Die Hochzeit der Wüstentochter

Mastfar war tot.

Ich wollte, dass wir ihn begraben. Nicht einmal ein ungläubiger Novadi hatte es verdient, dass sein unbestatteter Leichnam unter der Wüstensonne verdorrte. Aber ich konnte mit meinem gebrochenen Bein ohne Hilfe gerade einmal stehen, nicht einmal gehen, und Phelicitas würde sich die Hände nicht schmutzig machen. Elgur zuckte bloß die Schultern und wandte sich ab. Wieder überkam mich dieses Gefühl von Ablehnung, das mir zusammen mit leichter Übelkeit aufstieg: Wie konnten diese Leute nur so… so opportunistisch sein? War ihnen denn wirklich gar nichts heilig, bei der Göttin!?

So lange redete ich auf sie ein, bis Rizella und Eichmann schließlich eine Grube schaufelten und den toten Mann mit Steinen bedeckten. Ich hatte den Eindruck dass sich Eichmann lediglich fügte, damit ich endlich Frieden gab.

Und ich gab mich damit zufrieden.

Wir fanden sein Pferd in der Nähe. Es war ein edles, ein stolzes Tier, mit schlanken Hufen und feurigen Augen. Wenn es ohne seinen Reiter in die Oase zurückkehrte, würde seine Sippe sofort vermuten, dass ihm etwas zugestoßen war. Nun war es Phelicitas, die mich entgegen meines Widerstandes davon überzeugte, dass das Ross seinem Reiter in den Tod folgen musste.

Nur wie? Wir konnten es nicht mit Waffengewalt niederstrecken, sein Körper würde viel einfacher entdeckt werden als der von Mastfar. Doch wir hatten noch den Wasserschlauch von dem arglistigen Mann in der Wüstenoase entlang der Rennstrecke. Er hatte es genau dafür zusammengemischt, um Pferde in ihr Verderben zu schicken. Schweren Herzens ließ ich es geschehen und das Pferd soff von dem vergifteten Wasser, so viel es wollte und konnte. Bevor wir es mit leichten Schlägen in die Wüste davontrieben, dachte ich an Wiedergutmachung und schnitt eine Strähne des rabenschwarzen Schweifs ab, die ich zusammenrollte und einsteckte. Später flocht ich daraus einen Zopf, so kunstvoll ich es vermochte. Ich würde diese Geschichte und meine Schuld, dass ich den Tod eines unschuldigen, wunderschönen Pferdes – Rahjas Geschöpf, und was für ein prächtiges Exemplar er gewesen war! – zugelassen hatte, im nächsten Rahja-Tempel beichten.

Jetzt war nicht die Zeit für Reue. Wir mussten in die Oase zurückkeren, bevor die Teilnehmer des Wüstenrennens an uns vorbeikamen. Da ich nur mein kleines Zelt hatte, das gerade für mich zum Schlafen reichte, luden Phelicitas und Rizella mich in ihr größeres Zelt ein. Sie bewohnten gemeinsam mit Delque, Eichmann und Elgur zwar ein gemeinsames Zelt, welches aber, um den strengen Sitten dieses Wüstenvölkchens zu genügen, mit einer Trennwand in einen Frauen- und einen Männerbereich unterteilt war. Dort hatte ich bis zum Eintreffen der Brautbewerber einige ruhige Momente, in denen ich mein verletztes Bein ordentlich versorgen konnte.

Während sich die zwei Frauen unterhielten, war ich ungestört und die beiden miteinander beschäftigt. Das nutzte ich, um einen festen Verband anzulegen und für eine unauffällige Hexerei. Ich konzentrierte mich auf den warmen Wüstenboden unter mir. Durch ihn fließt die Magie und diese Verbindung rief ich im Stillen an, um die Magie zu wirken, die in mir schlummert. Heilende Kräfte rief ich an, wie es uns Satuaria, wie es die Legenden besagen, gelehrt hat. Der Zauber tat sein wundersames Werk und ich spürte nicht nur, wie sich der Knochen wieder zusammenfügte, ich konnte die Heilung sogar beobachten.

Rizella und Phelicitas bemerkten nichts. Sie hinterfragten auch meinen Verband nicht, der für den Bruch für gewöhnlich viel zu wenig gewesen wäre. Ihr Gespräch indes war höchst interessant anzuhören. Ich erfuhr daraus, dass die Braut eine besondere Freundin – eine besonders innige Freundin – hatte. Die arme Frau wollte augenscheinlich gar nicht heiraten, aber das Gesetz der Novadis sah für ihre Frauen, insbesondere wenn sich auch noch die Tochter eines Anführers war, nichts anders vor. Diese Vorzeichen deuteten nicht gerade auf eine künftige erfüllte Ehe hin.

 

Mit aufgeregten Rufen der Oasenbewohner machte sich das Eintreffen des Siegers des Wettrennens bemerkbar. Die gesamte Siedlung, wir eingeschlossen, lief zusammen, um den Sieger in Empfang zu nehmen. Jubel stieg in meine Brust und machte sich in meiner Kehle Platz als wir sahen, wer das Rennen um die Hand Fationas gewonnen hatte: Delque thronte mit almadanischem Stolz auf dem Rücken seines Pferdes, trotz der sichtlichen Erschöpfung von Ross und Reiter aufrecht und siegesgewiss.

Wenige stimmten in den Jubel ein. Die Nomaden wollten natürlich lieber einen der ihren an der Seite der schönen Hairanstochter und damit als nächsten Anführer der Sippe sehen. Am lautesten protestierte der Mawdli, ein Prediger und Rechtsgelehrte und religiöses Oberhaupt dieser Leute. Er spie förmlich Gift und Galle, stellte sich an die Spitze und prangerte Delque des Betrugs an. Sein ganzes Gebaren erweckte sehr den Anschein, als hätte er es schon von langer Hand geplant und es nährte meinen Verdacht, dass er es gewesen war, der den Wegposten mit dem vergifteten Wasser versorgt und vielleicht sogar den Hinterhalt in der Felsschlucht angestiftet hatte.

Die Gemüter erhitzten sich, bis sie schier mit dem glühenden Wüstensand konkurrierten. Dann wurden Klingen gezückt. Selbst ich, eine auf eine Krücke gestützte Frau ohne irgend eine Waffe, wurde von einem der Männer mit einem krummen Säbel angegangen. Ich verteidigte mich, indem ich ihn mit einem Zauber blendete, ein greller Blitz in seinem Bewusstsein. Er krähte etwas von böser Hexerei, woraufhin ich halblaut seine Dummheit verspottete, in die Sonne zu blicken.

Phelicitas schleuderte wieder Feuerlanzen auf die Krieger, die der Mawdli gegen seinen Hairan aufgehetzt hatte. Die Schreie und der Geruch verbrannter Kleidung und versengten Fleisches vermischten sich mit den Rufen. Doch langsam wurde der Kampf und der Lärm ruhiger. Die Krieger, die sich auf die Seite des Anführers und gegen den Prediger gestellt hatten – und die damit auf unserer oder wir auf ihrer Seite waren – hatten über die Kämpfer des aufmüpfigen Mawdlis gesiegt. Keiner von ihnen kannte das Aufgeben, es gab Tote zu beklagen.

Und Delque hatte die Braut gewonnen. Bevor der Hairan jedoch die Hochzeit ausrufen konnte, ergriff einer der anderen Teilnehmer des Rennens das Wort. Er trat neben Fationa und was er in seiner Rede enthüllte, ließ die Kämpfe um ein Haar erneut aufflammen. Er war – eine Frau. Eben jene intime Freundin, von der Phelicitas und Rizella gemunkelt hatten. Woher hatten die beiden dieses sehr delikate Detail eigentlich gewusst? Wie dem auch sei, sie hatte sich mit Delque besprochen und erhob Anspruch auf die Hand Fationas. Erschüttertes Gemurmel ging durch die Reihen, als sie ihr Ersuchen rechtlich untermauern konnte, denn sie war zu Beginn des Wettbewerbs gemeinsam mit allen anderen, männlichen Teilnehmern von der Hand des Mawdlis zu einem ‚Krieger Rastullahs‘ eingesegnet worden. Und als solcher hatte sie das Anrecht, Fationa zu heiraten.

