Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon (Rahjageflüster 10)

Wie alle Geschichten des Rahjageflüsters (mit Ausnahme der beiden Gleichnisse, das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger und das Gleichnis der Rübenzieherin) richtet sich auch diese Episode an Leser ab 18 Jahren.

„Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon“ ist der Auftakt zu einer Fortsetzungsgeschichte innerhalb meines ‚Rahjageflüster‘-Kapitels. Drei weitere Teile über die amourösen Errungenschaften der südländischen Fürstin – der Shanja – sind in Planung.

 


Der Hengst schimmerte in der Sonne, die mitten am Himmel stand. Schweißtropfen perlten auf seinen Flanken und sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich im raschen Wechsel. Seine harten Hufe trommelten ein Stakkato auf den festen Sand des Hofs und die Reiterin gab all ihr Können, den Rappen davon abzuhalten, die bunten, zarten Blumenbeete zu zertrampeln. Die Muskelberge des Pferdes zeichneten sich deutlich unter seiner Haut ab, doch die edle Reiterin war genauso angespannt wie das Tier.

So prächtig er war, so wild war er. Seine Augen glänzten wie im Fieber. Endlich hatte er genug geschwitzt, genug gekämpft. Müde senkte er den Kopf und ließ die Zügel zu, die ihn mal in die eine, mal in die andere Richtung wiesen, ließ es zu, dass die Reiterin die Geschwindigkeit bestimmte.

Einsamer Applaus erklang. „Sehr gut gemacht, Euer Magnifizenz!“, lobte Lamon und klatschte in die Hände. „Jetzt habt ihr ihn unter Eurem Willen und in Eueren schönen Händen. – Lasst mich Euch beim Absteigen helfen.“ Die Shanja hatte den Rappen zum Stall gelenkt. Er hatte für heute genug Schweiß vergossen und da er sich letzten Endes ihrem Willen gebeugt hatte, hatte er sich seine Ruhe und eine Box mit trockenem Stroh verdient.

Lamon legte seine Hände an die Hüften seiner Herrin. Natürlich hatte der Rittmeister keine Einwände erhoben, als die Shanja verkündet hatte, den schwarzen Wildfang selbst einreiten zu wollen. Dies stünde ihm nicht zu. Doch insgeheim hatte er Bedenken gegen dieses riskante Vorhaben gehegt, denn das gebrochene Bein eines Stallburschen und die Verletzung zweier Mägde durch den Rappen hatten seine Sorge um die hohe Shanja genährt.

 

Nun stand sie wieder wohlbehalten auf ihren eigenen Füßen und Lamon konnte aufatmen. Es gebührte ihm, jetzt das erschöpfte Pferd zu versorgen.

„Du hattest deine Zweifel, Lamon.“, stellte die Shanja fest, als er die Zügel aus ihren Händen nahm. Es war keine Frage. „Wir reden heute Abend über deinen Platz an meinem Hof.“ Ohne einen weiteren Blick ging sie über den Hof. Lamon sah ihr nach, bis sie hinter einem der roten Vorhänge verschwunden war. Sein Mut sank. Jetzt war er voll des Lobes und trotzdem hatte sie ihn durchschaut! Konnte sie Gedanken lesen? Konnte sie ihn so gut kennen – ihn, einen Diener unter vielen -, dass sie ihm seine Gefühle und geheimen Gedanken ansah? Würde sie ihn jetzt des Hofes verweisen? Bis zum Abend ging er seiner Arbeit in Sorge nach.

 

Eine der beiden Kammerzofen der Shanja brachte ihn in die privaten Gemächer der Fürstin. Lamon wunderte sich darüber. Er konnte sich nicht erklären, aus welchem Grund sie ihn in ihre inneren Räume lassen sollte, wenn sie ihn, wovon er überzeugt war, vor die Türe setzen wollte? Er wurde immer unruhiger.

Die Shanja stand an einem der geschwungenen Fenster, die auf einen grünen Innenhof gingen. Das Plätschern eines Springbrunnens – ein Zeichen verschwenderischen Reichtums – wehte durch die durchscheinenden Vorhänge. Die Fürstin war in ein herrliches Gewand gekleidet: Zwei kostbare Broschen hielten Tücher aus hauchdünner Seide an ihren Schultern zusammen. Die Tücher flossen in allen Farben des Sonnenuntergangs an ihrem schlanken, gebräunten Körper entlang.

Sie deutete Lamon, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Selbst bleib sie stehen. So konnte sie auf ihn hinabsehen.

„Du hast geglaubt, dass ich den Großen nicht handhaben kann. Dass er zu viel, zu wild für mich ist. Zu stark. Zu groß.“ Unter dunklen Wimpern sah sie ihn lange an. „Aber so leicht übernehme ich mich nicht. Ich kenne meine Grenzen.“ Ihre Stimme wurde bedrohlich leise, bis sie die Worte nur noch über ihre roten, vollen Lippen hauchte. Dann ging sie einen Schritt auf ihn zu, und noch einen, bis sie ihre Hände auf die mohagonidunklen Armlehnen von Lamons Sessel legte und ihn von oben herab fixierte. „Ich kenne meine Grenzen, im Gegensatz zu dir. Deine Zweifel an meinen Fähigkeiten stehen dir nicht zu. Du hast eine Grenze überschritten und deshalb muss ich dich lehren, mein Diener, wo dein Platz ist.“

Er öffnete den Mund zu einer Bitte um Verzeihung, doch sie legte eine Fingerspitze sachte auf seine Lippen und verbot ihm so das Wort. Ihr Finger strich an seinem bärtigen Kinn, seinen weichen Hals entlang, über das Schlüsselbein und über seinem Hemd über seine kräftige Brust. Mit einer schnellen Bewegung hatte sie das Hemd geöffnet und es ihm über den Kopf gezogen – so weit, dass sie die Ärmel vor seinen Augen verknotete. Lamon war reglos, er wusste nicht, was er tun, wohin das führen würde. Er sah nur noch das Schwarz seiner Lider und strengte sich an, mit seinen anderen Sinnen zu erspüren, was die Shanja tat.

Plötzlich hatte er ihre Stimme ganz nah an seinem Ohr: „Du begibt dich jetzt in meine Hände. Das soll dich daran erinnern, dass du in meinen Händen bist, solange du an meinem Hof bist. Und meine Hände wissen, was sie tun – du bist nicht der erste Diener, dem ich die Zweifel austreiben muss.“ Von einem Moment auf den anderen wurde ihre Stimme fester und sie befahl ihm: „Umfasse die Armlehnen.“ Er gehorchte ohne nachzudenken. Lamon spürte, dass sich etwas um seine Handgelenke legte und er erkannte, dass sie seine Hände an den Sessel fesselte, dann seine Beine an die Stuhlbeine. Lamon konnte sich kaum bewegen, er war gefesselt, hilflos, sein Körper spannte sich an… an Stellen die er nicht erwartet hätte. Er war dieser Frau ausgeliefert. Er hatte Lust, ihr ausgeliefert zu sein.

Er war ihr Diener. Und er hatte sie auf dem Hof infrage gestellt. Es war nur recht und willig, ihre Strafe ohne Murren anzunehmen. Lamon murrte also nicht. Doch manchmal stahlen sich Laute der Lust von seinen Lippen, während sie ihn seiner gerechten Bestrafung unterzog. Ein Glöckchen klingelte ganz nah. Eine Türe wurde geöffnet und fiel wieder ins Schloss. Dann Schritte.

„Ihr habt mich gerufen, edle Shanja.“, hörte Lamon eine Männerstimme sagen. Er war sich nicht sicher, glaubte aber, dass sie zu Ruberto, dem Koch der Shanja, gehörte.

„Ja, mein Treuer. Dieser Mann hat mich heute bitter herabgewürdigt. Du wirst ihm zeigen, wie ergebene Treue zu seiner Herrin auszusehen hat… er soll diese Demonstration mitansehen.“

Lamons verknotetes Hemd wurde ihm abgenommen und er sah sich in der Tat Ruberto gegenüber. Auf dem großen Himmelbett hinter ihm hatte sich die Shanja auf den seidenen Kissen ausgestreckt. Mit einem mitleidigen Blick auf den Rittmeister ließ er das Tuch in dessen Schoß fallen und wandte sich wieder der hohen Dame zu. Allem Anschein nach wusste er genau, was er zu tun hatte: Er küsste ihren Nacken, den das Gewand der Shanja frei ließ, die Schultern und ihren Rücken. Unablässig murmelte er das Lob ihrer Schönheit, ihrer Klugheit und Güte. Die Shanja wand sich wohlig und gurrte vor Vergnügen. Lamon stockte der Atem. Der Koch war, wie er ahnte, besonders um das leibliche Wohl ihrer Herrin bemüht.

