Koscher Schnee (2)

Boronswetter. So nennen die Menschen landläufig diese Tage, an denen sich die Praiosscheibe mit dicken Regen- oder Schneeschleiern bedeckt, wie eine trauernde Witwe, sodass es scheint, als würde es bei Tage fortwährend dämmern.
So ein Boronswetter heute.

Noiona liebt ihren Gott mit aller Kraft, von ganzem Herzen und aus tiefster Seele und für verdeckte Sonnenstrahlen hat sie immer ein Lob ihres Herrn auf ihren bleichen Lippen – aber… dieses Wetter, dieses Un-Wetter, das kann nicht einzig Borons Werk sein. Es ist Noionas erster Winter im Norden, von Schnee und Graupel hat sie bislang nur in Reiseberichten gelesen oder davon gehört. Mittlerweile fühlt sie sich, als würde ihr nie wieder warm werden, als wäre ihr die Kälte bis in die Knochen gekrochen und hätte sich ganz tief in ihr eingenistet. Die Füße werden immer schwerer, das Gefühl in den Zehen hat sich schon vor einem Stundenglas verabschiedet, genauso wie bei ihrer Nase. Trotzdem läuft sie, die Nase. Der Saum ihres Habits saugt sich voll mit geschmolzenem Schneematsch und scheint mit jedem Schritt schwerer zu werden. Ihren Wanderstock hält sie noch umklammert, sie fühlt ihn aber nur ganz dumpf in der Hand. Es tut weh, wenn sie die Finger bewegt – Handschuhe hat sie keine.
Nur die Landschaft wird immer schöner. Sie wird, je mehr Schnee darauf fällt, ordentlicher, sauber, rein. Wenn der Weg es zulässt, hebt die Ordensschwester den Kopf um sich umzusehen und die Bäume zu betrachten, auf deren Ästen sich das helle Weiß sammelt.
Und sie lässt die jüngsten Ereignisse Revue passieren.

Als Seelenheilkundige weiß sie, dass es gesund ist, im Bewusstsein des Hier und Jetzt zu leben und weder über die Vergangenheit zu brüten noch sich mit Sorgen über die ungewisse Zukunft zu plagen – als Kennerin der Geschichte weiß sie aber auch, dass das Wissen um das Vergangene nützlich für die Entscheidungen der Gegenwart ist, um das Kommende nach dem Willen der Götter zu gestalten.

Vor ein paar Tagen, während sie vom Kräutersammeln an einem alten Steinkreis zur Herberge des Traviaklosters zurückgewandert war, war ihre Entscheidung gefallen: Sie würde noch am gleichen Tag nach Garrensand aufbrechen. Kaum hatte sie einen Fuß in den Innenhof gesetzt und bevor sie die Herberge auch nur betreten konnte, war Mutter Ysilda an sie herangetreten.

Die zugegeben sehr zerstreute und beständig plappernde Traviageweihte hatte ihr prompt einen Brief des Boroni Feyda aus Albenhus unter die Nase gehalten, den der Traviatempel vor drei Tagen erhalten hatte. „Er richtet Grüße aus und empfing an seinem Schrein eine geistige Nachricht oder Traum. Er weiß von Eurer Reise und der Ankunft hier und schreibt vor drei Tagen, dass Ihr den Flug der Krähe begleiten sollt und dass Ihr in Golgaris Kreis etwas sehr Wichtiges zur Heilung findet. Sagt das einer weißen Räbin.“, hatte sie den Inhalt des zerknitterten Schnreibens paraphrasiert und verwundert hinzugefügt: „Sehr seltsam, da er so schnell nichts erfahren haben kann und Euch nicht mal kennt.“

Sie folgt eindeutig einem pragmtischeren Weg der Götterverehrung als ich es tue, denkt sich die Mystikerin in ihrer Rückschau, wenn sie die Möglichkeit von Vorahnung und Fügung ’sehr seltsam‘ findet. Und dass sie sich erst an den Brief erinnert, als ich schon den zweiten Tag in der Klosterherberge bin, spricht eindeutig nicht für ihr Gedächtnis.

Im alten Steinkreis, der unzweifelhaft mit ‚Golgaris Kreis‘ gemeint war, hatte sie das heilkräftige und von den Göttern gesegnete Zwölfblatt gefunden und es in den Tempel gebracht, damit eine Kranke damit behandelt werden konnte. Diese Vorhersage Feydas hatte sich also bereits erfüllt. Und die Mahnung, dem ‚Flug der Krähe‘ zu folgen, hatte sie in ihrem Entschluss, nach Garrensand zu gehen, nur bestätigt.
Jetzt ist sie also auf dem Weg und stapft durch den Matsch. Von den Einheimischen hat sie sogar etwas Neues über ihre Kirche gelernt, denn der Heilige Kalmun war ihr bislang unbekannt. Ein Lokalheiliger, der im Kampf gegen die Sekte der Visaristen sein Martyrium gefunden hatte. Einen großen Heiligen, wie Sankta Noiona oder Sankt Uthar, gibt es für diesen Bereich gar nicht., wundert sie sich, es muss aber sicher ganz viele solcher Lokalheiliger und Märtyrer geben, denn es gab ja in beiden Kirchen Abspaltungen und Strömungen, die bekämpft wurden und bei denen Menschen starben. Ich bin gespannt, ob mir mein Weg mehr von ihnen zeigt.

Oder ob ich mich bald zu ihnen geselle und die Schutzpatronin der reisenden Boronis werde, weil ich in der längsten und dunkelsten aller Nächte auf meiner Wanderung erfriere. Der Gedanke ist nicht ganz ohne Sorge, denn Noiona würde schon im Sommer lieber nicht alleine im Wald ohne Zelt und Licht nächtigen wollen, geschweige denn jetzt wo es schneit.
Die längste Nacht, die Wintersonnenwende… den Aberglauben der Dörfler und Holztreidler nimmt ihnen die Geweihte nicht übel. Allermeistens sind es alte Gewohnheiten, hinter denen keine echte Anbetung steht, was soll es schon bringen, den Leuten so etwas zu verbieten.

Da reißt sie der Schrei eines Vogels aus ihren Gedanken. Mit farblos-blaublassen Augen blickt sie dem Krähenschwarm hinterher, der vom Baum in den bleigrauen Himmel stiebt. Die Feder schwebt zu Boden, deutlich zeichnet sie sich vor dem weißen Schnee ab. Noiona hebt sie auf und dreht sie zwischen den Fingern. Für einen Moment schließt sie die Augen: Heiliger Bishdariel, heiliger Golgari, danke für eure Führung.

Vorsichtig steckt sie die Hand mit der Feder in die Manteltasche. Hier muss es eine Köhlerhütte geben. Sie üben einen der unehrbaren Berufe aus, doch Boron kommt in jedes Haus, in die Paläste der Reichen genauso wie in die Hütten der Ärmsten.

Mit neuer Entschlossenheit, den Stock fest in der vor Kälte gefühllosen Hand, blickt die Boroni auf den halb schlammigen, halb verschneiten Pfad vor ihr, schreitet voran durch den Schneematsch und späht, ob sie ein Licht und die Hütte zwischen den Bäumen ausmachen kann.


 

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Koscher Schnee (1)

Irgendwo zwischen Gerrun und Grantelwacht fing es an zu schneien. Es hatte schon den ganzen Morgen geregnet und gegen Mittag hing der Himmel über ihr so tief, dass sie fast meinte ihn berühren zu können. Der Regen wandelte sich zu Graupel, und wenig später rieselten die ersten Schneeflocken auf sie herab, setzten sich auf Kapuze und Schultern, filigrane Sterne, die nur kurz verweilten bevor sie schmolzen.

