Außeneinsatz gehabt hatte: Die Naht des Treibstofftanks sollten wir verstärken. Zur Sicherheit.

 

Dr. Nguyen war mit seiner Hand fertig, ließ sie aber nicht los. Sie hatte warme Haut, hielt seine schwieligen Finger in ihrer Hand und sah ihm direkt in die Augen. Der Raum war knapp, vor allem wenn ihn sich zwei Personen teilen mussten, und sie standen so dicht beieinander, dass Raul ihr blumiges Parfum riechen konnte. Mi madre, und ich trage Eau de Maschinenöl…, schoss es ihm beschämt durch den Kopf.

Ihre vollen, roten Lippen teilten sich fast zögerlich, als sie raunte: “Ich bin auch hergekommen, damit wir einmal nicht im Behandlungszimmer miteinander sprechen. Du brauchst ein Gespräch abseits der restlichen Besatzung, nicht wahr.”

Ihm fiel auf, dass das keine richtige Frage war, sondern eine Feststellung. Und, dass sie ihn geduzt hatte. Gleich darauf sprach sie weiter und drückte dabei Rauls Hand leicht, die sie noch immer in ihrer hielt: “Nenn mich Quyn. Quyn… das bedeutet Dunkelrot. Und du… möchtest etwas anderes als nur zu reden, habe ich Recht?”

Raul traute seiner Stimme nicht. Statt ihr mit Worten zu antworten, zog er ihre Hand zu sich, lehnte sich vorsichtig zu ihr und legte seine Lippen auf ihre. Sofort erwiderte sie den Kuss und rückte näher an Raul. Ihr weißer Arztkittel fiel zu Boden und bedeckte den Schraubenschlüssel und den kleinen metallenen Hammer, die dort lagen. Rauls Kleider folgten und sie tauschten keine Worte mehr, sondern Küsse aus.

Raul küsste ihren Nacken, ihren Hals, ihr Kinn. Er konnte sie spielend leicht hochheben, hielt sie und küsste sie leidenschaftlich auf den roten Mund. Seine wachsende Erregung blieb ihr nicht verborgen.

Quyn strich durch die Haare auf seiner Brust, dann hielt sie sich an seinen Schultern fest, schlang ihre Beine um seine Hüfte und grub ihre Finger in seine schwarzen Haare. Sie vereinten sich im gleichen Rhythmus, ihre Bewegungen griffen wie Zahnräder ineinander, wurden synchron. Die Vibrationen des Antriebs gruben sich in ihre Nerven. Sie sprangen wie Funken auf Quyn und Raul über und das Prickeln auf ihrer Haut bahnte sich seinen Weg in ihr Innerstes. Dort steigerte es sich zu einem drängenden Gefühl, das sich Bahn brechen wollte – ein Treibstofftank, der danach strebt, zum Antrieb zu erwachen.

Sie spürten, wie sich Hitze von unten ihren Weg bahnte. Der Antriebsstrahl erwärmte den Boden und die Luft, doch Raul und Quyn hatten eine Gänsehaut. Das elektromagnetische Knistern des Pumpenmotors übertönte alle Geräusche, die von den beiden Liebenden kamen, bis sie erbebten, gleich den zitternden, schuftenden Motoren des Maschinenraums. Quyns manikürte Fingernägel zeichneten neue Striemen auf Rauls starken Rücken.

 

Hypergolische Treibstoffe, zwei Substanzen, die spontan miteinander reagieren, wenn sie sich vermischen. Es kommt zur Explosion. Etwa beim Raketenantrieb. Keine der Substanzen kann mehr für sich allein existieren, sie verschmelzen zu einer neuen Einheit, werden von einer mächtigeren Kraft erfasst, als sie selbst.

 

Dann wurde es still im Maschinenraum.

Von einem Moment auf den anderen war die Zündungsphase vorbei. Die Schwerelosigkeit griff mit federleichten, unentrinnbaren Fingern nach ihnen, ließ die langen, pechschwarzen Haare Quyns in alle Richtungen schweben und auch alles andere entzog sich dem Griff der Schwerkraft.

