Die Bruderschaft

Wie ein Gongschlag klingt die Frage in Noionas Kopf wider: Wo ist Gorm? Ihr schlechtes Gewissen, das sie mühsam unterdrückt hat, seit sie im Unklaren und Warten gelasssen wurde, meldet sich sofort wieder. Sein intensiver Blick wird ihr unangenehm, genau aus diesem Grund, und sie zwingt sich, ihn dennoch zu erwidern.

„Eine Gruppe Boronis ist unten in der Krypta“, sagt sie zögerlich. „Sie wollten alleine mit ihm… reden. Morlinde ist… zu Boron gegangen.“ Die Geweihte schlägt ohne nachzudenken ein Boronrad vor der Brust. „Wer sind sie?“

Noiona ist nur das Kloster Garrensand bekannt und Golgariten sind es nicht. Gut möglich, dass sie von einer kleineren Abtei einfach noch nicht gehört hat, da sie im Schatten Garrensands nicht so bedeutend ist.


Der Torfstecher nimmt seine Mütze ab und senkt den Kopf, entlässt Noiona damit endlich aus seinem Blick und murmelt,

„Möge ihr die Ruhe Borons beschieden sein.“

Er schlägt wie die Geweihte das Rad vor der Brust und verharrt für einen Moment in stillem Gedenken. Doch die Dringlichkeit, die hinter seiner Frage nach dem Jungen stand, verschafft sich schnell wieder die Oberhand über die Andacht und erneut heftet sich sein Blick auf sie.

„Gorm ist in der Krypta?“

Unausgesprochen, aber überdeutlich in seinen Augen zu lesen, steht der Vorwurf zwischen ihnen: Warum seid Ihr nicht bei ihm?
Erst nach einem weiteren langen Schweigen scheint ihre Frage nach den unbekannten Boron-Geweihten den Weg in seinen Geist zu finden.

„Boron-Geweihte? Vielleicht sind es Brüder vom Orden der Zorkabiner. Sie haben ihren Sitz im Kloster Trolleck weit oben in den Bergen, heißt es. Doch einmal jeden Götterlauf pilgern sie nach Moorbrück, um den Tag des Martyriums ihres Ordensgründers und seines Mitstreiters, des Heiligen Kalmund zu begehen. Man sieht sie jedoch niemals gemeinsam mit ihren Brüdern und Schwestern vom Orden des Heiligen Golgari an der Prozession der Gläubigen teilnehmen. Sie erscheinen in der Nacht, weshalb Keiner sie je von Nahem gesehen hat. Man sagt von ihnen, sie wüssten, wenn jemand zu Boron gegangen ist, würden den Tod riechen wie…“

Er verstummt, knautscht unbehaglich die Mütze in den Händen.

„Aber nach allem was ich weiß, kamen sie noch nie zu einem Toten aus dem Dorf.“


Herrboron, sie hat doch noch nie auf ein Kind aufpassen müssen! Ungeduld mischt sich in den Blick, mit dem die Albino Gernots durchdringende Musterung erwidert. Seinen Ausführungen zu diesem boronischen Orden lauscht sie dennoch ganz interessiert. ‚Zorkabiner‘? Der Name ist ihr nicht geläufig, es könnte die Bezeichnung einer mehr oder minder häretischen Sekte sein oder einer anerkannten Absplitterung der Hauptkirche. Sie weiß es nicht.

Wenn sie den Heiligen Kalmun ehren, scheint es sich bei ihnen schon einmal nicht um die stereotypen „Ketzer“ im punin’schen Sinne – um Anhänger der al’anfanischen Glaubensrichtung – zu handeln.

„Ich gehe hinunter.“ Ihr schlechtes Gewissen Gorm gegenüber, dass sie ihn alleine mit den fremden Männern gelassen hat, und der strenge Blick des Torfstechers geben die Motivation und den Anstoß für ihre Entscheidung.


Die Verunsicherung in der Miene des Torfstechers, ob er vielleicht zu weit gegangen ist, weicht offensichtlicher Erleichterung. Er nickt.

„Danke, Euer Gnaden.“

Um nach einem kurzen Zögern hinzuzufügen,

„Ich werde hier warten… oder soll ich Euch begleiten?“

Ob ihm das Eine oder das Andere lieber wäre, ist weder der Frage noch seinem Blick zu entnehmen.


„Bleib“, entgegnet Noiona einsilbig und bestimmt. Innerlich ist sie jedoch unsicher, sie fühlt sich unterlegen angesichts dieses unbekannten Ordens und ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit. Überdies verunsichert es sie, dass es nur Männer waren und die Strenge in ihren Blicken…

Sie bangt um Gorm.

Abrupt dreht sie sich von Gernot weg und entzündet ihre Laterne an dem kleinen Feuer, das sie im Inneren, im Kamin, in Gang gesetzt hat. Mit einem grimmigen Nicken geht sie dann an dem großen Torfstecher vorbei und setzt Schritt um Schritt zum Eingang der Krypta. Dort verweilt sie einen Augenblick und lauscht.

Und egal, was sie hört, sie geht nach unten.


„Paenitet!“

hört Noiona, und wieder,

„Paenitet!“

Und eine einzelne Stimme antwortet,

„Confiteor Deo Boron omnipotenti et vobis, fratres, quia peccavi nimis…“

„Paenitet!“

„…cogitatione, verbo, opere et omissione“

„Paenitet!“

„…Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.“

„Paenitet peccatum tuum!“

„Ideo precor Duodecim
Ideo precor Dominus Boron
Et omnes sancti
Et vos, fratres,
Orare pro me ad Dominum Deum nostrum.“

Der Bußfertige kniet mit gesenktem Kopf, während die restlichen Zorkabiner und Gorm einen Halbkreis um ihn bilden, in dessen Zentrum der Greis wie der Himmlische Richter selbst auf den Sünder herabschaut.

„Paenitet peccatum tuum!“

‚Paenitet peccatum tuum!‘ wirft das Gewölbe die Anklage vielstimmig zurück.

„…Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa
Miserere Domine, eleison
Quia peccavi tibi
Parce mihi.“

wiederholt der Mann auf dem Boden wieder und wieder und schlägt sich mit den Fäusten auf die Brust. Am Ende ist seine Bitte nur noch ein Flüstern.

Wie bei ihrem ersten Betreten des Tempels nimmt niemand Notiz von der Geweihten, doch dann, als habe er Noionas Gegenwart gespürt, wendet Gorm die Augen ab von dem reumütigen Sünder zu seinen Füßen und sieht sie an. In seinem Blick stehen Verwirrung und Furcht.

„Quin peccetis! Paenitet!“

donnert die Stimme des Greises. Der Beschuldigte duckt sich unter ihrer Macht wie unter einem Hieb.

„So höre, Eidbrecher. Es ist dir nicht länger erlaubt, den Habit zu tragen, denn du bist nicht länger Teil unserer Bruderschaft. Du wirst uns noch heute verlassen. Doch Boron in Seiner unendlichen Gnade hat uns diesen Jungen geschickt, der Fleisch ist von deinem Fleisch und dem Fleisch dieser Sünderin. Er wird deinen Platz einnehmen und IHM dienen. Er wird für die Vergebung deiner und der Sünden dieses Weibes beten so lange er lebt. Dir aber lege ich ewiges Schweigen auf. Möge der Herr Boron deiner Seele gnädig sein.“

Wimmernd sinkt der Verurteilte zusammen, während Gorms nun vor Entsetzen weit aufgerissene Augen Noiona stumm um Hilfe anflehen.


Noionas Füße fliegen über die Stufen, schnell, schnell hinab. In ihrer Vorstellung ist es Gorm, der arme Junge, der in der lichtlosen, kalten Krypta mit den rituellen Schuldzuweisungen überhäuft wird. Unten angekommentritt sie leise auf und erfasst die düstere Szenerie. Mitleid mit dem ausgestoßenen Glaubensbruder flutet durch ihre Brust. Doch sie hat kein Recht, sich gegen die Regel dieses Ordens auszusprechen.

Und der Greis, so einschüchternd die Aura auch ist, die ihn umgibt, hat kein Recht, über Gorms Leben zu verfügen.

Sie tritt nach vorne, wie sie bei einer Predigt im Tempel vor die versammelte Gemeinde auf die Kanzel treten würde, und nimmt sich das Recht, zu sprechen, heraus.

„Schwester Noiona Marbonna ist mein Name. Ich bin geweihte Jungfrau im Orden der Heiligen Noiona, Ehrwürden.“ Noiona macht einen tiefen Knicks zu dem Mann, von dem sie annimmt, dass er der Prior dieser Gemeinschaft ist, und neigt ihr Haupt vor ihm. „Der Knabe ist unter meinen Fittichen, ehrwürdiger Vater. Er reist mit mir gen Punin, hin zum Tempel des Gebrochenen Rades.“


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Danach: Disput

St. Kalmuns Grab

Noiona wandert durch den Schnee und über den stillen Boronanger. Ihre nasskalten Füße beginnen, sie zu stören… bis sie um das Geäst einer winterkahlen Hecke biegt, in der ein paar dunkle, erfrorene Hagebutten hängen. Der Grabstein misst bestimmt über zwei Schritt und zieht alleine mit seiner schieren Größe, die alle umstehenden Steine weit überragt, ihren Blick auf sich. Darüber hinaus glänzt er unter der weißen Schneehaube in sattem Schwarz. Die goldenen Lettern bestätigen es ihr: Sie hat ihn – seine Ruhestätte – gefunden!

„Hier ruht in Boron“ und in Ewigkeit der Heilige Kalmun – Patron derer, die gegen Häresie angehen und Irrglauben bekämpfen, und Schutzpatron des alten Puniner Ritus‘ der Boronkirche – der sich der ‚wahre‘ Kult nennt – und des Koschs. Unter der Gedenkschrift steht eine Warnung oder Abschreckung. „Weiche, du Wesen des Abgrunds!“ Der Heilige Kalmun hatte zu seiner Zeit im Kampf gegen die Sekte der Visaristen sein Leben hingegeben. Aber ob diese Sektenanhänger es auch sind, die hier als „Wesen des Abgrunds“ bezeichnet werden? Das klingt in ihren Ohren nicht ganz passend. Vielmehr wärde diese Bezeichnung auf ein unheiliges, gar niederhöllisches Wesen zugeschnitten.

