Den Sand zum Feind

Der Novadi hatte dunkle Augen. Sein Lächeln, das seine weißen Zähne blitzen ließ, erreichte sie nicht. Sie leuchteten kalt.

Mir fiel auf, dass seine rechte Hand, halb verborgen unter dem edlen dunklen Kaftan, Bandagen trug. „Mastfar ibn Dscherek, der Sohn des Hairan.“, flüsterte mir Eichmann auf meinen fragenden Blick hin zu. Sie hatten offenkundig eine gemeinsame Vorgeschichte. Phelicitas verwickelte ihn in ein Gespräch, dem ich nicht ganz folgen konnte, da mir die Geschehnisse vor meinem Treffen mit Delque, meinem Landsmann, lagen.

Waffen trug der Novadi keine bis auf das obligatorische, gebogene Waqqif.

Irgendwann, während Phelicitas mit ihm redete, hörte er auf, auf sie einzugehen und stimmte den Singsang einer Zauberformel an. …Nichts passierte.

Etwas anderes geschah, eine Regung von Elgur oder etwas, das Phelicitas sagte, und plötzlich entbrannte ein Kampf. Ja, ein richtiger Kampf, obwohl er alleine und meine Begleiter zu viert waren. Ich sah, wie Elgur seinen Magierstab über den Kopf hob und ihn dort kreisen ließ und ich trieb mein geliehenes Pferd an seine Seite. Diese Zaubergeste kannte ich von Nephas – damit zaubern die Gildenmagier eine  Schutzkuppel, die feindliche Magie wie Zauber und dämonische Wesen abwehrt. Diese Schutzkuppel sollte genügen Platz für uns beide bieten, wenn nicht sogar für mehr von uns.

Rizella war jedoch viel näher an den novadischen Magier herangegangen. Sie hatte zwei Säbel gezogen und drang auf den Novadi ein. Eine Windhose wirbelte vor Elgur eine Handvoll Staub und Sand, ließ ihn bis auf Kniehöhe, dann bis zur Hüfte aufsteigen, bis sich vor ihm nahezu mannshohes Gebilde erhob, das ihn mit sandrauhen, steinharten Armen angriff. Elgurs magische Schutzkuppel bot also keine Sicherheit vor diesem Zauberwerk.

Der dunkelhäutige Zauberer war abgelenkt. Ich zog mich zurück, stieg ab und schlich am Rand des Geröllhügels in den Rücken des Novadis. Er sah und hörte mich nicht. Ich zückte meinen Dolch, pirschte mich noch näher an ihn heran. Er bemerkte mich immer noch nicht.

Der Dolch ist nicht die Waffe meiner Wahl, aber meinen Kampfstab hatte diese räuberische Bande, der ich Rache geschworen hatte. Ich griff also mit dem Dolch an – und er wich aus. Scheinbar hatte er das Glück auf seiner Seite, dass er im selben Moment eine Bewegung zur Seite machte. Doch nun bemerkte er mich. Wie von Zauberhand türmte sich der Sand als lebende Mauer vor mir auf, er sprang immer an der Stelle empor, an der ich mit der Klinge in der Hand vorstoßen wollte. Das hatte keinen Sinn, so machte ich nur die Schneide stumpf. Doch der Sand ließ nicht zu, dass ich mich zurückzog. Ein Fangarm schlang sich um meinen Unterschenkel und zog und zerrte an mir, sosehr ich auch versuchte, mich aus dem unerbittlichen Griff zu befreien. Doch der Sand verfügte über übermenschliche Kräfte, denen ich nichts entgegensetzen konnte. Die Pein in meinem Bein wuchs und ich spürte mit grausamer Bestimmtheit den stechenden Schmerz, mit dem einer der Knochen brach.

Durch die zusammengebissenen Zähne stöhnte ich vor Schmerz und Wut, zu gleichen Teilen. Phelicitas schoss mit Feuerlanzen auf den Magier, Rizella setzte ihm mit ihren Säbeln zu. Da ging Mastfar ibn Dscherek, der magisch ausgebildete Sohn des Hairans, zu Boden und rührte sich nicht mehr. Boron… oder in seinem Fall wohl eher Rastullah… hatte ihn zu sich gerufen.