Als Ruberto ihre Hüfte küsste und sie sich unter Räkeln auf den Rücken drehte, stahl sich das erste, sehnsuchtsschwere Stöhnen von Lamons Lippen. Er sah die dunklen Schemen ihrer Brustwarzen, die sich fest unter den dünnen, orangeroten Schleiern ihres Gewandes abzeichneten. Die Shanja winkelte ein Bein an und die rotgelbe Seide glitt wie ein Seufzer von ihrem Oberschenkel und rutschte zwischen ihre Beine. Auch Ruberto wollte dieser Bewegung folgen, doch die Shanja hielt ihn zurück, „Noch nicht. Stille zuerst meinen Durst.“ Sie deutete auf eine Flasche, die neben dem Hinmelbett stand. Ruberto öffnete sie mit einem lauten Ploppen und goss die prickelnde Flüssigkeit in ein hohes Glas. Sie trank und ließ dabei ihre dunklen Augen über ihre beiden Diener schweifen.

Den letzten Schluck in ihrem Glas goss sie sich plötzlich über ihr Dekolleté. Ruberto reagierte sofort: „Oh nein, Herrin, Euer edles Gewand, die feine Seide!“ Sein Mund schloss sich um das Malheur, bevor es die Schleier beflecken konnte, und von dort aus wanderten seine Finger und seine Lippen weiter zu ihren Brüsten und schenkten ihnen liebevoll Aufmerksamkeit und die Bewunderung, die ihnen zustand. Die Shanja verschränkte den Blick mit dem von Lamon und ließ ihn nicht wegsehen. Er sah, wie Ruberto die Innenseiten ihrer Schenkel liebkoste, wie seine Zunge ihre zarten Lippen umspielten, sah, wie sich ihre Finger um das rotseidene Bettlaken krallten, hörte ihren raschen Atem und Rubertos murmelnde Ehrerbietung. Dass er selbst vor Erregung strotzte bemerkte er erst, als sich sein Körper gegen die Fesseln aufbäumte, die ihn am Sessel hielten, er gemeinsam mit seiner Herrin und ihrem Diener den Gipfel der Leidenschaft erreichte.

„Ruberto, binde ihn los. Er soll sich noch einmal waschen und dann soll er mir zeigen, ob er gelernt hat, wie er mir zu Diensten sein muss.“, kam es von der Shanja von ihrem Platz in den Laken aus. „Ansonsten muss ich diese Lektion wiederholen. Und wenn er es von dir nicht behalten hat, dann lernt er es vielleicht besser von Devan…“

Lamon tat, wie ihm geheißen wurde. Und zur Zufriedenheit der Shanja hatte er gut aufgepasst.

 

08.12.2018

 

Davor: Rahjageflüster 9: Das Gleichnis der Rübenzieherin

Weiterlesen: Rahjageflüster 11 – In Space: Zündung

Zündung (Rahjageflüster 11 – In Space)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Diese Geschichte im ‚Rahjageflüster‘ ist etwas Besonderes: Sie spielt als erste Geschichte im Weltraum, ich habe also ein vollkommen anderes Setting ausgestaltet als in allen vorangehenden erotischen Kurzgeschichten. Damit bringe ich neue Spielarten der Liebe und ihrem Vollzug in das gesamte Kapitel des ‚Rahjageflüsters‘ ein.

Auch wenn sich der Ort und die Erzählzeit von den anderen Kurzgeschichten unterscheiden, ist das prickelnde Leseerlebnis das gleiche wie immer.

 

Zündung

Rahjageflüster 11 – Im All

 

Auf und ab, auf und ab, auf und wieder ab und in stetem, rhythmischem Wechsel bewegten sich die Kolben in ihren Zylindern. Mit goldenem Schimmer strömte das Öl in die Leitungen. Sanft und mit angenehmen Surren setzte sich das Schwungrad in Bewegung, bis es gleichmäßig um seine Achse kreiste.

Raul schwebte in der Schwerelosigkeit des Maschinenraums, die Hände gelassen über den zerzausten, schwarzen Haaren verschränkt, und seine dunklen Augen folgten zufrieden den reibungslosen Bewegungen der Treibstoffpumpe. Ein leises Schmunzeln kräuselte seine Lippen und zeichnete ihm kleine Fältchen in die Augenwinkel.

Eine runde Höhle, aus deren vollkommener Dunkelheit lautlos ein Plasmainferno hervorschoss. Da wurde Raul der Schraubenschlüssel aus der Hand gerissen. Klirrend schepperte er gegen das Gitter, das den Mechaniker davor bewahrte, seinen Arm versehentlich in die Kessel und Räder und Kolben zu stecken. Er selbst krallte sich an einen Kabeltunnel, um nicht gegen die Kühlrippen geschleudert zu werden. Die alte Mühle war noch gut in Schuss – und das war ja zu einem guten Teil auch sein Verdienst -, aber mit diesem abrupten Schub hatte selbst er nicht gerechnet. Vor allem nicht ohne Vorwarnung.

“Zündung.”, verkündete die blecherne Stimme des Kapitäns durch den Lautsprecher. Drei Sekunden zu spät. Schönen Dank auch. Als ob auch nur einer auf dem Schiff diesen Ruck verpasst hatte.

Jetzt hatten sie vorübergehend also wieder so etwas wie Schwerkraft. Vielleicht 0,3, höchstens 0,5 G. Der Aufstieg würde also nicht so easy sein wie Rauls Abstieg zum Treibstofftank, wo er sich so lange mit sachtem Druck von den Wänden abgestoßen hatte, bis er unten angekommen war. Nur nicht zu fest. Die Schwerelosigkeit hatte ihm das Klettern die Leiter hinab erspart. Für den Aufstieg sah es leider nicht mehr so günstig aus.

 

Mit einem leisen Seufzer auf den Lippen griff er nach der ersten Sprosse. Sein Blick fiel dabei auf seine Hand. Ein roter Striemen zog sich über seinen gebräunten Handrücken, aus dem kleine Blutströpfchen perlten. Mierda, wo hatte er sich schon wieder geschnitten? Aber eigentlich… ärgerte er sich nicht wirklich. Jetzt, wo er es bemerkt hatte, brannte die Wunde aber der Schmerz störte ihn nicht. Es war eine gute Gelegenheit, um der Krankenstation von Dr. Nguyen einen Besuch abzustatten.

Dr. Nguyen Quyn war vor ein paar Monaten zur Crew gestoßen. Der Kapitän hatte sie angeheuert, nachdem diese hässliche Sache mit Lawrence und der explosiven Dekompression passiert war.

Kaum hatte sie ihre winzige Krankenstation bezogen, unterzog sie die gesamte Mannschaft einem Routine-Check-Up. Raul wurde gewogen, gemessen, der Puls genommen, Strahlungstest, Reflextest, Sehtest, der nächte bitte. Und bei ihrer ersten Begegnung war er ihr sofort verfallen: Ihre katzenhaften, braunschwarzen Augen, ihre zierliche Gestalt, diese schlanken, gepflegten Hände, die über die Kraft hinwegtäuschten, mit der sie zupacken konnten, die spielerische Anmut, mit der sie alltägliche Bewegungen vollführte, etwa wenn sie ihre seidig glatten, glänzenden Haare hinter ihre Ohren steckte, brachten ihn um seinen Schlaf und Verstand.

Sie hatte ihn dann sein Shirt ausziehen lassen, damit sie ihn mit ihrem Stethoskop abhören konnte. Und dann hatte sie ihn für seine körperliche Fitness gelobt und seine Ration an muskelaufbauenden Tabletten gekürzt.

 

Kurze Zeit später hatte er Reparaturen am Treibstofftank durchführen müssen. An der Außenwand. Eine Naht musste verstärkt werden, zur Sicherheit. Danach war, wie immer nach einem Einsatz im Weltraum, in dem nur der Raumanzug zwischen dem Menschen und der kosmischen Strahlung stand, eine Strahlungsuntersuchung angesagt. Dr. Nguyen hatte ihn sehr gründlich untersucht und hatte sie ihm dabei nicht immer wieder zugezwinkert und ihn so… versonnen angesehen? Raul wollte sie darauf ansprechen, aber dann wiederum hatte er befürchtet, sich zum Deppen zu machen. Zum Gespött der ganzen Mannschaft hätte er sich gemacht! Ein einfacher Mechaniker wie er konnte sich doch nichts von so einer gelehrten Frau erhoffen, rief er sich zur Ordnung. Und sagte nichts zu ihr. Und sie entließ ihn mit einem langen Blick ihrer dunklen Augen wieder aus dem Behandlungszimmer.

 

Raul hörte Schritte auf der Leiter. Jemand stieg hinab. Er spähte nach oben. Ein dunkler Schemen vor einem noch dunkleren Hintergrund. Der Besucher hatte sogar die Luke wieder geschlossen, nachdem er in den Schacht gestiegen war. Weil im oberen Abschnitt keine Lampen waren, konnte er nicht sehen, wer es war. Außer Raul kümmerte sich sonst niemand um den Wartungsschacht und die Instandhaltung der Treibstofftanks, deshalb hatte er dort keine Lampen montiert.

