Hedwyg: Wahn

Eine Hand auf der Reling, mit der anderen stützte sie sich am hohen geschnitzten Drachenkopf ab. Hedwyg stand kurz vor ihrer offiziellen Anerkennung als vollwertiges Mitglied der seefahrenden Gemeinschaft und heute würde sie wieder ein paar Handgriffe der Seemannskunst erlernen. Über den Bug des Schiffes gelehnt ließ das junge Mädchen sich vom Fahrtwind den Atem rauben. So musste sich das Fliegen anfühlen, wenn die Seevögel mit kräftigen Schwingen in rasender Geschwindigkeit über die Wellenkämme brausten. Gischttröpfchen benetzten ihr Gesicht und ließen ihre Lippen nach Salz schmecken. Ihre Augen tränten. Über ihr knarrten die Taue, die steife Brise pfiff schneidend durch die Seile und die Wellen krachten donnernd gegen die letzten Felsen, die sie rasch hinter sich ließen. Ein Dutzend Möwen umkreiste lärmend den Mast. Ein paar Meilen noch, dann würden die Vögel wieder umkehren. So weit, wie das Drachenschiff heute noch fahren würde, entfernten sich die Tiere nie von der Küste. Das Ziel der heutigen Reise waren die nördlichsten der Inseln, die vor der Westküste des Kontinents lagen. Die Riemen des Langschiffes waren eingezogen, ein kräftiger Ost trieb sie schnell auf die offene See. Zum Glück, denn auch heranwachsende Mädchen mussten mit anpacken und fanden ihren Platz auf den Ruderbänken.

Hinter ihr brummte eine raue Männerstimme etwas, was bellendes Gelächter erntete. Die Jugendliche spürte, dass die zweifellos zotige Bemerkung ihrer Person galt und drehte sich rasch um, um den Übeltäter mit einem strengen Blick zu bedenken. Leider hatte sie die Windrichtung nicht bedacht und musste erst einmal die langen Haare aus dem Gesicht wischen. Doch der strafende Blick traf Olaf trotzdem. Der grinste nur breit zurück. „Nichts für die Ohren von kleinen Mädchen!“, rief er ihr zu. „Und pass auf, dass es dich nicht über Bord bläst!“ – was natürlich eine unnötige Warnung war. Dennoch verließ sie ihren Posten, um sich beim Steuer niederzulassen und den Erklärungen des Steuermanns zu lauschen. Wie man die Wellen las, die genaue Windrichtung bestimmte, wie man Strömungen erkannte und wie Wind und Segel, Ruder und Mannes- und Frauenkraft zusammenarbeiteten.

Am besten gefiel ihr, anhand kleinster Landmarken, am Geschmack der Gischt und am Geruch des Windes die Position des Schiffes mit erstaunlicher Sicherheit festzustellen. Sie hatte vor, eine der besten Navigatoren ihres Volkes zu werden. Ach was, die beste, der Skaldensänge und Strophen von Sagas gewidmet werden.

Der günstige Ostwind hielt, das flache Drachenschiff steuerte zügig auf die Inselgruppe zu. Es dämmerte bereits, der Horizont war noch hell vom Sonnenuntergang, während im Osten schon die ersten Sterne aufschimmerten. Als der dunkle Schatten der sich nähernden Inseln gerade zu sehen war, übernahm Akleif wieder den Ruderbalken. Das schlaksige Mädchen zeigte Geschick bei der Navigation, doch er kannte diese Gewässer so gut wie den Weg von seinem Langhaus zum Dorfplatz.

Plötzlich drehte der Wind. Eine heftige Bö fuhr in die Segel, die sich mit lautem Klatschen drehten. Sie war die Vorhut für eine Serie unsichtbarer Schläge, die der Wind gegen die Seefahrer führte, tausend Hände, die unablässig an Haaren und Kleidung zerrten und die immer schneller, immer stärker wurden. Der ferne Schemen wurde schnell größer, schneller und schneller näherte er sich, er bauschte und türmte sich auf und gab sich auch dem letzten erschrockenen Mann auf dem Schiff als dräuende Gewitterwolke zu erkennen. Sie breitete sich immer weiter aus und umfing das Schiff in einer innigen, finsteren Umarmung. Nicht genug Zeit, den Mast abzubauen, alle Mann die Segel reffen und – beten. Schlagartig wurde es Nacht. Keine Sterne mehr zu sehen. Nicht einmal mehr das andere Ende des Schiffes. Einen kurzen Moment war alles überlaut – das Tosen der Wellen, der schrille Ruf einer Matrosin, das Knallen eines losen Seils – dann beendete ein ohrenbetäubendes Donnern alle Geräusche. Es klang als hätten sich zwei urgewaltige Berge wutentbrannt aufeinander gestürzt, Berge aus Luftmassen. Gebirge aus Sturm.

Inmitten ihres Kampfes – das kleine Schiffchen mit kurzlebigen Menschenwesen darauf. Gleichgültig waren sie dem Meer und dem Orkan, der sich aus dem Nichts zwischen Himmel und Ozean auftürmte, die das zerbrechliche Spielzeug achtlos zwischen sich hin und her warfen. Der Sturm war heran.

Fallwinde stürzten sich auf das Schiff, peitschten die See empor, trieben es Wellenberge hoch und ließen es tiefe Wellentäler hinabstürzen. Die See kehrte sich nach oben, doch bald gab es kein Oben und kein Unten mehr. Sie wurden Bergkämme aus Wasser empor getrieben, nur um dem Sturz nach unten gnadenlos ausgeliefert zu sein. Das Deck hob sich wie ein bockendes Pferd, das seinen Reiter um jeden Preis abschütteln will. Die Seefahrer erfuhren Sekunden, in denen beide Füße den Boden verloren und sie nur noch hofften, wieder auf den Holzplanken aufzukommen.

Der jugendlichen Lotsin schien es, als hörte sie Stimmen inmitten des Sturms. Kreischende Feindschaft brüllte ein Tenor, wortlose grelle Schreie schwollen durch alle Tonlagen hysterisch an und ab, eine dritte Partei waren aufbrausende hohe Soprane, deren Stimmen mit schrillem Zorn und wütenden Windstößen gegen das Schiff und seine Besatzung angingen. Ein Chor naturgewaltiger Mächte, die der Wahn gepackt hatte. Kaum vernehmbar hinter dem Toben und Wüten, wenn der Lärm ein wenig abschwoll, war eine weibliche Altstimme zu hören. Sie sprach sanft und beschwichtigend, aber sie kam nicht gegen die entfesselte Raserei der anderen Stimmen an. Doch die Navigatorin hörte sie. Hörte sie und schöpfte Hoffnung. Sie rief es an, das körperlose Wesen, schrie ihm entgegen, dass niemand auf dem Schiff den Tod verdiente, dass sie alle tapfere und tüchtige Nordleute waren und sich im Kampf mit den Elementen wacker geschlagen haben. Sie war sich sicher, das Wesen hörte sie.

Und das tat es.