Ein Schraubenschlüssel trudelte gleichgültig an ihnen vorbei, die sich eng umschlungen wie ein einziger Körper um die eigene Achse drehten.

Nun, da der weißglühende Antriebsstrahl verloschen war, schimmerte im Bullauge blass die Sichel des Planeten, dessen Orbit sie verlassen hatten. Bald würden die Lichtpunkte ferner Sterne ihren Platz einnehmen.

Schließlich schlüpfte Quyn Nguyen wieder in ihren Kittel und Raul in sein Shirt und seine ölbefleckte Hose. Es ging zurück an die Arbeit, für beide. Doch Rauls Einsamkeit im engen Wartungsschacht würde in Zukunft immer wieder der Zweisamkeit weichen… sooft sie den neugierigen Blicken der Mannschaft entkommen wollten.

 

21.11.2018

 

Davor: Rahjageflüster 10: Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon

Zwischen den Sternen

Logbuch der Vala Iduna von Hjolmars Drakka.

6. Anodag des Jahres 1003 nach Thors Donnerschlag

Hjolmar Hakonson wurde zum neuen Drachenführer gewählt. Sein Vater ist ein besonnener Mensch gewesen, der langfristige Entscheidungen gut durchdachte und die knapp drei Dutzend Einherjer unter ihm mit sicherem Gespür für den Einzelnen und die Gemeinschaft vereinte, für einen Sterblichen. Dem Jungen fehlen noch viele Eigenschaften eines guten Anführers. Er ist hitzköpfig, kurzsichtig, will sich beweisen, das Denken in größeren Zeiträumen als zehn mal zehn Tagen ist ihm fremd. Ich selbst blieb bei der Abstimmung natürlich außen vor, da ich als Gray, wie man uns Alterslose landläufig bezeichnet, immer eine beratende Funktion innehabe.
Woher die Bezeichnung übrigens kommt, Gray, das ist mir nicht bekannt. Ich studierte die Raumfahrt, die Geschichte und Religion unseres Volkes, nicht die Sprachen des Universums. Vielleicht brachten die Genmanipulationen der ersten Unsterblichen eine Verfärbung der Haut mit sich und aus grey, grau, wurde der Eigenname Gray. Doch das ist nur meine Mutmaßung. Viel Wissen ist in der frühen Zeit der Stjernalandnáma, dem Beginn der Raumfahrt, unwiederbringlich verloren gegangen. Manches Ereignis mögen die Gray anderer Völker in ihrer Erinnerung bewahren, wie die Seher der Leere, diese Einsiedler, die an den entlegensten Orten in Abgeschiedenheit, Isolation leben, um ohne eine Menschenseele um sich das Universum studieren zu können. Der Grad vom eigenbrötlerischen Sonderling zum schier Verrückten ist schmal.

 

21. Tyrsdag 1005 n.T.D.

Nächste Woche endet der Winterschlaf der Mannschaft. Ich bin froh, nach zwei Jahren nicht mehr nur einmal im Monat für zehn Tage einen einzelnen Snickar zu meiner Gesellschaft zu haben, wenn die Maschinen gewartet werden mussten. Nach wochen- und monatelangen uninteressanten Partien aller bekannten Brettspiele gegen mich selbst würde ich mich derzeit sogar über den Drachenführer freuen. Ich bin sicher, dass ich diese Meinung nach wenigen Stunden mit Hjolmar revidieren werde.

 