Der Hairan war geschlagen. Er fügte sich in das Recht der Wüste, denn so war es Brauch. Ein tapferer Krieger Rastullahs heiratete im Verlauf des mehrtägigen Festes seine Tochter Fationa.

Der hübsche Almadani Delque hingegen… ist immer noch zu haben.


Davor: Den Sand zum Feind

Den Sand zum Feind

Der Novadi hatte dunkle Augen. Sein Lächeln, das seine weißen Zähne blitzen ließ, erreichte sie nicht. Sie leuchteten kalt.

Mir fiel auf, dass seine rechte Hand, halb verborgen unter dem edlen dunklen Kaftan, Bandagen trug. „Mastfar ibn Dscherek, der Sohn des Hairan.“, flüsterte mir Eichmann auf meinen fragenden Blick hin zu. Sie hatten offenkundig eine gemeinsame Vorgeschichte. Phelicitas verwickelte ihn in ein Gespräch, dem ich nicht ganz folgen konnte, da mir die Geschehnisse vor meinem Treffen mit Delque, meinem Landsmann, lagen.

Waffen trug der Novadi keine bis auf das obligatorische, gebogene Waqqif.

Irgendwann, während Phelicitas mit ihm redete, hörte er auf, auf sie einzugehen und stimmte den Singsang einer Zauberformel an. …Nichts passierte.

Etwas anderes geschah, eine Regung von Elgur oder etwas, das Phelicitas sagte, und plötzlich entbrannte ein Kampf. Ja, ein richtiger Kampf, obwohl er alleine und meine Begleiter zu viert waren. Ich sah, wie Elgur seinen Magierstab über den Kopf hob und ihn dort kreisen ließ und ich trieb mein geliehenes Pferd an seine Seite. Diese Zaubergeste kannte ich von Nephas – damit zaubern die Gildenmagier eine  Schutzkuppel, die feindliche Magie wie Zauber und dämonische Wesen abwehrt. Diese Schutzkuppel sollte genügen Platz für uns beide bieten, wenn nicht sogar für mehr von uns.

Rizella war jedoch viel näher an den novadischen Magier herangegangen. Sie hatte zwei Säbel gezogen und drang auf den Novadi ein. Eine Windhose wirbelte vor Elgur eine Handvoll Staub und Sand, ließ ihn bis auf Kniehöhe, dann bis zur Hüfte aufsteigen, bis sich vor ihm nahezu mannshohes Gebilde erhob, das ihn mit sandrauhen, steinharten Armen angriff. Elgurs magische Schutzkuppel bot also keine Sicherheit vor diesem Zauberwerk.

Der dunkelhäutige Zauberer war abgelenkt. Ich zog mich zurück, stieg ab und schlich am Rand des Geröllhügels in den Rücken des Novadis. Er sah und hörte mich nicht. Ich zückte meinen Dolch, pirschte mich noch näher an ihn heran. Er bemerkte mich immer noch nicht.

Der Dolch ist nicht die Waffe meiner Wahl, aber meinen Kampfstab hatte diese räuberische Bande, der ich Rache geschworen hatte. Ich griff also mit dem Dolch an – und er wich aus. Scheinbar hatte er das Glück auf seiner Seite, dass er im selben Moment eine Bewegung zur Seite machte. Doch nun bemerkte er mich. Wie von Zauberhand türmte sich der Sand als lebende Mauer vor mir auf, er sprang immer an der Stelle empor, an der ich mit der Klinge in der Hand vorstoßen wollte. Das hatte keinen Sinn, so machte ich nur die Schneide stumpf. Doch der Sand ließ nicht zu, dass ich mich zurückzog. Ein Fangarm schlang sich um meinen Unterschenkel und zog und zerrte an mir, sosehr ich auch versuchte, mich aus dem unerbittlichen Griff zu befreien. Doch der Sand verfügte über übermenschliche Kräfte, denen ich nichts entgegensetzen konnte. Die Pein in meinem Bein wuchs und ich spürte mit grausamer Bestimmtheit den stechenden Schmerz, mit dem einer der Knochen brach.

Durch die zusammengebissenen Zähne stöhnte ich vor Schmerz und Wut, zu gleichen Teilen. Phelicitas schoss mit Feuerlanzen auf den Magier, Rizella setzte ihm mit ihren Säbeln zu. Da ging Mastfar ibn Dscherek, der magisch ausgebildete Sohn des Hairans, zu Boden und rührte sich nicht mehr. Boron… oder in seinem Fall wohl eher Rastullah… hatte ihn zu sich gerufen.

Doch der kämpferische belebte Sand lockerte seinen Griff keinen Finger breit! Erst Elgur und Eichmann, die mit ihren verzauberten Stäben auf das Sandgebilde einstachen, brachten es schließlich zum Erlahmen und dann sackte der Sand wieder in sich zusammen. Und war nur noch ein unscheinbares, harmloses Häufchen Wüstenstaub.


Davor: Ränke
Danach: Die Hochzeit der Wüstentochter

Ränke

Denn offiziellen Start der Bewerber verpassten wir, denn wir ritten vor ihnen los. Ohne großes Gepäck, ohne großes Aufsehen.

Das Pferd kannte mich nicht und drängte sich immer wieder gegen meine Kommandos mit den Zügeln und den Schenkeln, um auszuloten, wie weit es bei mir gehen konnte. Das machte mir den Ritt nicht gerade einfacher.

Der Boden hier war rötlicher, steinharter Sand. Immer wieder ragten GesGteinsbrocken in den tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Sie wuchsen immer weiter in die Höhe, je näher wir dem ersten Etappenziel kamen: Eine Felsschlucht, durch die der Weg der Reiter führen würde. Ein mulmiges Gefühl nistete sich in meiner Magengrube ein, je näher wir dem Durchgang kamen. Die Oberseite der Felsen und sogar die schartigen Innenwände waren der perfekte Ort für einen Hinterhalt, und man hätte uns schon von weitem gesehen.
Doch niemand schoss auf uns.
Die Felswände spendeten einen schmalen Streifen Schatten. Die Tritte unserer Pferde waren durch die niedrigen Pflanzen gedämpft. Hier hallten die Geräusche dennoch die schroffen, kahlen Wände empor. Mein Instinkt sagte mir, dass wir trotz der augenblicklichen Ruhe hier noch einen Kampf austragen würden. Dieser Ort war einfach wie geschaffen für Banditen, sich auf die Lauer zu legen.

 

Phelicitas und Elgur stiegen vom Pferderücken und erklommen die Felsen. Zu dritt blieben wir an der Felsmündung und beobachteten die beiden. Wir wagten nicht, den Weg dazwischen weiterzugehen, da wir dann Angriffen von vorne und von oben schutzlos ausgeliefert wären.
Phelicitas kletterte wieder herunter. Sie hatte auf ihrer Seite nichts verdächtiges entdeckt.
„Ein Bogenschütze!“, rief da Elgur. Der Schütze musste ein Versteck innen an einem Vorsprung haben. Phelicitas hob die Arme, sagte etwas – ich verstand nicht, was – und auf einmal schoss ein Feuerball von ihren Fingerspitzen auf die drei Gestalten, die mit Elgurs Ruf aus ihren Verstecken gesprungen waren.