Vor dem abgebrochenen Zahnstummel, der dort empor ragte, wo ehemals der Mastbaum stand, kämpfte die jugendliche Lotsin darum, nicht über Bord gespült zu werden. Welle um Flutwelle schleuderte sie gegen die Reling, die wie durch ein Wunder noch nicht gebrochen war. Am Anfang hatte jeder Sturz flammende Schmerzen durch die linke Schulter und den Arm hinab geschickt, doch die geprellten Knochen machten sich mittlerweile nurmehr als kleines Stechen inmitten des größeren Kampfes gegen die feindlichen Wogen bemerkbar. Abermals erhob sich eine dunkle Wasserwand über dem Schiff. schwarz vor dem tobenden Himmel. Mit Macht warf sie sich auf das Deck, auf die Bänke, auf das Mädchen, fegte Holzsplitter wie Geschosse durch die Luft. Wie eine harte Faust schlug es auf ihre Brust und in ihr Gesicht, drückte die Luft aus ihren Lungen und füllte sie mit Wasser.

Plötzlich war alles verlangsamt. Sie schlitterte auf allen Vieren auf das klaffende Loch zu, wo eben noch die Bordwand war. Wenn sie sich doch irgendwo festhalten könnte! Ihre Hände versuchten vergebens, auf den vom kalten Wasser überspülten Planken Halt zu finden. Eine Kiste rutschte gemächlich mit ihr auf den offenen Malstrom zu, die bot auch keinen Halt… ein Fetzen Stoff, den sie zu fassen bekam, riss Zentimeter für Zentimeter in ihren Fingern.

Da! Ein Tau peitschte knapp an ihrem Arm vorbei. Aber es war der falsche, der linke, sie konnte die Finger nicht bewegen. Mit äußerster Willensanstrengung streckte sie die Hand aus. Nur noch ein kleines Stück, dann gäbe es noch Hoffnung… Nein, sie konnte die Hand nicht öffnen. Noch einmal versuchte sie es, versuchte, das Seil mit schierem Willen in ihre Hand zu zwingen, und langsam, ganz langsam kroch das Ende auf sie zu, näherte sich Stück für Stück ihrer Hand, bis sie es endlich umfassen konnte. Nein, nicht sie umfasste es, es wickelte sich wie von Geisterhand um ihr Handgelenk. Dann gewann die Welt ihre ursprüngliche Geschwindigkeit zurück. Mit einem Ruck wurde sie gegen den Mast geschleudert. Ihr Hinterkopf schlug gegen etwas Hartes und ihre Welt versank in einer schwarzen Flut.

Ihr war, als ob sie Stimmen hörte. Fast gingen sie im Rauschen des Windes unter. Mal klangen sie näher, dann entfernten sie sich wieder. Doch sie wusste, dass die Worte nicht ihr galten, denn die hallenden Stimmen redeten auch über sie. Sie sprachen von Menschen, die tapfer dem Sturm trotzten. Eine andere, kraftvolle Stimme sprach dagegen und dass der Baum, der sich dem Sturm entgegen stellte, entwurzelt werde. Nur wer sich ihm beugt, bliebe unbeschadet. Dann diskutierten sie das Einholen der Segel und die Schäden am Langboot. Die junge Seefahrerin zuckte innerlich zusammen, als sie die Auflistung hörte. Dennoch waren sie nicht hoffnungslos verloren. Sie konnten Ruder herstellen und das Schiff immer noch nach Hause bringen.

Die Stimmen entfernten sich. Eine letzte blieb, Hedwyg hörte sie in ihrer Nähe flüstern. Es schien eine weibliche Stimme zu sein, doch das war schwierig festzustellen. Sie kannte diese Stimme, sie hörte sie manchmal im Wind. Sie forderte das halbwüchsige Mädchen auf, sich zu bewegen, nicht still zu stehen. Wirble, wehe, wandere – wehe dem, der Wurzeln schlägt! Ihn wird der Wind entwurzeln, wisperten die Worte hinter Hedwygs Schläfen. Ja! Ich will mich bewegen, will frei über die Dünen jagen, dachte Hedwyg. Aber es war so schwer, auch nur mit einem Glied eines Fingers zu zucken. Schlagartig wurde die Stimme wütend: Was bist du? Kind einer freien Sippe die dorthin segelt, wohin der Wind sie trägt? Oder ein schwacher Windhauch, der sich von jedem dünnen Fensterladen aussperren lässt? Etwas bäumte sich auf in Hedwygs Brust. Sie spürte Widerwillen in sich aufsteigen. Natürlich wollte sie nicht schwach sein! Stolz und frei, das waren ihre Leitsterne.

Das drängende Gefühl in ihrer Brust ballte sich zusammen, wurde zu einem harten Klumpen. Es drückte schmerzhaft und mit einem Mal bäumte sich das Mädchen auf. Akleif nahm seine Hände von ihrer Brust, die nun wieder selbst nach Luft rang. Verschwommenes Gemurmel brandete an ihre Ohren. Die Worte konnte sie nicht verstehen, doch sie hörte die Erleichterung in den Stimmen, während sie sich auf dem nassen, kalten Sand zusammenkrümmte und minutenlang nur noch Salzwasser ausspie.

„Wa…“, krächzte sie und es klang fremd und mehr wie ein Vogelschrei als nach ihrer eigenen Stimme. „Lass gut sein“, brummte Ekleif, „bis du wieder Luft in dir hast statt Wasser. Wolltest wohl das Meer aussaufen und rausspazieren, hm?“ Sie bemerkte, dass er damit nur seine Erleichterung überspielen wollte. Später witzelte er weiter: „Versuch nächstes Mal lieber, oben zu blieben. Als Fisch unter den Wellen hat es ja nicht so gut geklappt, was.“

Sie waren auf einem kahlen Felsen gelandet. Das Drachenboot war ohne Mast und hier würden sie auch keinen Ersatz finden. Abgesehen davon, mit was sie ihn denn hätten zimmern wollen? Es war ein harter Rückweg, da ihre Ruder dezimiert und der Mast nur noch ein Stummel war, aber die Freude und Dankbarkeit darüber, dass alle überlebt hatten ließ sie pullen ohne zu murren. Auf dem Sand zerbrach Senna die Klinge ihres Langdolches und warf sie in die aufgewühlten Fluten, als Opfer an den Gottwal und die Sturmgeister.

Und Hedwyg hatte noch immer diese körperlose Stimme im Ohr, die ihr Mut und Trotz zugesprochen hatte. Wenn sie daran dachte, spürte sie unsichtbare Finger im Wind, die ihr durch das unordentliche Haar zausten. Vom Seil, das wie eine lebendige Schlange, wie von Geisterhand auf sie zu gekrochen war, erzählte sie niemandem. Wer sollte ihr schon Glauben schenken – ihr, die schon immer Stimmen im wortlosen Wispern des Windes gehört hatte? Ihren Eltern blieb aber nicht verbergen, dass etwas sie beschäftigte. Es war ihre Mutter, die es schließlich aus ihr herauskitzelte. Doch sie lachte nicht und tat es nicht als Spinnerei ab, wie es Hedwyg erwartet hätte. Nein, sie schickte Hedwyg auf eine Reise. Zusammen mit ihrem Vater, Raskir. Gemeinsam würden sie Olport besuchen.