In dem Moment, in dem er den Kopf in den Nacken legte, fiel ein kleiner, silberner Hammer dicht an Rauls Arm vorbei. Er war gerade einmal so lang wie seine Hand und so breit wie zwei seiner Finger. Ein Kinderspielzeug?, fragte er sich einen kurzen, verwirrten Moment, bis ihm einfiel, wer an Bord ein solches Werkzeug besaß.

Fast im selben Augenblick rief Dr. Nguyen von oben: “Vorsicht, Raul! Mein Reflexhammer-!” – “Schon vorbei.”, beruhigte sie Raul. “Aber was machen Sie hier überhaupt?” – “Ich… wollte nach Ihnen sehen. Das war ja ein sehr spontaner Schub und ich dachte, Sie im Maschinenschacht könnten vielleicht jemanden brauchen, der mal nach Ihnen sieht.” Sie klang eindeutig nervös. Rauls Herzschlag beschleunigte sich, als hätte jemand einen alten Verbrennungsmotor um einen Gang nach unten geschalten. “Danke, mir geht’s ganz gut. Also, ich habe mich tatsächlich verletzt, aber es ist nichts Schlimmes.”

Jetzt war sie bei ihm angekommen und dirigierte ihn die wenigen Sprossen wieder hinunter, die er erklommen hatte. Ihre Mandelaugen erfassten sofort den Kratzer an seiner Hand. “Nicht tief, aber das sollten wir desinfizieren. Zur Sicherheit.” Damit zog sie die kleine Sprühflasche hervor, die sie für solche Fälle hatte.

Komisch, er hatte vor Kurzem erst fast dasselbe zum Kapitän gesagt, kurz bevor er seinen Außeneinsatz gehabt hatte: Die Naht des Treibstofftanks sollten wir verstärken. Zur Sicherheit.

 

Dr. Nguyen war mit seiner Hand fertig, ließ sie aber nicht los. Sie hatte warme Haut, hielt seine schwieligen Finger in ihrer Hand und sah ihm direkt in die Augen. Der Raum war knapp, vor allem wenn ihn sich zwei Personen teilen mussten, und sie standen so dicht beieinander, dass Raul ihr blumiges Parfum riechen konnte. Mi madre, und ich trage Eau de Maschinenöl…, schoss es ihm beschämt durch den Kopf.

Ihre vollen, roten Lippen teilten sich fast zögerlich, als sie raunte: “Ich bin auch hergekommen, damit wir einmal nicht im Behandlungszimmer miteinander sprechen. Du brauchst ein Gespräch abseits der restlichen Besatzung, nicht wahr.”

Ihm fiel auf, dass das keine richtige Frage war, sondern eine Feststellung. Und, dass sie ihn geduzt hatte. Gleich darauf sprach sie weiter und drückte dabei Rauls Hand leicht, die sie noch immer in ihrer hielt: “Nenn mich Quyn. Quyn… das bedeutet Dunkelrot. Und du… möchtest etwas anderes als nur zu reden, habe ich Recht?”

Raul traute seiner Stimme nicht. Statt ihr mit Worten zu antworten, zog er ihre Hand zu sich, lehnte sich vorsichtig zu ihr und legte seine Lippen auf ihre. Sofort erwiderte sie den Kuss und rückte näher an Raul. Ihr weißer Arztkittel fiel zu Boden und bedeckte den Schraubenschlüssel und den kleinen metallenen Hammer, die dort lagen. Rauls Kleider folgten und sie tauschten keine Worte mehr, sondern Küsse aus.

Raul küsste ihren Nacken, ihren Hals, ihr Kinn. Er konnte sie spielend leicht hochheben, hielt sie und küsste sie leidenschaftlich auf den roten Mund. Seine wachsende Erregung blieb ihr nicht verborgen.

Quyn strich durch die Haare auf seiner Brust, dann hielt sie sich an seinen Schultern fest, schlang ihre Beine um seine Hüfte und grub ihre Finger in seine schwarzen Haare. Sie vereinten sich im gleichen Rhythmus, ihre Bewegungen griffen wie Zahnräder ineinander, wurden synchron. Die Vibrationen des Antriebs gruben sich in ihre Nerven. Sie sprangen wie Funken auf Quyn und Raul über und das Prickeln auf ihrer Haut bahnte sich seinen Weg in ihr Innerstes. Dort steigerte es sich zu einem drängenden Gefühl, das sich Bahn brechen wollte – ein Treibstofftank, der danach strebt, zum Antrieb zu erwachen.

Sie spürten, wie sich Hitze von unten ihren Weg bahnte. Der Antriebsstrahl erwärmte den Boden und die Luft, doch Raul und Quyn hatten eine Gänsehaut. Das elektromagnetische Knistern des Pumpenmotors übertönte alle Geräusche, die von den beiden Liebenden kamen, bis sie erbebten, gleich den zitternden, schuftenden Motoren des Maschinenraums. Quyns manikürte Fingernägel zeichneten neue Striemen auf Rauls starken Rücken.

 

Hypergolische Treibstoffe, zwei Substanzen, die spontan miteinander reagieren, wenn sie sich vermischen. Es kommt zur Explosion. Etwa beim Raketenantrieb. Keine der Substanzen kann mehr für sich allein existieren, sie verschmelzen zu einer neuen Einheit, werden von einer mächtigeren Kraft erfasst, als sie selbst.

 

Dann wurde es still im Maschinenraum.

Von einem Moment auf den anderen war die Zündungsphase vorbei. Die Schwerelosigkeit griff mit federleichten, unentrinnbaren Fingern nach ihnen, ließ die langen, pechschwarzen Haare Quyns in alle Richtungen schweben und auch alles andere entzog sich dem Griff der Schwerkraft.

Ein Schraubenschlüssel trudelte gleichgültig an ihnen vorbei, die sich eng umschlungen wie ein einziger Körper um die eigene Achse drehten.

Nun, da der weißglühende Antriebsstrahl verloschen war, schimmerte im Bullauge blass die Sichel des Planeten, dessen Orbit sie verlassen hatten. Bald würden die Lichtpunkte ferner Sterne ihren Platz einnehmen.

Schließlich schlüpfte Quyn Nguyen wieder in ihren Kittel und Raul in sein Shirt und seine ölbefleckte Hose. Es ging zurück an die Arbeit, für beide. Doch Rauls Einsamkeit im engen Wartungsschacht würde in Zukunft immer wieder der Zweisamkeit weichen… sooft sie den neugierigen Blicken der Mannschaft entkommen wollten.

 

21.11.2018

 

Davor: Rahjageflüster 10: Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon

Das Gleichnis der Rübenzieherin (Rahjageflüster 9)

Ein neues, zweites Gleichnis für das Rahjageflüster.

Wieder sehe ich, wie schon bei dem ersten Gleichnis, keinen Grund, eine Ü18-Warnung voranzustellen. Trotzdem mangelt es der Geschichte nicht an Erotik und Kribbeln.

Unter dem folgenden Link sind alle Geschichten, die zu dem Schlagwort ‚Rahjageflüster‚ gehören, aufgelistet.

Einst lebte in einem Land, dessen sanft geschwungene Hügel hoch im Norden liegen, eine Rübenzieherin. Alle Rübenbauern ihres Dorfes schätzten sie sehr, denn sie hatte ein besonderes Gespür dafür, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, die Rüben von den Feldern zu holen. Sie war geschmeidig wie die biegsamen Wurzeln, die sie aus der Erde zog, und dabei auch eine kräftige Frau, denn für ihre Arbeit brauchte sie die Muskeln in ihren Schultern und in ihren Beinen und der Schweiß stand ihr oft auf der Stirn.

Früh am Morgen begann ihre Arbeit. Mit den Fingern fuhr sie durch das Kraut, das in krausen Büscheln über den Rüben wächst, und ihre Fingerspitzen wurden dann nass vom Tau.

An den Oberseiten der Rüben, die aus der Erde hervorspitzen, konnte sie sehen, ob die Rübe schon reif für die Ernte war. Das hatte sie ihre Erfahrung gelehrt, weil ja nur ein kleiner Teil der Wurzel sichtbar ist und der größte Teil verborgen liegt. Aber die Rübenzieherin hatte schon viele Rüben herausgezogen aus der Erde. Sie wusste, wann eine Rübe am dicksten und reif war, herausgezogen zu werden. Denn wenn ein Rübenzieher den rechten Moment verstreichen lässt und die Rübe in der Erde lässt, dann wird sie holzig und spröde.

Wenn sie also sah, dass das Gemüse prall und reif für die Ernte war, dann bückte sie sich hinunter, schob die Erde rund um die Knolle beiseite und legte ihre Hände an den oberen Teil, den sie freigelegt hatte. Mit viel Gefühl und Ausdauer ging sie nun vor, schloss ihre Hände um die Wurzel und rieb und zog und bearbeitete sie so lange, bis sie sie ganz aus der engen Umarmung der dunklen Erde gezogen hatte.

Manchmal geschah es wie von selbst, dass sich eine Rübe lockerte und fast mühelos in ihren Händen lag.