Ich hatte das Pferd am Zügel… gehabt. Mein Pferd, Elgurs Reittier, Phelicitas‘ Wallach – sie alle rissen sich loß und flohen panisch beim hellen Aufflammen der magischen Feuerkugel. Mit einem Seufzen wandte ich mich ab und ging die Tiere vom offenen Gelände einfangen. Im ganzen Weg zwischen den Felsen stank es jetzt nach verbranntem Stoff, aber viel schlimmer noch nach verbranntem Fleisch. Drei Menschen waren auf einen Schlag getötet worden.
Getötet? Ich blickte mich nach ihnen um. Nein, sie lebten noch, sie waren bewusstlos. Eine Diskussion entbrannte, was wir mit ihnen tun sollten. Ich stimmte dafür, dass ich ihre Wunden verband und wir sie mit einem Wasserschlauch versorgten. Ich bin mir nicht mehr sicher, wer welche Position vertrat, aber wenn ich mich recht erinnere, hielten sich Eichmann und Elgur aus dieser Frage sehr heraus. Noch heute erschrecke ich über ihre Gleichgültigkeit im Angesicht dieser im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtigen Frage, ging es für diese drei schwer verwundeten Novadis doch um Leben und Tod. Meinen Vorschlag teilte jedenfalls niemand. Letzten Endes tötete Rizella die drei Männer.

 

Die nächste Station war ein Wasserloch. Die Pferde wurden ohne unser Zutun schneller, sobald sie das Grün sahen und die Feuchtigkeit in der Luft schmeckten. Ein Novadi saß als Wächter des Rennens im Schatten einer Palme. Auf unsere Fragen antwortete er immer ausweichend, erwiderte den Blick nicht, klang unsicher. Er war eindeutig schuldbewusst. Wir konfrontierten ihn direkt mit dem Vorwurf, dass er die Wasserstelle vergiftet habe. Einer von uns zwang ihn, von dem Wasser zu trinken. Er tat es ohne zu zögern. Also mehr! Jalla!

Da spähte er zur Seite, als ob er nach einem Ausweg suchte. Jetzt hatten wir ihn. Das Wasser war also wirklich vergiftet, man musste aber eine größere Menge davon trinken. Wie es Kamele oder Pferde tun würden.

Eine harsche Befragung förderte zutage, dass der Mawli des Hairans – der Berater in religiösen Fragen, zu denen auch die Heirat gehörte – ihn damit beauftragt hatte. Haza ben Kadef war der Name dieses giftmischenden Gottesmannes. Der hatte wohl Einwände gegen Delque als neues Sippenmitglied. Delque war in seinen Augen ja auch ein Ungläubiger. Schon witzig, das so zu sehen. Der Rest der Welt sieht in den Novadis die Ungläubigen.

Ich fesselte den Mann. Eichmann schaute mir plötzlich über die Schulter, drehte die gefesselten Hände des Novadis und befühlte meine Knoten – und befand sie für gut. Pah, was soll ich mit dem Lob eines verkopften Magiers.
Und seit wann bilden sich Magier ein, etwas vom Knotenknüpfen zu verstehen?

Phelicitas bekam den Wasserschlauch, der das Gift enthielt. Wir markierten den Verschluss sofort mit einem roten Band, nicht dass noch ein Unglück wegen einer dummen Verwechslung geschah. Mit harter Hand trieben wir unsere unwilligen und durstigen Reittiere weiter.

Dies war der zweite und letzte Punkt gewesen, für die Delques Mitstreiter einen Hinweis erhalten hatten. Wir legten ihn wie einen Sack über den Sattel seines Pferdes und banden das Tier an Eichmanns Reitpferd. Jetzt konnten wir zurück in die Oase der Beni Kiwad reiten.

 

Rafi hatte auf diesem Sattel keine Sitzstange. Er hielt sich mit Treten und Greifen auf dem Leder des Sattelknaufs.

Plötzlich ließ mich ein wortloser Schrei herumfahren. Auch das Pferd war erschrocken, aber was ich als nächstes sah, ließ mich die Zügel enger nehmen und das Pferd antreiben. Schneller, schneller. Denn der Mittelsmann des Beraters jagte sein Pferd durch die Wüste. Er hatte sich unbemerkt im Sattel aufgerichtet, sich von Eichwart los gemacht und hieb seinem Gaul die Fersen in die Seiten. Ein Pfeil flog. Er traf den Menschen, er fiel zu Boden.
Es war leicht für mich, ihn aufzuspüren. Rafi stand als dunkler Punkt hoch am Himmel über ihm. Auch ohne meinen treuen Raffael hätte er sich im kniehohen Gestrüpp nirgends verbergen können. Der Pfeil steckte in seinem Oberarm. Ich brach den Schaft ab und verband ihn provisorisch. Er sollte ja sein Geständnis, vom Mawli zur Brunnen-, naja, Oasenvergiftung angestiftet worden zu sein, vor den Ohren des Hairans und der Oasenbewohner wiederholen.

 

Der Weg wurde felsiger. Wir führten unsere Pferde – bis auf den verräterischen Oasenwächter, natürlich, den wir diesmal am Sattel festgebunden hatten. Eichmann entdeckte Spuren. Ja wirklich, der Magier hat Spuren von zwei Personen gefunden. Eine davon führte weg von dem Pfad, dem wir folgten. Die andere… gehörte zu Mastfar ben Dschenek. Der Sohn des Hairans stand vor uns und trug ein selbstsicheres Lächeln in seinem hübschen Gesicht.


Davor: Das Rennen um die Braut

Danach: Den Sand zum Feind

Das Rennen um die Braut

Zurück unter der sengenden Sonne. Zurück in der flirrenden Hitze, dem knirschenden, heißen Sand.
Zurück in der Wüste Khôm.

Nur meine Wut war kalt. Mit jedem Schritt, der wieder scheuernde Sandkörner in meine Schuhe schickte, fluchte ich den Räubern. So viel hatte ich über die Bande herausgefunden: Sie hatten schon mehrmals Ansiedlungen am östlichen Rand der Khôm überfallen. Manchmal auch Orte im Süden. Auch Oasen hatten sie nicht verschont. Und niemand kannte ihren Namen, wenn sie denn einen führten. Nicht einmal die ungefähre Lage ihres Rückzugsortes wusste jemand zu sagen.

 

Zu Fuß stapfte ich durch die trostlose Landschaft. Mein Pferd hatten sie mir gestohlen, also blieben mir nur Aves‘ Rappen und mein eigener Rücken, um Wasserschläuche und meine Ausrüstung zu tragen. Ich hatte mich auch wieder in einen weiten, hellen Kaftan gehüllt, denn in meinem Kleid hätte ich die Hitze nicht aushalten können.

Ich kam an abgestorbenen Bäumen und hie und dort an niedrigem Gestrüpp vorbei, das mehr braun als grün war. Die endlosen Sanddünen, die das Bild der Khôm prägen, tun sich weiter im Inneren der Wüste auf. Hier bedeckten Felsen und Steine den Boden, die das Gehen in der Trockenheit und Hitze zu einer noch größeren Anstrengung machten. Wenn Wind aufkam, trocknete er meine Lippen und mein Gesicht aus und trug Staub heran, der in den Augen brannte.

So wanderte ich dahin. Rafi war nur manchmal als kleiner Punkt hoch droben am tiefblauen Himmel zu sehen. Er konnte dieser Hitze in die Lüfte entfliehen.

Ich konnte es nicht mehr. Mein Fluggerät – den Kampfstab – hatte die räudige Räuberbande gestohlen. Genauso wie die schöne Armbrust, die mir Arvan geschenkt hatte.
Und natürlich Nephas‘ Magierstab und Arvans Familienschwert, jaja.

 

Ein grüner Fleck schälte sich plötzlich zwischen den grauen Felsen und den tristen Sandwehen hervor. Eine Wohltat für die Augen und die Seele, denn ich wusste, was das bedeutete. In einer Senke entdeckte ich zwischen Palmen, stacheligen Gewächsen und dürren Grashalmen weiße Zeltplanen. Menschen in Kaftanen, Reit- und Lasttiere waren im Schatten beschäftigt.
Für eine einfache Oase schienen es mir recht viele Leute zu sein.

