Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon (Rahjageflüster 10)

Wie alle Geschichten des Rahjageflüsters (mit Ausnahme der beiden Gleichnisse, das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger und das Gleichnis der Rübenzieherin) richtet sich auch diese Episode an Leser ab 18 Jahren.

„Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon“ ist der Auftakt zu einer Fortsetzungsgeschichte innerhalb meines ‚Rahjageflüster‘-Kapitels. Drei weitere Teile über die amourösen Errungenschaften der südländischen Fürstin – der Shanja – sind in Planung.

 


Der Hengst schimmerte in der Sonne, die mitten am Himmel stand. Schweißtropfen perlten auf seinen Flanken und sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich im raschen Wechsel. Seine harten Hufe trommelten ein Stakkato auf den festen Sand des Hofs und die Reiterin gab all ihr Können, den Rappen davon abzuhalten, die bunten, zarten Blumenbeete zu zertrampeln. Die Muskelberge des Pferdes zeichneten sich deutlich unter seiner Haut ab, doch die edle Reiterin war genauso angespannt wie das Tier.

So prächtig er war, so wild war er. Seine Augen glänzten wie im Fieber. Endlich hatte er genug geschwitzt, genug gekämpft. Müde senkte er den Kopf und ließ die Zügel zu, die ihn mal in die eine, mal in die andere Richtung wiesen, ließ es zu, dass die Reiterin die Geschwindigkeit bestimmte.

Einsamer Applaus erklang. „Sehr gut gemacht, Euer Magnifizenz!“, lobte Lamon und klatschte in die Hände. „Jetzt habt ihr ihn unter Eurem Willen und in Eueren schönen Händen. – Lasst mich Euch beim Absteigen helfen.“ Die Shanja hatte den Rappen zum Stall gelenkt. Er hatte für heute genug Schweiß vergossen und da er sich letzten Endes ihrem Willen gebeugt hatte, hatte er sich seine Ruhe und eine Box mit trockenem Stroh verdient.

Lamon legte seine Hände an die Hüften seiner Herrin. Natürlich hatte der Rittmeister keine Einwände erhoben, als die Shanja verkündet hatte, den schwarzen Wildfang selbst einreiten zu wollen. Dies stünde ihm nicht zu. Doch insgeheim hatte er Bedenken gegen dieses riskante Vorhaben gehegt, denn das gebrochene Bein eines Stallburschen und die Verletzung zweier Mägde durch den Rappen hatten seine Sorge um die hohe Shanja genährt.

 

Nun stand sie wieder wohlbehalten auf ihren eigenen Füßen und Lamon konnte aufatmen. Es gebührte ihm, jetzt das erschöpfte Pferd zu versorgen.

„Du hattest deine Zweifel, Lamon.“, stellte die Shanja fest, als er die Zügel aus ihren Händen nahm. Es war keine Frage. „Wir reden heute Abend über deinen Platz an meinem Hof.“ Ohne einen weiteren Blick ging sie über den Hof. Lamon sah ihr nach, bis sie hinter einem der roten Vorhänge verschwunden war. Sein Mut sank. Jetzt war er voll des Lobes und trotzdem hatte sie ihn durchschaut! Konnte sie Gedanken lesen? Konnte sie ihn so gut kennen – ihn, einen Diener unter vielen -, dass sie ihm seine Gefühle und geheimen Gedanken ansah? Würde sie ihn jetzt des Hofes verweisen? Bis zum Abend ging er seiner Arbeit in Sorge nach.

 

Eine der beiden Kammerzofen der Shanja brachte ihn in die privaten Gemächer der Fürstin. Lamon wunderte sich darüber. Er konnte sich nicht erklären, aus welchem Grund sie ihn in ihre inneren Räume lassen sollte, wenn sie ihn, wovon er überzeugt war, vor die Türe setzen wollte? Er wurde immer unruhiger.

Die Shanja stand an einem der geschwungenen Fenster, die auf einen grünen Innenhof gingen. Das Plätschern eines Springbrunnens – ein Zeichen verschwenderischen Reichtums – wehte durch die durchscheinenden Vorhänge. Die Fürstin war in ein herrliches Gewand gekleidet: Zwei kostbare Broschen hielten Tücher aus hauchdünner Seide an ihren Schultern zusammen. Die Tücher flossen in allen Farben des Sonnenuntergangs an ihrem schlanken, gebräunten Körper entlang.

Sie deutete Lamon, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Selbst bleib sie stehen. So konnte sie auf ihn hinabsehen.

„Du hast geglaubt, dass ich den Großen nicht handhaben kann. Dass er zu viel, zu wild für mich ist. Zu stark. Zu groß.“ Unter dunklen Wimpern sah sie ihn lange an. „Aber so leicht übernehme ich mich nicht. Ich kenne meine Grenzen.“ Ihre Stimme wurde bedrohlich leise, bis sie die Worte nur noch über ihre roten, vollen Lippen hauchte. Dann ging sie einen Schritt auf ihn zu, und noch einen, bis sie ihre Hände auf die mohagonidunklen Armlehnen von Lamons Sessel legte und ihn von oben herab fixierte. „Ich kenne meine Grenzen, im Gegensatz zu dir. Deine Zweifel an meinen Fähigkeiten stehen dir nicht zu. Du hast eine Grenze überschritten und deshalb muss ich dich lehren, mein Diener, wo dein Platz ist.“

Er öffnete den Mund zu einer Bitte um Verzeihung, doch sie legte eine Fingerspitze sachte auf seine Lippen und verbot ihm so das Wort. Ihr Finger strich an seinem bärtigen Kinn, seinen weichen Hals entlang, über das Schlüsselbein und über seinem Hemd über seine kräftige Brust. Mit einer schnellen Bewegung hatte sie das Hemd geöffnet und es ihm über den Kopf gezogen – so weit, dass sie die Ärmel vor seinen Augen verknotete. Lamon war reglos, er wusste nicht, was er tun, wohin das führen würde. Er sah nur noch das Schwarz seiner Lider und strengte sich an, mit seinen anderen Sinnen zu erspüren, was die Shanja tat.

Plötzlich hatte er ihre Stimme ganz nah an seinem Ohr: „Du begibt dich jetzt in meine Hände. Das soll dich daran erinnern, dass du in meinen Händen bist, solange du an meinem Hof bist. Und meine Hände wissen, was sie tun – du bist nicht der erste Diener, dem ich die Zweifel austreiben muss.“ Von einem Moment auf den anderen wurde ihre Stimme fester und sie befahl ihm: „Umfasse die Armlehnen.“ Er gehorchte ohne nachzudenken. Lamon spürte, dass sich etwas um seine Handgelenke legte und er erkannte, dass sie seine Hände an den Sessel fesselte, dann seine Beine an die Stuhlbeine. Lamon konnte sich kaum bewegen, er war gefesselt, hilflos, sein Körper spannte sich an… an Stellen die er nicht erwartet hätte. Er war dieser Frau ausgeliefert. Er hatte Lust, ihr ausgeliefert zu sein.

Er war ihr Diener. Und er hatte sie auf dem Hof infrage gestellt. Es war nur recht und willig, ihre Strafe ohne Murren anzunehmen. Lamon murrte also nicht. Doch manchmal stahlen sich Laute der Lust von seinen Lippen, während sie ihn seiner gerechten Bestrafung unterzog. Ein Glöckchen klingelte ganz nah. Eine Türe wurde geöffnet und fiel wieder ins Schloss. Dann Schritte.

„Ihr habt mich gerufen, edle Shanja.“, hörte Lamon eine Männerstimme sagen. Er war sich nicht sicher, glaubte aber, dass sie zu Ruberto, dem Koch der Shanja, gehörte.

„Ja, mein Treuer. Dieser Mann hat mich heute bitter herabgewürdigt. Du wirst ihm zeigen, wie ergebene Treue zu seiner Herrin auszusehen hat… er soll diese Demonstration mitansehen.“

Lamons verknotetes Hemd wurde ihm abgenommen und er sah sich in der Tat Ruberto gegenüber. Auf dem großen Himmelbett hinter ihm hatte sich die Shanja auf den seidenen Kissen ausgestreckt. Mit einem mitleidigen Blick auf den Rittmeister ließ er das Tuch in dessen Schoß fallen und wandte sich wieder der hohen Dame zu. Allem Anschein nach wusste er genau, was er zu tun hatte: Er küsste ihren Nacken, den das Gewand der Shanja frei ließ, die Schultern und ihren Rücken. Unablässig murmelte er das Lob ihrer Schönheit, ihrer Klugheit und Güte. Die Shanja wand sich wohlig und gurrte vor Vergnügen. Lamon stockte der Atem. Der Koch war, wie er ahnte, besonders um das leibliche Wohl ihrer Herrin bemüht.

Als Ruberto ihre Hüfte küsste und sie sich unter Räkeln auf den Rücken drehte, stahl sich das erste, sehnsuchtsschwere Stöhnen von Lamons Lippen. Er sah die dunklen Schemen ihrer Brustwarzen, die sich fest unter den dünnen, orangeroten Schleiern ihres Gewandes abzeichneten. Die Shanja winkelte ein Bein an und die rotgelbe Seide glitt wie ein Seufzer von ihrem Oberschenkel und rutschte zwischen ihre Beine. Auch Ruberto wollte dieser Bewegung folgen, doch die Shanja hielt ihn zurück, „Noch nicht. Stille zuerst meinen Durst.“ Sie deutete auf eine Flasche, die neben dem Hinmelbett stand. Ruberto öffnete sie mit einem lauten Ploppen und goss die prickelnde Flüssigkeit in ein hohes Glas. Sie trank und ließ dabei ihre dunklen Augen über ihre beiden Diener schweifen.

Den letzten Schluck in ihrem Glas goss sie sich plötzlich über ihr Dekolleté. Ruberto reagierte sofort: „Oh nein, Herrin, Euer edles Gewand, die feine Seide!“ Sein Mund schloss sich um das Malheur, bevor es die Schleier beflecken konnte, und von dort aus wanderten seine Finger und seine Lippen weiter zu ihren Brüsten und schenkten ihnen liebevoll Aufmerksamkeit und die Bewunderung, die ihnen zustand. Die Shanja verschränkte den Blick mit dem von Lamon und ließ ihn nicht wegsehen. Er sah, wie Ruberto die Innenseiten ihrer Schenkel liebkoste, wie seine Zunge ihre zarten Lippen umspielten, sah, wie sich ihre Finger um das rotseidene Bettlaken krallten, hörte ihren raschen Atem und Rubertos murmelnde Ehrerbietung. Dass er selbst vor Erregung strotzte bemerkte er erst, als sich sein Körper gegen die Fesseln aufbäumte, die ihn am Sessel hielten, er gemeinsam mit seiner Herrin und ihrem Diener den Gipfel der Leidenschaft erreichte.

„Ruberto, binde ihn los. Er soll sich noch einmal waschen und dann soll er mir zeigen, ob er gelernt hat, wie er mir zu Diensten sein muss.“, kam es von der Shanja von ihrem Platz in den Laken aus. „Ansonsten muss ich diese Lektion wiederholen. Und wenn er es von dir nicht behalten hat, dann lernt er es vielleicht besser von Devan…“

Lamon tat, wie ihm geheißen wurde. Und zur Zufriedenheit der Shanja hatte er gut aufgepasst.

 

08.12.2018

 

Davor: Rahjageflüster 9: Das Gleichnis der Rübenzieherin

Weiterlesen: Rahjageflüster 11 – In Space: Zündung

Zündung (Rahjageflüster 11 – In Space)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Diese Geschichte im ‚Rahjageflüster‘ ist etwas Besonderes: Sie spielt als erste Geschichte im Weltraum, ich habe also ein vollkommen anderes Setting ausgestaltet als in allen vorangehenden erotischen Kurzgeschichten. Damit bringe ich neue Spielarten der Liebe und ihrem Vollzug in das gesamte Kapitel des ‚Rahjageflüsters‘ ein.

Auch wenn sich der Ort und die Erzählzeit von den anderen Kurzgeschichten unterscheiden, ist das prickelnde Leseerlebnis das gleiche wie immer.

 

Zündung

Rahjageflüster 11 – Im All

 

Auf und ab, auf und ab, auf und wieder ab und in stetem, rhythmischem Wechsel bewegten sich die Kolben in ihren Zylindern. Mit goldenem Schimmer strömte das Öl in die Leitungen. Sanft und mit angenehmen Surren setzte sich das Schwungrad in Bewegung, bis es gleichmäßig um seine Achse kreiste.