Manchmal hatte sie es auch mit einer besonders dicken Rübe zu tun, die fest in ihrer Furche steckte. Wenn dann der Boden feucht und weich war, ging es am einfachsten, das Prachtexemplar zum Vorschein zu bringen.

So ging sie die Äcker ab und ließ auch keinen aus. Jede Rübe besah sie sich und immer wusste sie, ob sie eine Rübe noch stecken lassen musste oder ob sie sie herausziehen konnte. Jeder Rübe schenkte die Rübenzieherin die gleiche Aufmerksamkeit und barg sie in ihrem Korb.

Am Abend brachte die gute Frau die Rüben zu den Bauern. Dann war sie erschöpft von der harten Arbeit, aber zufrieden, weil sie viele Rüben geschafft hatte. Und auch die Bauern waren zufrieden. Oft schenkte man ihr die dickste Rübe, denn die Rübenzieherin wusste wie keine andere, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war.

Davor: Rahjageflüster 8: Romina und Julien

Weiterlesen: Rahjageflüster 10: Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon

Romina und Julien (Rahjageflüster 8)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Der Titel ist eine Anspielung, die auf die wohl bekannteste Tragödie Shakespeares abzielt. Diese Liebesgeschichte ist ähnlich verzwickt und voller amouröser Missverständnisse und Hindernisse.

Zum Weiterlesen geht es hier zur Übersicht über alle Rahjageflüster-Geschichten.

 

Romina und Julien

Rahjageflüster 8

<<Julia, oh Julia! Das Herz entbrennt mir in der Brust, denk ich an dein Antlitz nur! Die Brust, sie schwillt vor Liebesworten, doch ach! – seh ich dich vor mir, zu Staub und Asche zerfallen und sterben sie auf den Lippen mein.>>

<<Romeo, oh Romeo! Wärst du doch mein, Romeo! So wollt ich nimmer führen mehr den Namen der Mutter, der Familie, und nennen mich beim Namen dein.>>

Julia stand oben auf ihrem Balkon, unter ihr Romeo. Es war ein lauer Frühlingsabend, in der Stadt wurden gerade die Laternen angezündet und die Festwiese vor den Stadtmauern bevölkerte die fahrende Gauklerschar mit ihren bunten Wägen. Davon abgesehen hatte Julia mit dieser Liebesversicherung eine Ungeheuerlichkeit ausgesprochen, denn in jenem Land galt die Linie der Mutter als Abstammung und sie war es auch, die ihren Familiennamen vererbte.

~ ~ ~

Romina saß in der ersten Reihe. Amüsiert nahm sie die ob dieser Provokation entsetzten Reaktionen der Bürger rings um sich zur Kenntnis. Sie selbst hatte seit der Ankunft der Schauspieler keine einzige Vorstellung verpasst und so kannte sie den Dialog zwischen den beiden Liebenden fast schon Wort für Wort auswendig. Der Grund für ihre Theaterbesuche hob soeben zu einer neuerlichen Liebesbeteuerung an seine angebetete Julia an.

Diese lieblichen Worte, die er von ewiger Liebe sprach! Im Geiste stand Romina auf Julias Platz, oben auf dem Balkon, und blickte ewige Augenblicke in Romeos Augen.

Sie hatte viel Zeit darauf verwendet, ihre schwarzen Locken zu einer hübschen Hochsteckfrisur herzurichten, und als Krönung hatte sie sich eine frische, rote Rose ins Haar gesteckt. Sie trug das hellblaue Kleid mit den weißen, aufgestickten Vögeln auf dem Rock, das ihre von Bräune überhauchte Haut genauso wie ihre schlanke Figur so gut betonte. Sie hatte sich eigens ein Döschen Lippenrot gekauft und aufgelegt und sie hatte sich nach den Aufführungen in der Nähe der Schauspieler herumgedrückt und versucht, ein Gespräch mit <<Romeo>> anzufangen. Immer wenn sie kurz davor war, hatte sie aber alle Worte vergessen, die sie sich zurechtgelegt hatte und hatte sich im letzten Moment abgewandt. Stattdessen saß sie mit verklärtem Blick inmitten der Zuschauer und nährte die Hoffnung, dass er ihren liebestollen Blick spürte. Doch im Grunde war sie nur ein Gesicht unter vielen.

Ein Treffen mit <<Romeo>> hatte sie nicht ergattern können. Stattdessen freundete sich Romina mit ein paar anderen der fahrenden Schausteller an. An erster Stelle war da Isabel, im gleichen Alter wie sie, die just fünf Schritte vor und über ihr Julias Textpassagen deklamierte. Isabel spielte Julia. Von ihr kannte sie den wirklichen Namen Romeos: Julien.

So ging es die ganze Woche: Romina besuchte abends die Vorstellung und schmachtete, fand nachts keinen Schlaf, weil sie immerzu an Julien denken musste und quälte sich mit dem Gedanken, dass er noch nicht einmal von ihrer Existenz wusste, geschweige denn ihren Namen kannte oder gar etwas von ihren romantischen Gefühle ihm gegenüber ahnte. Tagsüber war Romina zu nichts zu gebrauchen. Der alte Schneider, ihr Vater, wurde zuerst ungeduldig und dann ungehalten, weil sie ihren Kopf immerzu woanders hatte und zu nichts zu gebrauchen war.

Nach Ablauf der Woche hatte der Spuk ein Ende. Die fahrenden Leute reisten wieder ab.

Der Schneider sah diesem Tag freudig entgegen, weil seine Tochter dann endlich wieder ihre Arbeit ordentlich verrichten würde. Am Vormittag schimpfte er, weil seine Tochter doch wieder nicht da war. Als die Stunden verrannen wurde sein Schimpfen zum Fluchen und schließlich, gegen Mittag, hastete er zum Platz der Schausteller.

Von den bunten Zelten und Holzbuden waren nur noch Wagenspuren und Abfälle zu sehen. Die Vaganten hatten eine brave Bürgerstochter mehr von ihrem Platz in der Gesellschaft weggelockt.

~ ~ ~

<<Sie kommt aus der Stadt! Das ist eine Bürgerin!>> Julien schäumte vor Ärger. Sein Gesicht war zu einer Maske verzerrt, die überdeutlich seine Gefühle ausdrückte: Abneigung, Misstrauen, Geringschätzung gegenüber dieser <<Bürgerin>>, was von seinen Lippen wie ein Schimpfwort vor Hohn und Verachtung troff.

Mit einem brennenden Blick auf die Schneiderstochter, erhobenem Kopf und stockgeradem Rücken drehte er sich auf dem Absatz um und stolzierte davon.

Seine Worte hatte er an Rominas Fürsprecher gerichtet. Obwohl diese in der Überzahl waren, blutete ihr das Herz. Ihre Freunde, allen voran Isabel, waren für ihre Aufnahme in den Kreis der Schauspieler eingetreten, doch Julien – ausgerechnet Julien! – widersprach vehement Dass Isabel die Rolle der Julia im Theaterstück längst satt hatte und Romina den Text bereits auswendig konnte, passte so gut wie eine göttliche Fügung. Isabels Begeisterung für Romina sprang auf den Großteil der fahrenden Gemeinschaft über, sodass sie mit offenen Armen willkommen geheißen wurde – außer bei Julien, nach dessen Armen sie sich am meisten sehnte.

~ ~ ~

Julien hegte einen tiefen Widerwillen gegen alles, was aus den festen Mauern einer Stadt kam: gegen Steuern, Gardisten, Obrigkeiten, Gebote und Verbote und eben auch Romina.

Flammende Wut bemächtigte sich seiner jedes Mal aufs Neue, wenn er sie sah. Wie sie sich zum Beispiel am Mittag mit bürgerlicher Geziertheit zum Essen setzte. Als ob sie sich für etwas Besseres hielte, weil sie sich eine Serviette über den Schoß legte. Wie sie sich genierte, wenn sie ein stilles Örtchen ausuchte. Als ob sie nicht dieselben Bedürfnisse wie jeder andere Mensch auch hatte. Wie gewählt sie sich ausdrückte. Als ob sie es ihnen immer unter die Nase reiben wollte, dass sie eine Schulbildung genossen hatte, im Gegensatz zu ihnen, die sie ihre Lehren auf den steinigen Straßen erhalten hatten und auf den staubigen Marktplätzen aufgewachsen waren.

~ ~ ~

<<Romeo, oh Romeo! Wärst du doch mein, Romeo!>> Sie übten. Rominas Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie musste sich anstrengen, um nicht Juliens Namen zu sagen. Es brach ihr jedes Mal das Herz, jedes Mal ein bisschen schmerzhafter, ihr Vortrag wurde jedes Mal ein bisschen klagender. Julien leierte seinen Text herunter, gelangweilt und lustlos. Es änderte nichts daran, dass Romina gut spielte. Sie konnte nicht nur den Text auswendig, sie legte all ihr Gefühl in die Proben.

So kam der erste Auftritt.

Natürlich war Romina aufgeregt. Am Schlimmsten waren aber Juliens Sticheleien. Er sah überhaupt keinen Grund, seine spitze Zunge im Zaum zu halten, bis ihn Isabel in die Schranken wies.