Doch der kämpferische belebte Sand lockerte seinen Griff keinen Finger breit! Erst Elgur und Eichmann, die mit ihren verzauberten Stäben auf das Sandgebilde einstachen, brachten es schließlich zum Erlahmen und dann sackte der Sand wieder in sich zusammen. Und war nur noch ein unscheinbares, harmloses Häufchen Wüstenstaub.


Davor: Ränke
Danach: Die Hochzeit der Wüstentochter

Der Kuss von Eis und Feuer (Rahjageflüster 4)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Teil 4 des Rahjageflüsters, der Sammlung meiner erotischen Geschichten, die beständig wächst. Zu einer Übersicht aller pikanter Kurzgeschichten gelangt man hier.

Mit dieser Geschichte wird es nun exotisch und fantastisch: Ein Feuermagier aus dem Süden trifft im ewigen Eis auf eine Elfe und wird ihr viel zu verdanken haben…

 

Der Kuss von Eis und Feuer

Rahjageflüster 4.
Eine Geschichte von Madine E. Raganne
am 7. Firun 1037

Der Wind heulte wie ein hungriger Wolf über der weißen Ebene. Im Schatten der krummen Bäume türmte sich Schnee zu grotesken Skulpturen. An anderen Stellen legten die Winde Steinbrocken frei. Die Knochen der Erde waren so kalt, dass niemand mehr glauben konnte, der Leib der Erde sei noch lebendig.

Über den Felsen schabte ein Schlitten. Ein Mann zog ihn. Mit der anderen Hand stützte er sich auf einen auffälligen Stab. Von seinem Gesicht – seiner gebräunten Haut und seinem wilden Bart, den er sich in der Wildnis nicht mehr stutzte, weil es egal war und weil es ihn sogar ein bisschen vor der Kälte schützte – war nichts zu sehen, denn er trug eine Maske gegen die Schneeblindheit über den Augen und hatte die Kaupze so fest zugezogen, wie es nur ging. Der Frost hatte den Pelz des Anauraks mit einer eisigen, weißen Schicht überzogen und ihn hartgefroren.

Faruk spürte seine Finger nicht mehr, seit Stunden brannte sein Gesicht vor Kälte und er füchtete den Moment genauso sehr wie er ihn herbeisehnte, wenn er sich wieder das Gefühl in die Füße reiben würde.

Er konnte sich schon nicht mehr erinnern wie es sich anfühlte, wenn die Sonnenstahlen die Haut erwärmten und nicht nur dieses kalte, reine Licht spendeten. Unendlich lange schien es ihm her, obwohl es nur einige Wochen her war, dass er aus seiner sonnenverwöhnten und manchmal unerträglich heißen Heimat aufgebrochen war, um sich zu bewähren. Jetzt schalt er sich, welch unsäglich dumme Idee es doch gewesen war, dass er, ein Magier, der sich ganz dem hitzigen, glühenden Element verschrieben hatte, seine innere Flamme gegen die Kälte der Eiswüste durchsetzen wollte. Wieso hatte er sich nicht eine schöne, angenehme Meeresküste aussuchen können, um sich dort gegen das warme Wasser zu erproben?

Am Abend suchte sich der Feuermagier aus dem Süden einen Felsen, der ihm Windschutz bot. Dort schlug er sein Zelt auf. Mit einem Fingerschnippen, ein wenig Konzentration und etwas magischer Kraft konnte er ein Feuer entzünden – in der gewohnten Umgebung seiner Akademie. Den pfeifenden Wind im Ohr, der durch sämtliche Ritzen in der Zeltwand fuhr und ihm alle Wärme entriss, mochte ihm das nicht gelingen. Faruk gelang gerade einmal ein Flämmchen, das ausreichte, um das Zeltinnere solange zu erhellen, bis er ein wenig von dem eisig kalten Trockenfleisch und dem noch halb gefrorenen Obst hinuntergewürgt hatte.

Faruk schlotterte am ganzen Körper. Er war müde, er hatte seine arkanen Kräfte in dem Versuch verausgabt, mit irgendeinem Zauberspruch Wärme herbeizuzaubern, und seine Muskeln waren erschöpft vom Zittern. Der Boden atmete Kälte, die mühelos durch Faruks Kleiderschichten und in seinen Körper drang.