Raul schwebte in der Schwerelosigkeit des Maschinenraums, die Hände gelassen über den zerzausten, schwarzen Haaren verschränkt, und seine dunklen Augen folgten zufrieden den reibungslosen Bewegungen der Treibstoffpumpe. Ein leises Schmunzeln kräuselte seine Lippen und zeichnete ihm kleine Fältchen in die Augenwinkel.

Eine runde Höhle, aus deren vollkommener Dunkelheit lautlos ein Plasmainferno hervorschoss. Da wurde Raul der Schraubenschlüssel aus der Hand gerissen. Klirrend schepperte er gegen das Gitter, das den Mechaniker davor bewahrte, seinen Arm versehentlich in die Kessel und Räder und Kolben zu stecken. Er selbst krallte sich an einen Kabeltunnel, um nicht gegen die Kühlrippen geschleudert zu werden. Die alte Mühle war noch gut in Schuss – und das war ja zu einem guten Teil auch sein Verdienst -, aber mit diesem abrupten Schub hatte selbst er nicht gerechnet. Vor allem nicht ohne Vorwarnung.

“Zündung.”, verkündete die blecherne Stimme des Kapitäns durch den Lautsprecher. Drei Sekunden zu spät. Schönen Dank auch. Als ob auch nur einer auf dem Schiff diesen Ruck verpasst hatte.

Jetzt hatten sie vorübergehend also wieder so etwas wie Schwerkraft. Vielleicht 0,3, höchstens 0,5 G. Der Aufstieg würde also nicht so easy sein wie Rauls Abstieg zum Treibstofftank, wo er sich so lange mit sachtem Druck von den Wänden abgestoßen hatte, bis er unten angekommen war. Nur nicht zu fest. Die Schwerelosigkeit hatte ihm das Klettern die Leiter hinab erspart. Für den Aufstieg sah es leider nicht mehr so günstig aus.

 

Mit einem leisen Seufzer auf den Lippen griff er nach der ersten Sprosse. Sein Blick fiel dabei auf seine Hand. Ein roter Striemen zog sich über seinen gebräunten Handrücken, aus dem kleine Blutströpfchen perlten. Mierda, wo hatte er sich schon wieder geschnitten? Aber eigentlich… ärgerte er sich nicht wirklich. Jetzt, wo er es bemerkt hatte, brannte die Wunde aber der Schmerz störte ihn nicht. Es war eine gute Gelegenheit, um der Krankenstation von Dr. Nguyen einen Besuch abzustatten.

Dr. Nguyen Quyn war vor ein paar Monaten zur Crew gestoßen. Der Kapitän hatte sie angeheuert, nachdem diese hässliche Sache mit Lawrence und der explosiven Dekompression passiert war.

Kaum hatte sie ihre winzige Krankenstation bezogen, unterzog sie die gesamte Mannschaft einem Routine-Check-Up. Raul wurde gewogen, gemessen, der Puls genommen, Strahlungstest, Reflextest, Sehtest, der nächte bitte. Und bei ihrer ersten Begegnung war er ihr sofort verfallen: Ihre katzenhaften, braunschwarzen Augen, ihre zierliche Gestalt, diese schlanken, gepflegten Hände, die über die Kraft hinwegtäuschten, mit der sie zupacken konnten, die spielerische Anmut, mit der sie alltägliche Bewegungen vollführte, etwa wenn sie ihre seidig glatten, glänzenden Haare hinter ihre Ohren steckte, brachten ihn um seinen Schlaf und Verstand.

Sie hatte ihn dann sein Shirt ausziehen lassen, damit sie ihn mit ihrem Stethoskop abhören konnte. Und dann hatte sie ihn für seine körperliche Fitness gelobt und seine Ration an muskelaufbauenden Tabletten gekürzt.

 

Kurze Zeit später hatte er Reparaturen am Treibstofftank durchführen müssen. An der Außenwand. Eine Naht musste verstärkt werden, zur Sicherheit. Danach war, wie immer nach einem Einsatz im Weltraum, in dem nur der Raumanzug zwischen dem Menschen und der kosmischen Strahlung stand, eine Strahlungsuntersuchung angesagt. Dr. Nguyen hatte ihn sehr gründlich untersucht und hatte sie ihm dabei nicht immer wieder zugezwinkert und ihn so… versonnen angesehen? Raul wollte sie darauf ansprechen, aber dann wiederum hatte er befürchtet, sich zum Deppen zu machen. Zum Gespött der ganzen Mannschaft hätte er sich gemacht! Ein einfacher Mechaniker wie er konnte sich doch nichts von so einer gelehrten Frau erhoffen, rief er sich zur Ordnung. Und sagte nichts zu ihr. Und sie entließ ihn mit einem langen Blick ihrer dunklen Augen wieder aus dem Behandlungszimmer.

 

Raul hörte Schritte auf der Leiter. Jemand stieg hinab. Er spähte nach oben. Ein dunkler Schemen vor einem noch dunkleren Hintergrund. Der Besucher hatte sogar die Luke wieder geschlossen, nachdem er in den Schacht gestiegen war. Weil im oberen Abschnitt keine Lampen waren, konnte er nicht sehen, wer es war. Außer Raul kümmerte sich sonst niemand um den Wartungsschacht und die Instandhaltung der Treibstofftanks, deshalb hatte er dort keine Lampen montiert.

In dem Moment, in dem er den Kopf in den Nacken legte, fiel ein kleiner, silberner Hammer dicht an Rauls Arm vorbei. Er war gerade einmal so lang wie seine Hand und so breit wie zwei seiner Finger. Ein Kinderspielzeug?, fragte er sich einen kurzen, verwirrten Moment, bis ihm einfiel, wer an Bord ein solches Werkzeug besaß.

Fast im selben Augenblick rief Dr. Nguyen von oben: “Vorsicht, Raul! Mein Reflexhammer-!” – “Schon vorbei.”, beruhigte sie Raul. “Aber was machen Sie hier überhaupt?” – “Ich… wollte nach Ihnen sehen. Das war ja ein sehr spontaner Schub und ich dachte, Sie im Maschinenschacht könnten vielleicht jemanden brauchen, der mal nach Ihnen sieht.” Sie klang eindeutig nervös. Rauls Herzschlag beschleunigte sich, als hätte jemand einen alten Verbrennungsmotor um einen Gang nach unten geschalten. “Danke, mir geht’s ganz gut. Also, ich habe mich tatsächlich verletzt, aber es ist nichts Schlimmes.”

Jetzt war sie bei ihm angekommen und dirigierte ihn die wenigen Sprossen wieder hinunter, die er erklommen hatte. Ihre Mandelaugen erfassten sofort den Kratzer an seiner Hand. “Nicht tief, aber das sollten wir desinfizieren. Zur Sicherheit.” Damit zog sie die kleine Sprühflasche hervor, die sie für solche Fälle hatte.

Komisch, er hatte vor Kurzem erst fast dasselbe zum Kapitän gesagt, kurz bevor er seinen Außeneinsatz gehabt hatte: Die Naht des Treibstofftanks sollten wir verstärken. Zur Sicherheit.

 

Dr. Nguyen war mit seiner Hand fertig, ließ sie aber nicht los. Sie hatte warme Haut, hielt seine schwieligen Finger in ihrer Hand und sah ihm direkt in die Augen. Der Raum war knapp, vor allem wenn ihn sich zwei Personen teilen mussten, und sie standen so dicht beieinander, dass Raul ihr blumiges Parfum riechen konnte. Mi madre, und ich trage Eau de Maschinenöl…, schoss es ihm beschämt durch den Kopf.

Ihre vollen, roten Lippen teilten sich fast zögerlich, als sie raunte: “Ich bin auch hergekommen, damit wir einmal nicht im Behandlungszimmer miteinander sprechen. Du brauchst ein Gespräch abseits der restlichen Besatzung, nicht wahr.”

Ihm fiel auf, dass das keine richtige Frage war, sondern eine Feststellung. Und, dass sie ihn geduzt hatte. Gleich darauf sprach sie weiter und drückte dabei Rauls Hand leicht, die sie noch immer in ihrer hielt: “Nenn mich Quyn. Quyn… das bedeutet Dunkelrot. Und du… möchtest etwas anderes als nur zu reden, habe ich Recht?”

Raul traute seiner Stimme nicht. Statt ihr mit Worten zu antworten, zog er ihre Hand zu sich, lehnte sich vorsichtig zu ihr und legte seine Lippen auf ihre. Sofort erwiderte sie den Kuss und rückte näher an Raul. Ihr weißer Arztkittel fiel zu Boden und bedeckte den Schraubenschlüssel und den kleinen metallenen Hammer, die dort lagen. Rauls Kleider folgten und sie tauschten keine Worte mehr, sondern Küsse aus.

Raul küsste ihren Nacken, ihren Hals, ihr Kinn. Er konnte sie spielend leicht hochheben, hielt sie und küsste sie leidenschaftlich auf den roten Mund. Seine wachsende Erregung blieb ihr nicht verborgen.

Quyn strich durch die Haare auf seiner Brust, dann hielt sie sich an seinen Schultern fest, schlang ihre Beine um seine Hüfte und grub ihre Finger in seine schwarzen Haare. Sie vereinten sich im gleichen Rhythmus, ihre Bewegungen griffen wie Zahnräder ineinander, wurden synchron. Die Vibrationen des Antriebs gruben sich in ihre Nerven. Sie sprangen wie Funken auf Quyn und Raul über und das Prickeln auf ihrer Haut bahnte sich seinen Weg in ihr Innerstes. Dort steigerte es sich zu einem drängenden Gefühl, das sich Bahn brechen wollte – ein Treibstofftank, der danach strebt, zum Antrieb zu erwachen.

Sie spürten, wie sich Hitze von unten ihren Weg bahnte. Der Antriebsstrahl erwärmte den Boden und die Luft, doch Raul und Quyn hatten eine Gänsehaut. Das elektromagnetische Knistern des Pumpenmotors übertönte alle Geräusche, die von den beiden Liebenden kamen, bis sie erbebten, gleich den zitternden, schuftenden Motoren des Maschinenraums. Quyns manikürte Fingernägel zeichneten neue Striemen auf Rauls starken Rücken.

 

Hypergolische Treibstoffe, zwei Substanzen, die spontan miteinander reagieren, wenn sie sich vermischen. Es kommt zur Explosion. Etwa beim Raketenantrieb. Keine der Substanzen kann mehr für sich allein existieren, sie verschmelzen zu einer neuen Einheit, werden von einer mächtigeren Kraft erfasst, als sie selbst.

 

Dann wurde es still im Maschinenraum.

Von einem Moment auf den anderen war die Zündungsphase vorbei. Die Schwerelosigkeit griff mit federleichten, unentrinnbaren Fingern nach ihnen, ließ die langen, pechschwarzen Haare Quyns in alle Richtungen schweben und auch alles andere entzog sich dem Griff der Schwerkraft.

Ein Schraubenschlüssel trudelte gleichgültig an ihnen vorbei, die sich eng umschlungen wie ein einziger Körper um die eigene Achse drehten.

Nun, da der weißglühende Antriebsstrahl verloschen war, schimmerte im Bullauge blass die Sichel des Planeten, dessen Orbit sie verlassen hatten. Bald würden die Lichtpunkte ferner Sterne ihren Platz einnehmen.

Schließlich schlüpfte Quyn Nguyen wieder in ihren Kittel und Raul in sein Shirt und seine ölbefleckte Hose. Es ging zurück an die Arbeit, für beide. Doch Rauls Einsamkeit im engen Wartungsschacht würde in Zukunft immer wieder der Zweisamkeit weichen… sooft sie den neugierigen Blicken der Mannschaft entkommen wollten.

 

21.11.2018

 

Davor: Rahjageflüster 10: Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon

Das Gleichnis der Rübenzieherin (Rahjageflüster 9)

Ein neues, zweites Gleichnis für das Rahjageflüster.

Wieder sehe ich, wie schon bei dem ersten Gleichnis, keinen Grund, eine Ü18-Warnung voranzustellen. Trotzdem mangelt es der Geschichte nicht an Erotik und Kribbeln.

Unter dem folgenden Link sind alle Geschichten, die zu dem Schlagwort ‚Rahjageflüster‚ gehören, aufgelistet.

Einst lebte in einem Land, dessen sanft geschwungene Hügel hoch im Norden liegen, eine Rübenzieherin. Alle Rübenbauern ihres Dorfes schätzten sie sehr, denn sie hatte ein besonderes Gespür dafür, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, die Rüben von den Feldern zu holen. Sie war geschmeidig wie die biegsamen Wurzeln, die sie aus der Erde zog, und dabei auch eine kräftige Frau, denn für ihre Arbeit brauchte sie die Muskeln in ihren Schultern und in ihren Beinen und der Schweiß stand ihr oft auf der Stirn.

