Mein Leben als Untermensch – Teil 7: Time to say goodbye

Über die Schwierigkeit der Kommunikation hatte ich zuletzt geschrieben und einen Einblick in mein Arbeitsleben während des Probemonats gegeben. Ein Monat ist im Rückblick immer schneller vorbei, als wenn man ihn von vorne betrachtet.

Und der Abschied kommt schneller als man erwartet.


Mein Leben als Untermensch – Teil 7: Time to say goodbye

Mein Abschlussgespräch mit besagtem unbeirrbaren Chef hat ganze sieben Minuten gedauert. Das ist kurz, aber schon nach den ersten 30 Sekunden wusste ich dass er mich nicht übernimmt.

Adieu, fleckige Tischdecke. Lebt wohl, greuliche Vorhänge. Machs gut, Ikeamesser, du einziges und stumpfes Kochmesser. Tschüss, kaputte Nachttischlampe. Und auch du, mein Kaktus, meine Schreibtischlampe, mein Wasserkocher, meine Kleiderbügel, meine Müslischüssel, mein Flaschenöffner: Dient eurem nächsten Besitzer so treu, wir ihr mir gedient habt. Ich lasse euch hier, damit die oder der nächste ein bisschen mehr Ausstattung hat als ich. Von Wohnkomfort will ich gar nicht schreiben.

Und trotzdem bin ich wehmütig. Ich lebe gerne in dieser Stadt und dieses Viertel hat den anheimelnden Charme eines kleinen Dorfes innerhalb der Stadt. Hier denke ich mehr an die Stadt als Wohnort als das Kellerloch – bei mir zuhause ist es andersrum: Dort betrachte ich mehr meine vier Wände als mein Lebensraum als die Umgebung, in der diese vier Wände stehen. Die Stadt und das Viertel fühlen sich wenig heimisch an.

Dem Radweg an der alten Stadtmauer entlang, dem Aufblitzen des Flusses im späten Licht, schwüle Barfuß-Spaziergänge in der Abenddämmerung, der grünen Insel in meinem Straßenzug. Unhöflichen Kollegen, Chefs, die von ihrer einmal gebildeten Meinung keinen Zentimeter mehr abrücken, einer extrem wechselhaften Arbeitsatmosphäre. Dem sage ich Lebewohl. Es geht zurück in die große Stadt.

27.06., 04.07.2019

 

Mein Leben als Untermensch – Teil 6: Kommunikation ist eine schwierige Sache

Zuletzt hatte mich mein Vermieter im Kellerloch besucht. Es gibt Versprechungen und Reparaturen, vor allem an Fahrrädern.

Jetzt erzähle ich von meinem aufregendsten Arbeitstag und -abend, den ich während des Probemonats erlebt habe. ‚Aufregend‘ im doppelten Sinn: Sowohl spannend als auch ein Grund, sich aufzuregen.


Mein Leben als Untermensch – Teil 6: Kommunikation ist eine schwierige Sache

In der Arbeit ist heute etwas merkwürdiges passiert. Merkwürdig: würdig, es mir zu merken. Dass ich es nächstes Mal vermeiden kann? Ich hätte es gerne vermeiden, aber ich würde immer noch nicht anders handeln.

Am Ende sah ich die Kommunikationskette mit ihren einzelnen Gliedern. Die herausragende Eigenschaft dieser Kette ist, dass sie, genauso wie eine ordentliche Halskette, dort endet, wo sie anfängt.

Die Auftragslage ist dürr. Das Sommerloch ist in diesem Jahr früh dran. Alle klagen, dass zu wenig los ist, durch die Bank alle.

Der Kollege, der in dieser Woche die Oberaufsicht führt, kommt an den Schreibtisch der Hospitantin und mir. „Ihr zwei braucht doch Arbeit.“ Begeisterung mischt sich mit eher gedämpften Gefühlen – Hurrah, etwas zu tun! Aber was wird das schon für eine dröge Aufgabe sein, wenn er uns zu zweit losschickt und kein anderer es tun will? Wir als Hospitantin beziehungsweise Probearbeiterin stehen ja am unteren Ende der Nahrungs… ich meine, Aufgabenzuweisungskette.