Er gab sich einen Ruck. Es musste sein, ein letzter Versuch! Faruk setzte sich auf. Mit aller Willensanstrengung des Verzweifelten brachte er einen glimmenden Funken zustande und nährte ihn mit trockenen Zweigen. Immerhin ist er ein Feuerbeschwörer! Also würde er jetzt einen Feuerdschinn beschwören, der ihn warmhalten würde.

Der Magier versank im Schneidersitz in seine Intonation. Minutenlang rezitierte er die Zauberformel, spürte wie sich aus seiner letzten magischen Kraft der Dschinn formte und in gleichem Maße schwanden die Flammen des kleinen Feuers, aus dem sich der magische Geist bildete. Und plötzlich war Faruk wieder alleine im Zelt. Das Feuer war erloschen. Kein Dschinn war erschienen.

Der Zauber war fehlgeschlagen.

Wieder lag er zitternd in seinen Fellen, kraftloser als zuvor. Trotz der Erschöpfung wollte der Schlaf nicht kommen.

Nach Stunden fiel der Jüngling in einen dämmrigen Zustand. Dann war ihm auf einmal, als würde ihm ein warmer Hauch über das Gesicht streichen und sanft seine Gliedmaßen berühren. Endlich konnte er sich fallen lassen, in die weichen Arme der Lichtgestalt, die sich über ihn beugte und ihn mit sich zog.

~ ~ ~

Faruk erwachte, weil sich etwas Warmes über seine Brust bewegte, über seinen Bauch fuhr und an seinen Oberschenkeln hinab strich. Und es… kitzelte.

Nur ganz langsam wurde Faruk bewusst, dass er wach war. Allmählich, als müssten sie erst auftauen, kehrten seine Gedanken zurück. Er blinzelte vorsichtig, um nicht sofort zu erkennen zu geben, dass er wach war.

Ihm war immer noch sehr kalt, und allmählich nahm er wahr, dass er zwischen weichen, grauschwarzen Fellen lag. Von seiner Kleidung fehlte jede Spur. Und er war nicht alleine.

Seine Aufmerksamkeit galt einem Vorhang aus seidig glattem, langen weißen Haar. Eine schlanke, helle Hand schob eine Strähne beiseite und offenbarte damit ein katzenartiges Augenpaar in einem unmenschlich ebenmäßigen Antlitz. Faruk wurde bewusst, dass eine Frau über ihm lag, offenkundig ebenfalls bar jeder Kleidung. Sie schob sich anmutig nach oben und wieder strichen ihre Brustwarzen über Faruks Haut und die Spitzen ihres Haares kitzelten ihn.

Als sie sah, dass er die Augen offen hatte, veränderte sich ihr Ausdruck. Faruk war erleichtert, als er ihr Grinsen sah. Er musste an eine Katze denken, der man eine Schüssel Milch hingestellt hat.

Sie zögerte, dann beugte sie sich über ihn, um ihn zu küssen. Faruk drehte den Kopf beiseite. Sein Blick streifte ihre Ohren, die oben spitz waren.

Dann sagte sie etwas. Faruk verstand kein Wort, es klang mehr nach einer Melodie, aber er hatte den Eindruck, dass es schon Wörter waren. Er schüttelte den Kopf. „Ich verstehe n… Wer…“

Der Magier versuchte, sich zu konzentrieren. Ein Zauber, er musste einen Zauber wirken – einen magischen Spruch, damit er sie verstand! Konzentration. Er legte sich die Worte zurecht, öffnete den Mund… und da verschloss sie ihn mit ihren Lippen. Ihr Atem war warm. Faruk wollte sich ihr entziehen, aber sie drückte sich an ihn. Er spürte ihren ganzen Körper und die Wärme, die sie ausstrahlte.

Die Frau mit der hellen Haut strich durch Faruks Bart, über seine schwarzen Haare. Ihre Finger waren glatt und warm und hinterließen heiße Spuren auf seiner kühlen Haut. Er drehte gerade seinen Kopf, um seine Umgebung zu betrachten. Eine weiße Wand ohne Fugen, eine gewölbte Decke, die von einer schimmernden Lichtkugel erhellt wurde – war das etwa ein magischer Lichtzauber!? – … Dann wurde seine Aufmerksamkeit unwiderstehlich zurück auf seinen Körper gezogen. Dort, wo sie ihn berührte, strömte Wärme durch seinen unterkühlten Leib. Das war keine Magie, das war die Wärme ihres Körpers, den sie an ihn drückte.