Mit leisem Kopfschütteln wendet sie ihren Blick wieder nach oben und betrachtet mit Bewunderung in den Augen die kunstfertigen Bildnisse und Verzierungen. Ein ehrfürchtiger Schauer rieselt wie Schneegestöber durch den Körper der blassen Frau. „Preiset den Raben.“, flüstert sie. Noiona ist angekommen – sie hat die zweite Station ihrer Pilgerreise in den Norden erreicht. Nun will sie ihm ihre Referenz erweisen.

Die geweihte Ordensschwester macht sich mit Zunderbüchse und Räucherkohle zu schaffen und gibt kurz darauf ein paar goldgelbe Krümel Weihrauch und getrocknete Lavendelblüten auf das glimmende Kohlestück. Sie pickt die schwarze Rabenfeder vom Boden auf und fächert den Rauch zum Himmel.

„Hüter der Seelen, König der Totenhallen“, betet sie leise. Ihre Worte reichen kaum weiter als bis zur Spitze der Feder in ihrer Hand. „Hier ruht ein heiliger Märtyrer, der Dir im Leben und im Tod gedient hat. Sein Andenken ist nicht vergessen. Sein Name und seine Taten haben die Jahrhunderte überdauert, damit sie uns als Beispiel dienen.“

Ein schönes Grabmal, eine Heiligenlegende, ein Name unter den wenigen Heiligen Borons. Ob er es geahnt hat, welche Ehre ihm zuteil wird? Oder, dass er in diesem letzten Kampf, den er gefochten hat, zu Boron gehen wird? Noiona versucht, es sich vorzustellen: Das Kloster in seiner vergangenen Pracht, ein voll besetzter Konvent. Ein anderer Orden, der auftaucht und predigt und Anhänger um sich schart. …Sie fragt sich, wie es ihr später ergehen wird, wenn sie den Al’Anfaner Kult kennenlernen will. Schließlich gilt der Kult des Südens als kaum etwas bessers als eine abtrünnige Sekte.


Eine dünne, nach Weihrauch und Lavendel duftende Rauchfahne steigt von dem Opfergefäß auf und löst sich unter ihren fächelnden Händen in nichts auf. Ob ihre Worte Alveran erreichen, ob der stille Gott ihr Gebet hören kann? Oder verlieren auch sie sich wie ihr Atem in der winterkalten Luft?

Es ist still. Kein Knacken eines Astes oder das Knirschen von Schnee verrät die Anwesenheit eines Lebewesens, nicht einmal der Rabe, der in der Ruine zurückgeblieben ist, gibt einen Laut von sich. Um sie herrscht Stille. Totenstille.


Noiona steckt die Feder neben der Schale in den Schnee. Schon vor der Morgendämmerung waren sie aufgebrochen, Schwester Elìn, Gwynna, Jadwige, Gorm und sie. So langsam hat sie genug von der Kälte. Sie verneigt sich zum Abschied vor dem Grabmal und kehrt in dem Weg, den ihre eigenen Spuren vorgezeichnet haben, in das eingestürzte Häuschen zurück. Dort ist sie wenigstens vor dem Wind geschützt und kann mit Blick auf den Aufgang der Krypta abwarten, dass die Boronis mit Gorm auftauchen.


Aus der Krypta ist nicht das leiseste Geräusch zu vernehmen. Der Rabe ist verschwunden, was das Gefühl von Einsamkeit und Stille um Noiona herum nur noch intensiver werden lässt. Die blasse Winterpraiosscheibe wandert unendlich langsam in flachem Bogen über das Moor. Selbst jetzt ist ihr Licht kaum stark genug, um die Mauern und den Baum in der Mitte des Gevierts einen Schatten werfen zu lassen, und auch Wärme spendet sie nicht.

Es muss schon fast Mittag sein, als von jenseits des Torbogens schwere Schritte zu hören sind. Wenig später taucht über den Steinquadern eine dunkle Gestalt auf. Es ist Gernot. Eine Kiepe aus Weidengeflecht ragt über seine Schultern hinaus und lässt ihn noch größer erscheinen.
Im Innenhof angelangt verharrt er für einen Moment in der Nähe des eingewachsenen Boronrades und sieht sich um. Als er die Geweihte im Schutz der Ruine entdeckt, neigt er den Kopf wie zum Gruß und stapft nach einem fast unmerklichen Zögern mit bedächtigen Schritten auf sie zu.

Etwa zwei Schritt vor ihr bleibt er erneut stehen, scheint unsicher zu sein, ob es ihm gestattet ist, näher zu treten. Er vermeidet es, sie anzusehen, ob aus Respekt oder aus Scheu vor der seltsam blassen Frau ist kaum zu sagen. Stattdessen fliegt sein Blick an ihr vorbei auf das Innere der Ruine, und heftet sich, als er nicht findet was er sucht, wieder auf seine Füße.


Die Kälte betäubt Noionas Zehen, dann die Füße, die Finger und dann ihre Hände, während sie vor dem Kamin des verfallenen Hauses mit klammen Händen mit ihrer Zunderdose hantiert und sich müht, ein Fünkchen auf den Zunderschwamm und auf ein paar schneefeuchte Zweige zu schlagen. Irgendwann bringt sie ein qualmendes Feuer zustande, das mehr Rauch als Wärme unter dem eingestürzten Dach verbreitet. Sie hustet und wedelt mit den Händen und klemmt sich schließlich an dem Punkt, wo sich der Qualm und die Kälte von draußen die Waage halten, die Hände unter die Achseln.

Gernots Anblick lässt sie aus ihrer Starre hochschrecken. Sie blickt ihm beim Näherkommen entgegen und gibt sich dabei keine große Mühe, ihm ihre Freude zu verhehlen. „Gernot. Es ist gut, Dich zu sehen“, spricht sie ihn an und erlöst ihn von seiner Scheu. Sie hat auch seinen suchenden Blick in das Innere des Hauses bemerkt, aber zunächst erkundigt sie sich nach den beiden alten Frauen, die sie im Morgengrauen hierher begleitet haben: „Wie geht es Jadwiga und Gwynna?“


Bisher hat Noiona den Torfstecher nur im Dunkeln gesehen, im Licht einer Fackel oder einer Öllampe, er war ihr höchstens durch seine Größe und offensichtliche Stärke aufgefallen. Als der Mann nun, da sie ihn angesprochen hat, es wagt, den Kopf zu heben und ihren Blick zu erwidern, sieht sie in ein wettergegerbtes Gesicht, dessen beherrschendstes Merkmal die Augen sind. Sie weiß nicht, welche Farbe sie haben, es könnte ein tiefes Blau sein oder aber auch ein Smaragdgrün. Das auffälligste an ihnen ist das intensive Strahlen, das von ihnen ausgeht und von den zahlreichen Falten, die sich in die Haut darum herum eingegraben haben, noch verstärkt wird. Augen, die es gewöhnt sind, in die Weite zu sehen.

Eine Weile sagt der Torfstecher nichts, vielleicht legt er sich die Worte zurecht, vielleicht starrt er sie auch nur an, weil er die blasse Frau zum ersten Mal bei Tageslicht erblickt.

„Es geht ihr…“

Er senkt den Blick wieder auf seine Schuhe, als hätte er bemerkt, dass es unschicklich ist, eine Geweihte derart unverhohlen zu mustern.

„Gwynna… es geht ihr nicht gut. Sie hat es mit letzter Kraft bis zu Erìns Hütte geschafft. Doch dann… Jadwiga und Erìn kümmern sich um sie, doch es geht mit ihr zu Ende.“

Seine Stiefel scharren im Schnee und auch die Hände wollen keine Ruhe geben.

„Der Junge“,

bricht es schließlich aus ihm heraus, und wieder richtet sich der seltsam intensive Blick des Mannes auf Noiona, hält den ihren nun unbarmherzig fest.

„Wo ist Gorm?“


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Danach: Die Bruderschaft

Borons Wille

Für die Dauer eines Wimpernschlages scheint selbst Satinav den Atem anzuhalten; keiner der Menschen, die um die Bahre stehen rührt sich. Noiona fühlt die mageren Schultern des Jungen unter ihren Händen. Kein Zittern, nur eisige Starre, als habe Firuns kalter Hauch ihn getroffen und in eine Statue verwandelt.

Doch die Zeit verweilt niemals. Vielleicht dehnt sie manchmal einen Augenblick, bis er uns unendlich erscheint, oder sie lässt ihn schrumpfen und er vergeht, bevor wir ihn überhaupt wahrgenommen haben, aber sie steht nicht still.

Der Novize kniet neben dem Ohnmächtigen, redet flüsternd auf ihn ein, schaut sich schließlich Hilfe suchend um, als der Mann am Boden nicht reagiert. Die beiden Mönche, die auf der anderen Seite der Bahre standen, erwachen aus ihrer Erstarrung, eilen um den Tisch herum und hinter Noiona und dem Jungen vorbei, um ihrem Mitbruder beizustehen. Der Greis, der der Geweihten und ihrem Schützling gegenüber steht, bewegt sich kaum, hebt nur leicht den Kopf.

Noiona kann nun das Antlitz des Mannes erkennen, auf dem jahrelange Askese tiefe Spuren hinterlassen hat. Kein Fleisch füllt die hohlen Wangen, deren Knochen unter Haut wie Pergament spitz hervorstechen, zwei strenge Falten begrenzen einen harten Mund, die Augen unter der hohen Stirn liegen in tiefen, von dunklen Schatten umgebenen Höhlen und erwecken den Eindruck tiefer Brunnen. Wenn dieser Mensch jemals Gefühle gezeigt, ja vielleicht sogar gelacht oder geweint haben sollte, so muss das in einem anderen, unendlich fernen Leben gewesen sein.
Stumm mustert er den Verursacher des Aufruhrs und dann seine Beschützerin, macht unvermittelt eine herrische Bewegung, die ihr und nur ihr bedeutet: Geh!