Früh am Morgen begann ihre Arbeit. Mit den Fingern fuhr sie durch das Kraut, das in krausen Büscheln über den Rüben wächst, und ihre Fingerspitzen wurden dann nass vom Tau.

An den Oberseiten der Rüben, die aus der Erde hervorspitzen, konnte sie sehen, ob die Rübe schon reif für die Ernte war. Das hatte sie ihre Erfahrung gelehrt, weil ja nur ein kleiner Teil der Wurzel sichtbar ist und der größte Teil verborgen liegt. Aber die Rübenzieherin hatte schon viele Rüben herausgezogen aus der Erde. Sie wusste, wann eine Rübe am dicksten und reif war, herausgezogen zu werden. Denn wenn ein Rübenzieher den rechten Moment verstreichen lässt und die Rübe in der Erde lässt, dann wird sie holzig und spröde.

Wenn sie also sah, dass das Gemüse prall und reif für die Ernte war, dann bückte sie sich hinunter, schob die Erde rund um die Knolle beiseite und legte ihre Hände an den oberen Teil, den sie freigelegt hatte. Mit viel Gefühl und Ausdauer ging sie nun vor, schloss ihre Hände um die Wurzel und rieb und zog und bearbeitete sie so lange, bis sie sie ganz aus der engen Umarmung der dunklen Erde gezogen hatte.

Manchmal geschah es wie von selbst, dass sich eine Rübe lockerte und fast mühelos in ihren Händen lag.

Manchmal hatte sie es auch mit einer besonders dicken Rübe zu tun, die fest in ihrer Furche steckte. Wenn dann der Boden feucht und weich war, ging es am einfachsten, das Prachtexemplar zum Vorschein zu bringen.

So ging sie die Äcker ab und ließ auch keinen aus. Jede Rübe besah sie sich und immer wusste sie, ob sie eine Rübe noch stecken lassen musste oder ob sie sie herausziehen konnte. Jeder Rübe schenkte die Rübenzieherin die gleiche Aufmerksamkeit und barg sie in ihrem Korb.

Am Abend brachte die gute Frau die Rüben zu den Bauern. Dann war sie erschöpft von der harten Arbeit, aber zufrieden, weil sie viele Rüben geschafft hatte. Und auch die Bauern waren zufrieden. Oft schenkte man ihr die dickste Rübe, denn die Rübenzieherin wusste wie keine andere, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war.

Davor: Rahjageflüster 8: Romina und Julien

Weiterlesen: Rahjageflüster 10: Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon

Romina und Julien (Rahjageflüster 8)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Der Titel ist eine Anspielung, die auf die wohl bekannteste Tragödie Shakespeares abzielt. Diese Liebesgeschichte ist ähnlich verzwickt und voller amouröser Missverständnisse und Hindernisse.

Zum Weiterlesen geht es hier zur Übersicht über alle Rahjageflüster-Geschichten.

 

Romina und Julien

Rahjageflüster 8

<<Julia, oh Julia! Das Herz entbrennt mir in der Brust, denk ich an dein Antlitz nur! Die Brust, sie schwillt vor Liebesworten, doch ach! – seh ich dich vor mir, zu Staub und Asche zerfallen und sterben sie auf den Lippen mein.>>

<<Romeo, oh Romeo! Wärst du doch mein, Romeo! So wollt ich nimmer führen mehr den Namen der Mutter, der Familie, und nennen mich beim Namen dein.>>

Julia stand oben auf ihrem Balkon, unter ihr Romeo. Es war ein lauer Frühlingsabend, in der Stadt wurden gerade die Laternen angezündet und die Festwiese vor den Stadtmauern bevölkerte die fahrende Gauklerschar mit ihren bunten Wägen. Davon abgesehen hatte Julia mit dieser Liebesversicherung eine Ungeheuerlichkeit ausgesprochen, denn in jenem Land galt die Linie der Mutter als Abstammung und sie war es auch, die ihren Familiennamen vererbte.

~ ~ ~

Romina saß in der ersten Reihe. Amüsiert nahm sie die ob dieser Provokation entsetzten Reaktionen der Bürger rings um sich zur Kenntnis. Sie selbst hatte seit der Ankunft der Schauspieler keine einzige Vorstellung verpasst und so kannte sie den Dialog zwischen den beiden Liebenden fast schon Wort für Wort auswendig. Der Grund für ihre Theaterbesuche hob soeben zu einer neuerlichen Liebesbeteuerung an seine angebetete Julia an.

Diese lieblichen Worte, die er von ewiger Liebe sprach! Im Geiste stand Romina auf Julias Platz, oben auf dem Balkon, und blickte ewige Augenblicke in Romeos Augen.

Sie hatte viel Zeit darauf verwendet, ihre schwarzen Locken zu einer hübschen Hochsteckfrisur herzurichten, und als Krönung hatte sie sich eine frische, rote Rose ins Haar gesteckt. Sie trug das hellblaue Kleid mit den weißen, aufgestickten Vögeln auf dem Rock, das ihre von Bräune überhauchte Haut genauso wie ihre schlanke Figur so gut betonte. Sie hatte sich eigens ein Döschen Lippenrot gekauft und aufgelegt und sie hatte sich nach den Aufführungen in der Nähe der Schauspieler herumgedrückt und versucht, ein Gespräch mit <<Romeo>> anzufangen. Immer wenn sie kurz davor war, hatte sie aber alle Worte vergessen, die sie sich zurechtgelegt hatte und hatte sich im letzten Moment abgewandt. Stattdessen saß sie mit verklärtem Blick inmitten der Zuschauer und nährte die Hoffnung, dass er ihren liebestollen Blick spürte. Doch im Grunde war sie nur ein Gesicht unter vielen.

Ein Treffen mit <<Romeo>> hatte sie nicht ergattern können. Stattdessen freundete sich Romina mit ein paar anderen der fahrenden Schausteller an. An erster Stelle war da Isabel, im gleichen Alter wie sie, die just fünf Schritte vor und über ihr Julias Textpassagen deklamierte. Isabel spielte Julia. Von ihr kannte sie den wirklichen Namen Romeos: Julien.

So ging es die ganze Woche: Romina besuchte abends die Vorstellung und schmachtete, fand nachts keinen Schlaf, weil sie immerzu an Julien denken musste und quälte sich mit dem Gedanken, dass er noch nicht einmal von ihrer Existenz wusste, geschweige denn ihren Namen kannte oder gar etwas von ihren romantischen Gefühle ihm gegenüber ahnte. Tagsüber war Romina zu nichts zu gebrauchen. Der alte Schneider, ihr Vater, wurde zuerst ungeduldig und dann ungehalten, weil sie ihren Kopf immerzu woanders hatte und zu nichts zu gebrauchen war.

Nach Ablauf der Woche hatte der Spuk ein Ende. Die fahrenden Leute reisten wieder ab.

Der Schneider sah diesem Tag freudig entgegen, weil seine Tochter dann endlich wieder ihre Arbeit ordentlich verrichten würde. Am Vormittag schimpfte er, weil seine Tochter doch wieder nicht da war. Als die Stunden verrannen wurde sein Schimpfen zum Fluchen und schließlich, gegen Mittag, hastete er zum Platz der Schausteller.

Von den bunten Zelten und Holzbuden waren nur noch Wagenspuren und Abfälle zu sehen. Die Vaganten hatten eine brave Bürgerstochter mehr von ihrem Platz in der Gesellschaft weggelockt.

~ ~ ~

<<Sie kommt aus der Stadt! Das ist eine Bürgerin!>> Julien schäumte vor Ärger. Sein Gesicht war zu einer Maske verzerrt, die überdeutlich seine Gefühle ausdrückte: Abneigung, Misstrauen, Geringschätzung gegenüber dieser <<Bürgerin>>, was von seinen Lippen wie ein Schimpfwort vor Hohn und Verachtung troff.

Mit einem brennenden Blick auf die Schneiderstochter, erhobenem Kopf und stockgeradem Rücken drehte er sich auf dem Absatz um und stolzierte davon.

Seine Worte hatte er an Rominas Fürsprecher gerichtet. Obwohl diese in der Überzahl waren, blutete ihr das Herz. Ihre Freunde, allen voran Isabel, waren für ihre Aufnahme in den Kreis der Schauspieler eingetreten, doch Julien – ausgerechnet Julien! – widersprach vehement Dass Isabel die Rolle der Julia im Theaterstück längst satt hatte und Romina den Text bereits auswendig konnte, passte so gut wie eine göttliche Fügung. Isabels Begeisterung für Romina sprang auf den Großteil der fahrenden Gemeinschaft über, sodass sie mit offenen Armen willkommen geheißen wurde – außer bei Julien, nach dessen Armen sie sich am meisten sehnte.

~ ~ ~

Julien hegte einen tiefen Widerwillen gegen alles, was aus den festen Mauern einer Stadt kam: gegen Steuern, Gardisten, Obrigkeiten, Gebote und Verbote und eben auch Romina.

Flammende Wut bemächtigte sich seiner jedes Mal aufs Neue, wenn er sie sah. Wie sie sich zum Beispiel am Mittag mit bürgerlicher Geziertheit zum Essen setzte. Als ob sie sich für etwas Besseres hielte, weil sie sich eine Serviette über den Schoß legte. Wie sie sich genierte, wenn sie ein stilles Örtchen ausuchte. Als ob sie nicht dieselben Bedürfnisse wie jeder andere Mensch auch hatte. Wie gewählt sie sich ausdrückte. Als ob sie es ihnen immer unter die Nase reiben wollte, dass sie eine Schulbildung genossen hatte, im Gegensatz zu ihnen, die sie ihre Lehren auf den steinigen Straßen erhalten hatten und auf den staubigen Marktplätzen aufgewachsen waren.

~ ~ ~

<<Romeo, oh Romeo! Wärst du doch mein, Romeo!>> Sie übten. Rominas Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie musste sich anstrengen, um nicht Juliens Namen zu sagen. Es brach ihr jedes Mal das Herz, jedes Mal ein bisschen schmerzhafter, ihr Vortrag wurde jedes Mal ein bisschen klagender. Julien leierte seinen Text herunter, gelangweilt und lustlos. Es änderte nichts daran, dass Romina gut spielte. Sie konnte nicht nur den Text auswendig, sie legte all ihr Gefühl in die Proben.

So kam der erste Auftritt.

Natürlich war Romina aufgeregt. Am Schlimmsten waren aber Juliens Sticheleien. Er sah überhaupt keinen Grund, seine spitze Zunge im Zaum zu halten, bis ihn Isabel in die Schranken wies.

Sie spielten und schlugen ihr Publikum ab der ersten Szene in den Bann der Liebesgeschichte. Am Ende strahlte Romina vor Glück. Juliens Miene war verschlossen, sodass sich Romina zurückzog. Sie wollte nicht schon wieder angegiftet werden, nicht jetzt, wo sie ihren ersten Applaus genießen wollte.

Der Verlauf der folgenden Wochen folgte einem wiederkehrenden Muster: Romina und Julien übten die schwierigsten Passagen, hatten abends ihre Auftritte und gingen sich den Rest der Zeit aus dem Weg. Romina hegte den Verdacht, dass er es müde geworden war, sie zu piesacken. Sie warf ihm von Weitem lange Blicke zu und wandte sich schnell wieder ab, wenn er den Kopf drehte. Der Kummer der unerwiderten Liebe nagte weiterhin hartnäckig an ihr.

~ ~ ~

Julien sah weg. Das überhebliche Getue der Städterin, wie er sie in Gedanken nannte, wollte er nicht mitansehen. Wie sie ihn keines Blickes würdigte, kaum dass sie ihren ersten Applaus bekommen hatte. Und dann lauerte sie trotzdem immer auf eine Reaktion von ihm, er sah doch, wie sie sich immer ganz schnell wieder von ihm wegdrehte. Sie hielt ihn wohl für vollkommen auf den Kopf gefallen. Aber er tat ihr diesen Gefallen nicht, dass er sie auch noch vor den Augen der Öffentlichkeit bewunderte. Nein, er nicht. Er würde standhaft bleiben, auch wenn es schwer war.

Ihre Augen waren ihm als erstes an ihr aufgefallen. Und dann hatte sie sich eine Rose in ihre lockigen, dunklen Haare gesteckt. Er liebte es, ihre Hände zu beobachten, die nie stillhalten konnten. Seit sie aus der Stadt fort war, hatte er sie nur noch auf der Bühne ein Mieder tragen sehen, aber sie hatte es nicht nötig. Und er hatte sie noch nie in Hosen gesehen, aber das würde er gerne. Dann könnte er sich ihre Beine noch besser vorstellen. Sie hatte bestimmt zarte, weiche Haut.