22. Manensdag 1005 n.T.D.

Es war soweit. Nacheinander ging ich die Midwintar-Särge der Mannschaftsmitglieder ab und stellte in Dreierpaaren die Programme der Kältezellen von ‚Midwintar‘ auf ‚Midsommar‘. Während ich ihre Lebensfunktionen überwachte, hauchte ihnen die Maschine Baldrs Atem ein und erweckte sie wieder aus ihrem langen Kälteschlaf. Nach Rig-Heimdalls Ordnung hatte ich bei den Snickar begonnen, nach ihnen würden die Karle folgen, denen in unserer Drakka die zehn Walküren angehören, danach die Jarle, das sind der Hetmann, der oberste Snickar und die Anführerin der Walküren.
Doch so weit kam ich nicht, die Nornen hatten Anderes bestimmt. Zwei der drei letzten Techniker erwachten langsam, aber der dritte Monitor zeigte keine Reaktionen. Der Mann wurde aufgetaut, doch sein Herz schlug nicht. Sven hieß er. Ich versicherte mich kurz, dass die Anzeige intakt war – wenn ich irrtümlich in den ‚Midsommar‘-Prozess eingriff wäre es sein sicherer Tod –, dann rannte ich zu dem Gerät, dass sein Herzschlag vielleicht wiederbringen konnte.
Aufladen. Der erste Schock. Herzflimmern, kein Puls.
Aufladen. Der zweite Schock. Herzflimmern. Kein Puls.
Aufladen. Der dritte Elektroschock. Kein Puls.
Ein vierter Versuch wird ihn nicht zurückbringen. Einen vierten Versuch gibt es nicht. Zeitpunkt des Todes: Acht Uhr siebenunddreißig Schiffszeit. Sven Gunnarson ist zu Odin gegangen.

„Was ist mit ihm?“, erklang in meinem Rücken die bange Frage des anderen Mannes, der inzwischen bei Bewusstsein war. Ich drehte mich zu ihm um und schüttelte wortlos den Kopf. Er nahm es gefasst auf. Jeder wusste um die Risiken des Winterschlafs. Dann beugte er sich nach vorne und übergab sich. Es dauert mitunter mehrere Stunden, bis die letzten Nebenwirkungen abklingen. Die Übelkeit legt sich relativ schnell wieder, aber ich habe mir von anhaltenden Taubheits- und Schwindelgefühlen berichten lassen und Schwächeanfälle, Sprachprobleme und Gedächtnisverlust von Erwachten erlebt. Bei Thor, da ist mir meine Langeweile lieber.

Ich teilte den letzten Rest Met in 30 Portionen. Den Leichnam hatte ich gewaschen, ihm einfache, saubere Kleidung angelegt und in einen hellen Sack gelegt. Wir standen um ihn versammelt. Jeder hob sein Glas und sprach einen Nachruf für den Toten, bevor er seine Rede mit den rituellen Worten „Er ist zu Odin gegangen.“ beendete und den Met auf einen Zug leerte. Mit unseren Worten trat Sven Gunnarson von den Lebenden in Hels Reich der Ahnen über. Unsere Sätze waren der Anfang der Geschichten, die wir an den Abenden der Ánodagar über ihn erzählen würden.
Seine Kollegen hatten über ihn erzählt, wie er immer wieder an derselben Stelle einen Stromschlag abbekommen hatte, den jeder andere zu vermeiden wusste. Außerdem schien er ein lebenslustiger Mensch gewesen zu sein. Ich bedauerte, ihn nicht besser gekannt zu haben. Dann formulierte ich, die Gray des Thorshammers, meinen Nachruf: „Sven war ein zuverlässiger Snickar. Seine Witze werden uns fehlen.“ Für ihn war sein Winterschlaf zum Fimbultyr-Winter geworden. „Er ist zu Odin gegangen.“ Zuletzt erhielt er seinen letzten Met in der Runde unserer Gemeinschaft.
Wir trugen ihn in die Luftschleuse. Normalerweise würden wir ihn in einer Sarkophag-Drakka im Weltraum bestatten, doch ich hatte das Schiff bereits in den Orbit um unseren Zielplaneten navigiert. So blieb noch eine Bestattung im Orbit. Eine Feststoffrakete würde ihn bis in die Atmosphäre des Planeten, der als ᛒ-ᚻᛞᛗ Berkano Haglaz-Dagaz-Mannan 02.068 in den Karten verzeichnet war, befördern, wo er als Sternschnuppe sein Zeichen gen Walhall sendet.
‚Widi‘ habe ich den einzelnen Planeten für mich statt der sperrigen Katalogbezeichnung benannt, der in enger Bahn um den schwach glimmenden roten Zwerg kreist, nach der gras- und strauchbewachsenen, weitläufigen Heimstatt Widars. Es waren keine Anzeichen menschlicher Besiedlung von hier oben aus sichtbar, auch mit dem Teleskop „Hlidskjalf“ nicht. Doch das musste nicht heißen, dass Widi unbewohnt war, denn die Menschen leben die meiste Zeit ihrer Geschichte, ohne deutliche Zeichen ihrer Existenz in den Himmel gen Asgard zu schicken. Nur entlang der wenigen Binnenmeere wuchsen Pflanzen, der Großteil des mondlosen Planeten war mit Wüsten bedeckt. Dort in einer der größeren Oasen würden wir landen. Mit den Gedanken war ich bereits bei der nächsten Aufgabe, Bewohner zu finden und zunächst auf friedlichem Wege so viel Nahrung wie möglich zu erhalten.