Sie spielten und schlugen ihr Publikum ab der ersten Szene in den Bann der Liebesgeschichte. Am Ende strahlte Romina vor Glück. Juliens Miene war verschlossen, sodass sich Romina zurückzog. Sie wollte nicht schon wieder angegiftet werden, nicht jetzt, wo sie ihren ersten Applaus genießen wollte.

Der Verlauf der folgenden Wochen folgte einem wiederkehrenden Muster: Romina und Julien übten die schwierigsten Passagen, hatten abends ihre Auftritte und gingen sich den Rest der Zeit aus dem Weg. Romina hegte den Verdacht, dass er es müde geworden war, sie zu piesacken. Sie warf ihm von Weitem lange Blicke zu und wandte sich schnell wieder ab, wenn er den Kopf drehte. Der Kummer der unerwiderten Liebe nagte weiterhin hartnäckig an ihr.

~ ~ ~

Julien sah weg. Das überhebliche Getue der Städterin, wie er sie in Gedanken nannte, wollte er nicht mitansehen. Wie sie ihn keines Blickes würdigte, kaum dass sie ihren ersten Applaus bekommen hatte. Und dann lauerte sie trotzdem immer auf eine Reaktion von ihm, er sah doch, wie sie sich immer ganz schnell wieder von ihm wegdrehte. Sie hielt ihn wohl für vollkommen auf den Kopf gefallen. Aber er tat ihr diesen Gefallen nicht, dass er sie auch noch vor den Augen der Öffentlichkeit bewunderte. Nein, er nicht. Er würde standhaft bleiben, auch wenn es schwer war.

Ihre Augen waren ihm als erstes an ihr aufgefallen. Und dann hatte sie sich eine Rose in ihre lockigen, dunklen Haare gesteckt. Er liebte es, ihre Hände zu beobachten, die nie stillhalten konnten. Seit sie aus der Stadt fort war, hatte er sie nur noch auf der Bühne ein Mieder tragen sehen, aber sie hatte es nicht nötig. Und er hatte sie noch nie in Hosen gesehen, aber das würde er gerne. Dann könnte er sich ihre Beine noch besser vorstellen. Sie hatte bestimmt zarte, weiche Haut.

Etwas klapperte direkt hinter Julien. Er fuhr herum. Romina war unbemerkt hinter die Bühne gekommen. Sofort machte sie kehrt, als sie ihn sah. Julian schluckte. Diese Überheblichkeit.

Dann packte es ihn und er wirbelte herum. <<Du- du glaubst wohl, dass du was Besseres bist!>>, stieß er hervor. Sie blieb stehen, sah ihn mit großen, unschuldigen Rehaugen an und brachte vor Verblüffung keinen Ton heraus. Dafür sprudelte es aus Julien weiter heraus: <<Du mit deinen Tischmanieren! Deine Servietten und dein Gradesitzen! Deine feinen Wörter und deine weichen Hände. Du bist…>> In Rominas Augen blitzte es. Schritt um Schritt kam sie näher. Sie hatte es so satt. Diesmal würde sie sich nicht unterbuttern lassen. <<Ja, ich bin…? Die Bürgerin, ja? Das willst du doch sagen. Die verwöhnte, verzogene Bürgerin.>> Sie stand jetzt direkt vor ihm,, die Hände in die Hüften gestemmt. Nur noch eine Handbreit Luft war zwischen ihnen und die knisterte geladen. Hoch aufgerichtet reichte sie ihm bis zur Nasenspitze. Ihre Locken standen wild in alle Richtungen und dufteten nach Rosen, ihre Augen blitzten.

Julien war wie vor den Kopf geschlagen. Die Worte waren weg. Und Romina hakte sofort nach und stieß ihm einen Finger gegen die Brust. <<Ach, jetzt auf einmal bist du still! Du hast wohl gedacht, dass ich mir das ewig gefallen lasse, dass du mich ignorierst und links liegen lässt?>> Julien langte nach ihr und hielt ihre Hand fest, mit dem sie nach ihm stach. <<Du bist es doch, die mir ständig hinterherstarrt, als wäre ich ein Tier in einer Ausstellung! Du redest nicht mal mit mir, als ob ich es nicht wert wär‘. Jetzt hast du schon mehr zu mir gesagt als in den ganzen letzten Wochen! Du bist doch die, die glaubt, sie wäre was Besseres!>>

Jetzt war es heraus. Julien hielt immer noch Rominas Hand. Mit ruhiger Stimme fuhr er fort: <<Du mit deiner dunklen Mähne und deinen roten Lippen, deinem Geruch nach Rosen und deinen Rehaugen…>> Die Stimme versagte ihm, als sie ihre weichen Lippen auf seinen Mund senkte. Alle Vorsicht war dahin, der Kuss war hungrig und leidenschaftlich. Ihre Zungenspitze spielte über seine Lippen, die er für sie öffnete. Genussvoll drang sie in ihn ein und erkundete ihn.

Mit einem wortlosen Stöhnen zog er sie enger an sich, so nah, dass ihr Duft ihn einhüllte und sich ihr weiblicher Körper eng an ihn drückte. Sie drängte sich gegen ihn, fordernd.

Für einen Moment löste er sich von ihr und sie fühlte sich hochgehoben. Er setzte sie auf den Rand der Bühne, spreizte ihre Beine und stellte sich dazwischen. Seine Hände verschwanden unter ihrer Bluse und streichelten ihre Brüste und neckten ihre Brustwarzen, die unter seiner Berührung hart wurden und sich aufrichteten.

Sie waren nicht das einzige, die das taten.

Jetzt war es sehr praktisch, dass sie einen Rock und keine Hosen trug. Sein Kopf verschwand unter dem weiten Stoff, er küsste aufreizend langsam die weiche Haut auf ihren Oberschenkel, bis er endlich seinen Mund auf ihre feuchten Lippen legte und mit der Zunge ihre kleine Perle umspielte. Kurz bevor sie den Höhepunkt erreichte, stand er wieder auf. Mit fahrigen Fingern öffnete sie die Verschnürung seiner Beinkleider. Wie von selbst schlüpfte er in ihre Hand und sie liebkoste die seidige Haut mit geschickten Fingern.

Auf einmal packte er ihre Hände und drückte sie zurück auf die Bretter der Bühne. Er schob den Rock nach oben und strich mit seiner Spitze sanft über ihre rosigen, sehnsuchtsvollen Hautfalten. Ihre Augen senkten sich in seine und mehr Einladung brauchte er nicht. Das Bühnenpaar ergänzte sich, als wäre es füreinander geschaffen.

Mit einem wilden, zerrissenen Kuss erreichten sie den Gipfel ihrer gemeinsamen Lust. Auf dem Rückweg in die Welt des Stofflichen kuschelten sie sich Haut an Haut aneinander.

Der Sinneswandel der beiden, die sich von Anfang an angefeindet hatten und sich dann aus dem Weg gegangen waren, sorgte bei den Fahrenden für viele verwunderte Blickwechsel und laute Fragen. Und für Erleichterung, war die ungute Stimmung im Lager doch endlich gewichen. Jetzt gab es nur noch ab und an Beschwerden, wenn sie ihrer Leidenschaft nachts hinter der Bühne einmal zu geräuschvoll nachgingen.

31.05.2018

Davor: Rahjageflüster 7: Der Lindwurm

Weiterlesen: Rahjageflüster 9: Das Gleichnis der Rübenzieherin

Der Lindwurm (Rahjageflüster 7)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Die folgende Geschichte ist wieder eine Kurzgeschichte, in der ich das Prickeln, die Erotik und den Akt in einem gewissen Rahmen ausformuliere (im Gegensatz zu dem Gleichnis vom tüchtigen Pflüger und dem Gleichnis der Rübenzieherin). Sie ist mit einem Augenzwinkern zu lesen, da ich sie mit einer Prise an leisem Spott gewürzt habe.

Wer weiterlesen will: Die Übersicht der Geschichten aus dem ‚Rahjageflüster‘ findet sich hier.

 

Der Lindwurm

Rahjageflüster 7

Mit knackenden, schabenden Geräuschen schob sich Reihe um Reihe der handtellergroßen Hornplatten über das Gestein. Krallen so lang wie Unterarme bohrten sich in das Geröll, um den mächtigen Schlangenleib nach vorne zu ziehen. Dann ein Knallen wie von einer Peitsche, ein paar kräftige Windstöße und der Drache erhob sich in die Lüfte, ohne noch einen Blick zurück zu werfen. Hätte er seinen dreieckigen Schlangenkopf umgewandt, dann hätte er dort im Höhleneingang unweigerlich die kleine Menschengestalt gesehen, die soeben in den Felsspalt schlüpfte.

Thorwulf war nur im Vergleich mit dem geschuppten Ungetüm als klein zu bezeichnen. Selbst in seinem Volk, das berüchtigt ist, wahre Hünen hervorzubringen, galt er als stattlich. Mit seiner Größe von über zwei Schritt, seinem breiten Kreuz, dem rotblonden Haarschopf, seinen strahlgrauen Augen und den Muskeln, die von seinen Kämpfen mit Schwert, Axt und Schild herrührten, sah er aus wie einer der Helden aus den alten Sagen.