Etwas klapperte direkt hinter Julien. Er fuhr herum. Romina war unbemerkt hinter die Bühne gekommen. Sofort machte sie kehrt, als sie ihn sah. Julian schluckte. Diese Überheblichkeit.

Dann packte es ihn und er wirbelte herum. <<Du- du glaubst wohl, dass du was Besseres bist!>>, stieß er hervor. Sie blieb stehen, sah ihn mit großen, unschuldigen Rehaugen an und brachte vor Verblüffung keinen Ton heraus. Dafür sprudelte es aus Julien weiter heraus: <<Du mit deinen Tischmanieren! Deine Servietten und dein Gradesitzen! Deine feinen Wörter und deine weichen Hände. Du bist…>> In Rominas Augen blitzte es. Schritt um Schritt kam sie näher. Sie hatte es so satt. Diesmal würde sie sich nicht unterbuttern lassen. <<Ja, ich bin…? Die Bürgerin, ja? Das willst du doch sagen. Die verwöhnte, verzogene Bürgerin.>> Sie stand jetzt direkt vor ihm,, die Hände in die Hüften gestemmt. Nur noch eine Handbreit Luft war zwischen ihnen und die knisterte geladen. Hoch aufgerichtet reichte sie ihm bis zur Nasenspitze. Ihre Locken standen wild in alle Richtungen und dufteten nach Rosen, ihre Augen blitzten.

Julien war wie vor den Kopf geschlagen. Die Worte waren weg. Und Romina hakte sofort nach und stieß ihm einen Finger gegen die Brust. <<Ach, jetzt auf einmal bist du still! Du hast wohl gedacht, dass ich mir das ewig gefallen lasse, dass du mich ignorierst und links liegen lässt?>> Julien langte nach ihr und hielt ihre Hand fest, mit dem sie nach ihm stach. <<Du bist es doch, die mir ständig hinterherstarrt, als wäre ich ein Tier in einer Ausstellung! Du redest nicht mal mit mir, als ob ich es nicht wert wär‘. Jetzt hast du schon mehr zu mir gesagt als in den ganzen letzten Wochen! Du bist doch die, die glaubt, sie wäre was Besseres!>>

Jetzt war es heraus. Julien hielt immer noch Rominas Hand. Mit ruhiger Stimme fuhr er fort: <<Du mit deiner dunklen Mähne und deinen roten Lippen, deinem Geruch nach Rosen und deinen Rehaugen…>> Die Stimme versagte ihm, als sie ihre weichen Lippen auf seinen Mund senkte. Alle Vorsicht war dahin, der Kuss war hungrig und leidenschaftlich. Ihre Zungenspitze spielte über seine Lippen, die er für sie öffnete. Genussvoll drang sie in ihn ein und erkundete ihn.

Mit einem wortlosen Stöhnen zog er sie enger an sich, so nah, dass ihr Duft ihn einhüllte und sich ihr weiblicher Körper eng an ihn drückte. Sie drängte sich gegen ihn, fordernd.

Für einen Moment löste er sich von ihr und sie fühlte sich hochgehoben. Er setzte sie auf den Rand der Bühne, spreizte ihre Beine und stellte sich dazwischen. Seine Hände verschwanden unter ihrer Bluse und streichelten ihre Brüste und neckten ihre Brustwarzen, die unter seiner Berührung hart wurden und sich aufrichteten.

Sie waren nicht das einzige, die das taten.

Jetzt war es sehr praktisch, dass sie einen Rock und keine Hosen trug. Sein Kopf verschwand unter dem weiten Stoff, er küsste aufreizend langsam die weiche Haut auf ihren Oberschenkel, bis er endlich seinen Mund auf ihre feuchten Lippen legte und mit der Zunge ihre kleine Perle umspielte. Kurz bevor sie den Höhepunkt erreichte, stand er wieder auf. Mit fahrigen Fingern öffnete sie die Verschnürung seiner Beinkleider. Wie von selbst schlüpfte er in ihre Hand und sie liebkoste die seidige Haut mit geschickten Fingern.

Auf einmal packte er ihre Hände und drückte sie zurück auf die Bretter der Bühne. Er schob den Rock nach oben und strich mit seiner Spitze sanft über ihre rosigen, sehnsuchtsvollen Hautfalten. Ihre Augen senkten sich in seine und mehr Einladung brauchte er nicht. Das Bühnenpaar ergänzte sich, als wäre es füreinander geschaffen.

Mit einem wilden, zerrissenen Kuss erreichten sie den Gipfel ihrer gemeinsamen Lust. Auf dem Rückweg in die Welt des Stofflichen kuschelten sie sich Haut an Haut aneinander.

Der Sinneswandel der beiden, die sich von Anfang an angefeindet hatten und sich dann aus dem Weg gegangen waren, sorgte bei den Fahrenden für viele verwunderte Blickwechsel und laute Fragen. Und für Erleichterung, war die ungute Stimmung im Lager doch endlich gewichen. Jetzt gab es nur noch ab und an Beschwerden, wenn sie ihrer Leidenschaft nachts hinter der Bühne einmal zu geräuschvoll nachgingen.

31.05.2018

Davor: Rahjageflüster 7: Der Lindwurm

Weiterlesen: Rahjageflüster 9: Das Gleichnis der Rübenzieherin

Der Lindwurm (Rahjageflüster 7)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Die folgende Geschichte ist wieder eine Kurzgeschichte, in der ich das Prickeln, die Erotik und den Akt in einem gewissen Rahmen ausformuliere (im Gegensatz zu dem Gleichnis vom tüchtigen Pflüger und dem Gleichnis der Rübenzieherin). Sie ist mit einem Augenzwinkern zu lesen, da ich sie mit einer Prise an leisem Spott gewürzt habe.

Wer weiterlesen will: Die Übersicht der Geschichten aus dem ‚Rahjageflüster‘ findet sich hier.

 

Der Lindwurm

Rahjageflüster 7

Mit knackenden, schabenden Geräuschen schob sich Reihe um Reihe der handtellergroßen Hornplatten über das Gestein. Krallen so lang wie Unterarme bohrten sich in das Geröll, um den mächtigen Schlangenleib nach vorne zu ziehen. Dann ein Knallen wie von einer Peitsche, ein paar kräftige Windstöße und der Drache erhob sich in die Lüfte, ohne noch einen Blick zurück zu werfen. Hätte er seinen dreieckigen Schlangenkopf umgewandt, dann hätte er dort im Höhleneingang unweigerlich die kleine Menschengestalt gesehen, die soeben in den Felsspalt schlüpfte.

Thorwulf war nur im Vergleich mit dem geschuppten Ungetüm als klein zu bezeichnen. Selbst in seinem Volk, das berüchtigt ist, wahre Hünen hervorzubringen, galt er als stattlich. Mit seiner Größe von über zwei Schritt, seinem breiten Kreuz, dem rotblonden Haarschopf, seinen strahlgrauen Augen und den Muskeln, die von seinen Kämpfen mit Schwert, Axt und Schild herrührten, sah er aus wie einer der Helden aus den alten Sagen.

Eine Abneigung gegen alle Echsenwesen hatte er bereits mit der Muttermilch eingesogen. Dass Drachen Unheil bringen, wusste doch jedes Kind! Es war nur eine Frage der Zeit bis sie anfingen, Jungfrauen oder Jünglinge zu stehlen und Lösegeld zu erpressen, um ihre Horte noch weiter mit Gold und Reichtümern anzufüllen. Das hatte auch dieser Drache getan, hatte die umliegenden Dörfer und Städte tyrannisiert, Gebirgspässe kontrolliert und Wegzölle erpresst, bis ihm das schließlich nicht mehr genug war und er die schönste Jungfer entführte, die er landauf, landab in den Familien des blaublütigen Adels erspähen konnte.

So hatte sich Thorwulf als tapferer Recke und erprobter Streiter für die noble Queste der Befreiung dieser holden Maid anheuern lassen. Für unsterblichen Ruhm und auch gegen schnöde Münze. Ein Mann kann sich schließlich nicht von seinem Ruhm allein ernähren.

Es graute ihn jetzt schon, wenn er an den Rückweg dachte. Den ganzen Weg zur Burg ihres Vaters würde er sich das leere Geplapper dieses Mädchens – die Edeldame Helaine – anhören müssen und ihr Gerede über Ritter und Minnesänger, die letzten Turniere und die neuesten Moden, über Falkenjagden und höfische Tänze. Er konnte sich nichts Langweiligeres vorstellen. Diese Gedanken machten ihm die Aussicht zur Qual, obwohl er noch gar nicht an seinem Ziel angelangt war.

Er musste sich auf seinen Weg konzentrieren, der ihn über Schutt und Steintrümmer immer tiefer in das Innere des Berges führte. Es war ein wahrer Irrgarten aus steilen Pfaden, schroffen Abbrüchen und Sackgassen.

Bei jeder anderen Queste hätte er auf diese Heimlichkeit lieber verzichtet, hätte sein schweres Breitschwert gezogen und wäre mit einem gellenden Kampfschrei auf das zu besiegende Biest losgestürmt! Doch diesmal galt es nicht nur, ein magisches Untier zu besiegen. Thorwulf musste sich auch seinem Schicksal stellen.

~ ~ ~

Das Morgengrauen hatte mit eiskalten Fingern blutrote Streifen über den Horizont gezogen. So war es seit alters her Brauch: Immer wenn ein Mitglied der Sippe auszog, um eine Heldentat zu vollbringen, suchte es frühmorgens vor seinem Aufbruch die uralte Seherin auf, um sich von ihr das Schicksal, das es auf seiner Reise erwartete, voraussagen zu lassen. Der Krieger hatte in den Morgenstunden die klappernden Schnüre beiseite geschoben, die vor der Türe der Hütte am Waldrand hingen. Kleine Glasperlen, Muscheln, durchbohrte Steine, Knöchelchen und beschnitzte Holzstücke kennzeichneten diesen Ort als Ort der Geister.

Die Worte, die die Greisin mit brüchiger Stimme hervorgebracht hatte, hallten wie ein fernes Echo in seiner Erinnerung wider: „Die Schlange wird mit dir kämpfen… ihre Magie ist stark und du wirst ihr unterliegen… und dann wird sie dir ihren Willen aufzwingen.“ Das hatte die weise Seherin ihm prophezeit.

~ ~ ~

Thorwulf tastete sich behutsam tiefer und tiefer in den Schoß des Berges. Dann endlich öffnete sich der Gang zu einer dunklen Höhle. Im Schein seiner Fackel funkelten tausende und abertausende Goldmünzen, schimmernde Kelche, mit Edelsteinen verzierten Diademe, schwere Kronen und unzählige Schmuckstücke, juwelenbesetzte Waffen und noch mehr Tand. Alles lag zu einem Hügel aufgetürmt in der Mitte des hohen Raumes. Was für eine Gelegenheit!

Doch plötzlich sprang ihn etwas mit einem unterdrückten Aufschrei von der Seite an. Es musste schon in der Nähe des Ausgangs gelauert haben. „Mein Retter! Ihr seid mein Held!“ Das Fräulein klammerte sich an ihn, als würde es zu ertrinken drohen. „Ihr seid gekommen, mich von meiner Misere zu befreien!“

Thorwulf schob sie auf Armeslänge von sich und er sah, dass sie eine Schönheit war: Haare wie gesponnenes Gold, das sich in Wellen bis zu ihrer Taille ergoss, ein wohlgeformter Körper und ein Gesicht das dazu geformt schien, Männern den Verstand zu rauben. Ihr Kleid war schmutzstarrend und zerrissen, und an ihren Hand- und Fußgelenken waren schwere Ketten, die sie mit dem Felsen verbanden.

Thorwulf brummte unwillig, hob seine Axt und zerschlug die Kettenglieder. „Raus jetzt, bevor der Drache wiederkommt!“ Wieder erinnerte er sich an die Worte der Prophezeiung: ‚Ihre Magie ist stark und du wirst ihr unterliegen.‘

Wieder rief sie: „Du wirst mich befreien! Ich werde dich dafür-“ Mehr als den Lohn, den sie ihn versprechen wollte, interessierte Thorwulf, den Kampf mit der Schlange zu vermeiden, und er zog sie mit sich. Unvermittelt erwiderte sie seinen Griff, fasste ihn an den Armen und Thorwulf hörte das Rasseln der Kette und ein Klicken.

Ihre Stimme war ganz nah an seinem Ohr: „Du… wirst mich befreien und dafür… werde ich dich gefangen nehmen.“ Mit hastigen Bewegungen zog sich Helaine das Kleid über den Kopf und ließ es achtlos zu Boden fallen. „Wochenlang war ich hier gefangen. Der Drache wird zurückkehren, bevor wir den Weg durch das Labyrinth finden.“ Dann legte sie ihre Hände an seinen Hosenbund und zerrte seine Hose bis zu seinen Knien hinunter.