Die Priesterin erkennt, dass sie es möglicherweise an Respekt hat mangeln lassen. Sie drückt Gorm die Schulter, denn ihr fällt gar nicht ein, dem Befehl des alten Asketen nicht zu folgen.

Um ihr mutwilliges Verfehlen wiedergutzumachen, sinkt sie in einen tiefen Knicks, schenkt Gorm einen langen Blick und wendet sich dann ab. Mit schwebenden Schritten verlässt sie das Gewölbe. Ihr Blick ist auf den Schein ihrer Laterne gerichtet, aber ihre Ohren lauschen auf jedes Geräusch hinter ihr.

Die Treppe nach oben. Die Luft wird frischer.

Wieder ins Freie. Ein Blick an den Himmel.

Was werden sie mit ihm tun? War es richtig, ihn alleine zu lassen? Woher kommen diese Männer? Niemand hat mir gegenüber ein existierendes Boronkloster in dieser Gegend erwähnt, nicht einmal Schwester Elìn.


Inzwischen ist es hell geworden, wenn man von Helligkeit sprechen kann an diesem düsteren Wintertag. Der Himmel ist verhangen und die noch tief stehende Praiosscheibe hinter grauen Wolken verborgen.

Noiona steht inmitten der teils eingestürzten Mauern des Gevierts, sieht die Eiche und das geborstene Boronsrad in der Nähe des Tors. In eine Ecke des Gevierts schmiegt sich ein Haus, dessen Dach eingestürzt ist und an dessen Mauern sich Efeu klammert. Dort, wo die Ranken einen Riss im Gemäuer gefunden haben, sind sie eingedrungen, haben sich des Innern bemächtigt und im Lauf der Jahre der Wildnis zurückgegeben.

Gegenüber lehnen sich die Reste eines aus Holz gebauten Schuppens oder Stalls an die Mauer. Die Tür hängt schief in den Angeln und ein in der Öffnung gespanntes Spinnennetz, in dem sich uralter Staub gefangen hat zeugt davon, dass hier schon lange weder Mensch noch Tier hinein oder hinaus gegangen sind.

Das Tor, durch das sie und Gorm getreten sind, und das nun, im Tageslicht, weit weniger beeindruckend wirkt als im Schein ihrer Laterne, ist nicht der einzige Zugang in die Klosteranlage. Eine breite Bresche befindet sich in der rückwärtigen Mauer, die von irgendjemandem nur notdürftig durch ein paar trockene Äste verschlossen wurde, und die Noiona einen Blick nach draußen auf einen kleinen Boronanger erlaubt.

Dieses Kloster war niemals wichtig. Nicht für die Welt außerhalb dieses Ortes. Aber vielleicht für eine Frau, die hier Zuflucht gefunden hatte.

Stille umgibt sie. Aus dem unterirdischen Gewölbe dringt kein Geräusch zu ihr herauf, und die Natur um sie herum scheint wie eingefroren. Die Zeit dehnt sich ins Unermessliche.


Noiona haucht in ihre Hände und blickt kurz dem weißen Dampf hinterher, der sich in der kalten Winterluft auflöst. Beim Umherblicken zieht das Haus ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie beschließt, sich abzulenken, schlägt den Weg durch den Schnee zu dem efeuüberwucherten Gebäude ein und drückt die Klinke herunter.


Sie versucht die Tür zu öffnen, spürt einen Widerstand, der unvermittelt nachgibt, als sie etwas fester gegen die Tür drückt. Etwas fällt dicht neben ihren Füßen in den Schnee. Es ist ein Ziegel, der wohl nur noch lose auf einem der morschen Sparren lag, die über ihr ins Nichts ragen. Das Dach ist eingestürzt, der alte Firstbalken versperrt ihr den Weg. Der Rest eines Kamins ragt wie ein abgebrochener Zahn in den schneeschweren Himmel, der Herd darunter hat schon lange kein Feuer mehr gesehen. Der Efeu hat das Haus für sich beansprucht und scheint das einzig Lebendige hier zu sein.

Doch dann bemerkt sie, dass sie sich getäuscht hat. Auf einem der letzten verbliebenen Dachbalken hockt unbeweglich ein Rabe und schaut auf sie herab.


Erschrocken fährt Noiona zusammen, als knapp neben ihr unvermittelt etwas Schweres herabfällt und sich mit einem dumpfen Geräusch und mit Schwung in den Schnee gräbt. Ein Ziegel! Ihr Herz rast hinter ihren Rippen wie ein scheues Pferd in der Umzäunung, noch bis sie in die Ruhe und das Dämmerlicht des eingesunkenen Hauses tritt und sich umsieht.

Umständlich klettert sie um den eingestürzten Balken. So kann sie einen Blick auf den zähen Efeu werfen, die rußige und lange erkaltete Herdstelle und…

„Oh, hallo du Hübscher.“, sagt sie leise zu dem schwarzen Vogel. „Mal sehen, ob ich etwas für dich finde…“ Ihr Murmeln geht im Stöbern durch ihre Taschen unter, auf der Suche nach ein paar Krümeln, die sie ihm geben kann. Als Wiedergutmachung, dass sie seine Ruhe gestört hat.


Der Rabe trippelt auf seinem hohen Sitz ein paar Schritte zur Seite, reckt neugierig den Hals, legt dabei den Kopf ein wenig schief, trippelt wieder zurück. Kurz darauf landet er etwa einen Schritt weit von ihr entfernt im Schnee, nähert sich Noiona mit diesem typisch wiegenden Schritt, der diesen Vögeln eigen ist. Er pickt die wenigen Krümel, die sie in ihren Taschen gefunden und ihm hingestreut hat, eher höflich als hungrig aus dem Schnee.
Nach einer Weile scheint er der Scharade überdrüssig zu sein, kehrt wieder zurück auf den Balken und beginnt sich angelegentlich zu putzen.


Ein blasses Lächeln erhellt Noionas Züge, als der Rabe wieder an seinen Platz zurückfliegt. Viel mehr scheint es hier nicht zu entdecken zu geben, also bewegt sie sich wieder zur Türe und fragt sich dabei, ob Schwester Moorlinde immer noch hier gelebt hat, in dieser geborstenen Ruine? Aber sie hätte keinen Winter überlebt. Hat sie unten in der Krypta gewohnt? Und wer hat sie versorgt? Gernot? Wie viele fromme Leute gab es hier wohl, die in ihr eine Götterdienerin und nicht bloß eine arme Irre sehen… gesehen haben?

In der offenen Türe legt Noiona den Kopf nach hinten und blickt in den hellgrauen Himmel. Ihr kann sie diese Fragen nicht mehr stellen. …Was Elìn, Jadwiga und Gwynna nun tun? Und Gorm? Wie mag es ihm ergehen?

Die Fragen treiben Noiona wieder dazu, sich zu bewegen und sie wandert zu der Bresche in der Mauer, um den Boronanger zu betreten.


Als sie über die trockenen Äste steigt, die die Lücke nur notdürftig verschließen, verheddert sich ihr Umhang in langen Brombeerranken. Fast scheint es, als wollten sie die Geweihte davon abhalten, den Boronanger zu betreten, doch mit etwas Geduld gelingt es Noiona schließlich sich aus ihrem Griff zu befreien, nur um sogleich bis zu den Knien in einer Schneewehe zu versinken. Sie spürt, wie der Schnee einen Weg in ihre Stiefel findet und dort zu schmelzen beginnt. Schon fühlt sie die feuchte Kälte an ihren Füßen.

Niemand, auch keiner der Männer in der Gruft, scheint in den letzten Stunden den Boronanger betreten zu haben, die weiße Fläche dehnt sich von Menschenspuren unberührt vor ihr aus. Umso mehr Tierspuren kann sie entdecken, die überall zwischen den Grabsteinen verlaufen, sich kreuzen und wieder auseinander streben, um sich irgendwo in der Ferne zu verlieren.
Obwohl dieser Ort gänzlich verlassen wirkt, ist offensichtlich, dass irgendjemand sich große Mühe gegeben hat, die Gräber vor dem völligen Verfall zu retten. Ein paar der Steine sind zwar im Lauf der Jahrhunderte zur Seite gesunken, doch bei den meisten ist es zumindest gelungen, sie von den üppig wuchernden Brombeer- und Efeuranken freizuhalten, die im Inneren der Klostermauern allgegenwärtig waren. Verwitterte Inschriften wurden sorgfältig von Moos befreit, wohl in der Hoffnung, sie dem Vergessen zu entreißen.


Noiona brummelt missmutig, als der Schnee in ihre Schuhe dringt und sich sogleich eine kalte Pfütze zwischen ihren Fuß- und Schohsohlen ausbreitet. Naja, es ist nicht mehr zu ändern. Stattdessen lenkt sie ihre Aufmerksamkeit auf das, was sie sieht: Die Schönheit der nahezu makellosen Schneedecke. Die Spuren der kleinen und größeren Tiere; auf Pfoten, Krallen und Hufen unterwegs. Die Inschriften auf den nächsten Grsbsteinen, die sie zu entziffern versucht. Der Blick auf das winterliche Moor und auf die überwucherten und verschneiten Klostermauern.

Hätte Boron sie nicht gerufen… dann hätte sie sich am ehesten der milden Ifirn zugewandt.