Die einsame Wanderin folgt dem Treidelpfad neben dem Großen Fluss, wie es einer der Flößer, den sie am Morgen in Gerrun nach dem Weg fragte, ihr beschrieben hatte. In ihrer Richtung ist keiner unterwegs, sie ist seit sie das Dorf hinter sich gelassen hat niemandem begegnet. Man musste bei diesem Wetter schon einen guten Grund haben, das sichere Haus zu verlassen. Auch die Flößer hatten die Baumstämme nah des Dorfes in einer Biegung des Flusses anlanden lassen, hatten von schlechten Vorzeichen und Unholden geraunt, die sie gesehen zu haben behaupteten. Es sei besser, das kommende Unwetter vorbeiziehen zu lassen, man solle sein Schicksal nicht herausfordern und die Götter genauso wenig. Außerdem sei die kommende die längste Nacht des Jahres, und sie wisse ja sicher…

Inzwischen ist sie geneigt, den Männern recht zu geben, auch wenn es weniger die Wintergeister sind, die sie schrecken als der Gedanke, kein Dach über dem Kopf zu haben, wenn die Dunkelheit hereinbricht. Ihre wollenen Kleider sind schwer vor Nässe und die zunehmende Kälte kriecht ihr bis in die Knochen, nistet sich dort ein als werde sie nie wieder weggehen. Der Tag scheint bereits vor der Zeit der langen Winternacht weichen zu wollen während die Landschaft sich mehr und mehr in ein weißes Gewand hüllt, unterbrochen nur vom schwarzen Band des Flusses neben ihr und den dunklen Silhouetten der Tannen, die immer näher zu rücken schienen. Hier irgendwo muss der Pfad abgehen, der nach Moorbrück führt, doch ihr ist klar, dass sie den Weiler heute nicht mehr erreichen wird, umso mehr, da sie fürchten muss, die Abzweigung in Schneetreiben und zunehmender Dämmerung zu verfehlen. Vielleicht sollte sie den Ort einfach links liegen lassen und gleich weiter nach Drift wandern? Aber sie hatte nun, da sie ihm schon einmal so nah war, das dortige Kloster aufsuchen wollen, wo der Hl. Kalmun im Kampf gegen die Visaristen den Märtyrertod fand.

Beißender Geruch steigt ihr in die Nase, es muss wohl einer der Kohlenmeiler sein, von dem die Dörfler gesprochen hatten. Geht schnell an ihnen vorbei, Euer Gnaden, dort ist es nicht geheuer, hatte eine Alte die ein wenig zu blasse Dienerin des schweigsamen Gottes gewarnt und trotz deren Anwesenheit eine abergläubische Geste des Schutzes vor allem Bösen in die Luft gezeichnet.

Noiona weiß, dass die Köhler einen schweren Stand haben, gehören sie doch nicht zur Gemeinschaft der Dörfler, sind Außenseiter schon ihres Berufes wegen, der sie zwingt, mit ihren Familien allein im Wald zu hausen, dabei den Tieren näher als den Menschen, in ärmlichen Hütten, aus denen der Rauch des Herdfeuers sich selbst einen Weg durch das mit Moos bedeckte Reisigdach suchen muss, kennt so eine Köhlerhütte doch nicht einmal einen Kamin.

Das Rätschen eines Eichelhähers zerreißt die Stille, Schnee rieselt auf die Geweihte herab. Sie bleibt stehen und sieht nach oben, wo der Himmel jetzt ein dunkles Grau angenommen hat. Der Warnruf hat eine Schar Krähen aufgescheucht, die sich in einem Baum bereits einen Schlafplatz für die Nacht gesucht hatten. Ärgerlich krächzend fliegen sie davon. Eine Feder schwebt zu Boden und landet direkt vor Noionas Füßen im Schnee.


 

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Die Lanzerinnen (Rahjageflüster 3)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

Das dritte Exemplar auf meiner Spielwiese für pikante, erotische Geschichten handelt von zwei Frauen. Sie sind Lanzenreiterinnen in einer Einheit, die aus Tradition nur aus Frauen besteht. Kleiner Teaser: Erfahrungsgemäß bietet es sich an, diese Geschichte in geselliger Runde im Zuber zu genießen. Wer gerade keinen Zuber und Bademeisterin – oder Bademeister, je nach Lust und Laune – zur Hand hat, dem muss eine gewöhnliche Badewanne genügen.

Mir ist kein historisches Vorbild bekannt, aber mir gefiel der Gedanke, etwas Diversität ins Spiel zu bringen. Ich hoffe, es gefällt.

Zum Schmökern steht hier die Liste meiner erotischen Kurzgeschichten, mein Rahjageflüster.

 

Die Ferdoker Lanzerinnen

Rahjageflüster 3.
Eine Geschichte von Madine E. Raganne
am 11. Hesinde 1036

Gleißend hell strahlte die Praiosscheibe vom frostigen Winterhimmel, ließ den Neuschnee funkeln wie Diamanten und blendete Gerondra just in dem Augenblick, als der Säbel ihrer Gegnerin herabfuhr. Stahl klirrte auf Stahl, der Aufprall der Klinge auf den Helm dröhnte in Gerondras Kopf wider. Rodena ließ ein kurzes, helles Lachen hören und der Tanz ging weiter. Gerondra stieß ihre Waffe nach vorne, wollte ihre Gegnerin zurückdrängen, doch mit geschmeidiger Anmut wich Rodena ihr aus. Ein amüsiertes Lächeln spielte um ihren Mund.

Na, Kätzchen? Willst du zur Raubkatze werden?“, neckte sie. Gerondras Herzschlag beschleunigte sich, sie drang wieder auf Rodena ein. Mit kleinen Schritten und vorsichtigem Herantasten brachte sie ihre Partnerin dorthin, wo sie sie haben wollte – nun hatte Rodena die Strahlen der Abendsonne im Gesicht.

Beide keuchten atemlos – erschöpft, aber zufrieden – als ihnen die Ausbilderin das Zeichen zum Aufhören gab. Beiden Frauen standen die Schweißperlen auf der Stirn, Gerondras rotblonde Locken kringelten sich noch mehr als sonst und Rodenas dunkelbrauner Schopf war am Ansatz dunkel und feucht. Unter dem wohlwollenden Nicken ihrer Fechtlehrerin klatschten sich die beiden angehenden Lanzerinnen der Ferdoker Garde zum ehrenvollen Unentschieden ab.

Gerondra und Rodena hatten beide vor einem Jahr ihre Ausbildung an der Kriegerakademie begonnen. Sie waren auf den ersten Blick Freundinnen geworden. Während Gerondra schnell Muskeln ansetzte und stundenlang mit der Lanze übte, ohne müde zu werden, erlangte Rodena im Säbelkampf die Geschmeidigkeit einer Wildkatze und sie ritt wie eine junge Göttin. Sie lernten gemeinsam für ihre Prüfungen, maßen ihre Fähigkeiten im Kampf und an ihren freien Tagen saßen sie zusammen in der Taverne, tranken Ferdoker Bier und hin und wieder lachte sich eine für ein, zwei Wochen einen Mann an. Sie kannten sich erst ein Jahr, aber es schien ihnen, als würden sie sich schon immer kennen.

~ ~ ~

Dampf schlug ihnen entgegen, als Gerondra die Tür zum Zuberhaus öffnete. Die Luft war warm und von Feuchtigkeit geschwängert. Drei weitere Lanzerinnen kleideten sich gerade an und waren im Begriff, den Waschraum zu verlassen. „Hey ihr zwei! Wir gehen schonmal. Wir sehen uns später!“ Sie winkten einander zum Abschied zu.

Aus dem großen Waschzuber stiegen Dampfschwaden auf. Mit leisem Rascheln fielen die Kleider zu Boden, ein Plätschern verriet Rodena, dass Gerondra in das Wasser stieg. Sie stieg hinterher, das Wasser küsste ihre Haut. Ein wohliger Seufzer entrang sich ihrer Kehle, als die Wärme allmählich in sie hinein drang. Entspannt lehnte sie den Kopf an den Rand des großen Zubers und schloss ihre braunen Augen. Sie hörte und spürte die Bewegungen Gerondras am eigenen Körper, da sie Wellen durch das Badewasser schickten. Dem Geräusch nach zu urteilen, schöpfte sie sich gerade mit hohlen Händen Wasser über den Kopf.

Träge blinzelte Rodena unter fast geschlossenen Lidern durch den Dunst zu ihrer Freundin – und auf ein Mal stockte ihr der Atem. Glitzernde Wassertropfen perlten auf Gerondras Schulter, rannen in silbernen Bahnen über ihre nasse Haut, über die Muskeln, die sich darunter bewegten. Der schwache Kerzenschimmer, den die wallenden Schwaden zu einem diffusen Schimmer dimmten, floss mit den nassen Rinnsalen über ihren Hals hinab, folgte dem Schwung ihres Schlüsselbeins und glitt dann weiter über die Rundung ihrer Brust und… vereinte sich dort wieder mit der Wasseroberfläche. Rodena fand die rotblonde Kriegerin hübsch, ein wuscheliger Rotschopf mit Stupsnase, einer hohen Stirn und kleinen Sommersprossen, aber jetzt sah sie, dass ihre Kameradin schön war – wie sich die nassen Haarsträhnen über ihren Rücken schlängelten, – so verlockend, wie sie ihr Gesicht mit Wasser benetzte, – anmutig die Art, wie sie den Arm aus dem Wasser hob.

Schnell schaute sie woanders hin als sie bemerkte, dass sie Gerondra geradeaus anstarrte. Rodenas Herz schlug ihr bis zum Hals, doch diesmal war es nicht vor körperlicher Anstrengung. Was sollte sie nur tun? Rasch rieb sie sich Wasser ins Gesicht, um ihre plötzliche Anpannung zu verbergen.

Ein Platschen unterbrach ihre Gedanken, die im Kreis rasten. „Du, Rodena, hilfst du mir kurz?“, drang Gerondras Stimme zu ihr durch. Sie hielt ihr den Schwamm entgegen. „Den Rücken schrubben.“ Wie in Trance griff Rodena nach dem Schwamm und Gerondra rutschte näher und drehte ihr den Rücken zu. Welle um Welle den warmen Wassers schickte sie über ihren Rücken hinab und fühlte, wie sich Gerondra unter ihren Händen entspannte, ihre Muskeln weich und geschmeidig wurden.

Sie seufzte und brummte wohlig.

Rodena ließ den Schwamm den Rücken hinauf, über Gerondras Nacken und eine Schulter gleiten und wischte ihr die nassen Haare zur Seite. Am Arm wieder hinab… und Gerondra beugte sich in diesem Moment nach hinten und der Schwamm strich über ihre Brust. Rodenas Finger berührten ihre Brustwarze. Sie war fest und knubbelig. Erschrocken zuckte sie zurück, doch sie hörte Gerondra flüstern: „Ist es dir unangenehm? Ich… finde es schön.“ Ihre Augen suchten die von Rodena und ohne dass sie darüber nachdachten, verschränkten sich ihre Finger. Ihre Lippen fanden sich und verschmolzen in einem langen, innigen Kuss. Gerondras Atem strich über ihre Wange.

Rodenas Finger wanderten über Gerondras Körper. Sie hatte gedacht, dass sie ihre Freundin kannte, aber sie hatte nicht gewusst, dass sich ihre Haut so weich anfühlt, wie es sich anfühlt, wenn Gerondra sich in ihren Armen dreht und ihre Hände auf Tristanas Oberschenkel legt und ihre Hüften massiert. Ihre Daumen zeichneten Kreise auf ihre Leisten und bewegten sich langsam, langsam auf ihren Schoß zu. Rodena erschauderte, rückte näher an ihre Freundin und legte ihr eine Kette aus Küssen um den Hals.

Immer wieder trafen sich ihre Lippen. Ihre Küsse wurden fordernder, fester. Gerondra dirigierte Rodenas Hände, bis sie mit einem Stöhnen und Aufbäumen tausend kleine Wellen durch das Wasser schickte und in das Wasser zurücksank.

Aaah, du bist herrlich… und du bist ein Naturtalent.“, sagte sie. – „Wirklich? Ah, danke.“ Mir einem Kuss erstickte Gerondra ihre Verlegenheit.

Ja, wirklich. Und ich will mich jetzt gebührend bei dir bedanken… Rodena…“ Gerondra beugte sich über sie, drückte sie mit ihrem festen Körper gegen die Wand des Zubers und küsste sie, bis ihnen beiden der Atem ausging.

Ein Rufen ließ sie da zusammenfahren. „Ist da noch wer? Raus mit euch, sonst wachsen euch noch Schwimmhäute zwischen den Fingern!“ Das war die Fechtlehrerin.

Im Nu waren sie wieder in ihren Klamotten. Mit einem langen Blick wussten sie allerdings, dass sie heute Abend nicht einsam einschlafen würden.

 

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Tischgespräche

In der großen Halle brannten Lampen auf den Tischen und natürlich war das große Herdfeuer – wir waren hier schließlich in einem Kloster der Göttin, der das Herdfeuer heilig ist – am Kopf des Raumes entzündet. Hier und dort hatten sich Reisende in Grüppchen zusammengefunden, die an der langen Tafel saßen. Sie unterhielten sich, in einer Gruppe sang jemand leise eine Ballade über ein Zwergenkönigreich und Schätze, während ein anderer dazu eine kleine Harfe spielte. Aus der Küche kam die rundliche Traviageweihte Schwester Niam mit einem enormen Topf in den Händen, aus dem es verlockend duftete.
Die Gespräche und die Geräusche im Raum waren nicht über Zimmerlautstärke. Mir war dies allerdings immer noch fremd: Gespräche bei Tisch gab es nicht in meinem Heimatkloster, dort galt die Regel, dass beim Essen Schweigen zu herrschen habe. Von Musikbegleitung ganz zu schweigen!

Ohne Umschweife setzte sich Calissa. Bosper und ich ignorierten geflissentlich den Bruch der Etikette, dass sich die junge Dörflerin als erste an die Tafel setzte und folgten ihr. Dann nahm sie sich natürlich als erste vom Topf, als er an uns weitergereicht wurde und begann, ohne einen weiteren Blick an uns zu verschwenden, zu essen. „Nun, wir werden ja bis morgen hier bleiben. Wo werden wir hier denn schlafen?“, fragte sie.

Mein Blick schweifte über die Pilgergruppe, die die Perainepriesterin bis hierher auf dem Pilgerweg geführt hatte, über die Gesichter, die ich von gestern Abend wiedererkannte – der Dottore Sami Stallore und Wulfbart der Zwerg, der Avesgeweihte Fardur Beornson, der am letzten Abend gesungen und Lieder gespielt hatte. Nach einem stummen Dankgebet an Travia und Boron begann ich zu essen. Erst als Calissa ihre Frage stellte, wurde meine Aufmerksamkeit wieder auf mein Gegenüber gezogen. „Adept Bellentor“, ich wies mit einem kurzen Blick auf den Magier neben mir, „und ich haben Schlafplätze in den Gästezimmern oben. Es ist sicher noch ein Lager für Euch frei.“ In Travias Haus wurde noch niemand abgewiesen, ging es mir durch den Kopf. Sicher waren trotz der Pilgergruppe, die Schwester Erlinde geführt hatte, in einem Kloster der göttlichen Herdmutter immer genügend Decken für ein Nachtlager vorhanden, wie Luzio der Akoluth gesagt hatte. – „Habt Dank.“
Eine Zeitlang kehrte Schweigen zwischen uns ein, bis es abermals von Calissa gebrochen wurde: „Wir dürfen nicht vergessen, etwas geeignetes von der Erkrankten für den Trank der Elfen zu nehmen. Etwas Schweiß oder Blut.“ Dabei blickte sie abwechselnd Bosper und mich an.

Schweigend beendete ich mein Mahl und nickte nur dazu. „Werdet Ihr es zu ihnen bringen? Ich würde ungern noch einmal so lange von Schwester Erlinde weichen.“, fragte ich Calissa und dachte, dass Bosper die junge Frau am nächsten Tag begleiten sollte. Wir beide hatten am eigenen Leib erfahren, dass sich dieses Gebirge gegen seine Bewohner wie gegen Reisende gleichermaßen zur Wehr setzte. Davon kündeten die Schrammen von Harpiyen-Überfall.

Calissa nickte langsam. „Ja, ich werde auf jeden Fall zurück gehen. Bleibt ihr dann noch hier um zu beten? Und wie entscheidet ihr euch… Adept?“

Bevor er antworten konnte, trat Niam an unseren Tisch. „Wohl bekomm’s.“, sagte sie und stellte uns eine Karaffe – dem Geruch nach zu urteilen, Wein – auf den Tisch. „Viele Reisende zur Zeit… Habt Ihr uns gute Nachrichten mitgebracht? Es ist sehr hilfreich von euch gewesen. Unsere Wege hier sind nicht alle ganz sicher. Manches Gesindel, Räuber machen die Täler unsicher. Und der Bergkönig oder Angbar sind weit, und die Burgen.“ Sie seufzte und schenkte sich selber einen Becher Wein ein.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie eine Erwiderung von mir erwartete oder nicht. Um sicher zu gehen, sagte ich: „Zwölfblatt für Erlinde und für eure Vorräte.“ Das hatten wir mitgebracht, und das waren gute Nachrichten. Niam war erstaunt, als Cassandra erzählte, dass sie und Bosper einen Elfen getroffen hatten, aber sie nahm es als ein gutes Zeichen.

Die anderen plauderten, ich sammelte mich und ging im Geiste noch einmal diesen ereignisreichen Tag durch in dem Versuch, einen Sinn in die vielen einzelnen Geschehnisse zu sortieren. Meine Finger stopften dabei wie von selbst meine Pfeife mit Tabak, der nach süßen Gewürzen roch. „Wir trafen den Elfen bei einer magischen Stätte, einem Steinkreis. Von eben diesem Ort sprach Schwester Erlinde im Traum. Bei Bishdariel, Übles kommt – oder kam – von dort. Wisst ihr mehr darüber?“, fragte ich Niam und Luzio, der sich zu uns gesetzt hatte. „Ich hörte nur vom Steinkreis, ein magischer Ort. Hexerei… Ich gehe nicht viel auf den Bergwegen.“, sagte Niam. – „Niam fürchtet etwas die Nacht.“ neckt sie Luzio. – “ Unser Luzio ist etwas vorlaut.“ konterte sie milde.

Das Gespräch ging seinen Weg. Ich entschuldige mich, erhob mich mit der Pfeife in der Hand und suchte die Tempelvorsteherin am Feuer auf. Im Gehen hörte ich noch Niam über die Hexerei der Elfen schimpfen, die für ihren seltsamen Heiltrank das Blut Erlindes wollen.

 


 

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Traumseherin

Ich weiß noch, dass es mich störte, dass Luzio und Calissa neugierig da blieben. Jetzt hatte ich Zuschauer für mein kleines Liturgiegebet. Was, wenn Boron meine Bitte nicht erhörte? Mein Herz pochte nervös.
Ich wartete, bis der Klang von Bospers Schritten verhallt war. Nur noch der unruhige Atem von Schwester Erlinde und leise, gelegentliche Geräusche von Calissa, wenn sie von einem Fuß auf den anderen trat, und meine eigenen Atemzüge drangen an mein Ohr.
Unter dem leisen Rascheln meines schwarzen Habits kniete ich mich auf der Höhe des Kopfes der Perainepriesterin neben  das Bett. Aus meinem Gepäck brachte ich ein flaches Fläschchen zum Vorschein, das ich auf den Bodendielen neben mir abstellte. In der Glasflasche schwappte träge das Öl. Es war Salböl. Wir stellen es selbst her, nach Rezepten, die im uralten Schwarzen Buch überliefert sind, und es wird gesegnet. In meiner Kirche werden damit die Toten gesalbt. Ich habe aber mehr mit den Lebenden und der Seelsorge zu tun, weshalb ich es verwende, um die zu segnen, die im Leben den Segen Borons brauchen. Alte, Kranke, Bittsteller, Beichtende. Die Praiosscheibe war schon hinter den Gipfeln des Koschgebirges versunden, wäre es noch ein wenig heller, hätte die Flüssigkeit geschimmert wie flüssiger Bernstein. So wurde es mir beschrieben, ich selbst sehe seit meiner Kindheit keine Farbe mehr, es sei denn Boron gewährt es mir in einem Traum.

Ich zeichnete das Boronsrad über dem Haupt der Schlafenden in die Luft und wandte mich im Gebet an den Herrn des Schlafes: „Du Ewiger, gib Erlinde tiefen Schlaf in Deinen Armen. Das dämonische Fieber hat nach ihr gegriffen, doch wir werden es in Deinem, in Peraines und in Travias Namen wieder von diesem Ort verbannen. Lass Bishdariel über sie wachen.“ Entgegen mhrer Gewohnheit hatte ich die Worte leise gesprochen, sodass Luzio und Calissa in Gedanken mitbeten konnten, wenn sie wollten, und vielleicht Zuversicht daraus schöpfen. In Gedanken fügte ich einen letzten Teil ohne gesprochene Worte hinzu: „Und gewähre mir Einsicht in das, was Dein Traumbote ihr schickt.“ Nun entkorkte ich das Gefäß, zeichnete mit dem Salböl das Zeichen Borons auf die Stirn der Kranken, beugte mich nach vorne und berührte Erlindes Stirn mit meiner eigenen. Der sanfte Geruch vom Öl, nach den südländischen Gewürzen meiner Heimat – süßliche Zimtrinde, würziger Weihrauch, dunkle Myrrhe -, schwebte durch den Raum.

Ich schloss die Augen.

Bilder strömten in meinen Geist. Ich sah Trampelpfade und Karrenwege, die sich durch eine hügelige, dann gebirgige Landschaft wanden. Eine Burg auf einem steilen Fels. Ein Wanderer mit dunklem Umhang… es ist eine Frau. Sie bewegt sich vorsichtig durch den Wald, ja, schleicht richtiggehend. Geräusche dringen von den tiefen Schatten zwischen den Bäumen hervor, die mir eine Gänsehaut einjagen. Etwas regt sich dort. Etwas Gefährliches.
Auf einmal reißt der Himmel auf und ich sehe bleiche Steine dort vor dem Schwarz stehen. Sie ziehen alles an sich, wollen alles verschlingen… oder ist es der Wald, der alles verschlingt? Dann das heisere Krächzen eines Raben. Ich bin es selbst, als Rabe fliege ich näher, zu der Wanderin. Sie blickt sich um, suchend…

„Was habt Ihr?“ Luzios Stimme beendete die Abfolge der Bilder. Blinzelnd schlug ich die Augen auf. Hatte ich etwas gesagt? Ich wusste es nicht. Ich lehnte mich wieder zurück und sammelte mich, schob den Eindruck von Gefahr, der vom Wald oder den Steinen hergekommen war, in den Hintergrund und bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen.

Von den Steinen oder von etwas, das mit dem Wald dort in Verbindung steht, ging also eine Bedrohung aus. Das war es, was ich aus Erlindes Traumbildern schloss. Möglicherweise war sie etwas auf der Spur gewesen und dieses Etwas hatte sie dafür mit der Krankheit geschlagen? Um sich der lästigen Priesterin zu entledigen?
Welcher Sache waren wir hier auf der Spur?
Was hatte Gaiana unten im Dorf damit zu tun und wie stand die Gruppe der Männer, mit der sie sich gestritten hatte, dazu?

Nach vier, fünf Atemzügen richtete ich mich wieder auf und nahm meine Tasche mit meinen Sachen. Calissa stand zur Reglosigkeit erstarrt noch dort in der Ecke, in der ich sie zuletzt gesehen hatte, Luzio musterte mich besorgt. Bei diesem mütterlichen Ausdruck auf seinem jungendlichen Gesicht musste ich ein belustigtes Schmunzeln unterdrücken.
„Die Kräuter werden ihr guttun.“, plapperte er und wechselte rasch das Thema, um seine Verlegenheit zu überspielen.

„Calissa“, wisperte ich ihr zu, „für den halben Teil der nächsten Stunde können wir sie alleine lassen. Wollt Ihr essen oder bei ihr wachen?“

Sie wollte ersteres und so gingen wir zu dritt hinunter in die Gästestube.


Vorher: Anamnese

Anamnese

Ich blieb am Rand des Krankenbettes knien, legte die Hände locker in meinen Schoß, auf mein Ordensgewand, und entspannte die Schultern. Dann begann ich: „Luzio, kennst du Schwester Erlinde? Ist sie öfter hier, wenn sie Pilgergruppen führt? Kennt sie diese Gegend gut? Die Steine?“
Schüchtern trat der Junge näher. „Frau Erlinde spricht allerlei im Traum, von dunklen Tagen in Drol, nicht? Ist es so… schlimm?“ Mit großen, runden Augen schaute er mich an. Mit einem leisen Stich wurde mir bewusst, wie jung er war. Vielleicht hatte er noch nie einen Menschen sterben sehen. Er war kein Novize der Boronkirche, der in seine Rolle als letzter Beichtvater oder Totengräber hineinwächst.
„Sie reist viel wie jetzt auch von Gratenfels über den Greifenpass zwischen Angbar, Greifenfurt, Wehrheim und Gareth. Sie sammelt Kräuter und Spenden und hilft auch den Armen. Sie geht auch über Tannhaus, wo die Gaia die Kräuter sammelt. Was für Steine meint Ihr? Heidnische Orte? In Tannhaus gibt es Heiden.“, murmelte er missbilligend. „Ihr kamt ja von Süden an Travias Haus?“ Damit meinte er das Kloster und die Herberge.
Das klang doch ganz so, als hätte er schon einmal von dem alten Steinkreis gehört, aber nur vom Hörensagen. Das Wort ‚Heiden‘ hatte ich gar nicht in den Mund genommen.

Ganz leise waren der Magier Bosper und die junge Kräutersammlerin Calissa, die Tochter Gaianas, eingetreten. Zumindest einen Teil von Erlindes Murmeln mussten sie mitangehört haben. Die junge Frau verlangte zu wissen, wann Schwester Erlinde erkrankt ist und wie lange sie sich zu diesem Zeitpunkt schon in diesem Traviakloster aufgehalten hat. Ich sagte es ihr, woraufhin sie verärgert schien. Sie warf einen wütenden Blick auf jeden in der Runde – angefangen von Luzio zu mir und dann weiter zum Magier, bei dem sie verweilte. „Ihr seid doch Magier. Da liegt es euch doch geradezu im Blute jede Spur von Magie fast schon militantisch zu untersuchen, oder?“, brachte sie heftig hervor.

Ich hob beschwichtigend die Hand und lenkte ein, dass wir alle diesen Krankheitsfall untersuchen würden. Und dafür, schlug ich vor, würden wir Schwester Erlinde in den Tempelraum tragen. Sollte der Krankheitsdämon sie tatsächlich okkupiert haben, wenn sie also vom Dämon besessen war, dann war ein geweihter Ort genau der richtige Ort für sie.
Bemerkenswert fand ich den Schluss, den Calissa aus Erlindes Fieberrede gezogen hat: Sie hat Bosper angefahren, er solle die Magie untersuchen. Ich hatte früher an diesem Tag den Streit zwischen Calissa und ihrer Mutter Gaiana mitangehört, bei dem es unter anderem um die Erdmutter Sumu und ihre Tochter Satuaria ging – wichtige Elemente des heidnischen Glaubens. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie verbreitet das Wissen um Magie außerhalb der Klostermauern und des Skriptoriums ist, in denen ich meine Kindheit und Jugend verbracht hatte. Dank dem Streit aber und dadurch, dass Calissa den Zusammenhang zwischen den Zorganpocken und Magie hergestellt hat vermutete ich, dass mindestens eine der beiden Frauen aus Tannhaus eine Zauberwirkerin war.

„Drol… Da wütete die rote Keuche vor einigen Jahren, wie ich hörte.“, warf Luzio ein. Eine ähnlich ansteckende Krankheit wie die Zorganpocken. Er wählte seine Worte mit Bedacht und einem unsicheren Lächeln, das seine ängstlichen Augen nicht erreichte, als er einwandt: „Das Haus Travias ist doch ihr Tempel, die Gastlichkeit ihr Segen.“
Ich wusste nicht genau, ob in der Traviakirche das gesamte Grundstück des Klosters oder nur der eigentliche Tempel geweihter Boden waren. Seinen Worten zufolge schien ersteres zuzutreffen. Das bedeutete immerhin: „Dann wird es kein Dämon sein. Er hätte die Schwelle nicht übertreten können.“ Für den Krankheitsverlauf von Schwester Erlinde hätte das nichts geändert, so oder so würde sie die Pocken bis zum Ende der Krankheit durchstehen müssen, Doch wir hätten die Quelle des Übels zurück in die Niederhöllen verbannen können.

Diplomatisch komplementierte ich Calissa, Bosper und Luzio hinaus: „Beten wir zu Peraine, dass niemand angesteckt wird, und zu Boron für Schwester Erlindes erholsamen Schlaf. Ich werde jetzt für sie beten und nachkommen. In die Gaststube?“ Bosper und Luzio verstanden und befolgten den Wink. Calissa blieb.

Sie würde ihre erste Liturgie der Boronkirche mitansehen.


Vorher: Fieberrede

Danach: Traumseherin

Fieberrede

Eilige Schritte klappern auf einer hölzernen Treppe. „Mutter Genaia! Mutter Genaia! Sie sind da!“, erklang Luzios Stimme. Vor Aufregung oder Freude überschlug sich seine Stimme.
Eine gedämpfte Antwort und der schwere Riegel wurde mit einem dumpfen Schaben zurückgeschoben. Die Pforte öffnete sich, sobald der Spalt breit genug für uns war, schlüpften wir nacheinander hinein – zuerst ich, dann Bosper, zuletzt Calissa. Und schon bestürmten sie uns mit Fragen. Luzio der Akoluth und Mutter Genaia sprachen gleichzeitig: „Seid ihr fündig geworden?“ – „Bringt ihr Gutes?“ – „Was habt ihr da?“ Bevor wir uns in der Flut der Fragen für eine erste Antwort entscheiden konnten, schickte Genaia ihren Schüler schon wieder fort: „Ach, Luzio, richte doch eine kräftige Mahlzeit für unsere Freunde. Und Kräutersud und etwas Wein. – Oder wollt ihr vorher noch etwas ruhen?“, fragte sie in unsere Richtung.
Obwohl ich von dem vorangegangenen Wortschwall noch überrumpelt war, konnte ich nicht umhin mich zu fragen, ob sie gerade wirklich ‚Kräutersud‘ zu Tee gesagt hatte. Diese Frau und ihre Wörter waren mir ein Rätsel, das sich mir immer wieder aufs Neue meinem Verständnis entzog.
„Wir haben Zwölfblatt für die Gesunden und Traschbart für die Kranke. Wenn ich vielleicht etwas Wasser haben könnte…?“, erwiderte ich nun. Zwölfblatt stärkt gegen Krankheiten und es wird gerne von Heilern eingenommen, damit sie nicht selbst erkranken. Traschbart hingegen ist eine Flechte, aus der ein Tee gekocht wird, der Fieber senkt. Das erste Bündel überließ ich der Herbergsmutter, mit der Traschbartflechte machte ich mich auf den Weg in das Krankenzimmer. Alles weitere Reden und Erklären und das Ausruhen mussten warten, bis ich nach Erlinde gesehen hatte.
„Sie redet im Schlaf und im Fieber.“, gab mir die mitteilsame Genaia noch mit, bevor ich Bosper und Calissa in ihrer Obhut zurückließ.

Während meine Füße fast geräuschlos den Weg zurücklegten, durchliefen meine Gedanken immer dieselben Schleifen: Wie ist Schwester Erlinde, eine Priesterin der Göttin der Heilkunst, an einer dämonischen Seuche erkrankt? Ist es eine Strafe ihrer Göttin? Hat sie einen schweren Frevel begangen? Hat sie sich bei jemandem angesteckt? Hat sie selbst jemanden angesteckt?

Erlinde lag in einem unruhigen Halbschlaf. Das Bettzeug war zerwühlt, sie warf sich hin und her. Leise Wort- und Satzfetzen kamen über ihre blassen Lippen. Vorsichtig kam ich näher, bis ich sie verstand: „…Geht von hier fort! – Nein, Peraines Segen über eure Felder… Hochwürden, seid Ihr es? Gute Kräuter, sie kommen von Peraine… – Wo bist du? Erhöre mich…“
Ihr Zustand beunruhigte mich mehr, als ich Luzio gegenüber zugeben würde. Vom Auftauchen der ersten roten Pusteln – also heute morgen – bis zum letzten Fieberschub dauert das Fieber 13 unheilige Tage. Ich hatte gelesen, dass die Erkrankten im ersten Drittel bis zur Hälfte dieser Zeit noch relativ kräftig und umtriebig sind und nicht bettlägerig und so schwach, wie ich Erlinde nun sah.

Mit eigenen Augen hatte ich die Krankheit den Göttern sei Dank noch nicht beobachtet. Vielleicht tritt die Schwäche in Schüben auf und Erlinde machte gerade eine solche Phase durch?
Mit einem leisen Klicken öffnete sich die Türe, Luzio brachte einen Eimer Wasser. Als ich ihn sah, legte ich einen Finger an die Lippen und bedeutete ihm mit der anderen Hand, dass er hereinkommen und bleiben solle. Und Erlinde murmelte weiter: „Ist der Ort unheilig? Die stehenden Steine… so dunkel und kühl… geht nicht dorthin… – Oberin? Odem Pestilanziae? Hektabeli septnamnati Mishkarae!“ Die letzten Worte stieß sie hervor, der Kopf ruckt vom Kissen hoch, sie blickt mich mit aufgerissenen Augen an und haucht: „Die Zeichen von Drol…!“ Damit sinkt sie wieder auf das Bett zurück.

Mit einigen der Brocken, die Schwester Erlinde hervorgebracht hat, kann ich etwas anfangen. ‚Die stehenden Steine‘: Sie hat von dem heidnischen Heiligtum gesprochen. Ich fragte mich, ob sie es kannte oder ob sie im Fieberwahn davon phantastiert.
‚Hektabeli‘: Dämonen, die fliegenden Boten der Pestilenz. Verderbte Diener der dämonischen Widersacherin der gütigen Göttin Peraine. Sie bringen Krankheiten unter die Menschen. Erlinde könnte von einem Dämon angesteckt worden sein, genausogut kann sie sich aber auch an einem Menschen angesteckt haben, der die Pestkrankheit in sich trug. Diese Dämonen sind aber nicht nur die Überbringer von Siechtum, sie können auch in einen Menschen einfahren, von ihm Besitz ergreifen. Besessenheit. Wenn das der Fall war und Erlinde dem Dämon als Wirt dient, konnte ich alleine als einfache Priesterin nicht mehr weiterhelfen. Dazu würde Schwester Erlinde die Hilfe eines Erzpriesters brauchen.
‚Die Zeichen von Drol‘ schließlich sagten mir nichts. Von der Stadt Drol hatte ich gehört, sie lag im Süden und ist für ihre hängenden Gärten berühmt.

Ich nahm ein Tuch vom Schränkchen neben Erlindes Bett, tunkte es erst in das kalte Wasser im Eimer und legte es dann Erlinde auf die warme Stirn, damit es ihr Linderung vom Fieber brächte.

Dann wandte ich mich dem Akoluthen zu und begann meine Befragung.


Vorher: Ein Mann und ein Mob

Danach: Anamnese

Ein Mann und ein Mob

Der Rückweg führte uns wieder durch Tannhaus. Überraschenderweise erwartete uns die Kräuter-Gaia nicht zuhause, sondern sie kam uns auf halben Wege entgegen. „Ah, da seid ihr ja. Ich dachte mir, nachzusehen…“, erklärte sie sich und musterte uns und unsere Funde prüfend. „Die Wälder sind zur Zeit etwas unruhig.“
Es entspann sich ein getuscheltes Gespräch zwischen Mutter und Tochter, das wir dennoch mit anhören konnten, bei dem Calissa sie über unsere Begegnung mit dem Elfen informierte. Höflich wandte ich mich ab.
Nach kurzer Zeit verabschiedeten sie sich wieder voneinander, ohne dass uns die Gaia eines weiteren Wortes oder Abschieds gewürdigte. Wieder einmal trieb uns Calissa zur Eile an. Ich schloss zu ihr auf und ging eine Weile schweigend neben ihr. „Wenn wir nicht wieder aufgehalten werden schaffen wir es vor der Dunkelheit.“, meinte ich. Den leisen Vorwurf, dass sie mit dem Gespräch mit ihrer Mutter für den letzten Aufschub der Reise verantwortlich war, überhörte sie – oder bemerkte es nicht.

Das Stück bis zu ihrer Hütte begleitete uns Gaiana im Schweigen. Als wir um die letzte Baumgruppe bogen, die die Sicht auf ihr Häuschen verdeckte, erwarteten uns fünf grimmig dreinblickende Dörfler, die sich mit Dreschflegeln und Mistgabeln bewaffnet hatten. Hatte die schlimme Kunde der Seuche, die im Traviakloster ausgebrochen war, das Dorf erreicht? Wollten sie uns als möglichen Überträgern der Krankheit niederstrecken? Würde ich sie aufhalten können, mit meiner zweifelhaften Autorität als Geweihte, der bislang wenig Respekt aus diesem Dorf entgegengebracht worden war? Würde Bosper mir eine Hilfe sein? – Seltsamerweise standen drei in Roben gekleidete Männer vor der aufgebrachten Gruppe – solche Kleidungsstücke kannte ich bislang nur von Magiern, aber wie gelehrte Zauberer sahen diese vollbärtigen, leichte Spuren von Verwilderung tragenden Männer nicht aus. Den ältesten Mann der Gruppe hatten wir vor Kurzem erst getroffen, es war der Wanderer, der uns am Steinkreis in Empfang genommen hatte. Er begrüßte die Kräuter-Gaia höflich, mit einem neugierigen Blick zu uns: „Guten Tag, Gaiana! Warst du bei den Elfen für Kräuter?“ Der Größte ließ sie jedoch nicht zu Wort kommen und fuhr drohend dazwischen: „Man sagt uns die Fremden gehen an unerlaubte Orte!“ Doch Gaiana ließ sich davon nicht einschüchtern, zischte eine Entgegnung zurück, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten, statt ihr hinterherzuschnüffeln, und schob sich ungerührt an der Meute vorbei und verschwand in ihrem Häuschen.

Der Mann stellte sich auf Bospers Nachfrage als der hiesige Zauberwirker vor. Anscheinend handelt es sich bei ihm um einen zauberfähigen Menschen, der eine andere Ausbildung genossen hat als die Magier in den Akademien.

Auf dem restlichen Weg waren Bosper und ich nervös, weil uns unsere glimpfliche Begegnung mit der Wildrune, dieser gefährlichen Harpyje, noch lebendig vor Augen stand. Doch den Göttern sei Dank verschonten sie uns vor einem abermaligen Zusammentreffen, und nach einem schweißtreibenden Aufsteig ragte das geschlossene Tor des Klosters Sankt Travinian vor uns auf.
Wir waren wieder bei dem Seuchenherd, unserem zeitweiligen Zuhause, angekommen.

 


Vorher: Kreise ziehen

Danach: Fieberrede

Kreise ziehen

„Raza!“ Ein scharfer Ruf ertönte. Keinen Atemzug später schlug mit einem dumpfen Geräusch ein Pfeil vor mir in den Boden. Ich starrte fassungslos einen Augenblick auf den zitternden befiederten Schaft, der dort jetzt wie aus dem Nichts aus dem Gras ragte. Der Magier Bosper reagierte schneller. Er wirbelte herum und begann erst leise, dann lauter werdend zu intonieren: „Paries arcanus exoriatur…“ Ich kenne den Zauber nicht, aber ich spreche das alte Bosparano und konnte verstehen, dass er eine Art Mauer oder Schutz wirken wollte. Mit einem Satz suchte ich hinter ihm Schutz und kauerte mich zusammen. Calissa dagegen lief panisch zu den Bäumen zurück – bei Uthar, durch das freie Sichtfeld des Schützen! Nur von dort konnte der Pfeil gekommen sein.
Noch einmal ließ sich die Stimme vernehmen: „Bha Zerza!“ Es klang wie eine Aufforderung, doch ich konnte nur den Klang deuten, nicht die Worte. Das musste die alte elfische Sprache sein, die ich bis heute noch nicht erlernt habe. Jetzt konnten wir im Schatten unter den Bäumen die Silhouette einer schlanken Gestalt erkennen, die einen Pfeil an den Bogen angelegt hielt. „Sanyaza Telora!“ Das musste ein Elf sein, oder eine Elfe, mit Bestimmtheit war das aus der Entfernung und auch aus dem Klang der Stimme nicht auszumachen. Wenn er – oder sie – nun eine Abneigung gegen mich als Geweihte der Zwölfgötter hat? Oder gegen Bosper, einem Gildenmagier? Was, wenn er unsere Sprache nicht spricht? Diese Fragen schossen mir durch den Kopf, ohne dass ich sie mir klar stellte. Ich wusste nicht, ob wir weiter nach vorn zum Steinkreis aufrücken sollten – wozu mich doch der göttliche Wink ermuntert hatte! – oder besser wieder Abstand von dem Heiligtum gewinnen sollten. Das schien uns der Elf mit seinen Pfeil raten zu wollen.
In diesem Moment trat aus dem Baumschatten auf der anderen Seite des Kreises eine junge Frau, die scheinbar gerade beschaulich Kräuter pflückte. Den Elfen und seine vermeintlichen Warnungen hatte sie entweder nicht wahrgenommen oder kurzerhand ignoriert. Doch uns, Bosper und mich, hatte sie gesehen. Die Frau lächelte uns kurz zu. „Kommt ruhig in Sumus Garten.“, richtete sie sanft und heiter an uns beide. – „Boron zum Gruß, und der Gebenden.“, begrüßte ich sie im Namen meines Gottes und mit einem Beinamen Peraines, in Anbetracht ihrer perainegefälligen Tätigkeit. Die Begrüßung mit dem Namen der Gottheit eines Geweihten ist zwar auf dem gesamten Kontinent verbreitet, zumindest überall dort, wo es uns Geweihte gibt – also wahrscheinlich überall. Nach der Begegnung mit der Kräutergaia war ich mir aber nicht sicher, wen diese Frau verehrte, und ob sie diese für mich normale Begrüßung möglicherweise nicht guthieß. Gaiana hatte mir mein wohlmeinendes Angebot übel genommen. Ja, bei Etilia, wenn sie keine reisenden Geweihten gewöhnt war, war es vielleicht nicht gerade umsichtig von mir gewesen ihr anzubieten, ihre Beichte zu hören. Aber nun war ich auf der Hut und beobachtete die Reaktion der jungen Frau. Sie lächelte nur von Weitem herüber und pflückte Kräuter.
Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf das, was vor uns lag. Unser Ziel war der Zwölfblattfarn im äußeren Kreis der Eiben und niedrigeren Menhire, der die hohen inneren Steine umschloss. Ich näherte mich dem Strauch Schritt für Schritt, langsam im Kreisbogen, den die Struktur der alten Anlage vorgab. Der alte Mann war spurlos verschwunden. Ich wollte weiter die junge Frau im Auge behalten, doch die kleineren Stelen und die Bäume verdeckten immer wieder die Sicht auf das Innere des Kreises.

Ein Kreis… das ist eher Tsas Symbol und dies hier mehr ein Platz im Sinne Peraines, der Hüterin aller Pflanzen, als ein Ort für meinen Herrn Boron. Meine Gedanken wurden träge und schweiften ab. Greller Sonnenschein und Schatten wechselten sich ab, der Untergrund war weich, hier und da verhakten sich Dornrenanken, die zu Schlingen gewachsen waren, in meinen Schuhen. Die Luft war schwer vom Duft der Blumen und Kräuter.
„Psst! Provoziert sie nicht!“, rief Calissa vom Waldrand her. Sie? Meinte sie die Frau, oder waren es mehrere Elfen? Nun war der Magier, der außem am Kreis geblieben war, der Ratlose. „Was tun wir jetzt?“, raunte er zu ihr zurück. Ich versuchte, ihren Wortwechsel aus meinem Geist zu verbannen und blickte auf meinen Weg. Die Frau tauchte wieder auf und es flüsterte erstaunlich nah und auffordernd in meiner Nähe: „Sanya bha Talar. Komm hierher.“ Nun hatte auch sie Elfisch gesprochen, aber ich bin mir noch heute nicht sicher, welchem Volk sie angehörte. Nein, ich wollte nicht dorthin gehen! Mein Wille war auf das Zwölfblatt gerichtet.
Wieder schob sich eine Wolke vor die Sonne, und das Spiel der Schatten verwirrte mich. Lag mein Ausgangspunkt noch hinter und mein Ziel vor mir? Huschte dort drüben jemand hinter den inneren Steinen vorbei – waren es doch wieder zwei Personen, die sich außer mir hier aufhielten? In diesem sicherlich magischen Heiligtum uralter Mächte schien es mir, als würden sich die Schatten der Steine allmählich bewegen, sich ausstrecken. Für die Dauer eines erschrockenen Herzschlags stockte mein Schritt, mein Blick suchte beunruhigt die Gestalt der Frau, doch ich konnte sie nicht genau erkennen. Ich blinzelte, dann wischte ich mir über die Augen, um wieder klare Sicht zu erlangen. Es half nicht. Wieder ist es mehr eine diffuse Ahnung als sicheres Wissen, was die Frau im Schilde führt, wieder ist der Versuch, sich von dem verwirrenden Zauber loszumachen, zwecklos. Doch der Schrei des Raben und die kurze Düsternis vorhin hatten mir Sicherheit versprochen! Kurzerhand schloss ich die Augen und stellte mir die Stelle vor, an der ich den äußeren Kreis aus Eiben und Steinen betreten hatte, welchen Weg ich bislang zurückgelegt hatte und wo der Zwölfblattfarn stand. Das Raunen von Bosper und Calissa verbannte ich aus meinem Bewusstsein. Dies war eine Prüfung des Geistes, der ich mich selbst stellen musste.
Mit einem stummen Gebet, in dem ich Golgari um seine Führung bat, setzte ich mit geschlossenen Augen einen Fuß vor den anderen, darauf bedacht, nicht ins Straucheln zu geraten. Der Sinn für Raum und Zeit entglitt mir. Der Wind wird zu einem Murmeln und Flüstern und sanfte Berührungen schienen mich zu streifen. Es war kein angenehmes Gefühl, all das zog wie ein Sog an meinen Sinnen… bis mich ein unvermittelter Schmerz in meinem Fuß aus dem tranceartigen Zustand und in die Gegenwart zurückriss. Meine Augenlider flogen auf und Erleichterung stand in meinem Gesicht geschrieben, als ich meinen Standort wieder klar erkennen konnte. Ich hatte mich an einem der äußeren Steine gestoßen. Die andere Frau stand ganz in meiner Nähe.
„Da bist du ja.“, lächelte sie mir zu und hielt mir ein paar Farnwedel des Zwölfblattstrauchs hin. „Sieh das gute Kraut. Es ist genug da. Es hilft gegen vieles.“ Mit einer kleinen Verbeugung, bei der ich die Fremde nicht aus den Augen ließ, nahm ich das Zwölfblatt entgegen, das sie mir entgegenstreckte.
Mit einem kurzen Blick vergewisserte ich mich, dass Bosper noch zu sehen ist. Dort, der Magier in seiner Robe war noch ein Stück weiter unten am Hang zu sehen. Mit einer Reihe an behutsamen Fragen versuchte ich mehr über die Frau, diesen Ort und den Mann, den wir kurz getroffen haben, zu erfahren, doch alles, was ich in Erfahrung bringen konnte, war, dass sie aus einem Dorf in der Nähe stammt und wohl öfters hierherkommt, um Pflanzen zu sammeln.
Sie verabschiedete sich bald, und ich pflückte soviel vom Zwölfblattstrauch, wie ich wagte, ohne die Pflanze zu beschädigen. Es wird reichen, um 10 Personen gegen die Ansteckung zu stärken.

Ein lauter Ruf ließ mich aufschrecken. Der Elf rief nach mir, ich soll kommen. War ich denn seine Bedienstete? Ich folgte dennoch. „Sanyasala Dame, wisst Ihr nicht, dass dieser Ort verboten ist.“, waren seine Worte der Begrüßung. Und dann stellte er Fragen über Fragen, ob noch jemand mit uns gekommen war, wer wir sind, was wir wollen, weshalb Gaiana nicht kommt… Mit einem Seufzer und einem weiteren Stoßgebet zur Heiligen Etilia beantwortete ich einige der Fragen des Elfen, der sich uns, oder zumindest mir, noch nicht einmal vorgestellt hatte. Unter anderem erwähnte ich die junge Kräutersammlerin und den alten Mann, der uns als erstes eingeladen hatte, den Steinkreis zu betreten. Soviel zu dem Verbot, von dem er eben sprach.
„Ein Mann und eine Frau?“, fragte er skeptisch. „Wir Fey von hier achten auf unsere Grenzen und… den Steinkreis. Wenn die Maid aus Tannhaus ist,“, damit meinte er natürlich Calissa, Gaianas Tochter, „sollte sie das eigentlich wissen. Der Kreis hat seinen eigenen Willen, voll Zerza… dunkle Geister vom Jenseits, versteht ihr? Sie zeigen Dinge, die nicht… Es lohnt nicht, das Leben für etwas Farn zu gefährden.“
Wenn der Elf wahr spricht, dann war der Ruf des Raben vielleicht das Zeichen, dass der Herr Boron mich vor dieser Todesgefahr schützt. Ich hatte diesen merkwürdigen Sog und Orientierungslosigkeit beim Betreten verspürt, doch keine Todesgefahr.
Er musterte mich wieder. „So holst du die Krankheit mit dir…“ Sein Blick fiel auf die Farne, von denen er rasch ein Blatt abpflückte und es mit nachdenklicher Mine kaute. „Es ist gut. Aber wenn es große Krankheit gibt und euer Nurdra leidet, können wir Fey guten Trank machen. Gaia weiß das.“, meinte er mit einem Unterton, den selbst ich nur schwer deuten konnte.
Das Hilfsangebot kam unerwartet, hatte er uns doch bislang nur Vorhaltungen gemacht. Calissa ging sofort darauf ein und fragte, was wir dafür tun mussten. In diesem Moment knurrte Bosper, dass wir uns zurückziehen sollten und zum Kloster aufbrechen. Mir war ebenfalls nicht nach Verweilen, aber nun schien sich in der Verhandlung mit dem Elfen endlich etwas Sinnvolles zu ergeben.
Für die Zubereitung eines Tranks, der gegen die Zorganpocken helfen solle, erklärte er, brauchte seine Sippe das Blut von Erkrankten, „Áha“ nannte er es. Um ihn oder die Seinen wiederzufinden, sollten wir einfach wieder hierherkommen und nach ihnen rufen, was wir ohnehin schon getan hätten, und er gab uns zum Abschied noch einmal den Rat, die Steine zu meiden.
Wieder mahnte Calissa zum Aufbruch und marschierte los, obschon sie trotzdem das letzte Wort mit dem Elfen haben musste. Eine Frage hatte ich jedoch noch an den Elf, denn wir mussten noch wissen, wie lange es dauerte, bis sie dieses Lied gesungen und den Trank fertig haben und wir wiederkommen sollten. „Das ist Nurdas Laune. Es mag ein oder zwei Tage sein oder schneller. Und es mag mehr oder weniger helfen…“, gab er nichtssagende Antwort. Ich selbst würde den Kranken im Tempel besser helfen können denn als Vermittlerin zu diesen Elfen im Wald.


Vorher: Eibe und Stein

Danach: Ein Mann und ein Mob

Eibe und Stein

Zielstrebig führte Calissa uns zu den versprechendsten Stellen im Wald. Schattig, aber nicht zu dunkel, feuchter Boden. Fündig wurden wir leider nicht. Unter den schattenspendenden Wipfeln erklommen wir die bewaldeten Hänge des Kosch, nur um sie mit leeren Händen auf der anderen Seite wieder hinabzusteigen. Auf dem Rücken des nächsten Hügels wieder das gleiche, und nach dem nächsten wieder: Die Herrin Peraine schickte uns keinen Fingerzeig, wo ihre Kräuter zu finden waren. Mit einem Mal sahen wir uns einer sommerlichen, sonnenbeschienenen Lichtung gegenüber. Bienen und andere Insekten summten schwerfällig über das wogende Gras, das in sanften Wellen die Bergwiese bedeckte, Schmetterlinge gaukelten von Blume zu Blume. Die Lichtung war weitläufig, der Rand war von unserem Standort nicht einzusehen. Und etwa dreißig Schritt weiter ragten zwischen alten Laubbäumen aufgerichtete Steine gegen den Himmel. Ein Steinkreis, Relikt einer ganz anderen Religion. Auch ohne die Warnung der Kräutergaia hätte ich diesen Ort gemieden. Ich blieb im Schatten des Waldrandes und blickte von Bosper zu Calissa, ob die Ortskundige die Wiese betreten würde.
Da trat hinter einer Eibe ein Mann hervor. Der bärtige Alte trug einen Stock und einen grauen Kapuzenmantel. „Zum Gruße die Herrschaften.“ schnaufte er mit leicht abwesender Miene. „Seid ihr auf der Suche? Ich sah euch herumlaufen…“ Calissa ergriff das Wort. Gut, dass sie gesprächiger war als Bosper, hier war sie am Besten als Vermittlerin geeignet. Wir seien auf der Suche nach Zwölfblatt, um die Zorganpocken einzudämmen. „Soso.“ murmelte der Unbekannte und, indem er zum Steinkreis deutete, lud er uns ein, im Schatten der Bäume nachzusehen. „Dort wächst bestimmt manch gutes Kraut, es ist ein alter Ort der Kraft. Kommt seht!“, flüsterte er wieder mit verträumter Stimme. Ein warmer Wind wehte die Düfte der Kräuter und Tannen heran. Der alte Ort strahlte seine Ruhe auf uns aus, machte uns träge. „Dort ist es gut zu rasten.“, sprach er. Und weiter: „Ich finde dort gute Kräuter. Seht: Malichfarna.“ Er zog aus seiner Tasche einen Wedel des gesuchten Zwölfblatts, auch wenn er es unter dem fremden Namen nannte. War das Elfisch? Die Sprache war mir unbekannt. „Das ist für mich.“ Wie schade. Er lächelte unbestimmt und steckte es wieder ein.
Trotz seiner einladenden Worte blieb ich auf der Hut. Auch wenn er uns mit Gelassenheit entgegen getreten war statt der erwarteten Feindschaft – die Anspannung, die mich bei seinem unverhofften Erscheinen befallen hatte, fiel langsam wieder von mir ab. Auch Calissa lehnte sein Angebot, die Wiese zu betreten, ab, da es ihr verboten sei, den heiligen Ort zu betreten. Ob man hier auch anderswo etwas finden konnte?, fragte sie.
Der Mann gab keine Erwiderung. Noch einmal forderte er uns mit seiner verträumten Stimme auf: „Kommt hinauf…“ In diesem Moment fiel mir die alte Geschichte vom Frevler ein, der vom findigen Priester über die Schwelle des Tempels gelockt wird und so die Strafe Borons selbst über sich bringt. Nein, seine lockenden Worte erschienen mir doch allzu sehr wie die Verlockung eines… nun, vielleicht nicht gerade eines Dämons, aber zumindest wie die eines doppelzüngigen Schmeichlers. Ich wusste: Verlockungen lauerten überall, und besonders gefährlich waren die, die zuerst harmlos erscheinen. Peraine vergib!, schickte ich ein stummes Stoßgebet zu der gütigen Göttin. Jetzt waren wir vielleicht nur wenige hundert Schritt vom heilenden, göttergesegneten Zwölfblatt entfernt und das heidnische Heiligtum verbat es uns, es zu betreten. Die ständige Einladung des alten Wanderers machten es noch verdächtiger und klangen in meinen Ohren eher wie eine wiederholte Warnung, diesen Ort zu betreten, als nach der Einladung, die er ausgesprochen hatte.
Da durchbrach von Ferne der Schrei eines Raben die Ruhe. Ein Wolkenfetzen tauchte Eiben, Steine und den Alten kurz in fahle Schatten, bevor das Licht wieder hervorbrach. Der Mann lächelte und sprach erneut seine Einladung aus. Fünfmal hatte er sich nun wiederholt, die heilige Zahl des Herrn! Der Rabenschrei, die Schatten waren eine Weisung Borons. Ohne länger zu zögern trat ich auf die Lichtung.
Der Mann ging schon voraus. Je näher wir kamen desto deutlicher wurde die Anordnung von einem äußeren Kreis aus hohen Eiben, die sich mit verwitterten grauen Stelen abwechselten, die mir bis zur Brust reichten. Sie umgaben einen inneren Zirkel, der aus unbehauenen Megalithen bestand. Die inneren Steine ragten jeder so hoch wie zwei Männer auf. Kräuter und Farne gediehen darin, auch scheinbar Zwölfblatt.
Boron hatte mir ein Zeichen gesandt. Ich überwand meine Scheu vor dem heidnischen Ort, gab mir einen Ruck und setzte einen Fuß vor den anderen. Langsam näherte ich mich den ersten Bäumen.