Olport und die Halle des Windes. Die Schule für Bordmagier.

13.04.2019

Hedwyg: Traum

Das Mädchen weinte. Dicke heiße Tränen kullerten ihre Wangen hinunter, die Nase lief, das Mündchen bebte, die kleinen Fäuste waren zornig geballt. „A-aber… aber ich bin doch schon ein großes Mädchen! Das hast du selbst gesagt! Ich kann ganz alleine bis zum Felsen am Strand, und ich kann auch schon mitsegeln!“ Dass die Mutter lachte war gemein. So sorgfältig hatte sie ihren Rucksack gepackt, und sogar die Puppe hatte sie auf dem Bett liegen lassen, damit die Mutter an sie dachte, wenn sie weg war. Auf großer Fahrt mit dem Vater. Doch sie durfte nicht, und das war unfair. Schließlich hatte sie Sigun erst gestern mit der Nachbarin darüber reden hören, was für ein großes Mädchen sie doch hatte. Da hatte die Mutter sie noch gelobt, aber jetzt…

Sie wirbelte so schnell herum, dass der blonde Zopf in weitem Bogen flog und rannte los. Sollte Sigun doch so viel rufen, wie sie wollte, sie würde nicht stehen bleiben und zurück kommen. Sie nicht. Nicht Hedwyg Raskirdottir. Erst als der stechende Schmerz in der Seite zu viel wurde, verlangsamte sie ihre wilde Flucht, verschnaufte keuchend und wischte sich mit dem Handrücken Rotz und Tränen aus dem Gesicht. Das Dorf war jetzt weit genug weg, entschied sie, nun konnte sie im normalen Schritt weiterlaufen. Die Mutter wird schon sehen, dass ich gut alleine zurechtkomme! Die Füße gingen wie von selbst den altbekannten Weg, ein kurzes Stück durch den Wald, die sechs Trittsteine über den Bach und dann immer bergab bis zu den Dünen. Die Schreie der Möwen hörte sie schon von weitem. In ihren Ohren klangen sie heute besonders gemein, oder vielleicht auch traurig und enttäuscht. Das Meer hörte sich an wie immer an einem ruhigen Tag.

Sie zog sich am kantigen Strandgras auf die Düne und ließ ihren Rucksack und danach sich selbst in den Sand fallen. Die Tränen waren versiegt, die Wut brannte noch im Magen und in der Kehle. Der Vater und die ganze Gemeinschaft, so kam es ihr im Moment vor, würden diesen Nachmittag mit dem großen Drachenschiff Viksand verlassen und erst im stürmischen Spätherbst wiederkommen. Monatelang müsste sie auf alle warten! In der Zwischenzeit hätte sie bestimmt schon längst ihre letzten Milchzähne, die hinteren, verloren. Und Raskir hatte ihr versprochen, dass sie bald – bald! – mit durfte. Es war ungerecht. Der Vater hatte gesagt, dass aus ihr eine große Seefahrerin würde, aber wie sollte sie eine große Seefahrerin werden, wenn sie nicht mit den anderen zur großen Ausfahrt mit durfte?

Die Kleine warf sich mit einem schweren Seufzer auf den Rücken und ließ Handvoll um Handvoll Sand durch die Finger rinnen. Zuerst energisch und mit den Handflächen immer wieder auf den Boden schlagend, doch mit der Zeit wurden ihre Bewegungen ruhiger. Die Frühlingssonne schien zwischen schnell dahinziehenden Wolken und wärmte ihr Gesicht und die bloßen Arme. Die Möwen kreischten, der stete Wind bließ. Er wischte ihr ein paar Haarsträhnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, über die Stirn und kitzelte sie in der Nase. Na gut, dachte sie sich, schnaubte die Haare weg, rappelte sich in den Schneidersitz hoch, verschränkte die Arme vor der Brust und streckte der Welt im Allgemeinen und dem böigen Wind im Besonderen die Zunge raus. Dann ärgerst du mich heute auch noch, fiese Windsbraut. Der Wind zupfte weiter an ihren Haaren. Jetzt kitzelten sie im Nacken. Hedwyg musste wider ihren Willen lachen. Ein leises Summen begann tief in ihrer Kehle und bahnte sich seinen Weg nach oben, die Mundwinkel zuckten, ein Kichern perlte zwischen halb geöffneten Lippen hervor, bis ein freies Lachen die Dünen hinunter scholl. Sie sprang auf, breitete die Arme weit aus, hüpfte im Kreis, legte den Kopf in den Nacken und lachte, lachte, bis ihr die Tränen kamen. Der Lachanfall verebbte in einem Glucksen, das sich im Rauschen der Wellen gegen den Strand verlor. Sie hickste. Na toll, jetzt hatte sie auch noch einen Schluckauf bekommen. Das hat man davon, wenn man nicht mehr Trübsal bläst. Aber nein, es war schon besser so. Die Erwachsenen waren immer so stur, da würde sie sich schon heimlich auf das Schiff schleichen und hinter irgendwelchen Kisten verstecken müssen, als dass sie mitdurfte. Und dann wären sie alle sauer auf sie. Bestimmt so lange, bis sie selbst erwachsen war. Dann lieber doch nicht. Sie angelte nach dem Riemen des Rucksacks, zog ihn zu sich herunter und kramte nach etwas Essbarem. Zwei Dörräpfel hatte sie eingepackt, eine Zwiebel, einen Kanten Brot… da, der süße Zwieback, ganz hinten war er gelandet. Der war jetzt genau das Richtige. Während sie zufrieden kaute und sich für ihre Weitsicht, das leckere Gebäck eingepackt zu haben, lobte, hatte sie sich wieder zwischen ein paar Büscheln Gras niedergelassen.

Der Nachmittag verging, das Mädchen verfütterte das Brot an die zankenden Seevögel, genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres und schmiedete Pläne für den kommenden Sommer. Eine Woche lang die Tante besuchen, beim Schafscheren helfen, einen rotweißen Drachen bauen und ihn ganz hoch steigen lassen. Bis zu den Wolken, schwerelos im Wind tanzen… sehnsüchtig ging ihr Blick in den Himmel, wo die Brise die Wolken jagt. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Wie eine Feder, so leicht, ja, sie konnte sich gut vorstellen, wie das wäre, wie sich das anfühlen würde. Der Wind wisperte ihr unablässig ins Ohr, sie konnte die Worte nicht verstehen, doch das musste sie auch nicht. Sie wusste, was sie bedeuteten. Von der Sehnsucht und der Ferne und vom Meer erzählte ihr der Wind, von der Unrast und der Reise. Das Kind sehnte sich nach der Reise. Doch das weite Meer musste noch warten. Wenigstens ein paar Jahre noch. Solange hatte sie den Wind, der ihr von seinen Fahrten sang.