Mein Eindruck bestätigte sich, als ich mein Lager an Rande der Zeltstadt aufschlug und mit ein paar Frauen sprach, die sich zum Wasserholen am nächsten Brunnen versammelt hatten. Ich war in der Oase der Beni Kiwad gelandet. Der Hairan der Sippe hieß Dschelek Ben Amran.
Und die vielen Menschen, die zusammen mit mir die Außenbezirke der Oase bevölkerten, waren für eine Hochzeit angereist, die in wenigen Tagen stattfinden sollte – oder vielmehr für den Wettbewerb um die Braut. Denn der Gewinner würde die Hand von Fationa Dscheleksunni, der Tochter des Hairans, erhalten.

Ich hatte bei meiner letzten Reise durch die Khôm schon unliebsame Bekanntschaft mit den hiesigen, barbarischen Sitten gemacht. Hier schätzten die Männer die Frauen geringer als ihre Pferde. Abu der Eunuch hatte mich fesseln und in ein Einzelzelt werfen, bewachen und dürsten lassen. Und jetzt hatte dieses arme Mädchen, diese Fationa, nicht einmal ein Mitspracherecht bei der Wahl ihres Ehemannes! In Punin hätte sich eine junge Frau das nicht gefallen lassen. Diese Wüstenstämme trieben mich auf die Palme. Aber ich schaffte es, mir in dieser Frauenrunde nichts anmerken zu lassen. Sie waren nicht dumm, sie waren es nur nicht anders gewohnt. Ich hatte Mitleid mit ihnen, die nie die Freiheit kennen würden.

Von der nomadischen Räuberbande hatten die Frauen gehört, wussten aber nichts weiter darüber.

Ihr Hauptthema war natürlich der Brautwettbewerb. Ein Teil der Aufgaben, denen sich die Bewerber stellen mussten, war bereits geschehen und dabei waren die unwürdigen Bewerber ausgeschieden. Nun waren noch fünf Brautwerber im Rennen und das war wörtlich zu nehmen: Am nächsten Tag würden sich die Männer in einem Wüstenritt beweisen müssen.

Eine der Frauen deutete auf ein Zelt am Rand des Lagers. Dies sei das Zelt des Bewerbers, der von weit her angereist war. Ich warf einen Blick hinüber und was ich sah, zauberte mir einen ungläubigen Ausdruck auf das Gesicht: Dort waren fünf Leute zugegen, die dem Aussehen nach aus dem Mittelreich stammten. Einer von ihnen trug eine Landestracht, die mir sehr vertraut und lieb war: Federhut, weites Hemd und enge Hose. Ein Almadani, ein Landsmann!

 

Ich verabschiedete mich von den Frauen am Brunnen und schlenderte hinüber zu den anderen Fremden.

Sie beobachteten mein beim Näherkommen, bis ich vor dem Almadani stand. „Seid gegrüßt! Ich freue mich sehr, einen Landsmann zu treffen, so fern unserer schönen Heimat.“ Meine Freude war unüberhörbar, mein breites Grinsen nicht zu übersehen. Mit Rafi auf der Hand stellte ich mich als Falknerin derer von Zweifelfels vor und ließ meine Herkunft aus Punin, der stolzen almadanischen Hauptstadt, nicht unerwähnt, und er erwiderte die Vorstellung: Mit Delque Alterraco aus Almada hatte ich das Vergnügen.
Danach erwiderte eine Frau, die ebenfalls – wie ich – in ein weites Gewand gehüllt war, aber nichts von dem verhuschten Verhalten der einheimischen Frauen hatte, meine Begrüßung. Sie hieß Rizella, hatte rotes Haar und, wie ich bei einer Bewegung von ihr bemerkte, eine eingearbeitete Dolchscheide samt Waffe im Stiefelschaft. Also war sie auch nicht so wehrlos wie diese rehäugigen Wesen am Brunnen.

Der Rest waren Magier. Gleich drei Leute in Magierkluft standen außer Delque und Rizella um den Tisch, eine Frau und zwei Männer. Die Magierin stellte sich Phelicitas vor. Dem Aussehen nach musste sie aus dem Süden stammen, obwohl sie helles Haar hatte. Mir fiel auf, dass ihre blonden Haare ein wilder Haarbusch waren, der genauso wirr und eigenwillig von ihrem Kopf abstand wie meine Locken an manchen Tagen… an den meisten Tagen. Ein Vorteil des Tuchs, das ich um den Kopf geschlungen hatte, war nicht nur der Schutz vor Sand und Sonne, sondern auch, dass es meine auffällige rote Mähne sehr gut versteckte.
Einer der beiden Magier trug eine graue Robe und statt dem spitzen Zaubererhut einen Schlapphut mit Gamsbart an der Hutkordel. Eine eigenwillige Kleidungswahl, Nephas hätte das nie getragen. Bei der Vorstellung von Nephas mit seiner schwarzen Kutte samt Jägerhut musste ich mir ein Kichern verkneifen. Und was wohl dieser albernen Magiervorschriften dazu sagten? Mussten sie sich nicht immer diese lächerlichen Spitzhüte aufsetzen, so wie der Magier neben ihm, damit man sie schon von weitem erkannte und gewarnt war, dass man sich einem humorlosen, gefühlsamputierten und herrschsüchtigen Wesen näherte?
Jedenfalls lautete sein Name Eichmann Bierbichl, er kam aus Andergast. Und sein Kollege war Elgur, in heller, ungebleichter Magierrobe und mit dem typischen Spitzhut.

 

Sie hatten sich um eine kleine, grob gezeichnete Karte versammelt. Etwas widerwillig erzählten sie, dass es die Strecke des Wüstenrennens war, in dem sich Delque im Rennen um Fationa gegen die anderen Bewerber beweisen wollte. Es gab verschiedene Stationen, die die Teilnehmer passieren mussten. Und einen Federbusch, den sie beim Start erhielten und sicher über die Ziellinie bringen mussten.

Sie fingen an, sich zu beratschlagen, denn sie hatten den Hinweis erhalten, dass ein unbekannter Intrigant an zwei Stellen einen Hinterhalt gelegt hätte. Es wurde klar, dass sie mich mit dieser Nicht-Beachtung hinauskomplimentierten. Ich wünschte dem hübschen Almadani also Phexens Glück und Radjas Segen für seinen Ritt und zog mich langsam zurück… bis Rizella nebenbei fallen ließ, dass sie sich im besten Fall von diesem Ausritt – da sie alle vier Delque vorausreiten und die Hindernisse beseitigen wollten – Informationen über die Wüstenräuber erhofften. Dies ließ mich innehalten. Sie waren auch bestohlen worden!

„Was wisst ihr über diese feige Bande räudiger Wüstenschakale?“ So oder so ähnlich lautete meine Frage und im Gegenzug erzählte ich Ihnen vom Überfall in dem mhanadischen Ziegendorf. Doch sie wussten auch nichts, um die Schleier um dieses Geheimnis nur auch ein Stückchen mehr zu lüften.

Ich hatte das Gefühl, dass ich hier von den Menschen in der Oase nicht mehr erfahren würde, als ich es von den Frauen am Brunnen getan hatte. So beschlossen wir, dass ich mich ihrem Wüstenritt anschließen würde. Praktischerweise hatten sie ein Pferd übrig, da einer von ihnen mit einem schlimmen Praiosstich darnieder lag.

Meine Motivation, in die Wüste zu reiten, war auf einmal sprunghaft angestiegen – denn jetzt hatte sich meine Aussicht erfrischt, am Ende dieses Weges die ehrlosen Bastarde in die Finger zu kriegen!