Entschlossener strich sie ihm über die Brust und ließ ihre Hände weiter nach unten wandern. Wieder sah er ihr breites Grinsen, als sie ihm zwischen die Beine griff. Erst jetzt bemerkte Faruk, wie erregt er war. Das war ihm peinlich – er war immerhin ein gebildeter Mann, ein Mann der arkanen Künste und Wissenschaften, der sich nicht gleich seinen Trieben hingab!

Die Frau jedoch hatte allem Anschein nach andere Pläne mit ihm. Rittlings setzte sie sich auf ihn und drückte ihre warmen Schenkel an seine Oberschenkel. Faruk bemerkte, dass ihre Härchen überall so weiß wie Schnee waren.

Dann setzte sie sich auf ihn und bewegte ihre Hüften. Faruk glitt mit einem Stöhnen in sie. Ihre Haare fielen auf seine Brust als sie sich nach vorne beugte, um ihn zu küssen. Diesmal erwiderte er den Kuss. Sie drängte sich noch enger an ihn.

Erst als er erneut aufwachte, erkannte er, dass er wieder eingeschlafen sein musste. Das Gefühl und die Wärme waren wieder vollständig in seine Gliedmaßen zurückgekert und er verspürte Hunger. Faruk richtete sich auf. Immer noch war er nackt.

Als hätte sie sein Erwachen erwartet, kam die blasse Elfe um eine Biegung des Raumes. Sie war barfuß, der Rest ihres Körpers war in Kleidung gehüllt, die aus weißen Pelzen gefertigt war. Sie brachte ihm Essen: dunkle Beeren, die er noch nie gesehen und von denen er noch nie gelesen hatte, die eiskalt und sauer schmeckten, aber an Süße gewannen, wenn sie im Mund schmolzen, rötliches Fleisch, das sich als roher Lachs herausstellte, und fettdurchzogenes, helles Fleisch.

Faruk aß mit Appetit die fremdartigen Speisen. Die schöne Frau sah ihm fasziniert zu, als hätte sie noch nie einen hungrigen Menschen essen sehen. Dem jungen Magier kam der Gedanke, dass dies unter Umständen sogar stimmen konnte. Es jagte ihm einen Schauer über den Rücken.

Sie schien es zu bemerken, denn augenblicklich legte sie schützend ihre Arme um ihn. Ihre feinen Haare hüllten sein Gesicht ein, sie dufteten nach etwas, was er nicht benennen konnte. Unwohl wandt er sich und wich vor ihr zurück. Wer war diese Elfe, die hier so alleine lebte? Was wollte sie von ihm? Hier saß er nun, nackt und schwach…

Faruk wollte sich seiner Magie vergewissern, deshalb war er überhaupt erst hierher in den hohen Norden gereist. Nun spürte er, dass er seine Kräfte verausgabt hatte.

Die schöne Elfe legte ihre flache Hand auf Faruks Brust, über sein schnell pochendes Herz, und beugte sich zu ihm hinüber. Zuerst wollte er sich noch wehren, wollte Fragen stellen, doch sie verstand seine Sprache nicht und er nicht die ihre. Außerdem war er auf sie angewiesen, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen.

~ ~ ~

Ein paar Wochen vergingen. An den Tagen ruhte er sich aus, schlief viel und trat ab und zu in die Felldecken gehüllt vor die Türe des Schneehauses. Der Anblick war immer der gleiche: Eine endlos weite, weiße Einöde, ohne Anhaltspunkt, Schnee so weit das Auge reichte. Seine Nächte waren aufregender, Nächte voller Wärme und Zärtlichkeit und Zweisamkeit.

Die Sehnsucht nach seiner Heimat wurde mit der Zeit immer größer. Faruk wurde unruhiger, je mehr er wieder zu Kräften kam. Ob sie ihn einfach so ziehen lassen würde? Er hatte ihr sein Leben zu verdanken und er hatte liebevolle Gefühle für sie.

Doch sie war so schwer zu verstehen. Noch immer gab sie ihm Rätsel auf, er wurde aus ihr nicht schlau.

Eines Morgens fand er einen Satz weißer Pelzkleidung neben dem Tablett. Sie passte, als wäre sie nur für ihn gemacht worden. Sein Schlitten und sein Magierstab standen vor dem Schneehaus, zusammen mit einem Beutel mit getrocknetem Fisch, Trockenfleisch und Dörrobst.