Auf einmal ertönte ein ohrenbetäubender Schlag. Die Welt um mich wurde schwarz. Als ich aus meiner Sekunden währenden Ohnmacht hochfuhr hatte mich schon der Sog erfasst und bis kurz vor den Spalt gesogen, der mit einem Mal in der inneren Türe der Luftschleuse klaffte. Das Tor war aus seiner Schiene gesprungen und nach außen durchgebogen, an den Rändern riss die Leere mit aller Macht die Luft an sich, nach draußen. Sirenen schrillten und die blecherne Stimme der Drakka informierte uns, dass der Sauerstoffgehalt sank und fragte, ob sie das Schott des betreffenden Schiffsabteils verriegeln sollte. Das Schott befand sich hinter uns.
Ich hatte keine Zeit auf die Drakkafylgia zu reagieren oder auf Anweisungen von Hjolmar zu achten. Hektisch griff ich nach dem ersten Halt der sich mir bot und Loki lächelte einmal auf mich herab: Ich erwischte den Griff direkt neben der Türe. „Yggdrasilssplitter, Weltenbaumrinde, der Eschenkronenzweig gibt Wachstum dem Wunden…“, beschwor ich schnell die Kraft des Splittes der Weltenesche, den ich immer bei mir trage, mit dem ersten passenden Stabreim, der mir in meiner Not einfiel. In Sekundenschnelle schmolz das Material der Türe und verwuchs mit der Bordwand. Wir waren gerettet.
Aber ich noch nicht. Ein rascher Blick durch den Raum zeigte mir, dass ich die letzte war, die sich noch nicht hinter das Schott zurückgezogen hatte – und das Sicherheitstor war schon halb geschlossen! Hjolmar stand direkt neben der immer kleiner werdenden Öffnung an einem der Runensteine, mit denen wir mit der Drakkafylgia in Kontakt treten konnten und er tippte hektisch und hochkonzentriert auf die eingeritzten Runen ohne mich eines Blickes zu würdigen. Wollte er mich vor den Augen der versammelten Mannschaft ausschließen und dem Tod überlassen? Mit mehr Wut auf ihn im Bauch als Furcht um mein Leben stieß ich mich von der Wand ab und flog, da uns Ymirs Griff nicht hielt, auf den Hetmann zu. Das Schott schloss sich, Sekundenbruchteile nachdem ich im Abteil dahinter inmitten der Mannschaft gelandet war.
Meinen wutentbrannten, sarkastischen ‚Dank‘ würdigte Hjolmar mit einem gleichgültigen Schulterzucken.

Ungeachtet des Verlusts und des Unfalls mussten wir ein Shuttle zu Widi schicken. „Musst du nicht die Reparaturen beaufsichtigen?“, fragte ich den Drachenführer, der sich für den Flug zum Planeten bereit machte. Was als Ausdruck meines Missfallens gedacht war und dennoch natürlich mehr als nur einen Funken Vernunft in sich barg – schließlich sollte er sich tatsächlich am besten mit seiner Drakka auskennen, und der Funktionstüchtigkeit des Schiffes galt oberste Priorität – überzeugte ihn. Hjolmar blieb also auf dem Schiff, während der Snickar Björn Rolafson, die Walküren Brida und Sigun unter der Führung der obersten Walküre Brünhild und ich das Shuttle und uns bereit machten. Wir luden mögliche Tauschwaren ein, überprüften die Sender, die uns einen begrenzten Kontakt zu der Drakka gewährten, und legten ab. Widi und möglicherweise seine Bewohner erwarteten uns.