 

Davor: Zurück in die Wüste

Danach: Ränke

Zurück in die Wüste

Unsere Reise durch die Randgebiete der Wüste und wieder in fruchtbareres Land im Osten verlief ruhig. Vermutlich waren es Arvans Schwerter, die er am Leib trug – der lange Anderthalbhänder auf der einen und das abgenutzte Kurzschwert auf der anderen Seite – zusammen mit seinen trainierten Muskeln, die potentiellen Strauchdieben sagten: Leg dich ruhig mit mir an, das wird ein Spaß.
Vielleicht lag es auch an Nephas‘ schwarzen Magierroben, gepaart mit dem unheimlichen Magierstab, aus dem unentwegt die unterschiedlichsten Augen herauslugten und einem zublinzelten, die dafür sorgten dass Räuber es vorzogen, auf Abstand zu bleiben.

Wir hatten zwei Dörfer passiert und mieteten uns im dritten Kuhdorf, nein, treffender Ziegendorf, einen Stall und zwei Zimmer für die Nacht. Ein richtiger Badezuber fand sich hier nicht, aber es war eine Wohltat, endlich mit Brunnenwasser den Wüstenstaub aus meinen langen Haaren und von allen Winkeln meiner Haut zu spülen!

Das Abendmahl bestand aus Ziegenkäse mit Gemüseeintopf und Hammelfleisch. Dazu gab es Ziegenmilch.

Zum Meckern der Tiere schlief ich ein.

 

Und wurde mitten in der Nacht unsanft geweckt. Ärger kochte in mir hoch. Wer war so unverschämt, zu dieser göttinverlassenen Nachtstunde so einen Lärm zu veranstalten? Schreie von Tieren und von Menschen. Rufe, laute Männerstimmen. Weinende Kinder. Das war kein nächtlicher Störenfried. Das war ein Überfall.

Ich stürzte aus dem Bett, riss meinen Kampfstab an mich, zauberte mir mit der Kraft meiner Wut auf die unbekannten Überfaller… diese räudigen Feiglinge, ein schlafendes Dorf zu überfallen!… eine magische, unsichtbare Rüstung und stürzte im Nachthemd nach draußen.

Das Licht war seltsam. Der Himmel war von Rauchwolken bedeckt und es glimmte mal heller, mal weniger hell von einer Handvoll Häuser und Ställen, die in Flammen standen. Strohdächer und Holzverschläge, die die Flammen gierig fraßen. Zuerst dachte ich, dass es schwer würde, Freund von Feind zu unterscheiden, doch dem war nicht so. Verschleierte Männer mit Schwertern, Säbeln und Speeren griffen die Leute an, die sich mit Sensen und Hämmern und anderen Arbeitsgeräten bewaffnet hatten. Die erstgenannten trieben Pferde, Ziegen und Kamele zusammen. Ein schadenfrohes Lachen kam über meine Lippen als ich sah, wie einer der verfluchten Lumpen von einem rasenden Pferd zu Boden gestoßen wurde und unter die breiten Hufe eines Trampeltieres geriet. Das Lachen blieb mir jedoch im Halse stecken, als blitzender Stahl auf mich herabfuhr. Reflexartig zuckte ich zurück und riss meinen Stab nach oben, aber ich war einen Wimpernschlag zu langsam. Brennender Schmerz fuhr durch meine Schulter. Der Räuber sprang wieder vor, griff wieder mit seiner gebogenen Klinge an. Verdammt, war er schnell. Mit der verletzten Schulter konnte ich meinen Kampfstab nicht richtig führen. Mir kam es so vor, als würde unser Kampf Stunden dauern, der Schmerz hatte sich mittlerweile zu einem kaum auszuhaltenden Sengen gesteigert, das von meiner verwundeten Schulter bis zu meinem Ellbogen und in meinen Nacken reichte.

Da leuchtete Feuer im Rücken des Mannes auf. Eine Flammenlanze schoss auf ihn zu, traf ihn im Rücken und streckte ihn nieder. Dort blieb er liegen. In der Richtung, aus der das magische Geschoss gekommen war, wusste ich Nephas und eilte dorthin. Der Magier kauerte in der Türe eines Lehmhauses und hatte beide Hände gegen den Bauch gepresst. Zwischen seinen Fingern quoll Blut hervor. Schlagartig wurde mir kalt, als ich es im Feuerschein glitzern sah. Er hatte mir soeben das Leben gerettet und stand selbst kurz davor, seines auszuhauchen.

Einen Magier weniger würde diese Welt nicht vermissen… aber nicht dieser Magier. Nein! Golgari wird ihn heute nicht holen, dafür sorgte ich!

Sorge um Nephas vermischte sich mit dem Zorn auf die Angreifer, den die Schwere seiner Verwundung aufs Neue anfachte. Diese räudigen Bastarde. Aber ich konnte ihn nicht an Ort und Stelle heilen, das brauchte Zeit und Ruhe. Ich stützte ihn, trug ihn halb, und brachte ihn in unsere Herberge. Mein Zorn beflügelte mich. Mit dieser Kraft beschwor ich die Macht der Göttin, die sie mir schenkt, und schloss die Wunde. Dann machte ich mich auf die Suche nach Arvan. Als ich ihn fand, sank mir das Herz. Wenn es möglich war, sah es um ihn noch schlimmer aus als um Nephas. Seine Hände und Füße waren zertrampelt. Er war unter die panischen Tiere geraten und man hatte ihn für tot liegen lassen.

Bei ihm dauerte es länger, bis ich ihn in der Unterkunft hatte. Seine Heilung würde langwierig werden.

Unsere Pferde waren weg. Nephas und Arvan schwer verletzt. Meinen Kampfstab fand ich nicht wieder, ich hatte ihn dort liegen lassen, wo ich Nephas aufgelesen hatte. Auch sein Magierstab und Arvans Waffen sowie meine schöne Armbrust hatten sie gestohlen.
Ich schwor Nephas, ihm seinen Stab zurück zu holen.
Ich schwor Arvan, ihm sein Familienschwert wieder zu besorgen.
Ich schwor Rache an den Bastarden für die Wunden, die sie meinen Gefährten geschlagen hatten.

Ich ging wieder zurück in die Wüste.


Danach: Das Rennen um die Braut

Erste Omen

Seit Ruthor ist etwa ein halbes Jahr vergangen, während dem ich Nachforschungen über den Verbleib der entführten Kinder angestellt habe. Sogar die Dämonensprache habe ich mir beibringen lassen, damit ich dieses verfluchte Ritual mit eigenen Augen durchlesen kann. Es half mir nicht bei meiner Suche weiter, doch ich erfuhr Einzelheiten über die grausigen Dinge, denen sie der skrupellose Magier unterziehen wollte. Einzelheiten, die ich zu gerne wieder vergessen würde.

Wann habe ich das letzte Mal Rauschkraut genommen, um die Gabe zu erzwingen? Göttin, lass mich durch deinen Schleier sehen! Satuaria erhört das Flehen ihrer Tochter und ich hatte eine Vision: lärmendes Treiben in verwinkelten Gassen, fröhliche Gestalten, die wirbeln, tanzen, singen… springen und Kunststücke vollführen – das Khunchomer Gauklertreffen! – doch plötzlich ersetzt Dunkelheit, ein dunkler Raum das bunte Treiben, und ich spüre die Bedrohung, die hinter der offenen Türe lauert, will sie zuhauen, sie aussperren, die Bestie, deren Atem schon meine Hand streift…
Keuchend komme ich wieder zu mir, schwer atmend auf den Fellen liegend. Der Fensterladen klappert, ein kalter Wind fährt über meine schweißgebadete Haut… eiskalt über den Rücken meiner Hand… ich bekomme eine Gänsehaut. Rafi hat sich schon abflugbereit auf dem Sims niedergelassen. Der Blick aus seinen großen dunklen Augen, durchdringend auf mich gerichtet, sagt mir, dass er nicht nur Mäuse jagen gehen will, sondern meine plötzliche Angst aufgefangen hat. Wie beruhigend, jemanden zu haben, der sich um einen sorgt! Aber nun beruhige ich ihn mit den Gedanken und der Vorfreude auf einen kleinen gemeinsamen Ausflug, gen Khunchom. Dorthin hatte die Göttin mich mit ihrer Vision gerufen.

Die letzte Person, die ich auf einem Gauklerfest zu treffen erwartet hätte? Nun, da fällt mir spontan ein gewisser Gildenmagier aus Brabak ein… und wem laufe ich gleich am zweiten Tag nach meiner Ankunft in der Stadt über den Weg? Die Antwort fällt nun nicht mehr allzu schwer. Ich muss zugeben, dass ich mich tatsächlich über das unerwartete Wiedersehen mit Nephas gefreut habe, nachdem wir uns ein halbes Jahr nicht begegnet waren, und wir sind sogar ein Glas Wein trinkend über den Platz geschlendert, auf dem ein thorwalscher Wundheiler, zwei Messerwerferinnen, ein Astrologe und viele weitere ihre Dienste feilgeboten haben, als mein Blick auf – Arvan trifft, mit dem sich Nephas hier treffen wollte. Ein Zwerg namens Grimmrog begleitete ihn, als Ambosszwerg sippentypisch an der Rußschicht zu erkennen, die sein Gesicht, beziehungsweise Wangen und Nase, die nicht von dem in vier Zöpfe unterteilten Vollbart bedeckt waren, zierte. Eine willkommene Unterbrechung von Nephas‘ Monolog über seinen neuen Rang, irgendeinen Titel, blabla, Magiergewäsch, aber anscheinend war er bis vor kurzem noch nicht einmal ein richtiger Magier. Hihi, lustig. Und schade, dass ich das erst im Nachhinein erfahre. Ich hätte ihn so schön damit aufziehen können.
Dafür durfte er sich von einem Jahrmarkts-Astrologen auf die auffällige Sternenkonstellation um Mitte Travia aufmerksam machen lassen. Auch wenn es noch unterhaltsamer gewesen wäre, die üblichen Floskeln, die den Besuchern von Zelten der Wahrsager vorgesetzt werden, mitanzuhören. Nun ja, bei seinem Erscheinungsbild war es ja überdeutlich, dass er dem magischen Handwerk – Kunst, wie er es nennen würde – nachgeht.
Und noch ein ungewöhnliche Erscheinung fiel uns auf, als wir auf den Zwerg mit seiner Trommel und die neben ihm sitzende und mit ihm musizierende Elfe aufmerksam werden.
Auch Arvan wurde geweissagt. Ein junges Mädchen zog ihn von uns weg, wir haben uns schon schmunzelnd vielsagende Blicke zugeworfen, aber nein, als er zurückkam redete er etwas von einem Tal von Staub und Sternen und dass er als Streiter für die Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen müsse. Sie hatte ihm weiterhin prophezeit, dass auch tatsächlich ein Duell anstünde, aber er sich vor dem drohenden Tod in Acht nehmen müsse. Und irgendwas mit Sphärenkraft – Magie.
Da Arvans Gedächtnis ja leider löchriger ist als Koscher Hüttenkäse, konnte er mir nur diese Bruchstücke mitteilen, und wie sollte ich daraus die Vision einer anderen rekonstruieren? Das vermag niemand.

Dass sich etwas anbahnt sollten wir nur allzu früh erfahren. Mitten in der Nacht vom 30. Travia auf den ersten Tag des Boronmondes, der Nacht, in der das Fest traditionell am ausgelassensten wurde, denn was wäre schließlich borongefälliger, als am Tag der Toten lange zu schlafen und leise zu sein?, in dieser Nacht stieg ein gellender Schrei aus den Gassen das Stadt.
Eine ansehnliche Menschenmenge hatte sich bereits um den einzigen Wagen versammelt, der dort so spät noch durch das Tor gerollt kam. Ein Wagen der Merinal-Sippe, wie man sich mitteilte. In dessen Innerem sich schreckliche Dinge zutragen mussten, dem nicht enden wollenden Kreischen nach zu urteilen, das von dort heraus drang.
Die abgekämpfte Familie wurde in das nächste Gasthaus gebracht, wo sie dankbarerweise in Ruhe gelassen wurden. Uns erlaubte man, zu bleiben, und sie berichteten über ihre Erlebnisse.
Beim Oberhaupt dieser Sippe handelte es sich um den König der Gaukler, Jasper da Merinal. Auf ihrem Weg nach Khunchom hatten sie diesmal einen anderen Weg eingeschlagen als sonst, sie hatten den Führer Ordo von Giesholm angeheuert, der sie am Nordrand der Gor durch die Hügel bringen sollte.
Eines nachts ertönte ein schauriges Heulen und Klagen, und plötzlich zog seltsamer Nebel auf, begleitet von durchdringendem Schwefel- und Verwesungsgeruch, die Schwaden umschlossen die beiden Wagen lautlos, aber zügig wie ein denkendes Wesen. Der Nebel war rot wie vergossenes Blut. Die Pferde gerieten in Panik und gingen durch, die Familie rettete sich in den vorderen der beiden Wagen und floh vor den Schatten im Nebel, vor dem Gestank und vor etwas, das wie ein dämonischer Pferdekopf aus den Schwaden auftauchte und sie verfolgte. Doch nein, nicht die ganze Familie – die beiden Söhne, der „Kronprinz“ (sie nannten ihn allen Ernstes so, also will ich das auch so wiedergeben) Kolon und sein jüngerer Bruder Shemjo hatten auf dem hinteren Gespann Zuflucht gesucht und waren nun vom Nebel eingeschlossen.
Hama, die Tochter, war der Quell der gepeinigten Schreie. Sie hatte auf der Flucht nach hinten gesehen und Fürchterliches erblickt. „Wir werden sie zu den Noioniten bringen, anders ist ihr nicht mehr zu helfen.“, schloss Jasper kopfschüttelnd seinen leise vorgetragenen Bericht. Nein, weder konnte ich eine Beherrschung brechen, noch ihre Ängste lindern, nur noch göttliches Wirken.

Am übernächsten Morgen trat eine kleine Gruppe Freiwilliger vor der Taverne zusammen, in der die Merinal untergekommen waren, bereit, sich der unbekannten Macht in der Gor zu stellen und nach dem verschollenen Sohn zu forschen. Den Vortag hatten wir dazu genutzt, Nachforschungeen anzustellen, Nephas in der Drachenei-Akademie, Arvan und Grimmrog in der Bibliothek, und ich habe der Tochter der Familie noch einmal einen Besuch abgestattet. Es bestätigte sich leider nur noch einmal, dass ich ihr nicht würde helfen können.
Auch Bukar, ein Geschichtenerzähler, der sich besonders durch seine Fähigkeit, detailreiche Landschaften vor dem inneren Auge seiner Zuhörer entstehen zu lassen, einen Namen gemacht hatte, fand sich überraschenderweise dort ein. Und erstaunlich gut gerüstet: der Griff eines Tuzakmessers ragte über seine Schulter. Gerademal ein einziger Gaukler fand sich ein, der bereit war, sich für den verschwundenen Nachfolger ihres Gauklerkönigs einzusetzen: Schira war nicht nur das Mädchen, das Arvan geweissagt hatte, sondern auch die Verlobte des Verlorenen, und sie überreichte uns noch auf meine gestrige Bitte hin eine von Jasper gezeichnete Karte des Gebietes, wo sich die Geschehnisse ereigneten, und wir zogen los.