Schon beim nächsten Schritt sinkt sie wieder ein, kann sich gerade noch an dem ihr nächsten Grabstein festhalten, der etwas windschief aus dem Schnee ragt. Die Inschrift darauf ist schmucklos, ‚Jette Linneweber‘ steht da, darunter ‚Treues Weib und liebende Mutter‘ und ‚Ruhe in Borons Frieden‘, dazu eine mit einem Boronsrad versehene Jahreszahl, 871. Kein Jahr ihrer Geburt, kein Tsatag. Direkt daneben steht ein weiterer Stein, dieser in Form eines Boronsrades. ‚Jost Brohm, Steinhauer, 820 – 888 BF‘ verraten die mit großer Sorgfalt eingemeißelten Buchstaben.
Von Stein zu Stein geht sie, und jeder erzählt die Geschichte eines Einwohners dieses Dorfes. ‚Savertin Rodiak, viel zu früh von uns gegangen‘, Maline, einziges Kind von Leta und Elbrecht Kleiber, gestorben im Jahr der Blauen Keuche. Die untröstlichen Eltern‘. ‚Hitta Lowanger, Hebamme, möge Tsa sich ihrer annehmen‘, ‚Zum Gedenken an Immo Schultheiß, den das Moor nicht mehr hergab‘. Manches Mal hat der Zahn der Zeit die Schrift fast vollständig verschwinden lassen, sodass Noiona nur raten kann, wer dort wohl begraben liegen mag. Manche mögen noch aus der Zeit stammen, als das Dorf noch Farnhain hieß, andere sind nur wenige Jahre alt, doch sie alle legen Zeugnis ab von der Frömmigkeit und Bescheidenheit der Menschen hier.
Nur ein einziges Grab unterscheidet sich von den einfachen Ruhestätten der Dorfbewohner. Eine übermannshohe, vom geflügelten Rad der Golgariten gekrönte Platte aus glänzendem schwarzem Stein ragt über Noiona auf. Darauf befindet sich eine goldene Inschrift:

Hier ruht in Boron
Der Heilige und Märtyrer
Kalmun Breckenbart
Gründer des Klosters Trolleck
Unermüdlicher Kämpfer gegen die Häresie
Gefallen im Jahre 1014 BF

Möge der ewig währende Flug unseres Herrn Boron einen jeden seiner Schritte begleiten

Verschlungene Ornamente aus seltsamen Symbolen und Schädeln bilden ein kunstvolles Fries, und darunter folgt eine weitere Inschrift:

Weiche, du Wesen des Abgrunds!
Dich werden wir jagen um deinen Frevel zu tilgen von diesem Ort
Damit nichts beschmutze das Auge Borons.
Preiset den Raben!

Auf den aus zwei Stufen bestehenden Sockel hat jemand eine kleine Schale gestellt, die wohl zum Verbrennen von Weihrauch diente. Sie ist leer. Daneben liegt eine Rabenfeder im Schnee.


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Von Raben und Krähen

Mein LARP-Charakter Schwester Lydia hat auf der ersten LARP-Veranstaltung, während der ich in diese Rolle geschlüpft bin – auf dem Heerlager zu Lauf 2016 – einen Glaubensbruder kennengelernt. Er gehört derselben Kirche, aber einem anderen Orden an, der kämpferisch ausgerichtet ist. Sein Name ist Tassilo. Er ist kein Kämpfer, sondern Kämmerer in seinem Orden. Mein Charakter widmet sich insbesondere der Traumdeutung und der Seelsorge.

Bei einem Gespräch waren wir uns uneins. Er vertrat die Meinung, dass Raben und Krähen unterschiedliche Tiere seien. Ich stütze mich hingegen auf die taxonomische Einordnung, nach der nur die Größe für die unterschiedliche Bezeichnung ausschlaggebend ist, aber die Art dieselbe ist.

Ich konnte ihn nicht überzeugen. Das Thema hat mich aber nicht losgelassen und deshalb schrieb ich nach der LARP-Con in der Rolle als Schwester Lydia eine knappe Abhandlung „Von Raben und Krähen“.

Mit Bruder Tassilo verstehe ich mich übrigens immer noch hervorragend.


 

Mit einem Bruder in Boron führte ich ein Gespräch über das heilige Tier unseres göttlichen Herren und erkannte, dass wir unterschiedlicher Ansichten waren. Wir blieben es auch nach Beendigung unseres Wortwechsels. Zurück blieb in mir der Wunsch, die Betrachtung in den stummen Worten der Schrift festzuhalten und fortzusetzen.
Bruder Tassilo gehört dem Orden des Heiligen Golgari an. Ich lernte ihn als Akoluthen der Boronkirche kennen. Damals war mir nicht bewusst, dass er den Weg zur Weihe beschreitet, denn dies ist für einen Laiendiener eher ungewöhnlich. Schließlich hatte er sich mir nicht als Novize vorgestellt. Anderenfalls hätte ich häufiger den Austausch über religiöse Themen mit ihm gesucht.
Jahr und Tag später traf ich ihn wieder als Seine Gnaden Tassilo, Ritter Golgaris – immer noch ein vollwertiges Mitglied der Golgariten, der den Ritterschlag seines Ordens erhalten und darüber hinaus die Priesterweihe empfangen hatte. Immer noch sprachen wir nicht viel miteinander, doch bei einer Gelegenheit kam die Rede auf die Krähen und Raben.

Bruder Tassilo äußerte seine feste Überzeugung, dass nur die edlen Raben Diener des Dunklen Gottes seien, Krähen hingegen unwürdige Kreaturen und nicht borongefällig. Dieser Ansicht konnte und kann ich nur widersprechen. Der Traumbote Borons selbst zeigt sich in zwei sehr unterschiedlichen Gestalten: Schenkt er erbauliche Traumgesichte, so erscheint er als stattlicher Rabe mit glänzendem Gefieder und von prächtiger Gestalt. Bringt er hingegen Alpträume, so kommt er als zerzauste Krähe, sturmgebeutelt, mager und bisweilen sogar skelettiert.
Diese Zuschreibungen sind mehr als bloße Metaphern, welche ein angenehmes Erscheinungsbild des Boten mit angenehmen Träumen und das erschreckende Bildnis mit erschreckenden Träumen assoziieren. Nein, vielmehr gibt es Berichte von Dienern Bishdariels, nach denen sich der göttliche Sendbote selbst dem Träumenden kurz vor oder nach diesem oder jenem Traum in der einen respektive anderen Gestalt offenbart hätte.
Folglich wählt der Alveraniar Borons zwischen seiner Krähen- oder der Rabengestalt.
Es mag in selteneren Fällen und besonders in daimonisch verseuchten Gebieten wie den Schattenlanden auch Alpträume geben, die nicht von Boron gesandt sind, doch die meisten schickt Er uns als Warnung. Der Herr über den Schlaf sendet nicht nur angenehme Träume!

Nun habe ich mich während meiner Zeit als Skriptorin unseres Klosters auch mit Schriften über die Fauna – die Tierkunde – befasst. Besonderes Augenmerk galt mir dabei den heiligen Tieren meines Ewigen Herren.
Der bosparanische Name sowohl von Raben als auch von Krähen lautet Corvus. Dies ist
der Tatsache geschuldet, dass beide Vögel, so unterschiedlich sie ihrer Erscheinung nach auch zu sein scheinen, ein- und derselben Art angehören. Die größeren Tiere dieser Gattung werden als Raben, die kleineren als Krähen bezeichnet. Landläufig gelten sie als zweierlei Arten:
Die Krähe ist der Galgenvogel, als Saatkrähe ein Schädling, als Sturmkrähe unansehnlich, als Aaskrähe unrein und der Volksmund sagt, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt.
Der Rabe gilt als wissend und weise sowie prophetisch begabt, niemand spricht von einem ‚Sturmraben‘ oder einem ‚Aasraben‘. Wer eines dieser klugen Tiere als Haustier halten will, spricht von seinem Raben und nicht von seiner Krähe – höchstens, er will schlecht über den Vogel reden, weil er ihn beispielsweise mit seinem Krächzen nicht schlafen lässt. Oder sind es doch die Rabenschreie, nicht das Krähenkrächzen? – Lediglich der Unglücksrabe weicht von diesem Schema der schlecht konnotierten Krähe und dem mit guten Attributen versehenen Raben ab.

An Unterarten gibt es den großen Borons- oder Kolkraben mit den charakteristischen Federn am Schnabel und an der Kehle; die Aaskrähe, welche in ihrer grau-schwarzen Form Nebelkrähe und in ganz schwarzem Gefieder Rabenkrähe geheißen wird; die Saat- oder Kornkrähe wie auch die Gespensterkrähe bis hin zu der kleinen Dohle mit den blauen Augen. Die Sandkrähe ist in trockeneren Gegenden verbreitet. Der schwarz-weiße Streifenmeister ist wohl eher ein Tier Phexens. Er stiehlt alles was glänzt und legt damit richtige Horte an hohen, unzugänglichen Orten an.
Allen ist gemein, dass sie ein hohes Alter erreichen können. Glaubhafte Aufzeichnungen künden von einer Dohle, die fast 30 Jahre alt wurde.

Der Volksglaube besagt, dass Raben – und nicht nur der Seelenrabe Golgari, sondern alle Raben als Borons Symboltiere – die letzten Worte der Sterbenden hören und deshalb um alle dunklen Geheimnisse wissen würden. Wenn man zu einer Handlung ansetzt und ein Rabenvogel schreit, sei dies eine Warnung vor Todesgefahr. Wenn man von einem Raben stumm betrachtet werde, sei dies ebenfalls ein schlechtes Omen. Wer einem Raben das Leben nimmt, würde binnen eines Siebenspanns sterben, und wer eine Krähe tötet, würde zu einem nächsten Leben in Krähengestalt verdammt. In Anbetracht meiner obigen Ausführungen zur Einheit von Raben und Krähen läuft es dann wohl immer auf den Tod innerhalb einer Woche, gefolgt von einem neuen Leben als Rabenvogel, hinaus.
Zu guter Letzt, so weiß es der Volksglaube, würde die Dohle als Bergbewohner ihren warnenden Ruf für jene erschallen lassen, welche sich zu weit Richtung Alveran gewagt hätten.