Er gibt uns in zwei Sätzen einen Auftrag, bei dem wir bis spät in die Nacht in einer gedrängten Menschenmenge unterwegs sein werden, wirft mir auf meine Nachfrage noch zwei Brocken Information im Gehen über seine Schulter zu und ist wieder weg. Gut, dass ich Block und Stift gezückt hatte, die Hospitantin hatte diese Art der Kommunikation überfordert und sie hatte zwei Drittel der Information gar nicht mitbekommen.

Wir waren also gestern – oder eigentlich zeitlich hyperkorrekt: heute – bis kurz nach Mitternacht für die Arbeit unterwegs. Und danach gleich zurück zur Arbeitsstelle und unsere Arbeit abliefern, damit gleich in der Früh damit gearbeitet werden kann. Ich rufe an der Pforte an und melde an, das wir so spät nochmal rein müssen. Der Pförtner lehnt rundheraus ab. Eine Probearbeiterin und eine Hospitantin, die bekommen keinen Zugangschip. Nie. Als ich vor zwei Jahren meine Hospitanz gemacht habe, hatte ich für einen Abend den Zugangschip bekommen. Allerdings sage ich dem Pförtner das jetzt am Telefon lieber nicht.

Zum Glück ist der Kameramann ein Argument, das für uns spricht. Den kennt der Pförtner und er sagt: Ja, mit dem Kameramann haben wir ja schon öfters gearbeitet, der ist bekannt. Der darf rein. Zusammen mit ihm kommen wir also rein. Puh.

Im Auto ist der Kameramann verwundert, dass der Pförtner das gesagt haben soll. Er hätte nicht damit gerechnet, sagt er, dass ihm ausgerechnet dieser Torwächter Vertrauen zusprechen würde. Angeblich würde er von ihm immer eher unfreundlich empfangen und eingelassen werden. Habe ich ihn gerade ein Stück mit seiner Nemesis an der Pforte versöhnt?

Unterwegs rufe ich zur Sicherheit nochmal an der Pforte an und frage nach: Kommen wir nicht nur auf das Gelände, sondern auch in das Gebäude? Und diesmal meint der Pförtner, dass er seiner Chefin von der Verwaltung eine E-Mail und eine WhatsApp-Nachricht geschrieben hat und sich meldet, sobald er von ihr hört.

Er meldet sich nicht.

Wir kommen nach getaner Arbeit also zurück.

Mit vielen Beteuerungen meinerseits und viel Kopfschütteln und -nicken habe ich endlich den Zugangschip zu unserem Gebäude in der Hand. Gegen Unterschrift, versteht sich. Wir liefern also unsere Arbeit ab, machen fertig, was fertig zu machen ist und sind in einer Dreiviertelstunde fertig. Perfekt! Und jetzt ab nach Hause und in die Heia.

Als ich beim Rausgehen den Chip wieder abliefere meint der Nachtpförtner noch zu mir, dass er dafür eine Rüge von der Verwaltung erhalten würde. Der Arme. Aber muss er mir deswegen ein schlechtes Gewissen machen? Ich kann ja auch nichts dafür, dass uns niemand gesagt hat, dass jemand Festangestelltes für uns diesen verdammten Chip organisieren und sozusagen für uns bürgen muss.

Am nächsten Tag hat derselbe Pförtner Dienst, als ich Feierabend mache. Ob noch alles gut ging?, frage ich ihn. „Ja, ja“, winkt er ab, „ich hab nichts von der Verwaltung gehört.“

Aber zurück zum Morgen nach dem Nachteinsatz. Frühs will ich den Kollegen, der uns im Vorbeigehen den Auftrag erteilt hat, fragen, wie ich das Material bearbeiten soll. Was genau soll rauskommen? Mein Termin in der Nachbearbeitung fängt um zehn Uhr an. Ich habe eine Viertelstunde Zeitpuffer eingeplant. Mein Kollege telefoniert durchgehend. Ich frage die Kollegin am Platz neben ihm und plötzlich wird er aufmerksam und beendet sein Telefongespräch. Er ist vollkommen verwundert, dass ich zum ersten Mal in der Nachbearbeitung bin. Wie kann es sein, dass ich das noch nie gemacht habe? Die Chefs sagen doch immer, dass „wir alle“ alle Arbeitsschritte in allen Bereichen können!