Von ihr fand er keine Spur und er sah sie nie wieder. Außer in seinen Träumen, in denen sie ihn oft besuchte.

Vorher: Rahjageflüster 3: Die Lanzerinnen
Danach: Rahjageflüster 5: Donnernde Leidenschaft

Vibratio stummer Diener (Rahjageflüster 2)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Ich präsentiere meine zweite erotische Geschichte: Ein junger Magierschüler in Liebesnöten. Sie ist tiefer in den Hintergrund der Fantasywelt eingebunden, in der sie spielt. Nichtsdestotrotz ist sie auch für alle verständlich, die sich nicht im Setting von ‚Das Schwarze Auge‘ auskennen.

Hier geht es zu der Übersicht aller Rahjageflüster-Geschichten.

 

 

Vibratio stummer Diener

Rahjageflüster 2.
Eine Geschichte von Madine E. Raganne‘
am 9. Hesinde 1036

Dort stand sie und sah ihn nicht, den schmächtigen Zauberschüler mit dem flachsblonden Haar und der Brille auf der Nase. Das tat sie nie. Seine Angebetete war über einen dicken Folianten gebeugt, ihr langer, rotbrauner Zopf kringelte sich über die aufgeschlagene Seite, während ihre klugen, graugrünen Augen den bosparanischen Schriftzeichen auf den Zeilen folgten. Die angehende Adepta war damit beschäftigt, eine Passage zu kopieren und strich sich dabei immer wieder gedankenverloren mit der Spitze der weißen Feder über ihre vollen, roten Lippen. Rot und weiß. Weiß und rot. Bernardo tat sein Bestes, nicht hinzustarren. Oder vielmehr bemühte er sich darum, dass niemand sein Starren bemerkte.

Lutsiana hatte ihr Studium der arkanen Künste einen Jahrgang vor ihm an die Akademie der Hohen Magie begonnen und besuchte folglich andere Kurse. Aber Bernardo hatte ihren Stundenplan besser als seinen eigenen studiert. Er wusste genau, wann sie in der Bibliothek war und es war nicht ganz Phexens Zufall verschuldet, dass auch er sich zu diesen Zeiten mit pedantischer Regelmäßigkeit in der Schriftensammlung einfand. Viel zum Studieren kam er ja nicht in diesen Zeiten, eher zum Sinnieren und Schmachten…

Ihretwegen lief er Umwege durch die Gänge der Akademie auf dem Weg zu seinen Seminaren, damit sich ihre Wege kreuzten. Doch umsonst – sie sah ihn natürlich, aber sie sah ihn nie an.

Und dann war da noch ihre Freundin. Sie schien nirgendwo ohne ihre Freundin zu verweilen und unter solchen Umständen war schon gar nicht daran zu denken, Lutsiana anzusprechen. Von Bernardos bloßer Existenz, so schätzte er, wusste die Frau seiner Träume noch nicht einmal. Geschweige denn seinen Namen.

Einmal hatte er sich getraut. Lutsiana hatte gerade Bücher eigeräumt, niemand sonst war zwischen den Regalreihen zu sehen. So schickte Bernardo ein Stoßgebet zur Weisen Göttin und zu der leidenschaftlichen Rahja und öffnete gerade den Mund, um Lutsiana anzusprechen – da brachte er nicht einen Ton heraus. Schnell wandte Bernardo sich ab, bevor Lutsiana ihm etwas anmerkte. An diesem Tag kam sie vermutlich zu der Überzeugung, dass er an einer Krankheit der Lunge litt, so wie er nach Luft geschnappt und ihr dann zügig den Rücken gekehrt hatte.

So verging Tag um Tag, Woche um Woche. Tagsüber lenkte sich der junge Scholar mit seinen Studien über Metamagie und Telekinese ab. Sein Steckenpferd war ein Zauber, der Gegenstände wie von Zauberhand eine Bewegung vollführen ließ – sei es ein Besen, der von selbst fegt, sei es der Schlüssel, der sich auf das Zauberwort hin wie von Geisterhand im Schlosse dreht.

Nachts beherrschte Lutsiana Bernardos Träume und Sehnen.

Schließlcih reifte in ihm ein Plan heran. Fortan verfolte er sein Ziel, insbesondere in den Nachtstunden, um seinen Händen eine andere Beschäftigung zu geben.