Wie eine Feder schwebte sie. Jeder Windhauch trug sie höher, das glitzernde Meer unter ihr erstreckte sich immer weiter, sie sah das Dorf wie Bauklötze auf dem Hügel hinter dem Wald. Dorthin wollte sie jetzt noch nicht zurück. Ein freundlicher Luftstrom trug sie in die andere Richtung, auf das Wasser zu. Sie hielt Ausschau, und da! Dort sah sie es, klein wie eine Nussschale schwamm das sonst so mächtige Drachenschiff auf der gekräuselten Oberfläche. Winzig wie Ameisen und genauso emsig beschäftigt wuselten die Frauen und Männer des Dorfes auf dem Schiff und am Ufer umher. Alles bereitete eifrig die baldige Abfahrt vor. Nach kurzem Umschauen fand sie den, den sie suchte: Im blauen Hemd, die alte Lederweste offen, hievte Raskir gerade ein paar Kisten von hier nach dort. Eine Bö zauste durch seinen rotblonden Pferdeschwanz und Hedwyg hätte ihm am liebsten zugerufen und wäre in seine Arme gehüpft. Aber als Feder hatte sie natürlich keine Stimme. Abrupt hob da der Vater den Kopf. Er runzelte die Brauen und drehte den Kopf von links nach rechts. Vater! wollte Hedwyg noch einmal rufen. Doch der hatte sich schon wieder seiner Arbeit zugewandt. Sie glaubte, ein warmes, wohlbekanntes Lächeln auf seinen Lippen gesehen zu haben.

Das Mädchen schlug die Augen auf. Es fröstelte, die Sonne wärmte nicht mehr und stand eine Handbreit über der Wasseroberfläche. Das Meer hatte sich zurückgezogen. Die Ebbe! Sie wollten doch mit der Ebbe auslaufen! Schnell schnappte sie sich ihren Rucksack und trabte zur Hafenbucht. Dort standen sie alle versammelt, diejenigen, die daheim bleiben würden, und die, die zur Sommerfahrt aufbrachen. Der Vater hielt gerade die Mutter im Arm, er blickte über ihre Schulter und sah sie heraneilen. Er zwinkerte ihr zu. „Na, kommst du mich noch einmal verabschieden?“ Seltsam, er betonte das „noch einmal“ so, als hätte sie das heute schon getan. Dabei hatte sie das doch bloß geträumt.

Sie drückte den Vater ganz fest und gab ihm einen dicken Abschiedskuss. An der Hand der Mutter winkten sie ihm solange nach, bis das gestreifte Segel in der Dämmerung verschwand. Der Wind wehte vom Meer, fuhr ihr durch die Haare und versprach dem Kind, ihm Botschaft vom Vater zu überbringen.

13.01.2014

Die Zwergenbrücke

Im Osten der alten Stadt Olport an der windigen Nordwestküste des Kontinents führt die steinerne Zwergenbrücke, die besser als Torstor-Om-Brücke bekannt ist, über den Fluss. Vom Aussehen her passt sie nicht so recht in das Stadtbild, das zum größten Teil aus den typischen, traditionellen Langhäusern besteht. Bemerkenswert sind die vier Säulen: Der Brückenbogen ist mit feinen, in den Stein gemeißelten Ornamenten verziert und wird von vier Säulen getragen, die vier Zwergen detailgetreu nachempfundenen sind.

Der berühmte Seefahrer Torstor Om soll einmal betrunken den Yaquir aufwärts gerudert sein, entlang von Olivenbäumen und Rapsfeldern. Dabei passierte er mit seinem Drachenboot in einer der großen Städte die Brücke mit ihren vier tragenden Zwergen. Sie muss ihm wohl gefallen haben, denn er hat sie abgebaut, nach Olport gebracht und Stein für Stein in nur einer Nacht wieder aufgebaut. Am nächsten Morgen wunderten sich die Leute über die Brücke, die über Nacht erschienen war, und die Säulen, die vier zu Stein erstarrten Zwerge.

Torstor Om aber stand stolz auf seiner Brücke und tischte allen die Geschichte auf, dass er die Zwerge erwischt habe, wie sie sich jeder auf ein Drachenboot schleichen wollten. Und jeder weiß, dass das die Boote zum Sinken gebracht hätte, denn mit jeder Meile, die sich ein Zwerg weiter vom Festland entfernt, wird er schwerer und schwerer, bis ihn das Holz schließlich nicht mehr tragen kann und er zum Verderben der gesamten Mannschaft hindurchbricht. Torstor behauptete, er habe die vier so lange in ein Trinkspiel verwickelt, bis die Sonne aufging und die Strahlen sie zu Stein erstarren ließen. So hatte er vier Drachenboote auf einmal vor dem Sinken bewahrt und gleichzeitig eine Brücke über den Fluss errichtet.

En Folksång – Ein Schwedisches Volkslied

Ich träumte von einem Mädel jung
golden war ihr Haar
sonnenhell so war ihr Blick
die Stimme vogelgleich.

Das Mädchen ging zum Strand hinab,
golden war ihr Haar,
den Leuchtturmwärter sah sie dort
die Vögel sangen so klar.

Das Herz schlug schnell in ihrer Brust,
sonnenhell der Blick
fand den Mann und Liebe begann,
golden war ihr Haar.

Sie riefen laut und verlobten sich,
die Stimmen vogelgleich.
Der Turm so einsam lockte sie nicht,
golden war ihr Haar.

Matrosen kamen mit Gold und mehr,
und golden war ihr Haar.
Sie vergaß ihren Mann und ging davon
mit sonnenhellem Blick.

Da brach des Leuchtturmwärters Herz,
die Vögel schwiegen still.
Er starb hinfort und sah nie mehr
ihr Haar so rot wie Gold.

(11.10.2017)

En Folksång – A Swedish Folk Song

Jag drömde om en kvinna ung
gult var hennes hår
ljus som solen hennes titt
fågellika röst.

Kvinnan gick på stranden ner,
gult var hennes hår,
fyrvaktaren såg henne där
fåglarnas sång är klar.

Hjärtat slog snabbt i bröst,
solenljusa titt
hittade mannen och kärlek segrade,
gult var hennes hår.

De ropade hög och lovade sig,
fågellika röst.
Ju ville hon mer än ett ensamt torn,
gult var hennes hår.

Sjömän kom och bjöd guld och mer,
gult var hennes hår.
Hon glömde sin man och gick därifrån
med solenljusa titt.

Då bröt fyrvaktares hjärta,
fåglarna teg tyst.
Han lämnade livet och såg inte mer
hennes hår så röd som guld.