Da fand Thorwulf seine Sprache wieder, die es ihm vor Empörung verschlagen hatte: „Was soll das? Lass mich frei! Sofort! Wir müssen weg!“ Sie sah ihm gar nicht in das Gesicht, wedelte nur mit der Hand und murmelte: „Sobald ich meine Jungfräulichkeit verloren habe, dann interessiert sich der Drache gar nicht mehr für mich. Dann kann zumindest ich in aller Ruhe meiner Wege gehen.“

Thorwulfs Muskeln traten hervor, als er sich gegen die Ketten stemmte. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein! Er konnte doch nicht hier und jetzt… Und außerdem hatte sie diesen komischen, weichen Akzent, sie war überhaupt nicht sein Typ. Vermutlich konnte sie eine Axt noch nicht einmal halten, geschweige denn schwingen. Und so, mit gefesselten Händen, konnte das ja gar nicht klappen.

Helaines weiche Hände schoben sich unter sein Hemd, fuhren über seine Brust und über seinen Bauch. Abwehrend spannte er seine Muskeln an, doch ihr schien das nur zu gefallen und sie grinste breit. Sie bückte sich, zog seinen Dolch hervor und setzte die Spitze an Thorwulfs Hals. Doch sie schnitt ihm nur sein Hemd auf, von oben bis unten. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen und er drehte den Kopf weg. So erwischte sie nur seinen Bart. Aber er konnte nicht verhindern, dass sich dabei ihre Brüste an seine nackte Brust drückten. Dann presste sie ihren ganzen, nackten Körper gegen ihn. „Nein…“, zwängte der Krieger zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihre Finger seine empfindlichen Stellen streichelten. Nackt und verlockend rieb sie ihn und sich an ihm. Thorwulf spürte das Pochen, mit dem das Blut seiner unteren Körperregion zuströmte. Sein eigener Körper betrog ihn! Schließlich hatte sie ihn soweit, dass sie sich an ihm nach oben zog und sich das holte, was sie wollte.

Es klappte nicht auf Anhieb und es war anders, als sie es sich immer vorgestellt hat. Sie zog sich an seinen Schultern nach oben, schlang ein Knie um seine Hüfte und bewegte ihren Unterkörper zu ihm. Heiße Haut rieb über heißt Haut. Sie hörte seinen schnellen Atem nah an ihrem Ohr, fühlte seine Härte gegen ihre Leiste drücken und schob sich noch ein Stück weiter. Dann hatte sie ihn dort, wo sie ihn haben wollte. Helaine gab den Rhythmus vor, dem sich Thorwulf unterwarf. Der Körper des Kriegers nahm ihre Bewegungen auf und erwiderte sie – unwillig anfangs, aber mit wachsender Lust. Ein kleiner Schrei begleitete ihren Erfolg, als sich ihre Körper gleichzeitig aufbäumten.

Die Erde bebte. Ein tiefes Dröhnen fuhr dem Krieger und der nackten Adligen in die Knochen. Der Drache war zurückgekehrt! Jetzt war es eine Frage der Schnelligkeit. Keine Zeit, sich anzuziehen, gerade noch so konnte sich Thorwulf mit einem Hieb des Schwertes, das Helaine ihm in die Hand drückte, befreien. Er rief Helaine zur Eile und rannte los. Sie hatten eine kleine Chance, dem alten Lindwurm im Irrgarten zu entwischen.

Helaines Beine zitterten und ihr Atem ging stoßweise, so wie vorhin, als sie am Fuß des Berges standen. Nackt wie sie waren, hatten sie kein einziges Stück aus dem Drachenhort mitgenommen, und das war ihr Glück: Nur aus diesem Grund hatte er sie nicht verfolgt. Thorwulf aber erkannte, was geschehen war: Er hatte gekämpft, war dabei der Magie der Frau, dieser Schlange, unterlegen und sie hatte ihm ihren Willen aufgezwungen. Die Prophezeiung hatte sich erfüllt.

 

Davor: Rahjageflüster 6: Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger

Danach: Rahjageflüster 8: Romina und Julien

Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger (Rahjageflüster 6)

Diese kurze Geschichte gehört zu meiner Rubrik ‚Rahjageflüster‚. Anders als die meisten Geschichten, die ich dafür schreibe, halte ich hier den Ü18-Disclaimer nicht für nötig, da es ein mehr oder minder verschlüsseltes Gleichnis ist und keine explizit beschriebene Erotik enthält.

Wiederholt habe ich gehört, dass die Anspielungen mehr Spaß machen als die anderen Geschichten. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen.

 

Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger

Rahjageflüster 6.

Einst lebte ein Pflüger im Süden, wo die Äcker lang und breit sind. Er war ein leidenschaftlicher Mann, der seine Arbeit mit Genuss und Hingabe verrichtete. Und er arbeitete sorgsam und ordentlich. So manches Jahr schon hatte er die Felder all der großen und kleinen Bauern beackert, hatte auf dem Besitz der reichen genauso wie bei den Hütten der armen Bauern seine Hände gerührt. Er hatte einen starken Pflug, einen unermüdlichen Ochsen und eine sichere Hand. Die Bauern schätzen ihn sehr für seine gewissenhafte Arbeit und den jungen Mädchen gefiel der glutäugige Mann, der seiner Beschäftigung all seine Hingabe schenkte.

Im Frühjahr, wenn jedes Jahr auf’s Neue die Sonne erstarkt, den Boden wärmt und das Wasser aus seiner Erstarrung weckt und wieder zum Fließen bringt, da zog es ihn hinaus auf die Felder zu seiner Arbeit.

Er spannte den kräftigen Ochsen vor den Pflug und der setzte sich langsam in Bewegung. Schritt um Schritt, ganz gemächlich, begann er den Boden zu bearbeiten. Früh am Morgen war die Erde noch feucht vom Tau. Die harte Spitze des Pfluges drang tiefer in das dunkle Erdreich ein, bis der Pflug weit genug eingedrungen war. Es bedarf einer starken und sicheren Hand, einen gleichmäßigen Druck nach unten auszuüben, denn der Pflug liegt nicht starr und steif in der Erde – er muss sich immer  mit seinem Untergrund bewegen.

Furche um Furche beackerte er mit der Pflugschar und bereitete so den Boden. Er hatte eine schier nicht enden wollende Ausdauer. Wenn er aber irgendwann genug geackert hatte, legte er sich von seiner ehrlichen Arbeit redlich erschöpft in das junge Gras um auszuruhen.

Der Pflüger brachte Segen in die Häuser der Bauern. Im Herbst trugen die Felder, die er gepflügt hatte, reiche Ernte und nicht selten waren auch die Mägde und Bäuerinnen mit Nachwuchs gesegnet. Denn der tüchtige Mann liebte es nicht, die Hände in seinen Schoß zu legen. Und wer sich ein gutes Beispiel an dem Pflüger nimmt, dem wird der Dank und die Liebe seiner Mitmenschen sicher sein und der himmlische Lohn wird ihm als reicher Segen gespendet werden.

 

Davor: Rahjageflüster 5: Donnernde Leidenschaft

Weiterlesen: Rahjageflüster 7: Der Lindwurm

 

Wer Lust auf mehr Gleichnisse bekommen hat: Es gibt ein zweites Gleichnis, Rahjageflüster 9: Das Gleichnis der Rübenzieherin.

Donnernde Leidenschaft (Rahjageflüster 5)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Eine neue Geschichte voller Erotik und Leidenschaft – die fünfte Kurzgeschichte meines Kapitels ‚Rahjageflüster‘. Wie die vorherige Geschichte handelt auch diese wieder von einem Mann und einer Elfe.

Hier ist die Liste aller Rahjageflüster-Geschichten.

 

 

Donnernde Leidenschaft

Rahjageflüster 5.

Die Stufen hinab zum See sind schlüpfrig vom Spritzwasser. Das verwundert wenig, schließlich ergießt sich der große Wasserfall über den hohen Felsen, in den die Treppe geschlagen ist. An zwei Stellen ist die Luft so nass von der Gischt, dass es sich anfühlt, als würde man durch Nieselregen, einen Schritt später durch einen heftigen Regenschwall und dann wieder durch Nieselregen laufen.

Sigurd setzt seine Schritte mit Bedacht. Zwar hat er diesen Weg schon unzählige Male zurückgelegt, aber er weiß, dass der steile Pfad tückisch ist. Es wäre ein schmähliches Ende für einen stolzen Jünger der Kriegsgöttin, durch einen dummen Fehltritt zu Tode zu kommen, statt eines ehrenhaften Todes auf dem Schlachtfeld zu sterben! Der Gedanke lässt ein Grinsen über Sigurds Lippen huschen.

Er hat sein blondes Haar im Nacken zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengefasst, von der Feuchtigkeit sind die Strähnen dunkel geworden und kringeln sich. Seine Muskeln sind vom täglichen Schwerttraining gestählt. Heute hatten sie mit dem Zweihänder zuerst Angriffe und die dazugehörigen Paraden geübt, immer und immer wieder, und danach Übungskämpfe ausgefochten. Er liebt es, sich im Zweikampf zu messen, es ist mehr als eine religiöse Übung für ihn, denn dabei kann er sein Geschick, seine Reflexe und seine Kraft unter Beweis stellen – und er liebt das Spiel mit einem ebenbürtigen Gegner, wenn sich der Wille und der Körper von zwei gleich starken Partnern aneinander messen und aneinander wachsen.

Sigurd ist stark, seine Bewegungen geschmeidig. Die Rüstung und das große Schwert, das genauso lang ist wie er groß – beide messen zwei Schritt – hat er oben im Tempel in seiner Kammer gelassen. Für das, was er vorhat, wird er sie nicht brauchen.

~ ~ ~

Nenevie verstummt und atmet tief durch. Sie hat stundenlang den Baum besungen, weil ein Baumhaus der Sippe verändert werden musste. Ihre Stimme hatte das Holz zum Wachsen angeregt, es verformt und es nach den Wünschen seiner Bewohner wachsen lassen. Sie stand dabei im innigen geistigen Kontakt mit der versammelten Sippe, die ihre Vorstellungen durch Nenevies Geist strömen ließen und durch Nenevies Hände verwirklichten. Auf der anderen Seite stand der alte Baum und seine uralten Wünsche, die Lebensinstinkte eines Lebewesens, das den Verlauf der Zeit nicht in Jahren, sondern, wie das Volk der Elfen, in Jahreszeiten wahrnimmt: Tiefe Wurzeln graben, starke Äste zum Himmel recken, viele Blätter zur Sonne drehen, dicke Rinde bilden.
Die Zaubersängerin hatte sich für diese Prozedur ganz und gar auf das Wesen des Baumes eingelassen, hatte von außen ihre Hand auf die glatte Rinde gelegt und von innen ihren Geist in das lebendige Holz hineinsickern lassen, bis sie den langsamen, langsamen Puls des Baumes wie ihren eigenen Herzschlag wahrgenommen hat.

Nun ist ihr Geist in ihren eigenen Körper zurückgekehrt und damit fühlt sie die Erschöpfung des Körpers und die Müdigkeit in ihrem Geist von der Anstrengung des langwierigen Zauberliedes und sie fühlt sich klein und jung, aber eins mit der Welt und dem kleinen Teil, den sie darin bewohnt.

Ohne dass es eines gesprochenen Wortes bedarf, zerstreuen sich die Anderen und lassen Nenevie das Alleinsein, nach dem sie sich jetzt sehnt. Und noch etwas anderes ersehnt sie. Mit angeborener Anmut steht sie auf und macht sich auf den Weg.

~ ~ ~

Sigurds Füße haben wieder festes Erdreich unter den Sohlen. Unten angekommen, trennen ihn nur noch wenige Schritte vom Seeufer. Der Wasserfall wirft sich lärmend in die Fluten und hat damit der Stadt ihren Namen gegeben: Donnerbach. An einer Stelle wächst das Schilf dicht und hoch, dorthin führt Sigurd sein Weg.

Der Krieger streift sich das Hemd über den Kopf, schlüpft aus seinen Stiefeln, ohne die Hände zu benutzen, und lässt seine Hosen folgen. Ordentlich zusammengelegt finden sie auf einem Felsstück einen trockenen Platz. Sigurd watet in das kühle Nass. Hier am Rand läuft er noch über glatte Steine, weiter draußen wird es rasch tiefer und der Grund sandig.

Die Fluten des Sees schließen sich um seine Waden, seine Schenkel, seine Hüfte und Taille. Schließlich tauchen seine Brustwarzen unter Wasser und Sigurd bewegt sich mit kräftigen Schwimmzügen zum beständig rauschenden Wasserfall.