Ich versichere ihm, dass ich ähnliche Aufgaben schon eigenständig gemacht habe und zuversichtlich bin, dass mir das zusammen mit den Leuten aus der Nachbearbeitung gelingen wird. Er schüttelt ungläubig den Kopf und fragt mich, warum ich nicht früher gesagt hätte, dass ich darin keine Erfahrung hätte. Ich frage mich, wie das jetzt mit seinem letzten Satz zusammenpasst, dass wir alle laut den Chefs alles können würden?

Die Hospitantin steckt mir, dass sie ihm am Vortag, als er uns diesen Auftrag zugeworfen hat, gesagt hat, dass sie das noch nie gemacht hat. Seine Antwort war da gewesen: „Darum schicken wir euch ja zu zweit los.“ Das Einholen unseres Materials habe ich auch schon gemacht. Ich wusste nur nicht, wie das Nachbearbeiten funktioniert.

Am Nachmittag ruft mich der Chef in sein Büro. Mein Kollege hat sich bei ihm beschwert, dass ich das noch nie gemacht habe und ich hätte ihm das sagen müssen. Danke für das Gespräch. In Gedanken stelle ich unerfreuliche Dinge mit diesem Kollegen an. Dass er sich auch noch beim Chef beschwert! Bis zum Schluss, bis zum Ende meines Probemonats gibt mir diese Sache zu denken und ich zweifle nachhaltig, ob ich in so einem Umfeld arbeiten will.

Hätte sonst wer diesen Job gemacht, bis spät in die Nacht? Naja… vielleicht. Ja sicher, irgendwer hätte sich schon gefunden und mir hat es schon gefallen. Aber darum gerissen hatte sich keiner.

Nach Feierabend sitze ich vor dem Gebäude. Ein anderer Kollege schlendert vorbei und fragt mich, ob ich gesehen habe, was bei meinem Material rausgekommen ist. Ich verneine, ich war mit etwas anderem beschäftigt. Er betätigt sich als Sphinx und sagt mir kryptisch: „Die Würfel sind zu deinen Gunsten gefallen.“ Ich kann nicht glauben, was er mir andeutet und gehe nachsehen.

Und tatsächlich! Sie haben alles so genommen, wie ich es fertiggemacht habe. Obwohl eine ältere Kollegin meine nochmal gemacht hatte. Schlussendlich haben sie doch meines genommen. Ich frage den netten Kollegen, wer denn diese Würfel geworfen hat, die zu meinen Gunsten gefallen sind. Er war es.

Ich nehme einen imaginären Stein und platziere den Stein für ihn in meinem imaginären Brett.

18.06.19, 25.06.2019

 

Mein Leben als Untermensch – Teil 5: Mein Vermieter

Mein Probemonat bewegt sich auf die Halbzeit zu und meine Zeit im so genannten Kellerloch damit ebenso. Der Kühlschrank ist leider nicht das einzige, was nicht funktioniert – auch fließendes kaltes Wasser ist Mangelware, was das Abspülen, Runterspülen und Duschen ziemlich schwierig bis unmöglich macht.

Aber hey, es sind ja nur noch zwei Wochen! Und jetzt, wenn mein Kumpel und Vermieter zu Besuch kommt, wird es bestimmt besser werden.


Mein Leben als Untermensch – Teil 5: Mein Vermieter

Mein Vermieter ist da. Da er vor meinem Einzug offensichtlich die Augen vor einigen Dingen verschlossen hat, sehe ich es als meine Pflicht als gute Mieterin und gute Freundin, sie ihm zu öffnen.

Er hatte vor meinem Einzug versprochen, dass er mir ein Fahrrad leiht, damit ich meines nicht für diesen einen Monat herziehen muss. Nur leider war das Fahrrad, das er mir besorgt hat, kaputt: Die Kette ist jedes Mal, wenn ich in die Pedale getreten bin, rausgesprungen. Ich sage ihm das und er beteuert, dass das zum ersten Mal passiert sei! Ich muss fast lachen bei dieser Floskel. Ein sehr berühmter und berüchtigter Spruch. Er verspricht mir ein anderes Fahrrad.