(11.09.2017)

Lied vom Anbeginn der Welt

Gehört in den Zelten der Schamanen der weiten Tundra, ein Wechselgesang zwischen dem Schamanen und der versammelten Sippe:

„Im Dunkel der Zeit,
Aus Chaos und Nichts geboren,
Ward sich das göttliche Himmelspaar
Seiner Existenz gewahr.“

„Sie sind allein. Wollen es nicht sein.“

„Vier Welpen Grispelz geboren,
zwei Wölfe und Menschen.
In Eintracht zu leben, zu jagen
Und lernen auserkoren.“

„Zu wärmen den Menschen. Zu lehren die Sprache.“

„Endlos weit die Ebene sich erstreckt.
Der Mensch ist jung, hat nicht
Den Zorn der Wölfe noch erweckt,
Hat noch nicht gebrochen durch den Frevel Madas.“

„Die Wölfe lieben. Ihre Kinder und Geschwister.“

„Firngrims Zorn ist mildes Bestreben,
Einen Mondlauf nur dem Leben
Ruhe und Schlaf zu geben.
Sie deckt das Land sanft zu.“

„Sorgt, dass sich alles wieder erfrischt.“

„Fruchtbar ist der Erde Schoß,
Und die Herden sind fett.
Doch die Eintracht ist gefährdet,
Denn die Gier des Menschen ist groß.“

„Und so ist Madas Verderbtheit.“

„Liska geht zu den Stämmen,
Wird von Vaê aufgenommen,
Doch Madas Stolz und Habsucht lassen ihn
Ihre goldenen Welpen töten.“

„Entzweit von nun an. Sind Wölfe und Menschen.
Liskas Schmerz ist unermesslich. Der Mord unverzeihlich.“

„Die Leichen ihrer Kinder
Legt auf die Schale sie,
Zu mahnen die Stämme
Ob der schrecklichen Tat.“

„Kyrjakas Saat fand Boden im Menschen.
Madas Schandmal gemahnt uns noch heute.“

„In ihrer Wut und Trauer
Kehrt Liska mit den Manikku zurück.
Sie kehren die Scholle zuoberst
Und zerstören die ewige Tuundar.“

„Sie fressen das Land. Schaffen Berge und Meere.“

„Da fühlt Liska die Milde
Mitleid im Herzen
Mit den Menschen,
deren Land nun verstümmelt.“

„Denn noch immer toben, und wüten die Wölfe.“

„Sie bittet Gorfang inne zu halten,
genug sei der Rache nun getan.
Zur Beschützerin der Menschen
Ist Liska erkor’n.“

„Die Jüngste erweicht. Des Rudelführers Herz.“

„Sie halten ein
In der Zerstörung Werk.
Nur eine kleine, karge Fläche
als kläglicher Rest besteht.“

„Die Tuundar in ihrer heutigen Gestalt.“

„Der Welt älteste Gründe,
Die der Fürbitterin Gnaden
Als einzig ursprünglich erhielt,
durchwandern wir auf überlieferten Pfaden.“

„In Erwartung der Vergebung. Der ererbten Sünde.“

„Zu sühnen die Schuld
Unsere Aufgabe nun ist,
Bis zuletzt die Ewiggrüne Ebene
Und die Versöhnung mit den Wölfen erreicht.“

„Die Aussöhnung mit ihnen. Ist unser Ziel.“

„Denn wenn Firngrim ohne Gnade
Hält das Land
In fester Hand, unerbittlich,
Fordert viele Opfer für sich, “

„Das Mal voll leuchtet,
Rauwölfe heulen
Und der eisige Wind,
müssen wir selbst Opfer bringen.“

„Opfern den Fien-Nikkaa,
Sie an uns zu binden,
Kekkääle,
Uns zu wärmen,
Pirtinaj,
Uns zu schützen.“

„Den Wölfen,
Uns zu vergeben.
Den Wölfen,
Uns zu vergeben. Den Wölfen…“

„Madas Schandmal. Gemahnt uns noch heute.“

Picking Blueberries

In the tune of an elated countysong:

Seeing all this perfect berries
Perfect blue and perfect shape
Now it’s time, I can’t resist
Picking there, one hour long.

Oh, don’t yell at me
I was just out picking blueberries for you and me
Oh, so sweet and round
Take a look, they’re growing ev’rywhere on the ground!

All the ground’s covered in berries
And so is my basket, too
All the sweetest berries blue
Let’s eat them all, all at once!

Oh, don’t be mad at me
I was just out picking blueberries for you and me
Oh, so sweet and sound
Have a taste, there’s so much I found!

Oh, don’t yell at me
I was just out picking blueberries for you and me
Oh, so sweet and sound
Have a taste, there’s so much I found!

Alles neu macht der Goimond

Die Sonne schien hell auf die Schneedecke, die die Hügelketten bedeckte. Sie blitzte und glitzerte, und das grelle Licht blendete und würde bis zum Mittag alle schneeblind gemacht haben, die ohne Schneebrille unterwegs waren.
Vanae grinste schelmisch, als sie sich das lästige Ding vom Kopf zog, atmete die kalte Luft tief ein und drehte das Gesicht in die wärmenden Strahlen. Solange sie damit fortging und es auch wieder auf hatte, wenn sie wieder heimkam, würde Rana nicht weiter nachfragen. Sie kennt mich gut genug, um zu wissen, dass ich die Brille abnehme, sobald ich außer Sichtweite des Dorfes bin, genauso wie sie weiß, dass ich keine Blindheit riskieren würde, sagte sie sich.
Drei, vier Tage Einsamkeit im Waskirer Hochland standen ihr bevor, drei Tage, nach denen sie sich während den Vorbereitungen schon wochenlang gesehnt hatte. Den Rucksack geschultert, Wanderstab zur Hand, marschierte sie vor sich hin summend los: Gulmond, Klippenzahn, Traschbart und Tarnele, Einbeer und Shurinstrauch und Zwölfblatt dazu nehme…, zur Melodie eines Kinderliedes. Das war die offizielle Aufgabe, mit der die Godi von Skovbjerg sie ausgeschickt hatte, zum Pflanzensammeln.
Sie hat mich so hintersinnig angezwinkert beim Abschied, was sie nicht noch alles weiß…
Es war nicht so, dass die junge Frau sich besonders geschickt in der Natur bewegte, oder den größeren Teil ihres bisherigen Lebens draußen verbracht hatte. Nein, sie war keine Fallenstellerin oder Prospektorin. Aber sie genoss diese Zeit, wenn sie sich frei im Waskirer Hochland bewegen konnte und sie liebte es, sich frei wie ein Vogel zu fühlen, dessen Schwingen ihn überallhin trugen, wohin er es ihnen befahl.

Die Sonne wanderte auf ihrem Pfad über den tiefblauen Himmel, und während sich die Schatten drehten war das Mädchen ebenfalls seinen Pfad entlang gewandert, bis man ihn kaum mehr einen nennen konnte, hatte am Nachmittag einen Höhenkamm bestiegen und erklomm gerade einen höheren Gipfel, von dem sie wusste, dass es dort eine Schutzhütte gab, die von den Jägern gut in Stand gehalten wurde. Beim Laufen war ihr schon so warm geworden, dass sie ihren Anorak geöffnet hatte, und für die Kletterpartie band sie ausnahmsweise ihre langen Haare zurück. Die Spitzen ihrer Ohren schauten jetzt hervor, aber hier in der menschenleeren Wildnis störte sie es nicht.
Menschenleer, doch so voller Leben: Ohne mit den Flügeln zu schlagen schwebte ein Adler als dunkler Punkt zwischen den ausgefransten Wolken, die der aufgefrischte Nordwind vor sich her trieb. Er trug Geräuschfetzen vom Pfeifen eines Murmeltiers an ihr Ohr, das den Raubvogel wohl ebenfalls erspäht hatte. Ein Gelbfuchs war in der einsetzenden Dämmerung quer über den Weg geschnürt, auf der Jagd nach unvorsichtigen Nagern. Von Weitem hatte sie unten im Tal etwas glattes, braunes in den Fluss tauchen sehen, das muss ein Otter gewesen sein.
Raben oder Krähen waren keine zu sehen. Eigentlich ein gutes Zeichen, dennoch hätte sie sich über ihren Anblick gefreut.