Auch wenn landauf und landab zwischen Raben und Krähen unterschieden wird, so weiß der gelehrte Tierkundler, dass es sich um eine einzige Tierart handelt. Mehr noch weiß ein Borondiener, dass sowohl die Vögel, die als Krähen bezeinet werden, als auch
die Raben Boron heilig sind.

Im Zwielicht

Schwester Elìns sprunghaften Abschied nimmt Noiona nahezu reglos entgegen. Lediglich die Laterne in ihrer Hand schaukelt wild bei Elìns spontaner Umarmung und Noiona hebt die andere, freie Hand zum Abschied.

Dann folgen ihre hellblauen Augen der Spur, auf die Gorm sie hinweist, und wandern bis zu der dunklen Stelle, wo dem Anschein nach Stufen im Halbdunkel nach unten führen. „Ich glaube schon, dass sie noch da ist“, sagt sie mit Bedacht, „und wir haben den Herrn Boron auf unserer Seite. Es gibt einen alten Spruch: Wenn die Götter für uns sind, wer kann dann gegen uns sein?“

Mit dieser offenen Frage, voller Zuversicht gestellt, verfolgt Noiona Schritt um Schritt die Stapfen im Schnee.


Gorm hat wieder ihre Hand gefasst, und nebeneinander gehen sie im unruhig über den Schnee tanzenden Licht der kleinen Laterne auf die Stufen zu. Am oberen Ende der etwa zwei Schritt breiten Treppe zögert er unmerklich, und die Geweihte spürt fast körperlich die Angst des Jungen vor dem, was ihn dort unten wohl erwarten möge.

Seite an Seite steigen sie hinab. Die ersten Stufen sind noch von Schnee bedeckt, doch bald wird die Schneedecke dünner, um endlich ganz zu verschwinden. Kalter schwarzer Stein umgibt sie nun, und das Heraufziehen des neuen Tages ist nur noch eine Erinnerung. Das Licht ihrer Laterne scheint schwächer zu werden, es ist, als raube ihm die neuerliche Dunkelheit jede Kraft; es erhellt kaum den roh behauenen Stein, der sie auf allen Seiten umgibt. Die Erbauer dieses Tempels haben sich nicht mit überflüssigem Zierrat aufgehalten, ob aus mangelnder Kunstfertigkeit oder Demut angesichts der Macht des Ewigen wird niemand je erfahren, denn die Steinmetze, die diese Treppe einst schlugen, müssen seit Jahrhunderten tot sein.
Tiefer geht es und tiefer, nach vielleicht zwanzig Stufen hört Noiona auf zu zählen, achtet nur noch auf ihre Schritte im ungewissen Licht.
Ein Geräusch lässt sie innehalten. Zuerst fühlt sie es mehr als dass sie es hört – ein tiefes Vibrieren, und es ist ihr, als sei es Sumu selbst, deren Leib diesen Ton erzeugt. Gorms eiskalte Hand umklammert die ihre, und während sie überlegt, ob es ratsam ist ihren Weg fortzusetzen, erklingt dort in der Tiefe eine zuerst leise, dabei fast überderisch schöne Stimme, schwingt sich empor zu einer herzzerreißenden Klage, deren Worte ihren Weg in die Herzen der beiden Zuhörer in der Dunkelheit finden.

„Ich bin elend und voller Schmerzen
Hilf mir, o Boron!
Schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle
Ich bin in tiefem Schlamm versunken
Und habe keinen Halt mehr
Ich geriet in tiefes Wasser
Die Strömung reißt mich fort
Ich bin müde vom Rufen
Meine Kehle ist heiser
Mir versagen die Augen
Während ich warte auf meinen Gott
Ich bete zu dir,
Herr Boron, um Gnade.“

Und wie eine Antwort gesellen sich weitere Stimmen der ersten zu, streng, mahnend und doch voll inbrünstigen Glaubens hallt ihr Gesang von unsichtbaren Wänden wider.

„Senkt euer Haupt im Angesicht des Herrn.
Tuet Buße!
Bedeckt eure Augen vor der strahlenden Allmacht des Herrn.
Er bringt euch Erlösung, er bringt euch Vergessen.
Kniet nieder zum Gebet!
Erflehet Seine Gnade für euer unwürdiges Leben.
Seinen Geboten habt ihr zu folgen.
Denn Er ist der Herr über eure Seelen,
Er ist der Stille,
Er ist der Schweigsame,
Er ist der Unergründliche,
Er ist der Unausweichliche,
Er ist BORON!“

Die auf den Choral folgende Stille gleicht dem ewigen Schweigen Borons.


Noiona steigt vorsichtig über die dunklen Stufen nach unten. Dieser Gesang… Die erste Stimme ordnet sie Morlinde zu, weniger weil sie den Klang aus ihrem Traum wiedererkennen würde, sondern aufgrund der Verlassenheit und der Verzweiflung, die in überderischer Schönheit zum Ausdruck gebracht werden. Doch sie ist nicht verlassen! Gleich mehrere Stimmen geben ihr gesanglich Antwort.

Die Geweihte bemerkt erst, dass sie stehen geblieben ist, als Gorm an ihrer Hand zupft, und tut erst wieder einen Schritt, wenn der Nachhall der letzten Silbe verklungen ist. Sie kann das Zeichen Borons nicht mit den Händen machen, da sie rechts die Laterne, links Gorms Hand hält, aber sie betet im Geiste die Worte ergriffen mit.


Endlich hat sie den Fuß der Treppe erreicht. Vor ihr und ihrem kleinen Begleiter öffnet sich ein Gewölbe, dessen Größe schwer einzuschätzen ist, wird es doch vom flackernden Licht einer Fackel, die in einem Halter an der Wand steckt, und der Laterne in ihrer Hand nur unzureichend erleuchtet.

Zwischen mehreren gedrungenen Säulen, die die Decke der Krypta stützen, erblickt sie fünf zu stummem Gebet um einen Altar versammelte, in dunkle Roben gehüllte Gestalten. Zwei der Männer kehren ihr den Rücken zu, ihnen gegenüber stehen auf der anderen Seite der Bahre ein dritter Mann und ein Jüngling, wohl ein Novize.

Wenn sie eben noch gehofft hatte, es sei Morlinde, deren Gesang sie tief im Herzen berührt hat, wird sie nun eines Besseren belehrt. Das, was Noiona beim ersten Hinschauen als Altar zu erkennen vermeinte, ist ein Tisch aus Stein, auf dem, die Hände über der Brust gekreuzt, eine Tote aufgebahrt liegt. Zu Füßen der Toten steht hoch aufgerichtet mit zur Anrufung Borons erhobenen Händen ein Greis.
Niemand der fünf Männer scheint die beiden Eindringlinge zu bemerken, und wenn doch, so lassen sie sich nicht in ihrer tiefen Kontemplation stören.

Auch die Tote ist in den Habit der Diener Borons gehüllt. Die Kapuze ist ein wenig von ihrer Stirn geglitten und entblößt ein kahl geschorenes Haupt und von jahrelanger Askese ausgezehrte Züge. Noiona hat schon viele Tote gesehen, der Tod, so er kommt, hat keinen Schrecken für sie, ist er doch das Geschenk des Herrn Boron an die Lebenden. „Wenn des Lebens Müdigkeit überschwer wird, wenn du alles gesehen, was zu sehen und alles ertragen, was zu ertragen ist, dann ist der ewige Schlaf Lösung und Erlösung.“ So steht es geschrieben.
Der Junge an ihrer Seite aber zittert wie Espenlaub und in der Stille ist das Aufeinanderschlagen seiner Zähne zu hören.


Kälte, Furcht, gespannte Erwartung – Noiona fallen viele Auslöser für Gorms Schlottern ein. Spontan lässt sie seine Hand los und legt den Arm stattdessen um seine schmalen Schultern. Ihr ist auch kalt und mulmig zumute. Wer sind diese Männer, diese Geweihten? Und gleich zu fünft, das ist kein Zufall. Wie fanden sie den Weg in das abgelegene, in Ruinen liegende Kloster? Hatte Bishdariel auch ihnen Träume von Morlinde gesandt? Diese Fragen bemächtigen sich ihrer wie ein diffuser Nebel.

Dass Morlinde zu Boron gegangen ist, muss Gorm erkannt haben, genauso wie sie. Die sinistre, aber bewegende Szenerie lässt keinen anderen Schluss zu. Mit Gorm im Arm geht sie in kleinen Schritten auf die aufgebahrte Frau zu. Zwei Schritt von den Männern entfernt, die mit dem Rücken zu ihr stehen, verharrt sie. Sie wartet ab, doch keiner rührt sich. Lediglich den Jüngsten, den Akoluthen oder Novizen, so glaubt sie, sieht sie einen Wimpernschlag kurz zu ihnen blicken, doch im nächsten Augenblick schaut er wieder unbestimmt ins Nichts, über die Schulter seiner beiden Gegenüber hinweg.

Mit leisen Schritten, die zusammen mit dem Rascheln ihres Habits und Mantels in der fast mit Händen zu greifenden Stille von den rohen, im Schatten liegenden Wänden widerhallen, wandert die Ordensschwester weiter und hinter den Männern vorbei zum Kopfende der Toten. „Dies ist der Moment“, wispert sie Gorm tonlos zu und beugt sich zu seinem Ohr, „an dem du Abschied nehmen musst. Es tut mir leid, dass du sie nicht kennengelernt hast. …Magst du näher hingehen?“, fragt sie ihn um ihm zu zeigen, dass es ihm wohl niemand übel nehmen würde. Die Abschiednahme ist schließlich ein Teil aller Begräbniszeremonien, die sie kennt. Und dass sie den Arm nicht von seiner Schulter nimmt soll Gorm versichern, dass sie die kurze, aber schwere Strecke an die Bahre gemeinsam mit ihm gehen würde.


Der Junge blickt zu ihr auf. Sie sieht die Angst in seinen Augen, aber auch das Vertrauen, dass sie ihn nicht allein lassen wird. Langsam nickt er, schluckt schwer und sie kann spüren, wie das Zittern weniger wird und schließlich ganz aufhört. Er macht einen ersten, zögernden Schritt, dann einen zweiten. Niemand nimmt von ihnen Notiz, obwohl ihre Anwesenheit keinem der Männer entgangen sein kann.