In die Wüste Khôm

Ich hatte eine Vision. Als ich die Tarotkarten legte, verschwamm das von mir gelegte Bild. Der Hintergrund des Wanderers wuchs plötzlich aus der Karte heraus und in die Höhe, bis die Hügel zu einem ganzen Gebirge herangewachsen waren. Das Rashtulsgebirge. Ich sah einen jungen Tulamiden durch den Rashtulswall wandern. Er trug eine kleine Trommel bei sich. Kaum mehr als dieses Instrument und seine Kleider am Leibe hatte er dabei und sein Kaftan schien mir eher für die Wüste denn für das Hochgebirge gemacht zu sein. Mit dieser mangelhaften Ausrüstung konnte er dort nicht lange überleben.
Weshalb hatte ich ihn in dieser kurzen Vision gesehen? Ich weiß es nicht. Doch da die Göttin sie mir nun einmal geschickt hat, muss es wohl Ihr Plan gewesen sein, dass wir abermals in dieses götterverlassene Gebirge aufbrechen und den Mann vor dem sicheren Erfrieren und Verhungern retten. Die anderen stellten den Wahrheitsgehalt meiner Vision in keiner Weise in Frage – das tat mir gut! Also machten wir uns abermals auf den Weg ins Gebirge, einen uns unbekannten Mann zu retten.
An einem Gebirgssee trafen wir den Mann. Ein Derwisch von den Wüstenstämmen, ein Novadi also, wie sich herausstellte. Er glaubt, dass es nur den einen Gott Rastullah gibt und er bildet sich ein, Männer seien etwas Besseres und Frauen nichts wert. Pah! Er hatte mir sein Leben zu verdanken. Dem werde ich schon noch beibringen, zu was eine Frau wie ich in der Lage ist.
Er erzählte, dass er unterwegs auf einer gottgefälligen Queste war, den unehrenhaften Tod seines Bruders zu sühnen, indem er Khoramsbestien ein paar Fleischbrocken vorwirft. Ein seltsamerer Menschenschlag, als ich bisher annahm.

Der prächtige Blaufalke aus dem Rashtulsgebirge hat sich mir angeschlossen. Seit wir das Gebirge das erste Mal verlassen haben, folgt er mir. In Fasar war er natürlich nicht in meiner Nähe, er ist ja noch ein Wildtier und die Stadt ist erschreckend und laut und fremdartig für ihn. Er wird mein Vertrauter. Ich weiß es.
Ein Falke als Hexentier… Das hat es noch nie gegeben. Gehöre ich fortan noch zur Verschwiegenen Schwesternschaft, wo doch unsere – nein, ihre Tiere – Eulenvögel sind? Oder werde ich gar eine neue Schwesternschaft begründen? Ach, ich habe noch so viel Zeit und so viel vor, bevor ich mir eine Schülerin suche. Ich kann mir schon vorstellen, dass ich meine künftige Schülerin anders ausbilde, als meine Mutter mich gelehrt hat. Aber das kann noch lange warten. Ich habe Zeit.

Wir wurden angeheuert, eine Karawane durch die Khôm zu eskortieren und vor novadischen Räubern zu verteidigen.
Der Novadi war uns in der Wüste auch keine große Hilfe, obwohl er sich hier doch am besten hätte auskennen müssen. Orestas übernahm die gesamte Planung der Vorräte und die Verteilung von Wasser, Nahrung, Zelten und den Gewürzen, die der Händler nach Punin transportieren wollte, auf die Kamele.
Die Reiseroute hatte unser Gewürzhändler festgelegt. Er bereiste diese Strecke seit Jahren, wie er uns versicherte.

Wir statteten uns mit den weiten Umhängen der Wüstennomaden samt den wichtigen Gesichtsschleiern aus und lernten die Kommandos, mit denen wir die Kamele zum Hinlegen und Aufstehen, Loslaufen und Stehenbleiben bewegen konnten. Dann ging es los.
Zunächst verriet nur der ungewöhnlich warme Wind, wohin unsere Reise führen würde. Allmählich wurde das dürre Gras immer spärlicher. Es wich trockenem, hartem Staub, der bald in unsere Kleidung und unter den Schleiern hindurch in unsere Augen und Münder drang. Die Umrisse der Berge hinter uns wichen zurück hinter einen flirrenden Schleier aus Hitze. Wir folgten einem Pfad, der durch hohe Holzpfähle gekennzeichnet war. Durch nichts unterschied sich der Weg vom Rest der Sandwüste: Unter der unsichtbaren Hand des Windes verformten sich die Dünen stetig, als würden sich riesige Schlangen unter ihnen winden. Jeder Windstoß trieb uns heiße Sandkörner aus dem Inneren der Wüste wie Nadelstiche auf die ungeschützte Haut. Die größte Mittagshitze verbrachten wir unter einem Sonnensegel. Während des gleichförmigen Trotts konnten wir an etwas anderes denken, aber jetzt mussten wir aufpassen, unsere sorgsam rationierten Wasservorräte nicht zu vergeuden.
Im Nu hatten wir Sand in allem was wir aßen, in allem was wir tranken. Das Wasser schmeckte muffig. Unsere Handrücken und der Bereich, der für unsere Augen offen bleiben musste, waren verbrannt. Doch wir erreichten El’Ankhra ohne Zwischenfälle. Wie der Name sagt, der in unserer Sprache „Löwe“ bedeutet, pflegen die Beni Ankhara, der hiesige Stamm des Wüstenvolkes, einen regen Kult um das Symboltier Rondras. Bei ihnen steht die Leuin nicht für die Kriegsgöttin, der männliche Löwe ist ihr Sinnbild für ihren Eingott Rastullah. Interessanter als die Löwenzwinger waren für uns aber erst einmal die Möglichkeit, sich mit dem Wasser der Oase endlich den Staub aus Mund und Augen waschen zu können.
Weiter ging die Reise am nächsten Morgen – genauer, bevor der Morgen dämmerte. Die angenehmste Zeit des Tages war der Moment, in dem die Sonnenscheibe über den Horizont steigt und die Kälte der Nacht noch im Boden steckt. Nur allzu schnell heizt die Sonne den Sand auf und quält den Wanderer von oben und unten gleichermaßen mit gnadenloser Hitze.
Auf einmal gab der Führer des Händlers das Zeichen zum Anhalten. Wir hatten nichts ungewöhnliches bemerkt, doch plötzlich musste alles ganz schnell gehen. Das schmale Wolkenband, das sich kaum sichtbar im Süden zusammengezogen hatte, war der Vorbote eines Sandsturms. Der sich rasend schnell näherte. Wir hatten nur wenige Minuten, um die unruhigen Kamele mit Schlägen und Schreien zum Hinlegen zu bewegen, hastig Planen über uns zu werfen und ein kurzes Stoßgebet an einen Gott zu richten. Dann war sie da, die Mauer aus tobendem Sand.
Eine gefühlte Ewigkeit wütete ohrenbetäubender Lärm über uns. Schwerer und schwerer wurden unsere Planen von dem Sand, den der Sturm auf uns lud. Zu fünft hatten Arvan, Saren, Orestas, der Novadi und ich unter einer Zeltplane Schutz gesucht. Die anderen hätten genauso gut am anderen Ende der Wüste sein können, kein Atmen, keine Regung von ihnen teilte sich mir mit. Hier war jeder auf sich gestellt. Da geschah es: Ausgerechnet unser Derwisch, ein Sohn der Wüste, bekam Panik und riss die Plane beiseite. Sand nahm mir die Sicht und den Atem, drang in meine Lunge, schleuderte mich mit harten Schlägen herum. Danach nichts.