~ ~ ~

Nenevie sieht das Wasser von Weitem zwischen den Bäumen hindurch in den Strahlen der Abendsonne glitzern. Das Licht glitzert auch auf ihren seidig glatten Haaren, die wie eine rabenschwarze Kaskade über ihre Schultern fließen und ihr bis zur schmalen Hüfte reichen.

Die Elfe löst das geflochtene Band, mit dem sie die wadenlange Tunika gegürtet hat, und lässt das Kleidungsstück achtlos zu Boden fallen. Ihre Haut ist so hell und schimmernd, wie sie nur beim schönen Volk der Elfen sein kann. Die katzenartigen Augen und die typischen spitzen Ohren geraten zur Nebensache.

Leichtfüßig und barfüßig huscht sie über den Waldboden, bis sie den Rand des großen Sees erreicht. Leichte Wellen kräuseln die Oberfläche und schwappen leise gegen das Ufer, als sie im Wasser eintaucht. Flink wie ein Fisch schwimmt sie gegen die Strömung, die vom Wasserfall ausgeht, und hält ihre Augen unter Wasser offen.

~ ~ ~

Sigurd hält den Atem an. Der Krieger steht mitten unter dem donnernden Strom des fallenden Wassers. Es prallt auf seine Hände, mit denen er seinen Kopf bedeckt, auf seine Schultern und massiert ihm mit seiner Wucht die strapazierten Muskeln.

Irgendwann muss er aber Luft holen und kämpft sich wieder gegen die Strömung an den Rand des Wasserfalls. Das Wasser raubt ihm die Sicht und das Gehör.

~ ~ ~

Dort ist ein Mann.

Nenevie erschrickt. Normalerweise nimmt sie die Menschen wahr, bevor diese sie bemerken, aber das Ritual am Baum hat sie so sehr erschöpft, dass sie sich nicht mehr auf ihre Elfensinne verlassen konnte.

Und noch hat er sie auch nicht bemerkt. Er schwimmt gerade aus dem Wasserfall. Seine Haare sind kurz, nicht wie sie es von den Männern ihres Volkes kennt, und reichen ihm gerade so bis zu den Schultern. Die Gischt sprüht um ihn. Von seiner Brust perlen die Tropfen wie glitzernde Glaskugeln und springen zurück in den See. Er bewegt sich geschmeidig und selbstsicher wie eine Raubtier.

Dann lässt er den Wasserfall hinter sich und schlägt die Augen auf. Nenevie sieht, dass sie vom gleichen Blau sind, das sich in der unruhigen Oberfläche des Sees spiegelt.

~ ~ ~

Eine Elfe schwimmt auf ihn zu. Ihre langen, schwarzen Haare ziehen sich wie feine Federn durch das Wasser, fließen um die Konturen ihres Rückens und wippen bei jedem Schwimmzug. Es kann nur eine Elfe sein, das sieht Sigurd sofort, denn sie bewegt sich mit einer spielerischen Anmut, die er bislang nur an Katzen oder Pferden gesehen hat. Die Tiere wollen nicht schön und elegant sein, sie sind es einfach. Ihre Augen, dunkel und unergründlich, ruhen nur auf ihm. Dieser Blick lässt die Härchen auf seinen Armen zu Berge stehen. Ist das eine Geste des Drohens? Soll er sich zurückziehen?

So leicht will er das Feld nicht räumen. Sigurd kann an dieser Stelle stehen und hält sich mit ruhigen Bewegungen an Ort und Stelle. Die Frau kommt in einem leichten Bogen stetig näher und nimmt jedes Detail wahr: Das Spiel der Muskeln, die sich bewegen, der Wasserfilm auf seiner Haut, der wachsame Blick. Sie ist nur noch eine Armeslänge von ihm entfernt. Die schwarzen Strähnen wallen unter Wasser und schlängeln sich wie Schlangen in seine Richtung. Und in ihre dunklen Augen, das sieht er jetzt aus nächster Nähe, funkeln goldene Sprenkel wie Funken.

Wie im Traum streckt sie einen Arm aus und legt ihre Hand in seinen Nacken. Sigurds Reflexe als Krieger versagen, seine Augen verlieren sich in ihren und er lässt alles geschehen. Später, viel später, wird er sich fragen, ob sie ihn in diesem Moment mit ihrer Elfenmagie verzaubert hat, dass er auch nicht einen Augenblick lang daran denkt, sich ihr zu entziehen. In diesem Moment legen sich ihre weichen Lippen auf seinen Mund und lassen alle Gedanken verstummen. Es gibt nur noch den Kuss, das Wallen des Wassers um sie herum und ihre Arme, die sich an seinen Oberkörper klammern und immer wieder an seinen Brustwarzen spielen, über seinen Bauch streichen und sich in seine nassen Haare graben.

Er kommt nicht zum Sprechen, zum Denken, gerade einmal zum Atmen.

Nenevie schlingt ihre Beine um seine Hüfte. Ihre festen, kleinen Brüste drücken sich gegen seine Brust, ihre beiden Händen gleiten über seinen Körper, seinen Nacken, seine Schultern, seine Arme, seine Hüften, streicheln, halten, kreisen. Sigurd spürt ein Pochen in seinen Lenden, als sie ihn eng mit den Schenkeln umschließt und ihre Hände um seinen harten Speer schließt. Seine Entspannung ist dahin, er ist bereit und aufgerichtet.

Sigurd sieht ihr an, dass sie ihn ebenso sehr will wie er sie.

Sie drückt sich an ihn und nimmt ihn sanft in sich auf. Das hat sie noch nie mit einem Menschen getan. Sie fühlt ihn, aber anders als bei einem Elfen kann sie sein Denken nicht finden. Nur seine Bewegungen, seine Worte in der Menschensprache und seine Blicke geben ihr Hinweise, was er will. Nenevie will, dass der Mann seine Vorsicht fahren lässt. Ihr Atem wird zum Keuchen, sie bäumt sich in seinen Armen auf. Sigurd fühlt, wie sich ihre Muskeln zusammenziehen, er hält sie und bewegt sich schneller und tiefer, findet ihren Rhythmus. Ihre Finger bohren sich in seine Schultern.

Ein letzter Kuss, voll wildem Verlangen und Leidenschaft, und das Rauschen des Wasserfalls spült alle Geräusche fort.

~ ~ ~

Für Sigurd fühlt es sich wie ein körperlicher Verlust an, als sie sich zurückzieht, gerade als er seinen Kopf auf ihre Schulter sinken lässt. Sie entfernt sich ein Stück von ihm, sodass sie direkt unter dem Wasserfall steht, und sein Blick folgt ihr voller Bewunderung. Das Wasser spült ihre rabenschwarzen Haare an ihren Körper, als sie den Kopf in den Nacken legt. So steht sie, reglos, fast wie eine Statue.

Und dann geht sie.

~ ~ ~

Nenevie löst sich von dem Mann. Die Elfe steht im fallenden Wasser, lässt sich von den Wassermassen umspülen und genießt es, dass sie ganz still im ohrenbetäubenden, donnernden Wasserfall steht. Schließlich stemmt sie sich gegen die Strömung, taucht hervor und macht sich auf den Rückweg. Im Vorübergehen nimmt sie ihre Tunika auf und streift sie sich über ihre noch nasse Haut.

~ ~ ~

Sigurd fühlt sich immer noch erschöpft. Nein, berichtigt er sich in Gedanken, er ist wieder erschöpft. Er lässt sich ein Stück treiben, der Blick im Himmel verloren, wo im Westen die Sonne versinkt. Später in der Nacht, als er in seinem Bett liegt und schon fast eingeschlafen ist, fragt er sich noch, ob er sie jemals wiedersehen wird.

~ ~ ~

Sie weiß, wann sie wiederkommen wird. Ganz kurz, wie ein Blitz, hat sie doch noch in die Gedanken des Menschen sehen können, hat sich selbst durch die Augen des Mannes gesehen, so wie er sie wahrnimmt, und da beschloss Nenevie, dass sie ihn zu seinem nächsten Bad wieder besuchen wird.

 

Davor: Rahjageflüster 4: Der Kuss von Eis und Feuer

Weiterlesen: Rahjageflüster 6: Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger

Der Kuss von Eis und Feuer (Rahjageflüster 4)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Teil 4 des Rahjageflüsters, der Sammlung meiner erotischen Geschichten, die beständig wächst. Zu einer Übersicht aller pikanter Kurzgeschichten gelangt man hier.

Mit dieser Geschichte wird es nun exotisch und fantastisch: Ein Feuermagier aus dem Süden trifft im ewigen Eis auf eine Elfe und wird ihr viel zu verdanken haben…

 

Der Kuss von Eis und Feuer

Rahjageflüster 4.
Eine Geschichte von Madine E. Raganne
am 7. Firun 1037

Der Wind heulte wie ein hungriger Wolf über der weißen Ebene. Im Schatten der krummen Bäume türmte sich Schnee zu grotesken Skulpturen. An anderen Stellen legten die Winde Steinbrocken frei. Die Knochen der Erde waren so kalt, dass niemand mehr glauben konnte, der Leib der Erde sei noch lebendig.

Über den Felsen schabte ein Schlitten. Ein Mann zog ihn. Mit der anderen Hand stützte er sich auf einen auffälligen Stab. Von seinem Gesicht – seiner gebräunten Haut und seinem wilden Bart, den er sich in der Wildnis nicht mehr stutzte, weil es egal war und weil es ihn sogar ein bisschen vor der Kälte schützte – war nichts zu sehen, denn er trug eine Maske gegen die Schneeblindheit über den Augen und hatte die Kaupze so fest zugezogen, wie es nur ging. Der Frost hatte den Pelz des Anauraks mit einer eisigen, weißen Schicht überzogen und ihn hartgefroren.

Faruk spürte seine Finger nicht mehr, seit Stunden brannte sein Gesicht vor Kälte und er füchtete den Moment genauso sehr wie er ihn herbeisehnte, wenn er sich wieder das Gefühl in die Füße reiben würde.

Er konnte sich schon nicht mehr erinnern wie es sich anfühlte, wenn die Sonnenstahlen die Haut erwärmten und nicht nur dieses kalte, reine Licht spendeten. Unendlich lange schien es ihm her, obwohl es nur einige Wochen her war, dass er aus seiner sonnenverwöhnten und manchmal unerträglich heißen Heimat aufgebrochen war, um sich zu bewähren. Jetzt schalt er sich, welch unsäglich dumme Idee es doch gewesen war, dass er, ein Magier, der sich ganz dem hitzigen, glühenden Element verschrieben hatte, seine innere Flamme gegen die Kälte der Eiswüste durchsetzen wollte. Wieso hatte er sich nicht eine schöne, angenehme Meeresküste aussuchen können, um sich dort gegen das warme Wasser zu erproben?

Am Abend suchte sich der Feuermagier aus dem Süden einen Felsen, der ihm Windschutz bot. Dort schlug er sein Zelt auf. Mit einem Fingerschnippen, ein wenig Konzentration und etwas magischer Kraft konnte er ein Feuer entzünden – in der gewohnten Umgebung seiner Akademie. Den pfeifenden Wind im Ohr, der durch sämtliche Ritzen in der Zeltwand fuhr und ihm alle Wärme entriss, mochte ihm das nicht gelingen. Faruk gelang gerade einmal ein Flämmchen, das ausreichte, um das Zeltinnere solange zu erhellen, bis er ein wenig von dem eisig kalten Trockenfleisch und dem noch halb gefrorenen Obst hinuntergewürgt hatte.

Faruk schlotterte am ganzen Körper. Er war müde, er hatte seine arkanen Kräfte in dem Versuch verausgabt, mit irgendeinem Zauberspruch Wärme herbeizuzaubern, und seine Muskeln waren erschöpft vom Zittern. Der Boden atmete Kälte, die mühelos durch Faruks Kleiderschichten und in seinen Körper drang.

Er gab sich einen Ruck. Es musste sein, ein letzter Versuch! Faruk setzte sich auf. Mit aller Willensanstrengung des Verzweifelten brachte er einen glimmenden Funken zustande und nährte ihn mit trockenen Zweigen. Immerhin ist er ein Feuerbeschwörer! Also würde er jetzt einen Feuerdschinn beschwören, der ihn warmhalten würde.

Der Magier versank im Schneidersitz in seine Intonation. Minutenlang rezitierte er die Zauberformel, spürte wie sich aus seiner letzten magischen Kraft der Dschinn formte und in gleichem Maße schwanden die Flammen des kleinen Feuers, aus dem sich der magische Geist bildete. Und plötzlich war Faruk wieder alleine im Zelt. Das Feuer war erloschen. Kein Dschinn war erschienen.

Der Zauber war fehlgeschlagen.

Wieder lag er zitternd in seinen Fellen, kraftloser als zuvor. Trotz der Erschöpfung wollte der Schlaf nicht kommen.

Nach Stunden fiel der Jüngling in einen dämmrigen Zustand. Dann war ihm auf einmal, als würde ihm ein warmer Hauch über das Gesicht streichen und sanft seine Gliedmaßen berühren. Endlich konnte er sich fallen lassen, in die weichen Arme der Lichtgestalt, die sich über ihn beugte und ihn mit sich zog.

~ ~ ~

Faruk erwachte, weil sich etwas Warmes über seine Brust bewegte, über seinen Bauch fuhr und an seinen Oberschenkeln hinab strich. Und es… kitzelte.

Nur ganz langsam wurde Faruk bewusst, dass er wach war. Allmählich, als müssten sie erst auftauen, kehrten seine Gedanken zurück. Er blinzelte vorsichtig, um nicht sofort zu erkennen zu geben, dass er wach war.

Ihm war immer noch sehr kalt, und allmählich nahm er wahr, dass er zwischen weichen, grauschwarzen Fellen lag. Von seiner Kleidung fehlte jede Spur. Und er war nicht alleine.

Seine Aufmerksamkeit galt einem Vorhang aus seidig glattem, langen weißen Haar. Eine schlanke, helle Hand schob eine Strähne beiseite und offenbarte damit ein katzenartiges Augenpaar in einem unmenschlich ebenmäßigen Antlitz. Faruk wurde bewusst, dass eine Frau über ihm lag, offenkundig ebenfalls bar jeder Kleidung. Sie schob sich anmutig nach oben und wieder strichen ihre Brustwarzen über Faruks Haut und die Spitzen ihres Haares kitzelten ihn.

Als sie sah, dass er die Augen offen hatte, veränderte sich ihr Ausdruck. Faruk war erleichtert, als er ihr Grinsen sah. Er musste an eine Katze denken, der man eine Schüssel Milch hingestellt hat.

Sie zögerte, dann beugte sie sich über ihn, um ihn zu küssen. Faruk drehte den Kopf beiseite. Sein Blick streifte ihre Ohren, die oben spitz waren.

Dann sagte sie etwas. Faruk verstand kein Wort, es klang mehr nach einer Melodie, aber er hatte den Eindruck, dass es schon Wörter waren. Er schüttelte den Kopf. „Ich verstehe n… Wer…“

Der Magier versuchte, sich zu konzentrieren. Ein Zauber, er musste einen Zauber wirken – einen magischen Spruch, damit er sie verstand! Konzentration. Er legte sich die Worte zurecht, öffnete den Mund… und da verschloss sie ihn mit ihren Lippen. Ihr Atem war warm. Faruk wollte sich ihr entziehen, aber sie drückte sich an ihn. Er spürte ihren ganzen Körper und die Wärme, die sie ausstrahlte.

Die Frau mit der hellen Haut strich durch Faruks Bart, über seine schwarzen Haare. Ihre Finger waren glatt und warm und hinterließen heiße Spuren auf seiner kühlen Haut. Er drehte gerade seinen Kopf, um seine Umgebung zu betrachten. Eine weiße Wand ohne Fugen, eine gewölbte Decke, die von einer schimmernden Lichtkugel erhellt wurde – war das etwa ein magischer Lichtzauber!? – … Dann wurde seine Aufmerksamkeit unwiderstehlich zurück auf seinen Körper gezogen. Dort, wo sie ihn berührte, strömte Wärme durch seinen unterkühlten Leib. Das war keine Magie, das war die Wärme ihres Körpers, den sie an ihn drückte.

Entschlossener strich sie ihm über die Brust und ließ ihre Hände weiter nach unten wandern. Wieder sah er ihr breites Grinsen, als sie ihm zwischen die Beine griff. Erst jetzt bemerkte Faruk, wie erregt er war. Das war ihm peinlich – er war immerhin ein gebildeter Mann, ein Mann der arkanen Künste und Wissenschaften, der sich nicht gleich seinen Trieben hingab!

Die Frau jedoch hatte allem Anschein nach andere Pläne mit ihm. Rittlings setzte sie sich auf ihn und drückte ihre warmen Schenkel an seine Oberschenkel. Faruk bemerkte, dass ihre Härchen überall so weiß wie Schnee waren.

Dann setzte sie sich auf ihn und bewegte ihre Hüften. Faruk glitt mit einem Stöhnen in sie. Ihre Haare fielen auf seine Brust als sie sich nach vorne beugte, um ihn zu küssen. Diesmal erwiderte er den Kuss. Sie drängte sich noch enger an ihn.

Erst als er erneut aufwachte, erkannte er, dass er wieder eingeschlafen sein musste. Das Gefühl und die Wärme waren wieder vollständig in seine Gliedmaßen zurückgekert und er verspürte Hunger. Faruk richtete sich auf. Immer noch war er nackt.

Als hätte sie sein Erwachen erwartet, kam die blasse Elfe um eine Biegung des Raumes. Sie war barfuß, der Rest ihres Körpers war in Kleidung gehüllt, die aus weißen Pelzen gefertigt war. Sie brachte ihm Essen: dunkle Beeren, die er noch nie gesehen und von denen er noch nie gelesen hatte, die eiskalt und sauer schmeckten, aber an Süße gewannen, wenn sie im Mund schmolzen, rötliches Fleisch, das sich als roher Lachs herausstellte, und fettdurchzogenes, helles Fleisch.

Faruk aß mit Appetit die fremdartigen Speisen. Die schöne Frau sah ihm fasziniert zu, als hätte sie noch nie einen hungrigen Menschen essen sehen. Dem jungen Magier kam der Gedanke, dass dies unter Umständen sogar stimmen konnte. Es jagte ihm einen Schauer über den Rücken.

Sie schien es zu bemerken, denn augenblicklich legte sie schützend ihre Arme um ihn. Ihre feinen Haare hüllten sein Gesicht ein, sie dufteten nach etwas, was er nicht benennen konnte. Unwohl wandt er sich und wich vor ihr zurück. Wer war diese Elfe, die hier so alleine lebte? Was wollte sie von ihm? Hier saß er nun, nackt und schwach…

Faruk wollte sich seiner Magie vergewissern, deshalb war er überhaupt erst hierher in den hohen Norden gereist. Nun spürte er, dass er seine Kräfte verausgabt hatte.

Die schöne Elfe legte ihre flache Hand auf Faruks Brust, über sein schnell pochendes Herz, und beugte sich zu ihm hinüber. Zuerst wollte er sich noch wehren, wollte Fragen stellen, doch sie verstand seine Sprache nicht und er nicht die ihre. Außerdem war er auf sie angewiesen, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen.

~ ~ ~

Ein paar Wochen vergingen. An den Tagen ruhte er sich aus, schlief viel und trat ab und zu in die Felldecken gehüllt vor die Türe des Schneehauses. Der Anblick war immer der gleiche: Eine endlos weite, weiße Einöde, ohne Anhaltspunkt, Schnee so weit das Auge reichte. Seine Nächte waren aufregender, Nächte voller Wärme und Zärtlichkeit und Zweisamkeit.

Die Sehnsucht nach seiner Heimat wurde mit der Zeit immer größer. Faruk wurde unruhiger, je mehr er wieder zu Kräften kam. Ob sie ihn einfach so ziehen lassen würde? Er hatte ihr sein Leben zu verdanken und er hatte liebevolle Gefühle für sie.

Doch sie war so schwer zu verstehen. Noch immer gab sie ihm Rätsel auf, er wurde aus ihr nicht schlau.

Eines Morgens fand er einen Satz weißer Pelzkleidung neben dem Tablett. Sie passte, als wäre sie nur für ihn gemacht worden. Sein Schlitten und sein Magierstab standen vor dem Schneehaus, zusammen mit einem Beutel mit getrocknetem Fisch, Trockenfleisch und Dörrobst.

Von ihr fand er keine Spur und er sah sie nie wieder. Außer in seinen Träumen, in denen sie ihn oft besuchte.

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Die Lanzerinnen (Rahjageflüster 3)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Das dritte Exemplar auf meiner Spielwiese für pikante, erotische Geschichten handelt von zwei Frauen. Sie sind Lanzenreiterinnen in einer Einheit, die aus Tradition nur aus Frauen besteht. Kleiner Teaser: Erfahrungsgemäß bietet es sich an, diese Geschichte in geselliger Runde im Zuber zu genießen. Wer gerade keinen Zuber und Bademeisterin – oder Bademeister, je nach Lust und Laune – zur Hand hat, dem muss eine gewöhnliche Badewanne genügen.

Mir ist kein historisches Vorbild bekannt, aber mir gefiel der Gedanke, etwas Diversität ins Spiel zu bringen. Ich hoffe, es gefällt.

Zum Schmökern steht hier die Liste meiner erotischen Kurzgeschichten, mein Rahjageflüster.

 

Die Ferdoker Lanzerinnen

Rahjageflüster 3.
Eine Geschichte von Madine E. Raganne
am 11. Hesinde 1036

Gleißend hell strahlte die Praiosscheibe vom frostigen Winterhimmel, ließ den Neuschnee funkeln wie Diamanten und blendete Gerondra just in dem Augenblick, als der Säbel ihrer Gegnerin herabfuhr. Stahl klirrte auf Stahl, der Aufprall der Klinge auf den Helm dröhnte in Gerondras Kopf wider. Rodena ließ ein kurzes, helles Lachen hören und der Tanz ging weiter. Gerondra stieß ihre Waffe nach vorne, wollte ihre Gegnerin zurückdrängen, doch mit geschmeidiger Anmut wich Rodena ihr aus. Ein amüsiertes Lächeln spielte um ihren Mund.

Na, Kätzchen? Willst du zur Raubkatze werden?“, neckte sie. Gerondras Herzschlag beschleunigte sich, sie drang wieder auf Rodena ein. Mit kleinen Schritten und vorsichtigem Herantasten brachte sie ihre Partnerin dorthin, wo sie sie haben wollte – nun hatte Rodena die Strahlen der Abendsonne im Gesicht.

Beide keuchten atemlos – erschöpft, aber zufrieden – als ihnen die Ausbilderin das Zeichen zum Aufhören gab. Beiden Frauen standen die Schweißperlen auf der Stirn, Gerondras rotblonde Locken kringelten sich noch mehr als sonst und Rodenas dunkelbrauner Schopf war am Ansatz dunkel und feucht. Unter dem wohlwollenden Nicken ihrer Fechtlehrerin klatschten sich die beiden angehenden Lanzerinnen der Ferdoker Garde zum ehrenvollen Unentschieden ab.

Gerondra und Rodena hatten beide vor einem Jahr ihre Ausbildung an der Kriegerakademie begonnen. Sie waren auf den ersten Blick Freundinnen geworden. Während Gerondra schnell Muskeln ansetzte und stundenlang mit der Lanze übte, ohne müde zu werden, erlangte Rodena im Säbelkampf die Geschmeidigkeit einer Wildkatze und sie ritt wie eine junge Göttin. Sie lernten gemeinsam für ihre Prüfungen, maßen ihre Fähigkeiten im Kampf und an ihren freien Tagen saßen sie zusammen in der Taverne, tranken Ferdoker Bier und hin und wieder lachte sich eine für ein, zwei Wochen einen Mann an. Sie kannten sich erst ein Jahr, aber es schien ihnen, als würden sie sich schon immer kennen.

~ ~ ~

Dampf schlug ihnen entgegen, als Gerondra die Tür zum Zuberhaus öffnete. Die Luft war warm und von Feuchtigkeit geschwängert. Drei weitere Lanzerinnen kleideten sich gerade an und waren im Begriff, den Waschraum zu verlassen. „Hey ihr zwei! Wir gehen schonmal. Wir sehen uns später!“ Sie winkten einander zum Abschied zu.

Aus dem großen Waschzuber stiegen Dampfschwaden auf. Mit leisem Rascheln fielen die Kleider zu Boden, ein Plätschern verriet Rodena, dass Gerondra in das Wasser stieg. Sie stieg hinterher, das Wasser küsste ihre Haut. Ein wohliger Seufzer entrang sich ihrer Kehle, als die Wärme allmählich in sie hinein drang. Entspannt lehnte sie den Kopf an den Rand des großen Zubers und schloss ihre braunen Augen. Sie hörte und spürte die Bewegungen Gerondras am eigenen Körper, da sie Wellen durch das Badewasser schickten. Dem Geräusch nach zu urteilen, schöpfte sie sich gerade mit hohlen Händen Wasser über den Kopf.