Ein letzter Schritt, und sie stehen am Kopfende der Toten. Unbewegt sieht Gorm auf die Frau, die seine Mutter war. Es gibt keine Ähnlichkeit zwischen dem Jungen und Morlinde. Wo seine Brauen und Wimpern golden sind, sind die ihren wie schwarze Schatten, wo seine Lippen voll und rot, sind die ihren schmal und blass. Nur die Form des Gesichts und die zarte Nase mögen ein wenig an sie erinnern.

Gorm strafft die schmalen Schultern.

„Worte der Heiligen Schrift, wie sie überliefert sind seit Anbeginn der Zeiten. Ehre sei Boron.“

Seine Stimme ist leise, aber fest, als er fortfährt, die Worte zu rezitieren, die er sich bei Jumis Begräbnis gemerkt haben muss.

„Da sprach Boron ein Wort, und das Wort war der Tod. Und Boron sprach ein zweites Wort, das war der Schlaf. Und er gab den Menschen das Vergessen, damit sie Trost finden können, und den Traum und das Schweigen.“

Der Greis, der zu Füßen der Toten steht, lässt langsam die Hände sinken. Er trägt wie alle Diener Borons den schwarzen Habit. Auf seiner Brust, im Licht der Fackel kaum zu erkennen, ist eine Stickerei zu sehen: das gebrochene Rad, darüber die Schwingen des Raben. Im Schatten der Kapuze kann Noiona sein Gesicht nur erahnen, doch seine ganze Haltung atmet Strenge und Tadel.

Sie wird nie erfahren, was der Geweihte getan oder gesagt hätte, denn in diesem Moment stößt der Mann neben dem Novizen einen Schrei aus, deutet auf den Jungen und sinkt bewusstlos zu Boden.


Noiona staunt nicht schlecht, als Gorm unvermittelt die Worte wiedergibt, die sie selbst ausgesprochen hat. Ihr verblüfftes Schweigen und die gestrenge Stille, mit der der Alte Gorm mustert, währen jedoch nicht lange.

Der Schrei schmerzt in ihren Ohren und reißt sie mit einem Mal aus der andächtigen Stimmung. Mit einem Schritt steht sie hinter dem Jungen und legt ihm beschützend die Hände auf die Schultern. Ihre Sorge um Gorm ist größer als die Frage, wen oder was der andere Boroni in ihm erkannt zu haben glaubt. Abwehrend blickt sie in die Gesichter der Männer, eine Rabenmutter, die bereit ist, ihr Junges zu verteidigen.


Davor: Morlinde
Danach: Borons Wille

Der Tribut des Winterunholdes

Im Gegensatz zu Schwester Elìn schreckt Noiona zusammen, als das scharfe Klopfen an der Türe durch die Hütte klingt. Gorm ist schon aufgesprungen, als die Priesterin sich mit steifen Gliedern vom Boden aufrappelt und den Staub, von dem es in Schwester Elìns Hütte wahrlich nicht viel gibt, von der Robe über ihren Knien klopft.

Verstohlen wischt sie sich mit den Fingerknöcheln über die Augenlider und die getrockneten Tränen weg. Sie erkennt Jadwigas Stimme und rückt aus Verlegenheit den Stuhl zurecht, auf dem gerade noch ihre spitzen Ellbogen geruht hatten.

Erst als Gwynna ihre düsteren Worte spricht, blickt Noiona auf. Der Winterunhold – wohl nicht die verkleidete Strohpuppe, die der Mummenschanz durch die Häuser und das Moor getragen hatte, sondern das, was die Puppe repräsentierte? Ein Untier? Ein Geist? Im Hintergrund dieser Überlegungen rührt sich die Freude und Erleichterung darüber, dass es der alten Großmutter besser geht – so gut sogar, dass sie wenn noch die Sterne am Nachthimmel stehen die Reise zur Dreifelderschwester unternehmen kann. Doch was ist so dringend, dass es keinen Aufschub bis zum Tagesanbruch duldet?

Ohne dass sie sich dessen bewusst ist, umklammern Noionas Finger die Stuhllehne und sie blickt unentwegt zu der alten Frau.


„Morlinde ist tot. Ich habe sie gesehen in meinem Traum. Ganz bleich war sie.“

„Bitte setz dich, Gwynna und du auch, Jadwiga. Ich werde euch einen Tee zubereiten und dann erzählt ihr, was geschehen ist.“

Immer noch ist Elìns Stimme ruhig, doch die Art, wie sie ein Licht entzündet und zum Herd geht, um den schwarzen Kessel darauf zu stellen verrät Noiona, dass selbst sie um ihre Selbstbeherrschung ringt.

„Und nun nehmen sie sie mit.“

Gwynna steht immer noch aufrecht, streicht Gorm, der ängstlich zu ihr aufschaut, scheinbar ohne es selbst zu bemerken über das helle Haar.

„Morlind, Morlind, wiegt ihr Kind. Da kommt der wilde Reiter, nimmt mit sich das arme Kindelein, Morlinde bleibt zurück allein…“

„Sei still, Weib! Willst du, dass er dich hört?“

Jadwiga unterbricht erschrocken ihren Singsang.

„Es musste ja irgendwann so kommen. Hab ich gleich gesagt, damals“,

beginnt sie dann zu wimmern.

„Bitte, Gwynna!“

mahnt die Dreifelderschwester eindringlich.

„Du machst dem Jungen Angst. Setz dich, und sage mir was passiert ist.“

„Ich habe sie gesehen, in meinem Traum. Ganz bleich war sie. Und da waren Stimmen, viele. Sie haben immer wieder das Gleiche gesagt.“

„Was haben sie gesagt? Gwynna!“

„Pekatum! Pekatum! Pekatum!“

Die alte Frau sinkt auf den angebotenen Hocker und schlägt die Hände vor das Gesicht. Ihre nächsten Worte sind kaum zu verstehen.

„Ich weiß nicht was das bedeutet. Aber sie klangen… zornig.“

Elìn sucht den Blick der Boron-Geweihten. In ihren Augen steht nun echte Besorgnis. Jadwiga beginnt erneut zu murmeln, während sie sich unablässig vor und zurück wiegt.

„Morlind, Morlind, wiegt ihr Kind. Da kommt der wilde Reiter, nimmt mit sich das arme Kindelein, Morlinde bleibt zurück allein…“


Gwynna spricht wieder von prophetischen Träumen. Am vergangenen Morgen hatte sie Noiona erzählt, dass sie von ihr geträumt hatte. Nun hatte sie Morlinde gesehen, die Frau, die bei der Ruine des Klosters lebte. Über die Ingalf der Köhler ihr gesagt hatte, dass sie wirr im Kopf war.

Die Frau, der Noiona Schwester Elìns Gesellschaft vorgezogen hatte.

Und mehr noch, ihr eigener Traum war darin aufgetaucht. Ein geteilter Traum? Morlinde ist in ihrem eigenen Traum nicht vorgekommen.

Noiona tritt an Jadwiga heran, hebt einen Arm und legt der Greisin langsam eine Hand auf die Schulter – ganz behutsam, sodass sie sich jederzeit die Berührung verbitten lassen kann. Sie spürt die Kälte der Nacht, die auf Jadwigas Gewand liegt, auf ihrer Haut, die knochige Schulter unter dem Stoff, zart wie die Knochen eines Vögelchens. Dass Jadwiga aber keineswegs so schwach und wehrlos ist, wie sie jetzt wirkt, steht ihr noch lebhaft in Erinnerung.

Mit leiser Stimme sagt Noiona: „Peccatum. Es bedeutet ‚Gesündigt‘.“ In diesem Moment wird ihr eines klar und mit der Erkenntnis keimt Erleichterung in ihrer Brust auf: War es gar nicht sie, die gesündigt hatte? Hat sich der Traum an jemand anderen gerichtet – an Morlinde? – Ach, was für ein selbstherrlicher Gedanke! Besonders wenn es wahr war und Morlinde tot ist.

Genauso ruhig fährt sie fort: „Ich habe es auch geträumt. Am besten gehen wir wohl zu Morlinde.“ Sie wirft einen raschen Blick zu Schwester Elìn, dann zu Gwynna. „Was… ist mit dem Lied?“, fragt sie die beiden Frauen zögernd. „Hatte Morlinde ein Kind?“


Davor: Nächtliche Stimmen

Danach: Morlinde

Hedwyg: Wahn

Eine Hand auf der Reling, mit der anderen stützte sie sich am hohen geschnitzten Drachenkopf ab. Hedwyg stand kurz vor ihrer offiziellen Anerkennung als vollwertiges Mitglied der seefahrenden Gemeinschaft und heute würde sie wieder ein paar Handgriffe der Seemannskunst erlernen. Über den Bug des Schiffes gelehnt ließ das junge Mädchen sich vom Fahrtwind den Atem rauben. So musste sich das Fliegen anfühlen, wenn die Seevögel mit kräftigen Schwingen in rasender Geschwindigkeit über die Wellenkämme brausten. Gischttröpfchen benetzten ihr Gesicht und ließen ihre Lippen nach Salz schmecken. Ihre Augen tränten. Über ihr knarrten die Taue, die steife Brise pfiff schneidend durch die Seile und die Wellen krachten donnernd gegen die letzten Felsen, die sie rasch hinter sich ließen. Ein Dutzend Möwen umkreiste lärmend den Mast. Ein paar Meilen noch, dann würden die Vögel wieder umkehren. So weit, wie das Drachenschiff heute noch fahren würde, entfernten sich die Tiere nie von der Küste. Das Ziel der heutigen Reise waren die nördlichsten der Inseln, die vor der Westküste des Kontinents lagen. Die Riemen des Langschiffes waren eingezogen, ein kräftiger Ost trieb sie schnell auf die offene See. Zum Glück, denn auch heranwachsende Mädchen mussten mit anpacken und fanden ihren Platz auf den Ruderbänken.