Eine Abneigung gegen alle Echsenwesen hatte er bereits mit der Muttermilch eingesogen. Dass Drachen Unheil bringen, wusste doch jedes Kind! Es war nur eine Frage der Zeit bis sie anfingen, Jungfrauen oder Jünglinge zu stehlen und Lösegeld zu erpressen, um ihre Horte noch weiter mit Gold und Reichtümern anzufüllen. Das hatte auch dieser Drache getan, hatte die umliegenden Dörfer und Städte tyrannisiert, Gebirgspässe kontrolliert und Wegzölle erpresst, bis ihm das schließlich nicht mehr genug war und er die schönste Jungfer entführte, die er landauf, landab in den Familien des blaublütigen Adels erspähen konnte.

So hatte sich Thorwulf als tapferer Recke und erprobter Streiter für die noble Queste der Befreiung dieser holden Maid anheuern lassen. Für unsterblichen Ruhm und auch gegen schnöde Münze. Ein Mann kann sich schließlich nicht von seinem Ruhm allein ernähren.

Es graute ihn jetzt schon, wenn er an den Rückweg dachte. Den ganzen Weg zur Burg ihres Vaters würde er sich das leere Geplapper dieses Mädchens – die Edeldame Helaine – anhören müssen und ihr Gerede über Ritter und Minnesänger, die letzten Turniere und die neuesten Moden, über Falkenjagden und höfische Tänze. Er konnte sich nichts Langweiligeres vorstellen. Diese Gedanken machten ihm die Aussicht zur Qual, obwohl er noch gar nicht an seinem Ziel angelangt war.

Er musste sich auf seinen Weg konzentrieren, der ihn über Schutt und Steintrümmer immer tiefer in das Innere des Berges führte. Es war ein wahrer Irrgarten aus steilen Pfaden, schroffen Abbrüchen und Sackgassen.

Bei jeder anderen Queste hätte er auf diese Heimlichkeit lieber verzichtet, hätte sein schweres Breitschwert gezogen und wäre mit einem gellenden Kampfschrei auf das zu besiegende Biest losgestürmt! Doch diesmal galt es nicht nur, ein magisches Untier zu besiegen. Thorwulf musste sich auch seinem Schicksal stellen.

~ ~ ~

Das Morgengrauen hatte mit eiskalten Fingern blutrote Streifen über den Horizont gezogen. So war es seit alters her Brauch: Immer wenn ein Mitglied der Sippe auszog, um eine Heldentat zu vollbringen, suchte es frühmorgens vor seinem Aufbruch die uralte Seherin auf, um sich von ihr das Schicksal, das es auf seiner Reise erwartete, voraussagen zu lassen. Der Krieger hatte in den Morgenstunden die klappernden Schnüre beiseite geschoben, die vor der Türe der Hütte am Waldrand hingen. Kleine Glasperlen, Muscheln, durchbohrte Steine, Knöchelchen und beschnitzte Holzstücke kennzeichneten diesen Ort als Ort der Geister.

Die Worte, die die Greisin mit brüchiger Stimme hervorgebracht hatte, hallten wie ein fernes Echo in seiner Erinnerung wider: „Die Schlange wird mit dir kämpfen… ihre Magie ist stark und du wirst ihr unterliegen… und dann wird sie dir ihren Willen aufzwingen.“ Das hatte die weise Seherin ihm prophezeit.

~ ~ ~

Thorwulf tastete sich behutsam tiefer und tiefer in den Schoß des Berges. Dann endlich öffnete sich der Gang zu einer dunklen Höhle. Im Schein seiner Fackel funkelten tausende und abertausende Goldmünzen, schimmernde Kelche, mit Edelsteinen verzierten Diademe, schwere Kronen und unzählige Schmuckstücke, juwelenbesetzte Waffen und noch mehr Tand. Alles lag zu einem Hügel aufgetürmt in der Mitte des hohen Raumes. Was für eine Gelegenheit!

Doch plötzlich sprang ihn etwas mit einem unterdrückten Aufschrei von der Seite an. Es musste schon in der Nähe des Ausgangs gelauert haben. „Mein Retter! Ihr seid mein Held!“ Das Fräulein klammerte sich an ihn, als würde es zu ertrinken drohen. „Ihr seid gekommen, mich von meiner Misere zu befreien!“

Thorwulf schob sie auf Armeslänge von sich und er sah, dass sie eine Schönheit war: Haare wie gesponnenes Gold, das sich in Wellen bis zu ihrer Taille ergoss, ein wohlgeformter Körper und ein Gesicht das dazu geformt schien, Männern den Verstand zu rauben. Ihr Kleid war schmutzstarrend und zerrissen, und an ihren Hand- und Fußgelenken waren schwere Ketten, die sie mit dem Felsen verbanden.

Thorwulf brummte unwillig, hob seine Axt und zerschlug die Kettenglieder. „Raus jetzt, bevor der Drache wiederkommt!“ Wieder erinnerte er sich an die Worte der Prophezeiung: ‚Ihre Magie ist stark und du wirst ihr unterliegen.‘

Wieder rief sie: „Du wirst mich befreien! Ich werde dich dafür-“ Mehr als den Lohn, den sie ihn versprechen wollte, interessierte Thorwulf, den Kampf mit der Schlange zu vermeiden, und er zog sie mit sich. Unvermittelt erwiderte sie seinen Griff, fasste ihn an den Armen und Thorwulf hörte das Rasseln der Kette und ein Klicken.

Ihre Stimme war ganz nah an seinem Ohr: „Du… wirst mich befreien und dafür… werde ich dich gefangen nehmen.“ Mit hastigen Bewegungen zog sich Helaine das Kleid über den Kopf und ließ es achtlos zu Boden fallen. „Wochenlang war ich hier gefangen. Der Drache wird zurückkehren, bevor wir den Weg durch das Labyrinth finden.“ Dann legte sie ihre Hände an seinen Hosenbund und zerrte seine Hose bis zu seinen Knien hinunter.

Da fand Thorwulf seine Sprache wieder, die es ihm vor Empörung verschlagen hatte: „Was soll das? Lass mich frei! Sofort! Wir müssen weg!“ Sie sah ihm gar nicht in das Gesicht, wedelte nur mit der Hand und murmelte: „Sobald ich meine Jungfräulichkeit verloren habe, dann interessiert sich der Drache gar nicht mehr für mich. Dann kann zumindest ich in aller Ruhe meiner Wege gehen.“

Thorwulfs Muskeln traten hervor, als er sich gegen die Ketten stemmte. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein! Er konnte doch nicht hier und jetzt… Und außerdem hatte sie diesen komischen, weichen Akzent, sie war überhaupt nicht sein Typ. Vermutlich konnte sie eine Axt noch nicht einmal halten, geschweige denn schwingen. Und so, mit gefesselten Händen, konnte das ja gar nicht klappen.

Helaines weiche Hände schoben sich unter sein Hemd, fuhren über seine Brust und über seinen Bauch. Abwehrend spannte er seine Muskeln an, doch ihr schien das nur zu gefallen und sie grinste breit. Sie bückte sich, zog seinen Dolch hervor und setzte die Spitze an Thorwulfs Hals. Doch sie schnitt ihm nur sein Hemd auf, von oben bis unten. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen und er drehte den Kopf weg. So erwischte sie nur seinen Bart. Aber er konnte nicht verhindern, dass sich dabei ihre Brüste an seine nackte Brust drückten. Dann presste sie ihren ganzen, nackten Körper gegen ihn. „Nein…“, zwängte der Krieger zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihre Finger seine empfindlichen Stellen streichelten. Nackt und verlockend rieb sie ihn und sich an ihm. Thorwulf spürte das Pochen, mit dem das Blut seiner unteren Körperregion zuströmte. Sein eigener Körper betrog ihn! Schließlich hatte sie ihn soweit, dass sie sich an ihm nach oben zog und sich das holte, was sie wollte.

Es klappte nicht auf Anhieb und es war anders, als sie es sich immer vorgestellt hat. Sie zog sich an seinen Schultern nach oben, schlang ein Knie um seine Hüfte und bewegte ihren Unterkörper zu ihm. Heiße Haut rieb über heißt Haut. Sie hörte seinen schnellen Atem nah an ihrem Ohr, fühlte seine Härte gegen ihre Leiste drücken und schob sich noch ein Stück weiter. Dann hatte sie ihn dort, wo sie ihn haben wollte. Helaine gab den Rhythmus vor, dem sich Thorwulf unterwarf. Der Körper des Kriegers nahm ihre Bewegungen auf und erwiderte sie – unwillig anfangs, aber mit wachsender Lust. Ein kleiner Schrei begleitete ihren Erfolg, als sich ihre Körper gleichzeitig aufbäumten.