Er fragt mich, wie das Bett ist. Ich sage ihm, er soll sich mal auf die Matratze legen. Er tut es und kaum, dass er liegt, stöhnt er, wie schrecklich die Matratze sei. Er verspricht, mir eine andere Matratze zu besorgen.

Er fragt mich, an was es mir sonst noch fehlt. Ich sage ihm, dass ich mir eine intakte Klobrille wünsche. Die jetzige hat keinen Deckel. Er wirft einen prüfenden Blick in die Kloschüssel, wo sich ihm genau der Anblick bietet, den mein Mitbewohner dort hinterlassen hat. Mein Vermieter ist angeekelt und regt sich mehr auf, als ich erwartet hätte. Auf eine neue Klobrille geht er trotzdem nicht ein.

Einen Badschlüssel wird er auch nicht kaufen, das ist ihm zu viel Aufwand, stattdessen soll ich das tun und er gibt mir dann das Geld. Okay.

Die Matratze besorgt er im Handumdrehen. Sie fühlt sich viel besser an als die alte, so viel besser. Dass sie zu groß ist für das Bett und zehn Zentimeter über den Rand hinaussteht, gerät darüber in den Hintergrund.

Als ich ihn frage, woher er sie so schnell bekommen hat, erfahre ich, dass die Matratze nebenan in einem der abgeschlossenen Kellerräume gestanden hat, im Heizungsraum. Ein erstaunlicher Fund, im Vergleich zur restlichen Ausstattung des Kellerlochs.

Zwei Tage später bringt er mir ein anderes Fahrrad. Die Kette rostet und quietscht, die Griffe kleben an den Händen und hinterlassen an den Handflächen schwarze Brösel, der Sattel ist zu tief für mich und ich habe kein Werkzeug, um ihn höher zu stellen. Aber es fährt.

Drei Tage später ist Montag. Ich will in die Arbeit fahren, fette die Kette und als ich losradeln will, macht der Hinterreifen „flapflapflap“. Er ist komplett leer, nichts mehr drin, gar nichts, nada, ein luftleerer Raum. Also wieder das Fahrrad abgestellt, zugesperrt, ein Buch geschnappt und ab zur U-Bahn.

Wieder zwei Tage später wechseln wir den Schlauch. Er hilft mir netterweise, wir hatten sowieso vor, zusammen zu Abend zu essen. Ich habe trotzdem Lust, ihm die Fahrscheine in Rechnung zu stellen. Und den Fahrradschlauch.

In sieben bis zehn Tagen bekomme ich einen neuen Kühlschrank. Sagt mein Vermieter.

16.06.2019

 

Davor: Teil 4 – Wohne und dusche

Danach: Teil 6 – Kommunikation ist eine schwierige Sache

Mein Leben als Untermensch – Teil 4: Wohne und dusche

Ich habe mich also mit einigen Schwierigkeiten von meinem alten Arbeitgeber losgemacht und das Abenteuer gewagt, für einen Monat in eine andere Stadt und in ein liebevoll vom Vermieter so genanntes Kellerloch zu ziehen, um mich in meinem Traumjob zu erproben. Pünktlich zur Hitzewelle geht der Kühlschrank in den Streik – oder besser gesagt, fing er gar nicht erst an, seiner Arbeit nachzugehen.

Aber davon lasse ich mich nicht unterkriegen, ich wohne und dusche! …oder doch nicht?


Mein Leben als Untermensch – Teil 4: Wohne und dusche

Zum langen Wochenende war Besuch bei den Eltern angesagt. Während des Probemonats bin ich viel schneller bei ihnen als sonst, weil das Kellerloch nur einen Katzensprung von meiner alten Heimat entfernt liegt, wo ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin. Ich beschreibe meine erste Arbeitswoche, die zähe Einarbeitung, die fehlende Anleitung, die unsicheren Aussichten, ja, und ich beklage mich auch über das Kellerloch. Ich bemühe mich redlich, mehr objektiv zu beschreiben als subjektiv zu klagen. Ich glaube, ich schaffe es sogar. Die Fakten sind ja so schon schlimm genug. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, gar nichts zu sagen. Aber… der Groll gegen meinen Vermieter musste raus. Wohl dosiert, wohlgemerkt. Immerhin.