Ich erwachte in einem Zelt der Wüstennomaden. Ein halbes Dutzend Frauen war um mich versammelt. Sie sprachen miteinander, aßen Obst aus kleinen Schüsseln und beachteten mich kaum. Als ich mich umsah blickte ich auch an mir herab und bemerkte, dass ich andere Kleidung trug. Statt des langen, weiten Gewandes war ich nun äußerst spärlich bekleidet, die paar Fäden am Leib waren kaum für den Aufenthalt in der Wüste geeignet. Die anderen Frauen, ausnahmslos novadische Schönheiten, waren ähnlich eingekleidet. „Wo bin ich? Wo sind die anderen? …Wurde noch jemand gefunden?“, brachte ich in meinem gebrochenen Tulamidya hervor. Lächeln und verständnisloses Kopfschütteln war die Antwort. Niemand konnte oder wollte mir Auskunft geben.
Dann musste ich eben selbst nach den Antworten suchen. Ein Dutzend rehbrauner bis nachtschwarzer Augen folgte mir, als ich das Zelt durchmaß und die Klappe zurückschlug. Ich kam nicht dazu, ins Freie zu treten. Bevor ich reagieren konnte hatte mich der fetteste Mann, den ich je zu Gesicht bekam, bei den Schultern gepackt und herumgedreht. „Nanananana, wo wollen wir denn hin?“, scholt er mich mit seiner Fistelstimme. „Neinneinnein, wir bleiben schön brav in unserem großen Zelt bei den anderen netten Frauen!“ – „Wo bin ich hier? Der Sandsturm-! Was ist–?“ Aber auch bei ihm blieben die Fragen zwecklos und unbeantwortet.
Ich musste hier raus. Was, wenn die anderen verletzt waren? Und wenn ich ihnen nicht mehr helfen konnte, dann wollte ich wenigstens Gewissheit haben. Dazu brauchte ich vor allem Wasser, ein Kamel, ordentliche Wüstenkleidung.
„Ich bin keine Sklavin! Ihr könnt mich hier nicht festhalten!“ Sie konnten. Die Frauen schauten erschrocken, als ich rief. Der Eunuch erschien sofort, eine Peitsche in seiner Hand. „Willst du wohl Ruhe geben, aufmüpfiges Weib!“, schrie er und schlug nach mir. Dass er es wagte Hand an mich zu legen! Ich brachte mich mit einem Sprung auf ihn zu in Sicherheit und spuckte ihm mit meinem ganzen Zorn ins Gesicht. Es brannte wie Säure auf seiner Wange. Hastig wischte er in seinem Gesicht herum, bezichtigte mich als „Echsengezücht! Echsengezücht!“ und watschelte so schnell seine Beine sein Gewicht tragen konnten auf den Zelteingang zu. Ich war ganz zufrieden mit mir, bis sein aufgeregtes, hohes Lamentieren zwei Krieger herbeirief. „Was ist los, Abu?“ – „Ergreift sie!“, rief er ihnen mit schriller Stimme zu und deutete mit seinem zitternden fleischigen Finger auf mich. Mein Widerstand nützte mir ebensoviel wie meine Fragen: Nichts. Sie fesselten mich und warfen mich in das Zelt nebenan, das komplett leer war. Nicht einmal einen Boden hatte es. Ich konnte einen ganz kurzen Blick auf das Lager erhaschen, doch auch das gab mir keinerlei Aufschluss über meine Situation oder die meiner Freunde. Ich sah ein paar Zelte, aber das verriet mir auch nicht die Größe dieser Nomadensippe. Die Landschaft gab mir keinen Hinweis darauf, wie tief ich in der Wüste war.
Ich machte mich sofort daran, meine Stricke zu lösen und übte mich in gutem Benehmen, nachdem ich mich befreit hatte. Ich blieb dort und war still. Eigentlich rechnete ich damit, dass man mich nach einer Stunde wieder in das Frauenzelt holen würde. Oder dass man mir wenigstens Wasser brachte. Nichts dergleichen geschah. Niemand kam, um nach mir zu sehen. Die Stunden verstrichen. Gegen Abend rief ich um Hilfe und sagte dem Krieger, ein Skorpion sei im Zelt gewesen. Er zuckte nur die Schultern und verschwand wieder. Beim Gehen warf ich ihm an den Kopf, dass ich am Verdursten sei, den ganzen Tag brav gewesen war und meine Lektion gelernt hätte, doch er kümmerte sich nicht darum.
Nun gut. Wenn ich gar nichts mehr hatte, hatte ich immer noch den Beistand der Göttin. Ich konzentrierte mich auf meine Verbindung zu Raffael, meinem Falken, die seit dem letzten Vollmond bestand, als er mein Vertrauter wurde. Er hatte den Sturm von oben beobachtet, so hoch, dass er nicht hineingeraten war, und ist in meiner Nähe geblieben. Mein treuer Rafi. Ich zeigte ihm in Gedanken meine Ausrüstung, und wie sie im Sturm verstreut worden sein musste, und schickte ihn auf die Suche. Er wurde fündig. Wo das Gebirge an die Wüste stößt war ein Mann mit einem Eselskarren unterwegs, beladen mit meinen Sachen. Die Nacht kam, doch niemand, der mir Decken brachte. Ich fror erbärmlich. Doch bevor ich mich um Abu kümmere, ist zuerst der Eseltreiber dran. Ich wünschte ihm Pech an den Hals und schickte ihm im Traum die Botschaft, dass sein Leid enden würde, wenn er sein Diebesgut an seine rechtmäßige Besitzerin zurückbringen würde. Wieder halbwegs mit der Welt versöhnt schlief ich ein.

Schreie und Waffengeklirr weckten mich abrupt. Eine Handvoll Menschen rannte mit Fackeln umher, ansonsten war es noch stockdunkel. Wir wurden angegriffen! Es musste sehr spät oder sehr früh sein. Kein Bewaffneter bewachte mehr mein Zelt. Das war meine Chance. Geduckt rannte ich in Richtung des Lärms, in der Hoffnung, unbemerkt mit einem Pferd oder einem Kamel fliehen zu können. Wer hätte erwarten können, dass Arvan und Saren, nachdem sie in einen ausgetrockneten Brunnen gefallen waren, von einem Räuberstamm herausgeholt wurden, sich ihnen kurzerhand anschlossen und eben diese Räuberbande jenen Stamm überfiel, der mich in seinen Harem stecken wollte? Doch da waren sie, keine zehn Schritte von mir entfernt und schnitten eilig die Tiere von den Pflöcken los. Leise rief ich ihre Namen, dass sie mich nicht angriffen. Wer weiß ob ich die beiden jemals wieder gefunden hätte, wenn uns nicht der Zufall oder das Schicksal oder wer auch immer wieder zusammengeführt hätte. Selbst Orestas stieß in den nächsten Tagen zu uns und erzählte Wunder von einer goldenen Stadt mitten im Wüstensand, die er gefunden hätte. Ein Hitzschlag? Eine Halluzination? Hatte er zu viel Wasser verloren? Er blieb steif und fest bei seiner Behauptung, selbst nachdem wir ihn versorgt hatten, und predigte uns von einem Gott Runi, der ihm erschienen sei. Die Welt hat einen verrückten Horasier mehr.

Nach ein paar Tagen bei den Räubern fand sich ein schwer gezeichneter, zu Tode erschöpfter Mann ein. Er stapfte mit letzter Kraft auf mich zu. „Minerva Ragana? Oh, den Göttern sei Dank! Ich… ich kann… nicht mehr.“ Seinen Karren musste er mittlerweile selber ziehen, der Esel muss ihm wohl zwischenzeitlich abhanden gekommen sein. Doch er hatte mir meine Ausrüstung wiedergebracht, kein Stück fehlte, und mein Fluch und seine außerordentliche Pechsträhne endete.
A propos. Haltet in nächster Zeit doch einmal Ausschau nach einem gewissen Eunuchen, der in den Norden reist. Abu hat seit kurzem große Probleme im Umgang mit Tieren. Selbst der zahmste Schoßhund schlägt in seiner Gegenwart an und reagiert aggressiv. Kein Pferd, kein Maultier will ihn mehr tragen. Selbst seine eigenen Haustiere, sollte er welche haben, dulden ihn nicht mehr. Aus diesem Grund unternimmt der Haremswächter nun eine einsame Fahrt an den nördlichsten Punkt des Kontinents, um von diesem Fluch erlöst zu werden. Viel Glück, Abu. Lass dich nicht von wilden Tieren fressen. Du hast ja deine Peitsche.


Davor: Erben alten Blutes

Danach: Erste Omen