Hedwyg: Wahn

Eine Hand auf der Reling, mit der anderen stützte sie sich am hohen geschnitzten Drachenkopf ab. Hedwyg stand kurz vor ihrer offiziellen Anerkennung als vollwertiges Mitglied der seefahrenden Gemeinschaft und heute würde sie wieder ein paar Handgriffe der Seemannskunst erlernen. Über den Bug des Schiffes gelehnt ließ das junge Mädchen sich vom Fahrtwind den Atem rauben. So musste sich das Fliegen anfühlen, wenn die Seevögel mit kräftigen Schwingen in rasender Geschwindigkeit über die Wellenkämme brausten. Gischttröpfchen benetzten ihr Gesicht und ließen ihre Lippen nach Salz schmecken. Ihre Augen tränten. Über ihr knarrten die Taue, die steife Brise pfiff schneidend durch die Seile und die Wellen krachten donnernd gegen die letzten Felsen, die sie rasch hinter sich ließen. Ein Dutzend Möwen umkreiste lärmend den Mast. Ein paar Meilen noch, dann würden die Vögel wieder umkehren. So weit, wie das Drachenschiff heute noch fahren würde, entfernten sich die Tiere nie von der Küste. Das Ziel der heutigen Reise waren die nördlichsten der Inseln, die vor der Westküste des Kontinents lagen. Die Riemen des Langschiffes waren eingezogen, ein kräftiger Ost trieb sie schnell auf die offene See. Zum Glück, denn auch heranwachsende Mädchen mussten mit anpacken und fanden ihren Platz auf den Ruderbänken.

Hinter ihr brummte eine raue Männerstimme etwas, was bellendes Gelächter erntete. Die Jugendliche spürte, dass die zweifellos zotige Bemerkung ihrer Person galt und drehte sich rasch um, um den Übeltäter mit einem strengen Blick zu bedenken. Leider hatte sie die Windrichtung nicht bedacht und musste erst einmal die langen Haare aus dem Gesicht wischen. Doch der strafende Blick traf Olaf trotzdem. Der grinste nur breit zurück. „Nichts für die Ohren von kleinen Mädchen!“, rief er ihr zu. „Und pass auf, dass es dich nicht über Bord bläst!“ – was natürlich eine unnötige Warnung war. Dennoch verließ sie ihren Posten, um sich beim Steuer niederzulassen und den Erklärungen des Steuermanns zu lauschen. Wie man die Wellen las, die genaue Windrichtung bestimmte, wie man Strömungen erkannte und wie Wind und Segel, Ruder und Mannes- und Frauenkraft zusammenarbeiteten.

Am besten gefiel ihr, anhand kleinster Landmarken, am Geschmack der Gischt und am Geruch des Windes die Position des Schiffes mit erstaunlicher Sicherheit festzustellen. Sie hatte vor, eine der besten Navigatoren ihres Volkes zu werden. Ach was, die beste, der Skaldensänge und Strophen von Sagas gewidmet werden.

Der günstige Ostwind hielt, das flache Drachenschiff steuerte zügig auf die Inselgruppe zu. Es dämmerte bereits, der Horizont war noch hell vom Sonnenuntergang, während im Osten schon die ersten Sterne aufschimmerten. Als der dunkle Schatten der sich nähernden Inseln gerade zu sehen war, übernahm Akleif wieder den Ruderbalken. Das schlaksige Mädchen zeigte Geschick bei der Navigation, doch er kannte diese Gewässer so gut wie den Weg von seinem Langhaus zum Dorfplatz.

Plötzlich drehte der Wind. Eine heftige Bö fuhr in die Segel, die sich mit lautem Klatschen drehten. Sie war die Vorhut für eine Serie unsichtbarer Schläge, die der Wind gegen die Seefahrer führte, tausend Hände, die unablässig an Haaren und Kleidung zerrten und die immer schneller, immer stärker wurden. Der ferne Schemen wurde schnell größer, schneller und schneller näherte er sich, er bauschte und türmte sich auf und gab sich auch dem letzten erschrockenen Mann auf dem Schiff als dräuende Gewitterwolke zu erkennen. Sie breitete sich immer weiter aus und umfing das Schiff in einer innigen, finsteren Umarmung. Nicht genug Zeit, den Mast abzubauen, alle Mann die Segel reffen und – beten. Schlagartig wurde es Nacht. Keine Sterne mehr zu sehen. Nicht einmal mehr das andere Ende des Schiffes. Einen kurzen Moment war alles überlaut – das Tosen der Wellen, der schrille Ruf einer Matrosin, das Knallen eines losen Seils – dann beendete ein ohrenbetäubendes Donnern alle Geräusche. Es klang als hätten sich zwei urgewaltige Berge wutentbrannt aufeinander gestürzt, Berge aus Luftmassen. Gebirge aus Sturm.

Inmitten ihres Kampfes – das kleine Schiffchen mit kurzlebigen Menschenwesen darauf. Gleichgültig waren sie dem Meer und dem Orkan, der sich aus dem Nichts zwischen Himmel und Ozean auftürmte, die das zerbrechliche Spielzeug achtlos zwischen sich hin und her warfen. Der Sturm war heran.

Fallwinde stürzten sich auf das Schiff, peitschten die See empor, trieben es Wellenberge hoch und ließen es tiefe Wellentäler hinabstürzen. Die See kehrte sich nach oben, doch bald gab es kein Oben und kein Unten mehr. Sie wurden Bergkämme aus Wasser empor getrieben, nur um dem Sturz nach unten gnadenlos ausgeliefert zu sein. Das Deck hob sich wie ein bockendes Pferd, das seinen Reiter um jeden Preis abschütteln will. Die Seefahrer erfuhren Sekunden, in denen beide Füße den Boden verloren und sie nur noch hofften, wieder auf den Holzplanken aufzukommen.

Der jugendlichen Lotsin schien es, als hörte sie Stimmen inmitten des Sturms. Kreischende Feindschaft brüllte ein Tenor, wortlose grelle Schreie schwollen durch alle Tonlagen hysterisch an und ab, eine dritte Partei waren aufbrausende hohe Soprane, deren Stimmen mit schrillem Zorn und wütenden Windstößen gegen das Schiff und seine Besatzung angingen. Ein Chor naturgewaltiger Mächte, die der Wahn gepackt hatte. Kaum vernehmbar hinter dem Toben und Wüten, wenn der Lärm ein wenig abschwoll, war eine weibliche Altstimme zu hören. Sie sprach sanft und beschwichtigend, aber sie kam nicht gegen die entfesselte Raserei der anderen Stimmen an. Doch die Navigatorin hörte sie. Hörte sie und schöpfte Hoffnung. Sie rief es an, das körperlose Wesen, schrie ihm entgegen, dass niemand auf dem Schiff den Tod verdiente, dass sie alle tapfere und tüchtige Nordleute waren und sich im Kampf mit den Elementen wacker geschlagen haben. Sie war sich sicher, das Wesen hörte sie.

Und das tat es.

Vor dem abgebrochenen Zahnstummel, der dort empor ragte, wo ehemals der Mastbaum stand, kämpfte die jugendliche Lotsin darum, nicht über Bord gespült zu werden. Welle um Flutwelle schleuderte sie gegen die Reling, die wie durch ein Wunder noch nicht gebrochen war. Am Anfang hatte jeder Sturz flammende Schmerzen durch die linke Schulter und den Arm hinab geschickt, doch die geprellten Knochen machten sich mittlerweile nurmehr als kleines Stechen inmitten des größeren Kampfes gegen die feindlichen Wogen bemerkbar. Abermals erhob sich eine dunkle Wasserwand über dem Schiff. schwarz vor dem tobenden Himmel. Mit Macht warf sie sich auf das Deck, auf die Bänke, auf das Mädchen, fegte Holzsplitter wie Geschosse durch die Luft. Wie eine harte Faust schlug es auf ihre Brust und in ihr Gesicht, drückte die Luft aus ihren Lungen und füllte sie mit Wasser.

Plötzlich war alles verlangsamt. Sie schlitterte auf allen Vieren auf das klaffende Loch zu, wo eben noch die Bordwand war. Wenn sie sich doch irgendwo festhalten könnte! Ihre Hände versuchten vergebens, auf den vom kalten Wasser überspülten Planken Halt zu finden. Eine Kiste rutschte gemächlich mit ihr auf den offenen Malstrom zu, die bot auch keinen Halt… ein Fetzen Stoff, den sie zu fassen bekam, riss Zentimeter für Zentimeter in ihren Fingern.

Da! Ein Tau peitschte knapp an ihrem Arm vorbei. Aber es war der falsche, der linke, sie konnte die Finger nicht bewegen. Mit äußerster Willensanstrengung streckte sie die Hand aus. Nur noch ein kleines Stück, dann gäbe es noch Hoffnung… Nein, sie konnte die Hand nicht öffnen. Noch einmal versuchte sie es, versuchte, das Seil mit schierem Willen in ihre Hand zu zwingen, und langsam, ganz langsam kroch das Ende auf sie zu, näherte sich Stück für Stück ihrer Hand, bis sie es endlich umfassen konnte. Nein, nicht sie umfasste es, es wickelte sich wie von Geisterhand um ihr Handgelenk. Dann gewann die Welt ihre ursprüngliche Geschwindigkeit zurück. Mit einem Ruck wurde sie gegen den Mast geschleudert. Ihr Hinterkopf schlug gegen etwas Hartes und ihre Welt versank in einer schwarzen Flut.

Ihr war, als ob sie Stimmen hörte. Fast gingen sie im Rauschen des Windes unter. Mal klangen sie näher, dann entfernten sie sich wieder. Doch sie wusste, dass die Worte nicht ihr galten, denn die hallenden Stimmen redeten auch über sie. Sie sprachen von Menschen, die tapfer dem Sturm trotzten. Eine andere, kraftvolle Stimme sprach dagegen und dass der Baum, der sich dem Sturm entgegen stellte, entwurzelt werde. Nur wer sich ihm beugt, bliebe unbeschadet. Dann diskutierten sie das Einholen der Segel und die Schäden am Langboot. Die junge Seefahrerin zuckte innerlich zusammen, als sie die Auflistung hörte. Dennoch waren sie nicht hoffnungslos verloren. Sie konnten Ruder herstellen und das Schiff immer noch nach Hause bringen.

Die Stimmen entfernten sich. Eine letzte blieb, Hedwyg hörte sie in ihrer Nähe flüstern. Es schien eine weibliche Stimme zu sein, doch das war schwierig festzustellen. Sie kannte diese Stimme, sie hörte sie manchmal im Wind. Sie forderte das halbwüchsige Mädchen auf, sich zu bewegen, nicht still zu stehen. Wirble, wehe, wandere – wehe dem, der Wurzeln schlägt! Ihn wird der Wind entwurzeln, wisperten die Worte hinter Hedwygs Schläfen. Ja! Ich will mich bewegen, will frei über die Dünen jagen, dachte Hedwyg. Aber es war so schwer, auch nur mit einem Glied eines Fingers zu zucken. Schlagartig wurde die Stimme wütend: Was bist du? Kind einer freien Sippe die dorthin segelt, wohin der Wind sie trägt? Oder ein schwacher Windhauch, der sich von jedem dünnen Fensterladen aussperren lässt? Etwas bäumte sich auf in Hedwygs Brust. Sie spürte Widerwillen in sich aufsteigen. Natürlich wollte sie nicht schwach sein! Stolz und frei, das waren ihre Leitsterne.

Das drängende Gefühl in ihrer Brust ballte sich zusammen, wurde zu einem harten Klumpen. Es drückte schmerzhaft und mit einem Mal bäumte sich das Mädchen auf. Akleif nahm seine Hände von ihrer Brust, die nun wieder selbst nach Luft rang. Verschwommenes Gemurmel brandete an ihre Ohren. Die Worte konnte sie nicht verstehen, doch sie hörte die Erleichterung in den Stimmen, während sie sich auf dem nassen, kalten Sand zusammenkrümmte und minutenlang nur noch Salzwasser ausspie.

„Wa…“, krächzte sie und es klang fremd und mehr wie ein Vogelschrei als nach ihrer eigenen Stimme. „Lass gut sein“, brummte Ekleif, „bis du wieder Luft in dir hast statt Wasser. Wolltest wohl das Meer aussaufen und rausspazieren, hm?“ Sie bemerkte, dass er damit nur seine Erleichterung überspielen wollte. Später witzelte er weiter: „Versuch nächstes Mal lieber, oben zu blieben. Als Fisch unter den Wellen hat es ja nicht so gut geklappt, was.“

Sie waren auf einem kahlen Felsen gelandet. Das Drachenboot war ohne Mast und hier würden sie auch keinen Ersatz finden. Abgesehen davon, mit was sie ihn denn hätten zimmern wollen? Es war ein harter Rückweg, da ihre Ruder dezimiert und der Mast nur noch ein Stummel war, aber die Freude und Dankbarkeit darüber, dass alle überlebt hatten ließ sie pullen ohne zu murren. Auf dem Sand zerbrach Senna die Klinge ihres Langdolches und warf sie in die aufgewühlten Fluten, als Opfer an den Gottwal und die Sturmgeister.

Und Hedwyg hatte noch immer diese körperlose Stimme im Ohr, die ihr Mut und Trotz zugesprochen hatte. Wenn sie daran dachte, spürte sie unsichtbare Finger im Wind, die ihr durch das unordentliche Haar zausten. Vom Seil, das wie eine lebendige Schlange, wie von Geisterhand auf sie zu gekrochen war, erzählte sie niemandem. Wer sollte ihr schon Glauben schenken – ihr, die schon immer Stimmen im wortlosen Wispern des Windes gehört hatte? Ihren Eltern blieb aber nicht verbergen, dass etwas sie beschäftigte. Es war ihre Mutter, die es schließlich aus ihr herauskitzelte. Doch sie lachte nicht und tat es nicht als Spinnerei ab, wie es Hedwyg erwartet hätte. Nein, sie schickte Hedwyg auf eine Reise. Zusammen mit ihrem Vater, Raskir. Gemeinsam würden sie Olport besuchen.

Olport und die Halle des Windes. Die Schule für Bordmagier.

13.04.2019

Hedwyg: Traum

Das Mädchen weinte. Dicke heiße Tränen kullerten ihre Wangen hinunter, die Nase lief, das Mündchen bebte, die kleinen Fäuste waren zornig geballt. „A-aber… aber ich bin doch schon ein großes Mädchen! Das hast du selbst gesagt! Ich kann ganz alleine bis zum Felsen am Strand, und ich kann auch schon mitsegeln!“ Dass die Mutter lachte war gemein. So sorgfältig hatte sie ihren Rucksack gepackt, und sogar die Puppe hatte sie auf dem Bett liegen lassen, damit die Mutter an sie dachte, wenn sie weg war. Auf großer Fahrt mit dem Vater. Doch sie durfte nicht, und das war unfair. Schließlich hatte sie Sigun erst gestern mit der Nachbarin darüber reden hören, was für ein großes Mädchen sie doch hatte. Da hatte die Mutter sie noch gelobt, aber jetzt…

Sie wirbelte so schnell herum, dass der blonde Zopf in weitem Bogen flog und rannte los. Sollte Sigun doch so viel rufen, wie sie wollte, sie würde nicht stehen bleiben und zurück kommen. Sie nicht. Nicht Hedwyg Raskirdottir. Erst als der stechende Schmerz in der Seite zu viel wurde, verlangsamte sie ihre wilde Flucht, verschnaufte keuchend und wischte sich mit dem Handrücken Rotz und Tränen aus dem Gesicht. Das Dorf war jetzt weit genug weg, entschied sie, nun konnte sie im normalen Schritt weiterlaufen. Die Mutter wird schon sehen, dass ich gut alleine zurechtkomme! Die Füße gingen wie von selbst den altbekannten Weg, ein kurzes Stück durch den Wald, die sechs Trittsteine über den Bach und dann immer bergab bis zu den Dünen. Die Schreie der Möwen hörte sie schon von weitem. In ihren Ohren klangen sie heute besonders gemein, oder vielleicht auch traurig und enttäuscht. Das Meer hörte sich an wie immer an einem ruhigen Tag.

Sie zog sich am kantigen Strandgras auf die Düne und ließ ihren Rucksack und danach sich selbst in den Sand fallen. Die Tränen waren versiegt, die Wut brannte noch im Magen und in der Kehle. Der Vater und die ganze Gemeinschaft, so kam es ihr im Moment vor, würden diesen Nachmittag mit dem großen Drachenschiff Viksand verlassen und erst im stürmischen Spätherbst wiederkommen. Monatelang müsste sie auf alle warten! In der Zwischenzeit hätte sie bestimmt schon längst ihre letzten Milchzähne, die hinteren, verloren. Und Raskir hatte ihr versprochen, dass sie bald – bald! – mit durfte. Es war ungerecht. Der Vater hatte gesagt, dass aus ihr eine große Seefahrerin würde, aber wie sollte sie eine große Seefahrerin werden, wenn sie nicht mit den anderen zur großen Ausfahrt mit durfte?

Die Kleine warf sich mit einem schweren Seufzer auf den Rücken und ließ Handvoll um Handvoll Sand durch die Finger rinnen. Zuerst energisch und mit den Handflächen immer wieder auf den Boden schlagend, doch mit der Zeit wurden ihre Bewegungen ruhiger. Die Frühlingssonne schien zwischen schnell dahinziehenden Wolken und wärmte ihr Gesicht und die bloßen Arme. Die Möwen kreischten, der stete Wind bließ. Er wischte ihr ein paar Haarsträhnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, über die Stirn und kitzelte sie in der Nase. Na gut, dachte sie sich, schnaubte die Haare weg, rappelte sich in den Schneidersitz hoch, verschränkte die Arme vor der Brust und streckte der Welt im Allgemeinen und dem böigen Wind im Besonderen die Zunge raus. Dann ärgerst du mich heute auch noch, fiese Windsbraut. Der Wind zupfte weiter an ihren Haaren. Jetzt kitzelten sie im Nacken. Hedwyg musste wider ihren Willen lachen. Ein leises Summen begann tief in ihrer Kehle und bahnte sich seinen Weg nach oben, die Mundwinkel zuckten, ein Kichern perlte zwischen halb geöffneten Lippen hervor, bis ein freies Lachen die Dünen hinunter scholl. Sie sprang auf, breitete die Arme weit aus, hüpfte im Kreis, legte den Kopf in den Nacken und lachte, lachte, bis ihr die Tränen kamen. Der Lachanfall verebbte in einem Glucksen, das sich im Rauschen der Wellen gegen den Strand verlor. Sie hickste. Na toll, jetzt hatte sie auch noch einen Schluckauf bekommen. Das hat man davon, wenn man nicht mehr Trübsal bläst. Aber nein, es war schon besser so. Die Erwachsenen waren immer so stur, da würde sie sich schon heimlich auf das Schiff schleichen und hinter irgendwelchen Kisten verstecken müssen, als dass sie mitdurfte. Und dann wären sie alle sauer auf sie. Bestimmt so lange, bis sie selbst erwachsen war. Dann lieber doch nicht. Sie angelte nach dem Riemen des Rucksacks, zog ihn zu sich herunter und kramte nach etwas Essbarem. Zwei Dörräpfel hatte sie eingepackt, eine Zwiebel, einen Kanten Brot… da, der süße Zwieback, ganz hinten war er gelandet. Der war jetzt genau das Richtige. Während sie zufrieden kaute und sich für ihre Weitsicht, das leckere Gebäck eingepackt zu haben, lobte, hatte sie sich wieder zwischen ein paar Büscheln Gras niedergelassen.