Sie saß mit dem Rücken gegen die noch warme Holzwand gelehnt vor der Hütte. Mit geschlossenen Augen, den Kopf entspannt zurückgelegt, genoss sie die letzten Strahlen und bemerkte sie doch nicht richtig, so tief war sie in Gedanken versunken. Die Sonne stand schon tief im Westen und war gerade im Begriff hinter den sanft gewellten Kuppen unterzugehen. Tagsüber hatte sie die Eiszapfen, die armdick vom steinernen Überhang hingen, auf einer Seite zu bizarren Formen schmelzen lassen. Das Licht der ersten Sterne, die sich am rasch verdunkelnden Himmel zeigte, versprach eine klirrend kalte Nacht.
Doch Vanaes Geist weilte in einer anderen Zeit…
Schrecken und Terror waren es gewesen, die die Gefühle an ihren ersten großen Ausflug mit Rana prägten. Schrecken und Terror waren unverhofft über sie gekommen, ohne Vorwarnung und mit aller Macht. Selbst die erfahrene Godi hatte so etwas nicht vorausgesehen. Den Bruchteil eines Augenblicks hatte sie noch die eigene Verwunderung empfunden, als sie die kalte Berührung eines toten Willens, den festen Griff einer erkalteten Hand um ihren lebendigen Geist spürte – dann nur noch die entsetzliche Angst, die ausweglose Panik eines zum Tode Verurteilten, der zum Scharfrichter geführt wird. Doch da war kein vermummter Henker, nur das sich sanft im Wind wiegende Seufzermoos, welches seinen Tod bedeuten sollte. Seit Menschengedenken hatte das Dorf dem verfluchten Moos und seinen Geistern Opfer dargebracht, seit Jahrhunderten waren es aber keine Menschen mehr gewesen. Und nun verlangte das Land wieder ein Menschenopfer. Das Los fiel auf ihn.
In rascher Abfolge blitzten die Bilder seines bisherigen Lebens in ihm – in ihr auf, Szenen aus einem gewöhnlichen Leben, das jedoch von einem Makel überschattet wurde: dem Zeitpunkt seiner Geburt. Warum nur hatten die Götter ihm bestimmt, in den verfluchten Tagen zwischen dem Ende eines Jahres und dem Beginn eines neuen Jahres geboren zu werden? Da fanden sich keine Taten, die ihm diesen schrecklichen Richterspruch eingebracht hatten, aber dennoch sollte er einen grausigen Tod durch Geisterhand sterben, er war das erwählte Opfer in diesem Jahr. In einem unartikulierten Schrei machte sich die rasende Verzweiflung Bahn: Was konnte er dafür? Doch umsonst. Harte Hände stießen ihn voran, niemand sprach seinen Namen oder auch nur ein Wort. Er biss sich die Lippen blutig, um nicht erneut loszuschreien. Zu spät, er wusste es. Zu spät. Niemand konnte ihnen entkommen, den Geistern derer, die diesen Weg vor ihm gehen mussten.
Und sie kamen…

Sie schüttelte sich körperlich, wie um den Gedanken dadurch abzuschütteln, und rappelte sich auf. Genug sinniert über Vergangenes, schalt sie sich, sein Geist hat schon lange Ruhe gefunden. An einem so friedlichen Abend über solch düsteren Erinnerungen zu brüten kann auf keinen Fall gut sein. Das hab ich jetzt davon, jetzt muss ich im Halbdunkel noch Brennholz suchen, wenn ich nicht an den eingelagerten Rest in der Hütte gehen will.

Das Wetter hielt die nächsten Tage, ganz wie Oma Haedwyg das zeitige Winterende vorhergesagt hatte, als die drei Schwäne schon Anfang Goimond über dem Weiher kreisten; jede Nacht war weniger bitterkalt als die vorhergehende. Die Taschen vollbepackt, konnte sie sich nach zweieinhalb Tagen einer reichen Ausbeute rühmen: Nicht nur die gesuchten Heilkräuter, Wirselkraut und Tarnele, Traschbart, Geißblatt und sogar Olginwurz hatte sie ernten können, sie hatte darüber hinaus gleich zwei Alraunen ausfindig gemacht. Rana würde sich freuen.
Einen kleinen Stich der Enttäuschung konnte sie dennoch nicht leugnen. Auch wenn es zu erwarten gewesen war. Schließlich war es seit Jahren nicht anders, sie sollte es also mittlerweile gewohnt sein.
Wenn das Volk nicht gesehen werden wollte, dann wurde es das auch nicht. Darin waren sie mindestens ebenso gut wie die Biestinger im Wald und die Feen bei Vollmond. Nun ja, sie waren wesentlich besser als die letzteren. Und was sollten die auch von ihr wollen? Sie wusste ja schon, dass sie nichts mit ihr zu tun haben wollten. Und langlebig wie die Alten waren, würden sie sich wohl kaum umentscheiden.
Dann mache ich mich mal besser auf den Rückweg. Sie rang sich ein Lächeln ab und belud sich mit den gesammelten Pflanzen. Nicht dass die noch welk werden. Daheim würden sie sich schön bedanken… Als sie einen Blick nach dem Stand der Sonne warf, huschte gerade ein schwarzer Schatten vor der Scheibe vorbei. Ein Rabe. Vanaes Lächeln wurde ehrlich. Den Wanderstab zur Hand marschierte sie los und summte zur Melodie eines Kinderliedes vor sich hin: Gulmond, Klippenzahn, Traschbart und Tarnele…
Wie kindisch von ihr zu glauben, dass irgendwann eine Elfe mit goldenen Augen vorbeispaziert und ihr das Flötenspielen zeigt. Sie schnaubte ein Lachen und schüttelte den Kopf. Ein absurder Gedanke.

Um die letzte Biegung noch und die altvertrauten Dächer der Langhäuser, die die mit Schnitzereien bewehrte Palisade überragten, würden ihr entgegenblicken. Der Wind trug ihr schon die vertrauten Geräusche zu: Schmiedehämmern, Pferdewiehern, ein Esel schrie, ein Mann schimpfte, ein Karren rumpelte an ihr vorbei. Die Großmutter kam gerade zur Tür gehumpelt und grinste ihr zahnloses Grinsen zum Willkommen, natürlich wusste sie um den genauen Zeitpunkt ihrer Rückkehr. Sie war wieder daheim.