Denn, weil es ja nur zwei Katzensprünge bis zu meiner Arbeit sind, haben mir meine Eltern angeboten, in das Gästezimmer zu ziehen. Abgesehen davon, dass sie das Zimmer immer wieder für Wochen am Stück brauchen, sträubt sich alles in mir dagegen, nach fünf Jahren unabhängigen Lebens meine Füße wieder unter den elterlichen Tisch zu stellen. Never, ever.

Aber es ist lieb gemeint. Sehr sogar. Ich hoffe, meine Eltern wissen, wie lieb ich sie habe.

Von unerwarteter Seite bekomme ich Mitleid zugesprochen. Von meinem Vater. Er sagt nur einen Satz: „Ach, Mädchen, es ist ja nur für einen Monat.“ Bingo, das denke ich mir auch.

Meine Mutter ist entsetzt darüber, dass ich das Bad nicht absperren kann. Hatte ich das eigentlich schon erwähnt? Es gibt keinen Schlüssel. Und seit ich weiß, dass ich einen Kellernachbarn habe, macht mir der Gedanke an Duschen erheblich weniger Spaß. Bis jetzt habe ich immer außerhalb geduscht und es damit vermieden, mich unter die hiesige Dusche zu stellen. Denn damit werde ich mich im Bad unweigerlich in die eine Lage zu begeben, in der ich die Türe nicht zur Not zuhalten kann. Bei der Größe des Bades ist der Türgriff zum Glück von überall aus erreichbar. Nur würde ich es beim Duschen logischerweise nicht bemerken, wenn die Türe aufginge.

Ich weiß gar nicht, wann ich meine Mutter zuletzt so entgeistert gesehen habe. Falls ich sie überhaupt jemals so gesehen habe. Sie gibt mir einen Türkeil, damit ich beim Duschen die Türe verkeilen kann.

Gute Idee, Mama.

Aber leider… geht die Badtüre nach außen auf.

Willkommen zurück im Kellerloch.

12.06.2019

 

Davor: Teil 3 – Das Einleben

Danach: Teil 5 – Mein Vermieter

Mein Leben als Untermensch – Teil 3: Das Einleben

Mein Leben als Untermensch geht weiter. Nachdem ich im Prolog überlegt habe, wieso ich überhaupt in ein Kellerzimmer in einer anderen Stadt ziehe und im zweiten Teil dieses Zimmerchen und seine speziellen Eigenheiten unter die Lupe genommen habe, geht es jetzt ans Eingemachte und an die erste Phase meines Lebens als Untermensch: Wie lebt es sich dort?


Mein Leben als Untermensch – Teil 3: Das Einleben

Ich habe einen Nachbarn im Keller. Er ist Asiate, kommt spätnachts von der Arbeit heim und stellt sich unter dem Namen „Chi“ vor. Ich bezweifle, dass ihm seine Eltern diesen Namen gegeben haben, aber vermute stark, dass ich seinen eigentlichen Namen gar nicht aussprechen kann. Tags darauf sehe ich ihn nochmal kurz zwischen Tür und Angel, er ist wieder auf dem Sprung und hat eine Zahnbürste im Mund. Er wisse nicht, ob ich schon Erfahrungen mit Chinesen gemacht habe, aber bei ihnen, teilt mir Chi mit, sei es immer so, dass sie ständig gehetzt seien. Er müsse gleich los zur Bank und seinen Eltern Geld überweisen.

Ich lege meine Seife und mein Klopapier und hänge ein Handtuch in das Bad. Hänge einen Gelben Sack an die Kellertüre. An meinen Türgriff hänge ich eine Platiktüte für meinen Restmüll. Unter dem Bett finde ich eine kleine Platikwanne, die ich als Papierkorb verwende. Ich mag Mülltrennung.