Die Erde bebte. Ein tiefes Dröhnen fuhr dem Krieger und der nackten Adligen in die Knochen. Der Drache war zurückgekehrt! Jetzt war es eine Frage der Schnelligkeit. Keine Zeit, sich anzuziehen, gerade noch so konnte sich Thorwulf mit einem Hieb des Schwertes, das Helaine ihm in die Hand drückte, befreien. Er rief Helaine zur Eile und rannte los. Sie hatten eine kleine Chance, dem alten Lindwurm im Irrgarten zu entwischen.

Helaines Beine zitterten und ihr Atem ging stoßweise, so wie vorhin, als sie am Fuß des Berges standen. Nackt wie sie waren, hatten sie kein einziges Stück aus dem Drachenhort mitgenommen, und das war ihr Glück: Nur aus diesem Grund hatte er sie nicht verfolgt. Thorwulf aber erkannte, was geschehen war: Er hatte gekämpft, war dabei der Magie der Frau, dieser Schlange, unterlegen und sie hatte ihm ihren Willen aufgezwungen. Die Prophezeiung hatte sich erfüllt.

 

Davor: Rahjageflüster 6: Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger

Danach: Rahjageflüster 8: Romina und Julien

Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger (Rahjageflüster 6)

Diese kurze Geschichte gehört zu meiner Rubrik ‚Rahjageflüster‚. Anders als die meisten Geschichten, die ich dafür schreibe, halte ich hier den Ü18-Disclaimer nicht für nötig, da es ein mehr oder minder verschlüsseltes Gleichnis ist und keine explizit beschriebene Erotik enthält.

Wiederholt habe ich gehört, dass die Anspielungen mehr Spaß machen als die anderen Geschichten. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen.

 

Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger

Rahjageflüster 6.

Einst lebte ein Pflüger im Süden, wo die Äcker lang und breit sind. Er war ein leidenschaftlicher Mann, der seine Arbeit mit Genuss und Hingabe verrichtete. Und er arbeitete sorgsam und ordentlich. So manches Jahr schon hatte er die Felder all der großen und kleinen Bauern beackert, hatte auf dem Besitz der reichen genauso wie bei den Hütten der armen Bauern seine Hände gerührt. Er hatte einen starken Pflug, einen unermüdlichen Ochsen und eine sichere Hand. Die Bauern schätzen ihn sehr für seine gewissenhafte Arbeit und den jungen Mädchen gefiel der glutäugige Mann, der seiner Beschäftigung all seine Hingabe schenkte.

Im Frühjahr, wenn jedes Jahr auf’s Neue die Sonne erstarkt, den Boden wärmt und das Wasser aus seiner Erstarrung weckt und wieder zum Fließen bringt, da zog es ihn hinaus auf die Felder zu seiner Arbeit.

Er spannte den kräftigen Ochsen vor den Pflug und der setzte sich langsam in Bewegung. Schritt um Schritt, ganz gemächlich, begann er den Boden zu bearbeiten. Früh am Morgen war die Erde noch feucht vom Tau. Die harte Spitze des Pfluges drang tiefer in das dunkle Erdreich ein, bis der Pflug weit genug eingedrungen war. Es bedarf einer starken und sicheren Hand, einen gleichmäßigen Druck nach unten auszuüben, denn der Pflug liegt nicht starr und steif in der Erde – er muss sich immer  mit seinem Untergrund bewegen.

Furche um Furche beackerte er mit der Pflugschar und bereitete so den Boden. Er hatte eine schier nicht enden wollende Ausdauer. Wenn er aber irgendwann genug geackert hatte, legte er sich von seiner ehrlichen Arbeit redlich erschöpft in das junge Gras um auszuruhen.

Der Pflüger brachte Segen in die Häuser der Bauern. Im Herbst trugen die Felder, die er gepflügt hatte, reiche Ernte und nicht selten waren auch die Mägde und Bäuerinnen mit Nachwuchs gesegnet. Denn der tüchtige Mann liebte es nicht, die Hände in seinen Schoß zu legen. Und wer sich ein gutes Beispiel an dem Pflüger nimmt, dem wird der Dank und die Liebe seiner Mitmenschen sicher sein und der himmlische Lohn wird ihm als reicher Segen gespendet werden.

 

Davor: Rahjageflüster 5: Donnernde Leidenschaft

Weiterlesen: Rahjageflüster 7: Der Lindwurm

 

Wer Lust auf mehr Gleichnisse bekommen hat: Es gibt ein zweites Gleichnis, Rahjageflüster 9: Das Gleichnis der Rübenzieherin.

Donnernde Leidenschaft (Rahjageflüster 5)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Eine neue Geschichte voller Erotik und Leidenschaft – die fünfte Kurzgeschichte meines Kapitels ‚Rahjageflüster‘. Wie die vorherige Geschichte handelt auch diese wieder von einem Mann und einer Elfe.

Hier ist die Liste aller Rahjageflüster-Geschichten.

 

 

Donnernde Leidenschaft

Rahjageflüster 5.

Die Stufen hinab zum See sind schlüpfrig vom Spritzwasser. Das verwundert wenig, schließlich ergießt sich der große Wasserfall über den hohen Felsen, in den die Treppe geschlagen ist. An zwei Stellen ist die Luft so nass von der Gischt, dass es sich anfühlt, als würde man durch Nieselregen, einen Schritt später durch einen heftigen Regenschwall und dann wieder durch Nieselregen laufen.

Sigurd setzt seine Schritte mit Bedacht. Zwar hat er diesen Weg schon unzählige Male zurückgelegt, aber er weiß, dass der steile Pfad tückisch ist. Es wäre ein schmähliches Ende für einen stolzen Jünger der Kriegsgöttin, durch einen dummen Fehltritt zu Tode zu kommen, statt eines ehrenhaften Todes auf dem Schlachtfeld zu sterben! Der Gedanke lässt ein Grinsen über Sigurds Lippen huschen.

Er hat sein blondes Haar im Nacken zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengefasst, von der Feuchtigkeit sind die Strähnen dunkel geworden und kringeln sich. Seine Muskeln sind vom täglichen Schwerttraining gestählt. Heute hatten sie mit dem Zweihänder zuerst Angriffe und die dazugehörigen Paraden geübt, immer und immer wieder, und danach Übungskämpfe ausgefochten. Er liebt es, sich im Zweikampf zu messen, es ist mehr als eine religiöse Übung für ihn, denn dabei kann er sein Geschick, seine Reflexe und seine Kraft unter Beweis stellen – und er liebt das Spiel mit einem ebenbürtigen Gegner, wenn sich der Wille und der Körper von zwei gleich starken Partnern aneinander messen und aneinander wachsen.

Sigurd ist stark, seine Bewegungen geschmeidig. Die Rüstung und das große Schwert, das genauso lang ist wie er groß – beide messen zwei Schritt – hat er oben im Tempel in seiner Kammer gelassen. Für das, was er vorhat, wird er sie nicht brauchen.

~ ~ ~

Nenevie verstummt und atmet tief durch. Sie hat stundenlang den Baum besungen, weil ein Baumhaus der Sippe verändert werden musste. Ihre Stimme hatte das Holz zum Wachsen angeregt, es verformt und es nach den Wünschen seiner Bewohner wachsen lassen. Sie stand dabei im innigen geistigen Kontakt mit der versammelten Sippe, die ihre Vorstellungen durch Nenevies Geist strömen ließen und durch Nenevies Hände verwirklichten. Auf der anderen Seite stand der alte Baum und seine uralten Wünsche, die Lebensinstinkte eines Lebewesens, das den Verlauf der Zeit nicht in Jahren, sondern, wie das Volk der Elfen, in Jahreszeiten wahrnimmt: Tiefe Wurzeln graben, starke Äste zum Himmel recken, viele Blätter zur Sonne drehen, dicke Rinde bilden.
Die Zaubersängerin hatte sich für diese Prozedur ganz und gar auf das Wesen des Baumes eingelassen, hatte von außen ihre Hand auf die glatte Rinde gelegt und von innen ihren Geist in das lebendige Holz hineinsickern lassen, bis sie den langsamen, langsamen Puls des Baumes wie ihren eigenen Herzschlag wahrgenommen hat.

Nun ist ihr Geist in ihren eigenen Körper zurückgekehrt und damit fühlt sie die Erschöpfung des Körpers und die Müdigkeit in ihrem Geist von der Anstrengung des langwierigen Zauberliedes und sie fühlt sich klein und jung, aber eins mit der Welt und dem kleinen Teil, den sie darin bewohnt.

Ohne dass es eines gesprochenen Wortes bedarf, zerstreuen sich die Anderen und lassen Nenevie das Alleinsein, nach dem sie sich jetzt sehnt. Und noch etwas anderes ersehnt sie. Mit angeborener Anmut steht sie auf und macht sich auf den Weg.

~ ~ ~

Sigurds Füße haben wieder festes Erdreich unter den Sohlen. Unten angekommen, trennen ihn nur noch wenige Schritte vom Seeufer. Der Wasserfall wirft sich lärmend in die Fluten und hat damit der Stadt ihren Namen gegeben: Donnerbach. An einer Stelle wächst das Schilf dicht und hoch, dorthin führt Sigurd sein Weg.