Eine neue Mannschaft

Bevor wir in See stachen, erwarteten uns Manöverübungen vor dem Hafen der Stadt. Wie die Runjas durch die Grimskjora entschieden hatten, war niemand von uns bislang unter Asleif gesegelt, manche von uns, darunter auch ich, hatten überhaupt noch nie ein Drachenschiff gerudert. Unser Langschiff war die „Seeadler“, die Otta des Drachenführers, die ihm seit vielen Jahren treu über die Weltmeere trug.
Neben der Arbeit an den Riemen übten wir uns in unterschiedlichen Kampfdisziplinen. Die Männer führten Übungskämpfe aus, meist mit der Axt, Thorak mit Axt und Schild. Er war ein erfahrener Seesöldner, der sich Phileasson angeschlossen hatte. Krottet der Nivese und der Moha, der sich einfach „der Moha“ nennen ließ, waren Bekannte Phileassons, aber noch nicht unter ihm gesegelt. Nur Phileasson kennt den den Namen, den seine Mutter oder wer auch immer ihm gab. Der Waldmensch besitzt ein eindrucksvolles Schwert, während Krottet mit Pfeil und Bogen bewaffnet ist. Er lehrte mich den Umgang mit dem Elfenbogen, den ich zum Abschied von der Elfensippe an der Runajasko in Olport bekommen hatte, und ich lauschte seinen Geschichten vom Norden und von seinem Volk. Mein unbekannter Vater muss auch ein Nivauesä, wie sich die „wandernden Menschen“ nennen, gewesen sein, ich habe die typischen bernsteinfarbenen Mandelaugen. Er hofft, bei dieser Reise wieder zu ihnen zu kommen. Ich hoffe auch, dass wir sie finden, doch mein Herz wird bereits jetzt schwer bei dem Gedanken, dereinst ohne ihn weiterreisen zu müssen.
Wenn wir im Schiff auf unseren Plätzen sind, sitzt Fjalla auf der Ruderbank neben mir. Sie ist nicht sehr gesprächig. Weitere Mannschaftsmitglieder sind Aigor, ein Zwerg und Schmied, und Raluff, ein Thorwaler Kämpe. Dass Angehörige des Zwergenvolkes zur See fuhren war mir auch neu. Sagten die Seefahrer nicht, dass ein Angroscho an Deck mit jeder Meile, die ein Schiff vom Festland zurücklegte, einen Stein schwerer wurde, bis er schließlich durch die Planken brach und das Schiff zum Sinken brachte? Nun, unser erfahrener Drachenführer musste schon wissen, was er tat.

Ich war im Meer vor Thorwal schwimmen, derweil weit draußen die Eisschollen auf dem Wasser trieben. Auch ich trieb vor mich hin, spürte die kühlen und die kalten Strömungen auf meiner Haut. Ich erinnerte mich an einen ähnlichen Nachmittag, an dem ich mit Varindel, meiner elfischen Freundin von den Windlachern in Olport, im Meer schwimmen war. Damals hatte sie mir beigebracht, wie ein Fisch zu tauchen und das Wasser wie Luft zu atmen. Ich versuchte, den Zauber zu wirken und meine Bewegungen an die der Wassermassen anzupassen, und spürte mit einem Mal die Wirkung des Zaubers. Schwerelos zog ich ein paar Bahnen unter Wasser und erkundete das Hafenbecken. Stille und Kühle hüllten mich ein, bis mich plötzlich eine feste Hand grob an der Schulter packte und an die Oberfläche zog. Raluff war in das Wasser gesprungen und zog mich hektisch an den Strand. Ich musste ihn erst beruhigen, dass ich nicht am Ertrinken war, auch wenn ich so lange unter Wasser war.
Ein zweites Erlebnis hatte ich bei der Berührung mit meiner Elfenseele. Ich saß auf einem Stein, abgeschieden von den anderen, schlug meine Beine übereinander und konzentrierte mich darauf, die Welt um mich herum still zu machen, so still, wie es Unterwasser gewesen ist. Nach einiger Zeit fehlten die Geräusche nicht nur, die Stille war greifbar, ein gewachsenes Wesen, anwesend. Einige Eiskristalle wuchsen auf dem Fels und zeigten in meine Richtung, in den wundersamsten Formen. Ich wollte das Gefühl festhalten, dieses Gefühl des Fremden, doch damit endete es abrupt. Die Welt atmete wieder, ihre Geräusche fluteten zurück, auf mich ein.

Schließlich war der große Tag gekommen, der Tag des Abschieds. Zwischen mir und Mutter gab es wenig zu sagen, doch die Grimskjora überraschte mich mit einem Geschenk: Eine Kette mit einer hölzernen Walfluke. Ihre Worte zum Abschied waren Worte der Vorhersehung. „Zwei Seelen wohnen in deiner Brust, Kind. Auf deiner Reise wirst du dich entscheiden müssen.“
Die Schiffe waren beladen, unsere Seesäcke gepackt und verstaut. Kein Grund mehr, zu zögern, es konnte losgehen. Wir legten uns mächtig in die Riemen, und eine Zeitlang fuhren die Ottas Phileassons und Beorns nebeneinander her. Doch schließlich erlangte Beorn die Führung und zog davon. Bei Swafnir, den holen wir schon wieder ein!


 