Der Kühlschrank geht nicht. Wie lange wird mein Salat durchhalten? Ich hasse Verschwendung, vor allem bei Lebensmitteln. Und die Temperaturen kratzen an der 30-Grad-Marke. Wenigstens ist es bei mir im Kellerloch vergleichsweise kühl.

Ich denke über Mietminderung nach. Für den kaputten Kühlschrank. Und für die Spülung, die nach zwei Tagen repariert wurde. Duschen will ich trotzdem noch nicht, ich habe Chi heute aufgefordert, die Seife, das Handtuch und das Klopapier bitte mit zu verwenden und bitte die Dusche zu putzen. Auch er, sagt er mir, hat immer wieder die Toilette von Freunden benutzt statt daheim aufs Klo zu gehen.

Ich gehe einkaufen. Der nächste Supermarkt ist laut meiner Kartenapp 1,2 km entfernt, der übernächste 1,3 km und der überübernächste 1,4 km. Ich radel in den nächsten Supermarkt, der Laden ist eng und verwinkelt und zu voll, ich kaufe nur wenig ein. Trotzdem ist mein Rucksack viel zu schwer. Während ich einkaufen war, hat es angefangen zu regnen. Ich bin barfuß unterwegs, der Boden ist immer noch warm weil den ganzen Tag die Sonne auf das Pflaster und den Asphalt geschienen hat. Meine Jacke ist nicht wasserfest, ich bin nass an den Armen und Schultern und Beinen. Es ist ganz angenehm.

Die Hälfte der Eier koche ich gleich. Ich habe gelesen, dass sich gekochte Eier ohne Kühlung maximal eine Woche halten. Mal sehen, wie lange sie und die rohen Eier durchhalten. Außerdem habe ich ein Joghurt gekauft, für Salatdressing und zum Frühstück. Und nehme mir vor, nichts von allem schlecht werden zu lassen.

Am Abend kehre ich mein Zimmer, den Kellerflur, die untere Treppe und die Stufe vor der Haustüre, mein Vermieter hat mich ja beim Einzug schon auf die Hausordnung hingewiesen. Eigentlich wollte ich die Rollenklischees auf gar keinen Fall bedienen und die putzende Frau sein, während Chi den Boden knirschend lässt. Ich tue es trotzdem.

Gekehrt zu werden, ist der Treppe und dem Keller seit Wochen – mindestens – nicht mehr passiert.

Und ich sehe, dass es gut war.

08.06.2019

 

Davor: Teil 2 – Mein Reich

Danach: Teil 4 – Wohne und dusche

Mein Leben als Untermensch – Teil 2: Mein Reich

Die Erzählung „Mein Leben als Untermensch“ geht mit „Teil 2: Mein Reich“ in die zweite Runde. Nach dem ersten Teil, der den Prolog zu der Reihe darstellt und den Auftakt gibt, geht es nun ans Eingemachte und an die Frage, warum ich eigentlich diesen Titel gewählt habe.


Mein Leben als Untermensch – Teil 2: Mein Reich

Juni. Der Monatsbeginn fällt auf ein Wochenende – perfekt also für meinen Umzug. Ein Freund vermietet mir ein Zimmer im Untergeschoss. Er wohnt nicht im selben Haus, nicht einmal in der selben Stadt. Immer, wenn er von diesem Zimmer redet, nennt er es liebevoll das “Kellerloch”. Meine Erwartungen sind entsprechend hoch, aber ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es ja nur für den einen Monat ist. Immerhin reduziert er für mich die Miete – die sowieso viel zu hoch ist, wie er sagt.

Vor ein paar Tagen hatte er mich angerufen. Er sagte, er will eine Wand neu streichen und fragte mich nach meiner Meinung. Welche Farbe? Ich habe das Zimmer noch nie gesehen und tendiere im ersten Moment zu weiß. Weiß passt zu allen Möbeln, ist neutral und erregt keine Aufmerksamkeit. Die default-Einstellung. Er schlägt helles Gelb vor, damit es hipper aussieht. Letzten Endes wird es ein gelbliches Beige, eine Mischung aus Eierschale und Eidotter, weil er die Farbe irgendwoher umsonst bekommet hat.