Träge blinzelte Rodena unter fast geschlossenen Lidern durch den Dunst zu ihrer Freundin – und auf ein Mal stockte ihr der Atem. Glitzernde Wassertropfen perlten auf Gerondras Schulter, rannen in silbernen Bahnen über ihre nasse Haut, über die Muskeln, die sich darunter bewegten. Der schwache Kerzenschimmer, den die wallenden Schwaden zu einem diffusen Schimmer dimmten, floss mit den nassen Rinnsalen über ihren Hals hinab, folgte dem Schwung ihres Schlüsselbeins und glitt dann weiter über die Rundung ihrer Brust und… vereinte sich dort wieder mit der Wasseroberfläche. Rodena fand die rotblonde Kriegerin hübsch, ein wuscheliger Rotschopf mit Stupsnase, einer hohen Stirn und kleinen Sommersprossen, aber jetzt sah sie, dass ihre Kameradin schön war – wie sich die nassen Haarsträhnen über ihren Rücken schlängelten, – so verlockend, wie sie ihr Gesicht mit Wasser benetzte, – anmutig die Art, wie sie den Arm aus dem Wasser hob.

Schnell schaute sie woanders hin als sie bemerkte, dass sie Gerondra geradeaus anstarrte. Rodenas Herz schlug ihr bis zum Hals, doch diesmal war es nicht vor körperlicher Anstrengung. Was sollte sie nur tun? Rasch rieb sie sich Wasser ins Gesicht, um ihre plötzliche Anpannung zu verbergen.

Ein Platschen unterbrach ihre Gedanken, die im Kreis rasten. „Du, Rodena, hilfst du mir kurz?“, drang Gerondras Stimme zu ihr durch. Sie hielt ihr den Schwamm entgegen. „Den Rücken schrubben.“ Wie in Trance griff Rodena nach dem Schwamm und Gerondra rutschte näher und drehte ihr den Rücken zu. Welle um Welle den warmen Wassers schickte sie über ihren Rücken hinab und fühlte, wie sich Gerondra unter ihren Händen entspannte, ihre Muskeln weich und geschmeidig wurden.

Sie seufzte und brummte wohlig.

Rodena ließ den Schwamm den Rücken hinauf, über Gerondras Nacken und eine Schulter gleiten und wischte ihr die nassen Haare zur Seite. Am Arm wieder hinab… und Gerondra beugte sich in diesem Moment nach hinten und der Schwamm strich über ihre Brust. Rodenas Finger berührten ihre Brustwarze. Sie war fest und knubbelig. Erschrocken zuckte sie zurück, doch sie hörte Gerondra flüstern: „Ist es dir unangenehm? Ich… finde es schön.“ Ihre Augen suchten die von Rodena und ohne dass sie darüber nachdachten, verschränkten sich ihre Finger. Ihre Lippen fanden sich und verschmolzen in einem langen, innigen Kuss. Gerondras Atem strich über ihre Wange.

Rodenas Finger wanderten über Gerondras Körper. Sie hatte gedacht, dass sie ihre Freundin kannte, aber sie hatte nicht gewusst, dass sich ihre Haut so weich anfühlt, wie es sich anfühlt, wenn Gerondra sich in ihren Armen dreht und ihre Hände auf Tristanas Oberschenkel legt und ihre Hüften massiert. Ihre Daumen zeichneten Kreise auf ihre Leisten und bewegten sich langsam, langsam auf ihren Schoß zu. Rodena erschauderte, rückte näher an ihre Freundin und legte ihr eine Kette aus Küssen um den Hals.

Immer wieder trafen sich ihre Lippen. Ihre Küsse wurden fordernder, fester. Gerondra dirigierte Rodenas Hände, bis sie mit einem Stöhnen und Aufbäumen tausend kleine Wellen durch das Wasser schickte und in das Wasser zurücksank.

Aaah, du bist herrlich… und du bist ein Naturtalent.“, sagte sie. – „Wirklich? Ah, danke.“ Mir einem Kuss erstickte Gerondra ihre Verlegenheit.

Ja, wirklich. Und ich will mich jetzt gebührend bei dir bedanken… Rodena…“ Gerondra beugte sich über sie, drückte sie mit ihrem festen Körper gegen die Wand des Zubers und küsste sie, bis ihnen beiden der Atem ausging.

Ein Rufen ließ sie da zusammenfahren. „Ist da noch wer? Raus mit euch, sonst wachsen euch noch Schwimmhäute zwischen den Fingern!“ Das war die Fechtlehrerin.

Im Nu waren sie wieder in ihren Klamotten. Mit einem langen Blick wussten sie allerdings, dass sie heute Abend nicht einsam einschlafen würden.

 

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Vibratio stummer Diener (Rahjageflüster 2)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Ich präsentiere meine zweite erotische Geschichte: Ein junger Magierschüler in Liebesnöten. Sie ist tiefer in den Hintergrund der Fantasywelt eingebunden, in der sie spielt. Nichtsdestotrotz ist sie auch für alle verständlich, die sich nicht im Setting von ‚Das Schwarze Auge‘ auskennen.

Hier geht es zu der Übersicht aller Rahjageflüster-Geschichten.

 

 

Vibratio stummer Diener

Rahjageflüster 2.
Eine Geschichte von Madine E. Raganne‘
am 9. Hesinde 1036

Dort stand sie und sah ihn nicht, den schmächtigen Zauberschüler mit dem flachsblonden Haar und der Brille auf der Nase. Das tat sie nie. Seine Angebetete war über einen dicken Folianten gebeugt, ihr langer, rotbrauner Zopf kringelte sich über die aufgeschlagene Seite, während ihre klugen, graugrünen Augen den bosparanischen Schriftzeichen auf den Zeilen folgten. Die angehende Adepta war damit beschäftigt, eine Passage zu kopieren und strich sich dabei immer wieder gedankenverloren mit der Spitze der weißen Feder über ihre vollen, roten Lippen. Rot und weiß. Weiß und rot. Bernardo tat sein Bestes, nicht hinzustarren. Oder vielmehr bemühte er sich darum, dass niemand sein Starren bemerkte.

Lutsiana hatte ihr Studium der arkanen Künste einen Jahrgang vor ihm an die Akademie der Hohen Magie begonnen und besuchte folglich andere Kurse. Aber Bernardo hatte ihren Stundenplan besser als seinen eigenen studiert. Er wusste genau, wann sie in der Bibliothek war und es war nicht ganz Phexens Zufall verschuldet, dass auch er sich zu diesen Zeiten mit pedantischer Regelmäßigkeit in der Schriftensammlung einfand. Viel zum Studieren kam er ja nicht in diesen Zeiten, eher zum Sinnieren und Schmachten…

Ihretwegen lief er Umwege durch die Gänge der Akademie auf dem Weg zu seinen Seminaren, damit sich ihre Wege kreuzten. Doch umsonst – sie sah ihn natürlich, aber sie sah ihn nie an.

Und dann war da noch ihre Freundin. Sie schien nirgendwo ohne ihre Freundin zu verweilen und unter solchen Umständen war schon gar nicht daran zu denken, Lutsiana anzusprechen. Von Bernardos bloßer Existenz, so schätzte er, wusste die Frau seiner Träume noch nicht einmal. Geschweige denn seinen Namen.

Einmal hatte er sich getraut. Lutsiana hatte gerade Bücher eigeräumt, niemand sonst war zwischen den Regalreihen zu sehen. So schickte Bernardo ein Stoßgebet zur Weisen Göttin und zu der leidenschaftlichen Rahja und öffnete gerade den Mund, um Lutsiana anzusprechen – da brachte er nicht einen Ton heraus. Schnell wandte Bernardo sich ab, bevor Lutsiana ihm etwas anmerkte. An diesem Tag kam sie vermutlich zu der Überzeugung, dass er an einer Krankheit der Lunge litt, so wie er nach Luft geschnappt und ihr dann zügig den Rücken gekehrt hatte.

So verging Tag um Tag, Woche um Woche. Tagsüber lenkte sich der junge Scholar mit seinen Studien über Metamagie und Telekinese ab. Sein Steckenpferd war ein Zauber, der Gegenstände wie von Zauberhand eine Bewegung vollführen ließ – sei es ein Besen, der von selbst fegt, sei es der Schlüssel, der sich auf das Zauberwort hin wie von Geisterhand im Schlosse dreht.

Nachts beherrschte Lutsiana Bernardos Träume und Sehnen.

Schließlcih reifte in ihm ein Plan heran. Fortan verfolte er sein Ziel, insbesondere in den Nachtstunden, um seinen Händen eine andere Beschäftigung zu geben.

~ ~ ~

Ein letztes Aufbäumen und dann war es vollbracht. Bernardo hatte sich verausgabt. Entkräftet ließ sich der blasse Magierschüler in seinen Stuhl fallen, seine Schultern sackten nach unten und ein tiefes Seufzen der Erleichterung und der Erschöpfung drang zwischen seinen Lippen hervor. Er hielt sein Meisterstück in Händen und seine Finger zitterten vor Aufregung und vor Ermüdung von der immer gleichen Bewegung. Nach wochen-, nein, nunmehr schon monatelang währender Arbeit war sein Werk endlich vollbracht! Bewundernd strichen seine Fingerspitzen über das glatte, zugleich seidig-weiche und doch feste Material. Es war perfekt. Bernardo legte die Finger an die Schläfen und sprach den Cantus, der ihm das Quäntchen Mut gab, das er für sein kühnes Vorhaben brauchte. Nun auf, das magische Artefakt wollte genutzt werden!

Es war zu spät, um Lutsiana noch in der Bibliothek zu finden, aber noch früh genug, um an ihre Zimmertüre zu klopfen. Einen schmalen Spalt breit wurde ihm geöffnet. Er sah ihr in die Augen, die sich vor Überraschung und mit einem fragenden Blick weiteten. Ihre kastanienbraune Mähne wallte ungebändigt über ihre nackten Schultern, über die sie hastig eine Decke geworfen hatte. Eine Hand hielt die Decke vor ihrer Brust geschlossen, die andere lag auf dem Türstock und ein zarter Blütenduft wehte von ihrem Körper.

Ja? Was willst du?“, fragte sie den schlacksigen Magierschüler argwöhnisch. Ermutigt von der Zauberwirkung nahm Bernando als Antwort Lutsianas Hand und legte seine Erfindung hinein. Von Forscherneugierde getrieben – sie ist schließlich Wissenschaftlerin – wurde ihre Verwunderung in den Hintergrund gedrängt. Lutsiana untersuchte das Objekt nach Augenschein und taktilen Merkmalen: Von knapp über einem Spann Länge und so dick wie zwei Finger. Eine gleichmäßige, knollenartige Verdickung an einem Ende. Die Berührung fühlte sich angenehm warm und weich an, doch der Werkstoff war hart und glatt.

Lutsianas Augen blitzten und sie blickte Bernardo fest in die Augen: „Das ist ein sehr… interessantes Objekt. Ist es ein Geschenk?“, fragte sie mit dunkler, schnurrender Stimme. Bernardo beugte sich zu ihr und hauchte über ihre Lippen: „Es ist noch viel mehr als das, was du siehst. Lass mich dir zeigen, was es kann.“ Er umschloss ihre Hand, die den Gegenstand hielt, und bei seiner Berührung erwachte die Magie darin: Er zuckte und ruckte sanft in ihrer Hand, während Bernardo sie mit einem Kuss durch die Türe in ihr Zimmer schob. Bereitwillig öffnete sie ihre Lippen unter seinem drängenden Kuss, zog ihn an seiner Robe mit sich und zog ihn auf ihr Bett… doch dort lag schon jemand.

Sieh nur, Morena, wir haben jemanden zum Spielen bekommen! Mit einem schönen Spielzeug!“ Lutsiana grinste verschmitzt ihrer Freundin zu.

Bernardo hatte viele Nächte phantasiert und davon geträumt, seine geliebte Lutsiana zu umfassen und glücklich zu machen, wieder und wieder. – In dieser Nacht jedoch kam es anders: Finger gruben sich in sein Haar und zogen ihn zu leidenschaftlichen Küssen hinab, weiche Haut strich liebkosend, lockend, fordernd gegen ihn, warme Schenkel drängten sich fester an ihn, Hände griffen nach ihm, um ihn tiefer zu ziehen, und als er nicht mehr konnte, wurde er mit seinem nimmermüden vibrierenden Artefakt ein sehr willkommener Gast für die kommenden Nächte. Zu dritt erkundeten sie dieses neue Spielzeug, sie versteckten es manchmal und holten es wieder hervor und es wanderte von dieser in jene Hand und sie hatten viel Vergnügen.

Allerdings gab es eine Sache, die die beiden Damen bald erfahren würden: Dass nur er das Zauberwort kennt, das den magischen Liebesdiener weckt!

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