Schiedsspruch zu Mittwinter

Meine Mutter Rana und ich waren von der Grimskjora zum mittwinterlichen Erzählabend der Obersten Hetfrau Garhelt Rorlifsdottir-Jandasdottir eingeladen worden. Eine große Ehre, mit der uns die oberste Godi bedachte. Und für mich würde dies nach meiner Rückkehr aus Olport vor vier Jahren die erste Gelegenheit bedeuten, wieder aus Skovbjerg herauszukommen!
Der Flug war lang, die kalte Luft, die uns als schneidender Wind in Gesicht und Mäntel fuhr, erfrischend. Ich wusste nicht, welchen Empfang man zwei offensichtlichen Hexen in einer großen Stadt wie Thorwal bereiten würde, aber falls Mutter es auch nicht wusste, bevorzugte sie, es nicht herausfinden zu wollen. Um kein Aufsehen zu riskieren, landeten wir bei einem Wäldchen in der Nähe der Langhäuser, den Rest des Weges legten wir zu Fuß zurück. Die Grimskjora erwartete uns bereits in der Türe. „Willkommen“, sagte die zahnlose Alte mit ausgebreiteten Armen, und ihre hüftlangen, schlohweißen Haare erfasste eine Böe, als sie heraustrat. „Willkommen in meiner Halla und an meinem Herd. Hattet ihr eine angenehme Reise? Pella, bring heißen Wein für unsere Gäste. Und du bist also Meljan… Vanae. Lass dich mal ansehen, Kind.“ Der versprochene Gewürzwein löste unsere starren Glieder und meine letzten Vorbehalte. Ein herzliches Willkommen in Thorwal.
Gerhilds Langhalle war voll, jeder freie Platz auf den Bänken besetzt. Die schauerlichsten, lustigsten, unglaublichsten Geschichten wurden zum Besten gegeben, Lieder vorgetragen und noch mehr Met getrunken. Auf einmal erhob sich Asleif Foggwulf Phileason. „Es erhob sich ein verheißungsvoller Morgen, der große Taten und großen Ruhm versprach, als ich mit meiner getreuen Mannschaft in See stach…“, begann er seine Geschichte mit erhobener Stimme und erhobenem Methorn. Er erzählte von Stürmen, die die See in ein Gebirge aus Wasser verwandelten, von Seeungeheuern, von einem gigantischen Riesenkraken mit hundert Armen und wie er ihn auf einem Wal reitend nach langem Kampf bezwungen hatte. Er sprach mit klarer Stimme, die bis in die letzten Reihen trug und die gesamte Halle in ihren Bann zog. Fast war es, als wäre jeder einzelne von uns mit dabei gewesen und erlebe das Geschehen nun ein weiteres Mal. Wie ein Schock riss es uns plötzlich aus der Erzählung als sich Beorn, genannt der Blender, erhob und mit spöttischer Stimme über Phileasson herzog: „Ha! Das war ja eine ganz schöne Geschichte, aber hattest du nicht versprochen, über das Güldenland zu berichten? Woher die Zurückhaltung, Asleif? Hast du es etwa gar nicht gesehen? Du hast es wohl doch nie erreicht, und die Geschichten über dich als so großartiger Drachenführer ist wohl nicht weiter… als eine Geschichte.“ Seine Getreuen waren die einzigen, die ihm applaudierten.
Mit bösem Grinsen hielt er eine Geschichte über Menschen, die halbe Pferde waren, und Vögel, die halbe Menschen waren, dagegen. Er selbst habe sie im sagenumwobenen Güldenland gesehen. Als er endete erhob sich Asleif erneut. „Deine Geschichte, Beorn, taugt nicht einmal als Ammenmärchen, da wir alle schon als Kinder von solchen Kreaturen hören und doch wissen, dass es sie nicht gibt, nicht in Aventurien und auch nicht im Güldenland! Sie eignet sich höchstens als Gute-Nacht-Geschichte, weil sie so unspektakulär und langweilig ist!“ – „Das wohl!“, erscholl es da vom Tisch seiner Mannschaft. Ich konnte seinen Einwand nicht ganz nachvollziehen. Die Widerrede musste wohl aus der alten Feindschaft der zwei Kapitäne erwachsen sein, denn ich fand seine Geschichte ganz interessant. Beorn konnte diese offene Provokation natürlich nicht auf sich sitzen lassen ohne dass es ihm an die Ehre ginge. Mit seiner Reaktion besiegelte er sein und das Schicksal von zwei Schiffsmannschaften, als er der verbalen Herausforderung Phileassons nichts entgegnen konnte – und stattdessen sein Schwert zog. Beide Mannschaft erhoben sich wie ein Mann, um hinter ihren Kapitänen zu stehen. Der Rest der Gäste hielt den Atem an. „Asleif und Beorn! Ich dulde keinen Kampf in meiner Halle!“ Gerhilds Stimme schnitt durch die drückende Luft und brodelnde Stimmung wie kaltes Eis. „Ihr beide seid die besten Drachenführer Thorwals, und bis über seine Grenzen hinaus bekannt. Ihr werdet diesen Streit nicht mit Waffengewalt lösen, und erst recht nicht hier an diesem Ort und zu dieser Stunde.“ Es war ein Affront gegen die Hausherrin und die Herdgöttin Travia, hier und jetzt die Waffen zu ziehen. Ich wechselte einen raschen Blick mit Mutter, doch sie war ebenso ratlos wie ich. Während wir atemlos auf den Bänken saßen, ging Garhelt hinaus und kam mit der Grimskjora zurück. Im flackernden Licht der Feuerstellen sah sie sehr alt und sehr weise aus. Schwer auf die Hetfrau und ihre Gehilfin Pella gestützt ging sie nach vorne, wo man sie gut sehen konnte. Sie trug ihren reich verzierten Beutel mit den ältesten Runensteinen des Landes, breitete das schwarze Tuch aus, warf die Runen und weissagte: Zwei Männer, Asleif und Beorn, werden sich auf eine Wettfahrt begeben, die sie bis an die Grenzen Aventuriens führen sollten. Binnen 80 Wochen sollen sie zwölf Aufgaben erfüllen. Sie sollen eine Mannschaft zusammenstellen und in einer Woche aufbrechen, aber es soll niemand aus ihren alten Mannschaften mit ihnen segeln. Es ist ihnen nicht erlaubt, direkt in die Fahrt des anderen Drachenführers einzugreifen, aber sie dürfen sich behindern, wo es geht.
Die zwölf Aufgaben vollbringen werden ihnen im Verlauf der Reise mitgeteilt. Als unparteiische Richter werden die Drachenführer jeweils von einer Traviageweihten begleitet, die am Schluss auch über die Fahrt berichten und entscheiden wird. So sei es.
Die erste Aufgabe lautete, einen „zweizähnigen Kopfschwänzler“ des hohen Nordens lebend einzufangen und ihn nach Thorwal zu bringen. Mit einem einzigen Blick verständigte ich mich mit Rana: Nichts würde mich in Skovbjerg halten können, wenn die Runjas mir in diesem geschichtsträchtigen Moment die Möglichkeit boten, mit den großen Helden des Landes zu reisen und etwas von der Welt zu sehen.

Was hatte es mit dem „zweizähnigen Kopfschwänzler“ auf sich? Ich hatte noch nie von einem solchen Tier gehört. Vielleicht würde man das Rätsel erst deuten können, wenn wir am uns bestimmten Ort angekommen waren. Ohm Vollker, der berühmteste Skalde von etwa sechzig Götterläufen, hatte mich nach meiner Geschichte beziehungsweise meinen Geschichten gefragt. Es war ja üblich, in dieser Nacht seine schönsten Erzählungen weiterzugeben. „Was treibt die schönste und exotischste Frau in der ganzen Halle in Thorwal?“ Damit hat er mich gemeint, mit einem Seitenblick auf die stämmige Frauengestalt, die auf dem Nebentisch stehend in vollem Alt ein derbes Seefahrerlied grölte. Mir aber hatten bei der unerwarteten Aufmerksamkeit des Helden die Disen wohl die Sprache verschlagen. Ich konnte nur ein schüchternes „Ihr ehrt mich“ herausbringen und verschämt zu Boden blicken. Dafür erzählte uns sein Nebenmann und Freund, ein Südländer namens Rashid – seine ganzen Beinamen und Titel oder was es war, brachen wie eine Welle über mir – von seiner Reise in den kalten, verschneiten Norden. Er war Kalligraph, sagte er, und weil er ein Bekannter von Ohm ist nehme ich an, dass sie im Süden vielleicht einen höheren Stand einnehmen als die Skriptoren bei uns, wo die Sagas mündlich weitergegeben werden.

Nach dem Schiedsspruch der Grimskjora schlüpfte Phileasson ungesehen zur Hintertüre hinaus. Nun ja, zumindest fast ungesehen, denn Ohm machte Rashid und mich darauf aufmerksam, dass dies eine gute Gelegenheit wäre, uns dem Drachenführer als potentielle Mannschaftsmitglieder anzubieten. Draußen sah ich einen weiteren Schatten, der jedoch an der Tür zurückblieb. Asleif schaute nicht gerade begeistert, dass sein Vorhaben, unbemerkt zu verschwinden, gescheitert war, aber er willigte ein, mich, eine Godi und Rashid, der die Geschichte, die wir schreiben werden, auf Pergament festhalten würde, mitzunehmen. Und natürlich Ohm, der die Geschichte dann singen wird.


Der Aufbruch zur Reise.