Er vermietet dieses Zimmer eher kurzfristig an Leute, die nicht lange dort bleiben. Wenn ich nach dem Probemonat wieder ausziehe – entweder, weil ich die Stelle als Freelancer nicht bekomme, oder, weil ich genommen werde und mir ein anderes Zimmer suche, oder aber, weil die Entscheidung noch auf sich warten lässt, so wie die Zusage für meinen Probemonat dreieinhalb Monate gedauert hat (da mein potentieller Auftraggeber, wie wir ja wissen, eine riesige Behörde ist) –, es steht jedenfalls außer frage, dass Ende Juni ausziehe und dann will er das Kellerloch künftig an ein „gehobeneres Klientel“, wie er es ausdrückte, vermieten.

Viel Glück dabei. Jetzt kenne ich dieses Zimmer und was es so bietet. Und wie du, mein lieber Vermieter, dich darum kümmerst.

Noch hatte ich das Kellerloch aber nicht gesehen. Als ich ihn danach frage, schickt er mir drei Fotos. Unterbelichtet, grau, düster. Keine gute Werbung für das Kellerloch. Viel ist nicht zu erkennen: ein Bett, ein Sideboard mit Kochplatte, ein Tisch. Alles recht kahl.

Am Sonntagabend ziehe ich ein. ‘Umosonst bekommen‘, so sehen alle Teile der Einrichtung aus: Die Vorhänge mit dunklen, rot-blauen Rauten und eine Tischdecke mit blau-weißem Blumenmuster, beides von seiner Oma, ein blauer Sessel, ein hellbrauner Polsterstuhl, zwei niedrige Holzregale. Auf einem davon steht eine elektrische Kochplatte mit zwei Kochstellen. Es ist keine richtige Einbauküche, es gibt keinen Wasseranschluss im Zimmer. Abgespült wird im kleinen Handwaschbecken im klitzekleinen Bad, zwischen dem Klo, das keinen Klodeckel hat, und der Dusche, die saudreckig ist.

Dreckig sind auch die Fenster, der Badezimmerspiegel und der Spiegel am Kleiderschrank. Zum Stichwort ‘Fenster‘: Eine Befürchtung bewahrheitet sich nicht. Der Raum liegt nur zur Hälfte unter der Erde. Ich habe zwei richtige Fenster, nicht nur diese mini Kellerschächte.

Das Bad hat keine Seife, kein Handtuch, kein Klopapier. Das aber nur am Rande. Viel schlimmer ist, dass die Spülung nicht funktioniert. Zwischen der Kloschüssel und der Wand ist ein Eimer eingefädelt, mit dem ich spülen soll. Das liegt daran, dass das kalte Wasser nicht läuft. Darum kann ich auch nur mit dem heißen Wasser duschen. Später stelle ich fest, dass das nicht geht. Schon beim Händewaschen, wenn man es gründlich und mit Seife macht, wird das Wasser zu heiß. An Duschen brauche ich da gar nicht erst zu denken.

Wir stecken den Kühlschrank ein. Wir überziehen das Bett. Wir rücken den Kühlschrank an die Wand und das Brett zurecht, das auf dem Sideboard liegt und auf dem die Kochplatte steht. Das Brett liegt da, weil es die Arbeitsfläche vergrößert. Wir legen die Tischdecke auf den Tisch. Ich räume ein paar Lebensmittel in das niedrige Regal und meinen riesigen Kopfsalat, den mir meine Mutter regelrecht aufgenötigt hat, in den Kühlschrank.

In dieser ersten Nacht liege ich fast zwei Stunden wach, bevor ich in flachen Schlaf falle. Die Matratze hat einen Federkern, dessen Metallfedern ich einzeln in meinem Rücken spüre. Der Wecker klingelt und beendet meinen Halbschlaf. Mein erster Arbeitstag steht an.

08.06.2019

 

Davor: Mein Leben als Untermensch – Teil 1: Meine Arbeit

Danach: Mein Leben als Untermensch – Teil 3: Das Einleben

Mein Leben als Untermensch – Teil 1: Meine Arbeit

Ich beginne eine neue Reihe: ‚Mein Leben als Untermensch‘. Tagebuchartig und salopp beschreibt das lyrische Ich einen Ausschnitt aus seinem Leben in „interessanten Zeiten“, wie es Terry Pratchett ausgedrückt hätte. Das lyrische Ich ist männlich oder weiblich, Mitte 20 bis Anfang 30, Generation X oder Y. Vielleicht auch eher das eine als das andere.

Sie oder er stürzt sich in eine berufliche Umorientierung, verbunden mit einem Umzug in eine andere Stadt. Und was dabei alles auf sie/ ihn zu kommt – lest selbst und viel Spaß dabei.


Mein Leben als Untermensch – Teil 2: Mein Reich

Der Arbeitgeber, den ich mir seit Jahren wünsche, stellt mir einen Probemonat in Aussicht. Im Februar soll es sein. Mein alter Arbeitgeber ist einverstanden, es war sowieso seit einem halben Jahr angedacht, dass ich für einen Monat im Rahmen einer Hospitanz in einer anderen Firma arbeite. Dann, keine zwei Wochen vor meinem Arbeitsbeginn im Februar, überlegt mein Chef es sich plötzlich anders. Einen Monat lang weg sein, das geht jetzt auf einmal nicht mehr. Vor allem nicht im Februar, da ist so viel vorzubereiten für meine drei Chefs. Ich habe nämlich drei Chefs und keine weiteren Kollegen. Im Februar sind meine Chefs alle ein bis zwei Wochen weg, auf einer großen Veranstaltung, sodass es bei mir im Büro erfahrungsgemäß sehr ruhig zugeht. Er weiß das natürlich. Und ich weiß später, dass meine Chefin genau zu dem Zeitpunkt von meinem geplanten Probemonat erfahren hat und mich nicht gehen lassen wollte. Ich werde also für den Februar nicht freistellt. Meinen Probemonat muss ich absagen.

Ich habe im Januar noch viele Gespräche mit meinem Chef, so viele wie das ganze vorige Jahr nicht. Auch meine Chefin ist bei einigen davon dabei. Es gibt Missverständnisse, am Ende will mein Chef meine Arbeitsbedingungen verbessern, mir eine Praktikantin zur Seite stellen.

Die Praktikantin und ich, wir verstehen uns super. An meinen Arbeitsbedingungen ändert sich kaum etwas, auch wenn es sehr gut tut, dass sich die anfallende Arbeit jetzt auf ein Paar Hände mehr verteilt.

Ich bleibe noch einen Monat. Dann kündige ich. Um die Arbeitsbedingungen der Praktikantin tut mir das leid.

Die neue Arbeitsstelle ist übrigens keine Festanstellung. Nicht wie die unbefristete Anstellung, die ich jetzt gekündigt habe. Schon für den Probemonat muss ich mich selbstständig machen. Steuernummer beantragen, Buchhaltung machen, Rechnungen schreiben, Steuern abführen, selber versichern. Alles, was dazugehört. Keine Sicherheit.

Aber die Arbeit, die mir gefällt.

Mein Probemonat wird auf den Juni geschoben. Sie melden sich auf alle Fälle vorher nochmal, sagt mir mein potentieller neuer Arbeitgeber zu. Den Mai durch werde ich hingehalten, vertröstet, zur Zeit sei so viel los und er, mein Chef, habe so viel um die Ohren. Er sei noch gar nicht dazu gekommen, bei der Personalabteilung nach dem Stand meiner Anmeldung zu fragen. Oder hat er das neulich nicht schon gemacht? Er weiß es nicht mehr. So viel zu tun.

Mein Probe-Arbeitgeber hat einen enormen Bürokratieapparat im Rücken. Die Personalabteilung sitzt in einer anderen Stadt. Und es ist immer viel zu tun, wie ich weiß.

Drei Wochen vor meinem ersten Arbeitstag bekomme ich nach mehreren Anrufen die Bestätigung per E-Mail: Ich werde im Juni als Probe-Freelancer arbeiten.

08.06.2019

 

Danach: Teil 2: Mein Reich