Der Krieger streift sich das Hemd über den Kopf, schlüpft aus seinen Stiefeln, ohne die Hände zu benutzen, und lässt seine Hosen folgen. Ordentlich zusammengelegt finden sie auf einem Felsstück einen trockenen Platz. Sigurd watet in das kühle Nass. Hier am Rand läuft er noch über glatte Steine, weiter draußen wird es rasch tiefer und der Grund sandig.

Die Fluten des Sees schließen sich um seine Waden, seine Schenkel, seine Hüfte und Taille. Schließlich tauchen seine Brustwarzen unter Wasser und Sigurd bewegt sich mit kräftigen Schwimmzügen zum beständig rauschenden Wasserfall.

~ ~ ~

Nenevie sieht das Wasser von Weitem zwischen den Bäumen hindurch in den Strahlen der Abendsonne glitzern. Das Licht glitzert auch auf ihren seidig glatten Haaren, die wie eine rabenschwarze Kaskade über ihre Schultern fließen und ihr bis zur schmalen Hüfte reichen.

Die Elfe löst das geflochtene Band, mit dem sie die wadenlange Tunika gegürtet hat, und lässt das Kleidungsstück achtlos zu Boden fallen. Ihre Haut ist so hell und schimmernd, wie sie nur beim schönen Volk der Elfen sein kann. Die katzenartigen Augen und die typischen spitzen Ohren geraten zur Nebensache.

Leichtfüßig und barfüßig huscht sie über den Waldboden, bis sie den Rand des großen Sees erreicht. Leichte Wellen kräuseln die Oberfläche und schwappen leise gegen das Ufer, als sie im Wasser eintaucht. Flink wie ein Fisch schwimmt sie gegen die Strömung, die vom Wasserfall ausgeht, und hält ihre Augen unter Wasser offen.

~ ~ ~

Sigurd hält den Atem an. Der Krieger steht mitten unter dem donnernden Strom des fallenden Wassers. Es prallt auf seine Hände, mit denen er seinen Kopf bedeckt, auf seine Schultern und massiert ihm mit seiner Wucht die strapazierten Muskeln.

Irgendwann muss er aber Luft holen und kämpft sich wieder gegen die Strömung an den Rand des Wasserfalls. Das Wasser raubt ihm die Sicht und das Gehör.

~ ~ ~

Dort ist ein Mann.

Nenevie erschrickt. Normalerweise nimmt sie die Menschen wahr, bevor diese sie bemerken, aber das Ritual am Baum hat sie so sehr erschöpft, dass sie sich nicht mehr auf ihre Elfensinne verlassen konnte.

Und noch hat er sie auch nicht bemerkt. Er schwimmt gerade aus dem Wasserfall. Seine Haare sind kurz, nicht wie sie es von den Männern ihres Volkes kennt, und reichen ihm gerade so bis zu den Schultern. Die Gischt sprüht um ihn. Von seiner Brust perlen die Tropfen wie glitzernde Glaskugeln und springen zurück in den See. Er bewegt sich geschmeidig und selbstsicher wie eine Raubtier.

Dann lässt er den Wasserfall hinter sich und schlägt die Augen auf. Nenevie sieht, dass sie vom gleichen Blau sind, das sich in der unruhigen Oberfläche des Sees spiegelt.

~ ~ ~

Eine Elfe schwimmt auf ihn zu. Ihre langen, schwarzen Haare ziehen sich wie feine Federn durch das Wasser, fließen um die Konturen ihres Rückens und wippen bei jedem Schwimmzug. Es kann nur eine Elfe sein, das sieht Sigurd sofort, denn sie bewegt sich mit einer spielerischen Anmut, die er bislang nur an Katzen oder Pferden gesehen hat. Die Tiere wollen nicht schön und elegant sein, sie sind es einfach. Ihre Augen, dunkel und unergründlich, ruhen nur auf ihm. Dieser Blick lässt die Härchen auf seinen Armen zu Berge stehen. Ist das eine Geste des Drohens? Soll er sich zurückziehen?

So leicht will er das Feld nicht räumen. Sigurd kann an dieser Stelle stehen und hält sich mit ruhigen Bewegungen an Ort und Stelle. Die Frau kommt in einem leichten Bogen stetig näher und nimmt jedes Detail wahr: Das Spiel der Muskeln, die sich bewegen, der Wasserfilm auf seiner Haut, der wachsame Blick. Sie ist nur noch eine Armeslänge von ihm entfernt. Die schwarzen Strähnen wallen unter Wasser und schlängeln sich wie Schlangen in seine Richtung. Und in ihre dunklen Augen, das sieht er jetzt aus nächster Nähe, funkeln goldene Sprenkel wie Funken.

Wie im Traum streckt sie einen Arm aus und legt ihre Hand in seinen Nacken. Sigurds Reflexe als Krieger versagen, seine Augen verlieren sich in ihren und er lässt alles geschehen. Später, viel später, wird er sich fragen, ob sie ihn in diesem Moment mit ihrer Elfenmagie verzaubert hat, dass er auch nicht einen Augenblick lang daran denkt, sich ihr zu entziehen. In diesem Moment legen sich ihre weichen Lippen auf seinen Mund und lassen alle Gedanken verstummen. Es gibt nur noch den Kuss, das Wallen des Wassers um sie herum und ihre Arme, die sich an seinen Oberkörper klammern und immer wieder an seinen Brustwarzen spielen, über seinen Bauch streichen und sich in seine nassen Haare graben.

Er kommt nicht zum Sprechen, zum Denken, gerade einmal zum Atmen.

Nenevie schlingt ihre Beine um seine Hüfte. Ihre festen, kleinen Brüste drücken sich gegen seine Brust, ihre beiden Händen gleiten über seinen Körper, seinen Nacken, seine Schultern, seine Arme, seine Hüften, streicheln, halten, kreisen. Sigurd spürt ein Pochen in seinen Lenden, als sie ihn eng mit den Schenkeln umschließt und ihre Hände um seinen harten Speer schließt. Seine Entspannung ist dahin, er ist bereit und aufgerichtet.

Sigurd sieht ihr an, dass sie ihn ebenso sehr will wie er sie.

Sie drückt sich an ihn und nimmt ihn sanft in sich auf. Das hat sie noch nie mit einem Menschen getan. Sie fühlt ihn, aber anders als bei einem Elfen kann sie sein Denken nicht finden. Nur seine Bewegungen, seine Worte in der Menschensprache und seine Blicke geben ihr Hinweise, was er will. Nenevie will, dass der Mann seine Vorsicht fahren lässt. Ihr Atem wird zum Keuchen, sie bäumt sich in seinen Armen auf. Sigurd fühlt, wie sich ihre Muskeln zusammenziehen, er hält sie und bewegt sich schneller und tiefer, findet ihren Rhythmus. Ihre Finger bohren sich in seine Schultern.

Ein letzter Kuss, voll wildem Verlangen und Leidenschaft, und das Rauschen des Wasserfalls spült alle Geräusche fort.

~ ~ ~

Für Sigurd fühlt es sich wie ein körperlicher Verlust an, als sie sich zurückzieht, gerade als er seinen Kopf auf ihre Schulter sinken lässt. Sie entfernt sich ein Stück von ihm, sodass sie direkt unter dem Wasserfall steht, und sein Blick folgt ihr voller Bewunderung. Das Wasser spült ihre rabenschwarzen Haare an ihren Körper, als sie den Kopf in den Nacken legt. So steht sie, reglos, fast wie eine Statue.

Und dann geht sie.

~ ~ ~

Nenevie löst sich von dem Mann. Die Elfe steht im fallenden Wasser, lässt sich von den Wassermassen umspülen und genießt es, dass sie ganz still im ohrenbetäubenden, donnernden Wasserfall steht. Schließlich stemmt sie sich gegen die Strömung, taucht hervor und macht sich auf den Rückweg. Im Vorübergehen nimmt sie ihre Tunika auf und streift sie sich über ihre noch nasse Haut.

~ ~ ~

Sigurd fühlt sich immer noch erschöpft. Nein, berichtigt er sich in Gedanken, er ist wieder erschöpft. Er lässt sich ein Stück treiben, der Blick im Himmel verloren, wo im Westen die Sonne versinkt. Später in der Nacht, als er in seinem Bett liegt und schon fast eingeschlafen ist, fragt er sich noch, ob er sie jemals wiedersehen wird.

~ ~ ~

Sie weiß, wann sie wiederkommen wird. Ganz kurz, wie ein Blitz, hat sie doch noch in die Gedanken des Menschen sehen können, hat sich selbst durch die Augen des Mannes gesehen, so wie er sie wahrnimmt, und da beschloss Nenevie, dass sie ihn zu seinem nächsten Bad wieder besuchen wird.

 

Davor: Rahjageflüster 4: Der Kuss von Eis und Feuer

Weiterlesen: Rahjageflüster 6: Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger