Das Gleichnis der Rübenzieherin (Rahjageflüster 9)

Ein neues, zweites Gleichnis für das Rahjageflüster.

Wieder sehe ich, wie schon bei dem ersten Gleichnis, keinen Grund, eine Ü18-Warnung voranzustellen. Trotzdem mangelt es der Geschichte nicht an Erotik und Kribbeln.

Unter dem folgenden Link sind alle Geschichten, die zu dem Schlagwort ‚Rahjageflüster‚ gehören, aufgelistet.

Einst lebte in einem Land, dessen sanft geschwungene Hügel hoch im Norden liegen, eine Rübenzieherin. Alle Rübenbauern ihres Dorfes schätzten sie sehr, denn sie hatte ein besonderes Gespür dafür, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war, die Rüben von den Feldern zu holen. Sie war geschmeidig wie die biegsamen Wurzeln, die sie aus der Erde zog, und dabei auch eine kräftige Frau, denn für ihre Arbeit brauchte sie die Muskeln in ihren Schultern und in ihren Beinen und der Schweiß stand ihr oft auf der Stirn.

Früh am Morgen begann ihre Arbeit. Mit den Fingern fuhr sie durch das Kraut, das in krausen Büscheln über den Rüben wächst, und ihre Fingerspitzen wurden dann nass vom Tau.

An den Oberseiten der Rüben, die aus der Erde hervorspitzen, konnte sie sehen, ob die Rübe schon reif für die Ernte war. Das hatte sie ihre Erfahrung gelehrt, weil ja nur ein kleiner Teil der Wurzel sichtbar ist und der größte Teil verborgen liegt. Aber die Rübenzieherin hatte schon viele Rüben herausgezogen aus der Erde. Sie wusste, wann eine Rübe am dicksten und reif war, herausgezogen zu werden. Denn wenn ein Rübenzieher den rechten Moment verstreichen lässt und die Rübe in der Erde lässt, dann wird sie holzig und spröde.

Wenn sie also sah, dass das Gemüse prall und reif für die Ernte war, dann bückte sie sich hinunter, schob die Erde rund um die Knolle beiseite und legte ihre Hände an den oberen Teil, den sie freigelegt hatte. Mit viel Gefühl und Ausdauer ging sie nun vor, schloss ihre Hände um die Wurzel und rieb und zog und bearbeitete sie so lange, bis sie sie ganz aus der engen Umarmung der dunklen Erde gezogen hatte.

Manchmal geschah es wie von selbst, dass sich eine Rübe lockerte und fast mühelos in ihren Händen lag.

Manchmal hatte sie es auch mit einer besonders dicken Rübe zu tun, die fest in ihrer Furche steckte. Wenn dann der Boden feucht und weich war, ging es am einfachsten, das Prachtexemplar zum Vorschein zu bringen.

So ging sie die Äcker ab und ließ auch keinen aus. Jede Rübe besah sie sich und immer wusste sie, ob sie eine Rübe noch stecken lassen musste oder ob sie sie herausziehen konnte. Jeder Rübe schenkte die Rübenzieherin die gleiche Aufmerksamkeit und barg sie in ihrem Korb.

Am Abend brachte die gute Frau die Rüben zu den Bauern. Dann war sie erschöpft von der harten Arbeit, aber zufrieden, weil sie viele Rüben geschafft hatte. Und auch die Bauern waren zufrieden. Oft schenkte man ihr die dickste Rübe, denn die Rübenzieherin wusste wie keine andere, wann der richtige Zeitpunkt gekommen war.

Davor: Rahjageflüster 8: Romina und Julien

Weiterlesen: Rahjageflüster 10: Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon

Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger (Rahjageflüster 6)

Diese kurze Geschichte gehört zu meiner Rubrik ‚Rahjageflüster‚. Anders als die meisten Geschichten, die ich dafür schreibe, halte ich hier den Ü18-Disclaimer nicht für nötig, da es ein mehr oder minder verschlüsseltes Gleichnis ist und keine explizit beschriebene Erotik enthält.

Wiederholt habe ich gehört, dass die Anspielungen mehr Spaß machen als die anderen Geschichten. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen.

 

Das Gleichnis vom tüchtigen Pflüger

Rahjageflüster 6.

Einst lebte ein Pflüger im Süden, wo die Äcker lang und breit sind. Er war ein leidenschaftlicher Mann, der seine Arbeit mit Genuss und Hingabe verrichtete. Und er arbeitete sorgsam und ordentlich. So manches Jahr schon hatte er die Felder all der großen und kleinen Bauern beackert, hatte auf dem Besitz der reichen genauso wie bei den Hütten der armen Bauern seine Hände gerührt. Er hatte einen starken Pflug, einen unermüdlichen Ochsen und eine sichere Hand. Die Bauern schätzen ihn sehr für seine gewissenhafte Arbeit und den jungen Mädchen gefiel der glutäugige Mann, der seiner Beschäftigung all seine Hingabe schenkte.

Im Frühjahr, wenn jedes Jahr auf’s Neue die Sonne erstarkt, den Boden wärmt und das Wasser aus seiner Erstarrung weckt und wieder zum Fließen bringt, da zog es ihn hinaus auf die Felder zu seiner Arbeit.

Er spannte den kräftigen Ochsen vor den Pflug und der setzte sich langsam in Bewegung. Schritt um Schritt, ganz gemächlich, begann er den Boden zu bearbeiten. Früh am Morgen war die Erde noch feucht vom Tau. Die harte Spitze des Pfluges drang tiefer in das dunkle Erdreich ein, bis der Pflug weit genug eingedrungen war. Es bedarf einer starken und sicheren Hand, einen gleichmäßigen Druck nach unten auszuüben, denn der Pflug liegt nicht starr und steif in der Erde – er muss sich immer  mit seinem Untergrund bewegen.

Furche um Furche beackerte er mit der Pflugschar und bereitete so den Boden. Er hatte eine schier nicht enden wollende Ausdauer. Wenn er aber irgendwann genug geackert hatte, legte er sich von seiner ehrlichen Arbeit redlich erschöpft in das junge Gras um auszuruhen.

Der Pflüger brachte Segen in die Häuser der Bauern. Im Herbst trugen die Felder, die er gepflügt hatte, reiche Ernte und nicht selten waren auch die Mägde und Bäuerinnen mit Nachwuchs gesegnet. Denn der tüchtige Mann liebte es nicht, die Hände in seinen Schoß zu legen. Und wer sich ein gutes Beispiel an dem Pflüger nimmt, dem wird der Dank und die Liebe seiner Mitmenschen sicher sein und der himmlische Lohn wird ihm als reicher Segen gespendet werden.

 

Davor: Rahjageflüster 5: Donnernde Leidenschaft

Weiterlesen: Rahjageflüster 7: Der Lindwurm

 

Wer Lust auf mehr Gleichnisse bekommen hat: Es gibt ein zweites Gleichnis, Rahjageflüster 9: Das Gleichnis der Rübenzieherin.