Der Nachmittag verging, das Mädchen verfütterte das Brot an die zankenden Seevögel, genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres und schmiedete Pläne für den kommenden Sommer. Eine Woche lang die Tante besuchen, beim Schafscheren helfen, einen rotweißen Drachen bauen und ihn ganz hoch steigen lassen. Bis zu den Wolken, schwerelos im Wind tanzen… sehnsüchtig ging ihr Blick in den Himmel, wo die Brise die Wolken jagt. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Wie eine Feder, so leicht, ja, sie konnte sich gut vorstellen, wie das wäre, wie sich das anfühlen würde. Der Wind wisperte ihr unablässig ins Ohr, sie konnte die Worte nicht verstehen, doch das musste sie auch nicht. Sie wusste, was sie bedeuteten. Von der Sehnsucht und der Ferne und vom Meer erzählte ihr der Wind, von der Unrast und der Reise. Das Kind sehnte sich nach der Reise. Doch das weite Meer musste noch warten. Wenigstens ein paar Jahre noch. Solange hatte sie den Wind, der ihr von seinen Fahrten sang.

Wie eine Feder schwebte sie. Jeder Windhauch trug sie höher, das glitzernde Meer unter ihr erstreckte sich immer weiter, sie sah das Dorf wie Bauklötze auf dem Hügel hinter dem Wald. Dorthin wollte sie jetzt noch nicht zurück. Ein freundlicher Luftstrom trug sie in die andere Richtung, auf das Wasser zu. Sie hielt Ausschau, und da! Dort sah sie es, klein wie eine Nussschale schwamm das sonst so mächtige Drachenschiff auf der gekräuselten Oberfläche. Winzig wie Ameisen und genauso emsig beschäftigt wuselten die Frauen und Männer des Dorfes auf dem Schiff und am Ufer umher. Alles bereitete eifrig die baldige Abfahrt vor. Nach kurzem Umschauen fand sie den, den sie suchte: Im blauen Hemd, die alte Lederweste offen, hievte Raskir gerade ein paar Kisten von hier nach dort. Eine Bö zauste durch seinen rotblonden Pferdeschwanz und Hedwyg hätte ihm am liebsten zugerufen und wäre in seine Arme gehüpft. Aber als Feder hatte sie natürlich keine Stimme. Abrupt hob da der Vater den Kopf. Er runzelte die Brauen und drehte den Kopf von links nach rechts. Vater! wollte Hedwyg noch einmal rufen. Doch der hatte sich schon wieder seiner Arbeit zugewandt. Sie glaubte, ein warmes, wohlbekanntes Lächeln auf seinen Lippen gesehen zu haben.

Das Mädchen schlug die Augen auf. Es fröstelte, die Sonne wärmte nicht mehr und stand eine Handbreit über der Wasseroberfläche. Das Meer hatte sich zurückgezogen. Die Ebbe! Sie wollten doch mit der Ebbe auslaufen! Schnell schnappte sie sich ihren Rucksack und trabte zur Hafenbucht. Dort standen sie alle versammelt, diejenigen, die daheim bleiben würden, und die, die zur Sommerfahrt aufbrachen. Der Vater hielt gerade die Mutter im Arm, er blickte über ihre Schulter und sah sie heraneilen. Er zwinkerte ihr zu. „Na, kommst du mich noch einmal verabschieden?“ Seltsam, er betonte das „noch einmal“ so, als hätte sie das heute schon getan. Dabei hatte sie das doch bloß geträumt.

Sie drückte den Vater ganz fest und gab ihm einen dicken Abschiedskuss. An der Hand der Mutter winkten sie ihm solange nach, bis das gestreifte Segel in der Dämmerung verschwand. Der Wind wehte vom Meer, fuhr ihr durch die Haare und versprach dem Kind, ihm Botschaft vom Vater zu überbringen.

13.01.2014