~ ~ ~

Ein letztes Aufbäumen und dann war es vollbracht. Bernardo hatte sich verausgabt. Entkräftet ließ sich der blasse Magierschüler in seinen Stuhl fallen, seine Schultern sackten nach unten und ein tiefes Seufzen der Erleichterung und der Erschöpfung drang zwischen seinen Lippen hervor. Er hielt sein Meisterstück in Händen und seine Finger zitterten vor Aufregung und vor Ermüdung von der immer gleichen Bewegung. Nach wochen-, nein, nunmehr schon monatelang währender Arbeit war sein Werk endlich vollbracht! Bewundernd strichen seine Fingerspitzen über das glatte, zugleich seidig-weiche und doch feste Material. Es war perfekt. Bernardo legte die Finger an die Schläfen und sprach den Cantus, der ihm das Quäntchen Mut gab, das er für sein kühnes Vorhaben brauchte. Nun auf, das magische Artefakt wollte genutzt werden!

Es war zu spät, um Lutsiana noch in der Bibliothek zu finden, aber noch früh genug, um an ihre Zimmertüre zu klopfen. Einen schmalen Spalt breit wurde ihm geöffnet. Er sah ihr in die Augen, die sich vor Überraschung und mit einem fragenden Blick weiteten. Ihre kastanienbraune Mähne wallte ungebändigt über ihre nackten Schultern, über die sie hastig eine Decke geworfen hatte. Eine Hand hielt die Decke vor ihrer Brust geschlossen, die andere lag auf dem Türstock und ein zarter Blütenduft wehte von ihrem Körper.

Ja? Was willst du?“, fragte sie den schlacksigen Magierschüler argwöhnisch. Ermutigt von der Zauberwirkung nahm Bernando als Antwort Lutsianas Hand und legte seine Erfindung hinein. Von Forscherneugierde getrieben – sie ist schließlich Wissenschaftlerin – wurde ihre Verwunderung in den Hintergrund gedrängt. Lutsiana untersuchte das Objekt nach Augenschein und taktilen Merkmalen: Von knapp über einem Spann Länge und so dick wie zwei Finger. Eine gleichmäßige, knollenartige Verdickung an einem Ende. Die Berührung fühlte sich angenehm warm und weich an, doch der Werkstoff war hart und glatt.

Lutsianas Augen blitzten und sie blickte Bernardo fest in die Augen: „Das ist ein sehr… interessantes Objekt. Ist es ein Geschenk?“, fragte sie mit dunkler, schnurrender Stimme. Bernardo beugte sich zu ihr und hauchte über ihre Lippen: „Es ist noch viel mehr als das, was du siehst. Lass mich dir zeigen, was es kann.“ Er umschloss ihre Hand, die den Gegenstand hielt, und bei seiner Berührung erwachte die Magie darin: Er zuckte und ruckte sanft in ihrer Hand, während Bernardo sie mit einem Kuss durch die Türe in ihr Zimmer schob. Bereitwillig öffnete sie ihre Lippen unter seinem drängenden Kuss, zog ihn an seiner Robe mit sich und zog ihn auf ihr Bett… doch dort lag schon jemand.

Sieh nur, Morena, wir haben jemanden zum Spielen bekommen! Mit einem schönen Spielzeug!“ Lutsiana grinste verschmitzt ihrer Freundin zu.

Bernardo hatte viele Nächte phantasiert und davon geträumt, seine geliebte Lutsiana zu umfassen und glücklich zu machen, wieder und wieder. – In dieser Nacht jedoch kam es anders: Finger gruben sich in sein Haar und zogen ihn zu leidenschaftlichen Küssen hinab, weiche Haut strich liebkosend, lockend, fordernd gegen ihn, warme Schenkel drängten sich fester an ihn, Hände griffen nach ihm, um ihn tiefer zu ziehen, und als er nicht mehr konnte, wurde er mit seinem nimmermüden vibrierenden Artefakt ein sehr willkommener Gast für die kommenden Nächte. Zu dritt erkundeten sie dieses neue Spielzeug, sie versteckten es manchmal und holten es wieder hervor und es wanderte von dieser in jene Hand und sie hatten viel Vergnügen.

Allerdings gab es eine Sache, die die beiden Damen bald erfahren würden: Dass nur er das Zauberwort kennt, das den magischen Liebesdiener weckt!

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