Hinter ihr brummte eine raue Männerstimme etwas, was bellendes Gelächter erntete. Die Jugendliche spürte, dass die zweifellos zotige Bemerkung ihrer Person galt und drehte sich rasch um, um den Übeltäter mit einem strengen Blick zu bedenken. Leider hatte sie die Windrichtung nicht bedacht und musste erst einmal die langen Haare aus dem Gesicht wischen. Doch der strafende Blick traf Olaf trotzdem. Der grinste nur breit zurück. „Nichts für die Ohren von kleinen Mädchen!“, rief er ihr zu. „Und pass auf, dass es dich nicht über Bord bläst!“ – was natürlich eine unnötige Warnung war. Dennoch verließ sie ihren Posten, um sich beim Steuer niederzulassen und den Erklärungen des Steuermanns zu lauschen. Wie man die Wellen las, die genaue Windrichtung bestimmte, wie man Strömungen erkannte und wie Wind und Segel, Ruder und Mannes- und Frauenkraft zusammenarbeiteten.

Am besten gefiel ihr, anhand kleinster Landmarken, am Geschmack der Gischt und am Geruch des Windes die Position des Schiffes mit erstaunlicher Sicherheit festzustellen. Sie hatte vor, eine der besten Navigatoren ihres Volkes zu werden. Ach was, die beste, der Skaldensänge und Strophen von Sagas gewidmet werden.

Der günstige Ostwind hielt, das flache Drachenschiff steuerte zügig auf die Inselgruppe zu. Es dämmerte bereits, der Horizont war noch hell vom Sonnenuntergang, während im Osten schon die ersten Sterne aufschimmerten. Als der dunkle Schatten der sich nähernden Inseln gerade zu sehen war, übernahm Akleif wieder den Ruderbalken. Das schlaksige Mädchen zeigte Geschick bei der Navigation, doch er kannte diese Gewässer so gut wie den Weg von seinem Langhaus zum Dorfplatz.

Plötzlich drehte der Wind. Eine heftige Bö fuhr in die Segel, die sich mit lautem Klatschen drehten. Sie war die Vorhut für eine Serie unsichtbarer Schläge, die der Wind gegen die Seefahrer führte, tausend Hände, die unablässig an Haaren und Kleidung zerrten und die immer schneller, immer stärker wurden. Der ferne Schemen wurde schnell größer, schneller und schneller näherte er sich, er bauschte und türmte sich auf und gab sich auch dem letzten erschrockenen Mann auf dem Schiff als dräuende Gewitterwolke zu erkennen. Sie breitete sich immer weiter aus und umfing das Schiff in einer innigen, finsteren Umarmung. Nicht genug Zeit, den Mast abzubauen, alle Mann die Segel reffen und – beten. Schlagartig wurde es Nacht. Keine Sterne mehr zu sehen. Nicht einmal mehr das andere Ende des Schiffes. Einen kurzen Moment war alles überlaut – das Tosen der Wellen, der schrille Ruf einer Matrosin, das Knallen eines losen Seils – dann beendete ein ohrenbetäubendes Donnern alle Geräusche. Es klang als hätten sich zwei urgewaltige Berge wutentbrannt aufeinander gestürzt, Berge aus Luftmassen. Gebirge aus Sturm.

Inmitten ihres Kampfes – das kleine Schiffchen mit kurzlebigen Menschenwesen darauf. Gleichgültig waren sie dem Meer und dem Orkan, der sich aus dem Nichts zwischen Himmel und Ozean auftürmte, die das zerbrechliche Spielzeug achtlos zwischen sich hin und her warfen. Der Sturm war heran.

Fallwinde stürzten sich auf das Schiff, peitschten die See empor, trieben es Wellenberge hoch und ließen es tiefe Wellentäler hinabstürzen. Die See kehrte sich nach oben, doch bald gab es kein Oben und kein Unten mehr. Sie wurden Bergkämme aus Wasser empor getrieben, nur um dem Sturz nach unten gnadenlos ausgeliefert zu sein. Das Deck hob sich wie ein bockendes Pferd, das seinen Reiter um jeden Preis abschütteln will. Die Seefahrer erfuhren Sekunden, in denen beide Füße den Boden verloren und sie nur noch hofften, wieder auf den Holzplanken aufzukommen.

Der jugendlichen Lotsin schien es, als hörte sie Stimmen inmitten des Sturms. Kreischende Feindschaft brüllte ein Tenor, wortlose grelle Schreie schwollen durch alle Tonlagen hysterisch an und ab, eine dritte Partei waren aufbrausende hohe Soprane, deren Stimmen mit schrillem Zorn und wütenden Windstößen gegen das Schiff und seine Besatzung angingen. Ein Chor naturgewaltiger Mächte, die der Wahn gepackt hatte. Kaum vernehmbar hinter dem Toben und Wüten, wenn der Lärm ein wenig abschwoll, war eine weibliche Altstimme zu hören. Sie sprach sanft und beschwichtigend, aber sie kam nicht gegen die entfesselte Raserei der anderen Stimmen an. Doch die Navigatorin hörte sie. Hörte sie und schöpfte Hoffnung. Sie rief es an, das körperlose Wesen, schrie ihm entgegen, dass niemand auf dem Schiff den Tod verdiente, dass sie alle tapfere und tüchtige Nordleute waren und sich im Kampf mit den Elementen wacker geschlagen haben. Sie war sich sicher, das Wesen hörte sie.

Und das tat es.

Vor dem abgebrochenen Zahnstummel, der dort empor ragte, wo ehemals der Mastbaum stand, kämpfte die jugendliche Lotsin darum, nicht über Bord gespült zu werden. Welle um Flutwelle schleuderte sie gegen die Reling, die wie durch ein Wunder noch nicht gebrochen war. Am Anfang hatte jeder Sturz flammende Schmerzen durch die linke Schulter und den Arm hinab geschickt, doch die geprellten Knochen machten sich mittlerweile nurmehr als kleines Stechen inmitten des größeren Kampfes gegen die feindlichen Wogen bemerkbar. Abermals erhob sich eine dunkle Wasserwand über dem Schiff. schwarz vor dem tobenden Himmel. Mit Macht warf sie sich auf das Deck, auf die Bänke, auf das Mädchen, fegte Holzsplitter wie Geschosse durch die Luft. Wie eine harte Faust schlug es auf ihre Brust und in ihr Gesicht, drückte die Luft aus ihren Lungen und füllte sie mit Wasser.

Plötzlich war alles verlangsamt. Sie schlitterte auf allen Vieren auf das klaffende Loch zu, wo eben noch die Bordwand war. Wenn sie sich doch irgendwo festhalten könnte! Ihre Hände versuchten vergebens, auf den vom kalten Wasser überspülten Planken Halt zu finden. Eine Kiste rutschte gemächlich mit ihr auf den offenen Malstrom zu, die bot auch keinen Halt… ein Fetzen Stoff, den sie zu fassen bekam, riss Zentimeter für Zentimeter in ihren Fingern.

Da! Ein Tau peitschte knapp an ihrem Arm vorbei. Aber es war der falsche, der linke, sie konnte die Finger nicht bewegen. Mit äußerster Willensanstrengung streckte sie die Hand aus. Nur noch ein kleines Stück, dann gäbe es noch Hoffnung… Nein, sie konnte die Hand nicht öffnen. Noch einmal versuchte sie es, versuchte, das Seil mit schierem Willen in ihre Hand zu zwingen, und langsam, ganz langsam kroch das Ende auf sie zu, näherte sich Stück für Stück ihrer Hand, bis sie es endlich umfassen konnte. Nein, nicht sie umfasste es, es wickelte sich wie von Geisterhand um ihr Handgelenk. Dann gewann die Welt ihre ursprüngliche Geschwindigkeit zurück. Mit einem Ruck wurde sie gegen den Mast geschleudert. Ihr Hinterkopf schlug gegen etwas Hartes und ihre Welt versank in einer schwarzen Flut.

Ihr war, als ob sie Stimmen hörte. Fast gingen sie im Rauschen des Windes unter. Mal klangen sie näher, dann entfernten sie sich wieder. Doch sie wusste, dass die Worte nicht ihr galten, denn die hallenden Stimmen redeten auch über sie. Sie sprachen von Menschen, die tapfer dem Sturm trotzten. Eine andere, kraftvolle Stimme sprach dagegen und dass der Baum, der sich dem Sturm entgegen stellte, entwurzelt werde. Nur wer sich ihm beugt, bliebe unbeschadet. Dann diskutierten sie das Einholen der Segel und die Schäden am Langboot. Die junge Seefahrerin zuckte innerlich zusammen, als sie die Auflistung hörte. Dennoch waren sie nicht hoffnungslos verloren. Sie konnten Ruder herstellen und das Schiff immer noch nach Hause bringen.

Die Stimmen entfernten sich. Eine letzte blieb, Hedwyg hörte sie in ihrer Nähe flüstern. Es schien eine weibliche Stimme zu sein, doch das war schwierig festzustellen. Sie kannte diese Stimme, sie hörte sie manchmal im Wind. Sie forderte das halbwüchsige Mädchen auf, sich zu bewegen, nicht still zu stehen. Wirble, wehe, wandere – wehe dem, der Wurzeln schlägt! Ihn wird der Wind entwurzeln, wisperten die Worte hinter Hedwygs Schläfen. Ja! Ich will mich bewegen, will frei über die Dünen jagen, dachte Hedwyg. Aber es war so schwer, auch nur mit einem Glied eines Fingers zu zucken. Schlagartig wurde die Stimme wütend: Was bist du? Kind einer freien Sippe die dorthin segelt, wohin der Wind sie trägt? Oder ein schwacher Windhauch, der sich von jedem dünnen Fensterladen aussperren lässt? Etwas bäumte sich auf in Hedwygs Brust. Sie spürte Widerwillen in sich aufsteigen. Natürlich wollte sie nicht schwach sein! Stolz und frei, das waren ihre Leitsterne.

Das drängende Gefühl in ihrer Brust ballte sich zusammen, wurde zu einem harten Klumpen. Es drückte schmerzhaft und mit einem Mal bäumte sich das Mädchen auf. Akleif nahm seine Hände von ihrer Brust, die nun wieder selbst nach Luft rang. Verschwommenes Gemurmel brandete an ihre Ohren. Die Worte konnte sie nicht verstehen, doch sie hörte die Erleichterung in den Stimmen, während sie sich auf dem nassen, kalten Sand zusammenkrümmte und minutenlang nur noch Salzwasser ausspie.

„Wa…“, krächzte sie und es klang fremd und mehr wie ein Vogelschrei als nach ihrer eigenen Stimme. „Lass gut sein“, brummte Ekleif, „bis du wieder Luft in dir hast statt Wasser. Wolltest wohl das Meer aussaufen und rausspazieren, hm?“ Sie bemerkte, dass er damit nur seine Erleichterung überspielen wollte. Später witzelte er weiter: „Versuch nächstes Mal lieber, oben zu blieben. Als Fisch unter den Wellen hat es ja nicht so gut geklappt, was.“

Sie waren auf einem kahlen Felsen gelandet. Das Drachenboot war ohne Mast und hier würden sie auch keinen Ersatz finden. Abgesehen davon, mit was sie ihn denn hätten zimmern wollen? Es war ein harter Rückweg, da ihre Ruder dezimiert und der Mast nur noch ein Stummel war, aber die Freude und Dankbarkeit darüber, dass alle überlebt hatten ließ sie pullen ohne zu murren. Auf dem Sand zerbrach Senna die Klinge ihres Langdolches und warf sie in die aufgewühlten Fluten, als Opfer an den Gottwal und die Sturmgeister.

Und Hedwyg hatte noch immer diese körperlose Stimme im Ohr, die ihr Mut und Trotz zugesprochen hatte. Wenn sie daran dachte, spürte sie unsichtbare Finger im Wind, die ihr durch das unordentliche Haar zausten. Vom Seil, das wie eine lebendige Schlange, wie von Geisterhand auf sie zu gekrochen war, erzählte sie niemandem. Wer sollte ihr schon Glauben schenken – ihr, die schon immer Stimmen im wortlosen Wispern des Windes gehört hatte? Ihren Eltern blieb aber nicht verbergen, dass etwas sie beschäftigte. Es war ihre Mutter, die es schließlich aus ihr herauskitzelte. Doch sie lachte nicht und tat es nicht als Spinnerei ab, wie es Hedwyg erwartet hätte. Nein, sie schickte Hedwyg auf eine Reise. Zusammen mit ihrem Vater, Raskir. Gemeinsam würden sie Olport besuchen.

Olport und die Halle des Windes. Die Schule für Bordmagier.

13.04.2019

Hedwyg: Traum

Das Mädchen weinte. Dicke heiße Tränen kullerten ihre Wangen hinunter, die Nase lief, das Mündchen bebte, die kleinen Fäuste waren zornig geballt. „A-aber… aber ich bin doch schon ein großes Mädchen! Das hast du selbst gesagt! Ich kann ganz alleine bis zum Felsen am Strand, und ich kann auch schon mitsegeln!“ Dass die Mutter lachte war gemein. So sorgfältig hatte sie ihren Rucksack gepackt, und sogar die Puppe hatte sie auf dem Bett liegen lassen, damit die Mutter an sie dachte, wenn sie weg war. Auf großer Fahrt mit dem Vater. Doch sie durfte nicht, und das war unfair. Schließlich hatte sie Sigun erst gestern mit der Nachbarin darüber reden hören, was für ein großes Mädchen sie doch hatte. Da hatte die Mutter sie noch gelobt, aber jetzt…

Sie wirbelte so schnell herum, dass der blonde Zopf in weitem Bogen flog und rannte los. Sollte Sigun doch so viel rufen, wie sie wollte, sie würde nicht stehen bleiben und zurück kommen. Sie nicht. Nicht Hedwyg Raskirdottir. Erst als der stechende Schmerz in der Seite zu viel wurde, verlangsamte sie ihre wilde Flucht, verschnaufte keuchend und wischte sich mit dem Handrücken Rotz und Tränen aus dem Gesicht. Das Dorf war jetzt weit genug weg, entschied sie, nun konnte sie im normalen Schritt weiterlaufen. Die Mutter wird schon sehen, dass ich gut alleine zurechtkomme! Die Füße gingen wie von selbst den altbekannten Weg, ein kurzes Stück durch den Wald, die sechs Trittsteine über den Bach und dann immer bergab bis zu den Dünen. Die Schreie der Möwen hörte sie schon von weitem. In ihren Ohren klangen sie heute besonders gemein, oder vielleicht auch traurig und enttäuscht. Das Meer hörte sich an wie immer an einem ruhigen Tag.

Sie zog sich am kantigen Strandgras auf die Düne und ließ ihren Rucksack und danach sich selbst in den Sand fallen. Die Tränen waren versiegt, die Wut brannte noch im Magen und in der Kehle. Der Vater und die ganze Gemeinschaft, so kam es ihr im Moment vor, würden diesen Nachmittag mit dem großen Drachenschiff Viksand verlassen und erst im stürmischen Spätherbst wiederkommen. Monatelang müsste sie auf alle warten! In der Zwischenzeit hätte sie bestimmt schon längst ihre letzten Milchzähne, die hinteren, verloren. Und Raskir hatte ihr versprochen, dass sie bald – bald! – mit durfte. Es war ungerecht. Der Vater hatte gesagt, dass aus ihr eine große Seefahrerin würde, aber wie sollte sie eine große Seefahrerin werden, wenn sie nicht mit den anderen zur großen Ausfahrt mit durfte?

Die Kleine warf sich mit einem schweren Seufzer auf den Rücken und ließ Handvoll um Handvoll Sand durch die Finger rinnen. Zuerst energisch und mit den Handflächen immer wieder auf den Boden schlagend, doch mit der Zeit wurden ihre Bewegungen ruhiger. Die Frühlingssonne schien zwischen schnell dahinziehenden Wolken und wärmte ihr Gesicht und die bloßen Arme. Die Möwen kreischten, der stete Wind bließ. Er wischte ihr ein paar Haarsträhnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, über die Stirn und kitzelte sie in der Nase. Na gut, dachte sie sich, schnaubte die Haare weg, rappelte sich in den Schneidersitz hoch, verschränkte die Arme vor der Brust und streckte der Welt im Allgemeinen und dem böigen Wind im Besonderen die Zunge raus. Dann ärgerst du mich heute auch noch, fiese Windsbraut. Der Wind zupfte weiter an ihren Haaren. Jetzt kitzelten sie im Nacken. Hedwyg musste wider ihren Willen lachen. Ein leises Summen begann tief in ihrer Kehle und bahnte sich seinen Weg nach oben, die Mundwinkel zuckten, ein Kichern perlte zwischen halb geöffneten Lippen hervor, bis ein freies Lachen die Dünen hinunter scholl. Sie sprang auf, breitete die Arme weit aus, hüpfte im Kreis, legte den Kopf in den Nacken und lachte, lachte, bis ihr die Tränen kamen. Der Lachanfall verebbte in einem Glucksen, das sich im Rauschen der Wellen gegen den Strand verlor. Sie hickste. Na toll, jetzt hatte sie auch noch einen Schluckauf bekommen. Das hat man davon, wenn man nicht mehr Trübsal bläst. Aber nein, es war schon besser so. Die Erwachsenen waren immer so stur, da würde sie sich schon heimlich auf das Schiff schleichen und hinter irgendwelchen Kisten verstecken müssen, als dass sie mitdurfte. Und dann wären sie alle sauer auf sie. Bestimmt so lange, bis sie selbst erwachsen war. Dann lieber doch nicht. Sie angelte nach dem Riemen des Rucksacks, zog ihn zu sich herunter und kramte nach etwas Essbarem. Zwei Dörräpfel hatte sie eingepackt, eine Zwiebel, einen Kanten Brot… da, der süße Zwieback, ganz hinten war er gelandet. Der war jetzt genau das Richtige. Während sie zufrieden kaute und sich für ihre Weitsicht, das leckere Gebäck eingepackt zu haben, lobte, hatte sie sich wieder zwischen ein paar Büscheln Gras niedergelassen.

Der Nachmittag verging, das Mädchen verfütterte das Brot an die zankenden Seevögel, genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres und schmiedete Pläne für den kommenden Sommer. Eine Woche lang die Tante besuchen, beim Schafscheren helfen, einen rotweißen Drachen bauen und ihn ganz hoch steigen lassen. Bis zu den Wolken, schwerelos im Wind tanzen… sehnsüchtig ging ihr Blick in den Himmel, wo die Brise die Wolken jagt. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Wie eine Feder, so leicht, ja, sie konnte sich gut vorstellen, wie das wäre, wie sich das anfühlen würde. Der Wind wisperte ihr unablässig ins Ohr, sie konnte die Worte nicht verstehen, doch das musste sie auch nicht. Sie wusste, was sie bedeuteten. Von der Sehnsucht und der Ferne und vom Meer erzählte ihr der Wind, von der Unrast und der Reise. Das Kind sehnte sich nach der Reise. Doch das weite Meer musste noch warten. Wenigstens ein paar Jahre noch. Solange hatte sie den Wind, der ihr von seinen Fahrten sang.

Wie eine Feder schwebte sie. Jeder Windhauch trug sie höher, das glitzernde Meer unter ihr erstreckte sich immer weiter, sie sah das Dorf wie Bauklötze auf dem Hügel hinter dem Wald. Dorthin wollte sie jetzt noch nicht zurück. Ein freundlicher Luftstrom trug sie in die andere Richtung, auf das Wasser zu. Sie hielt Ausschau, und da! Dort sah sie es, klein wie eine Nussschale schwamm das sonst so mächtige Drachenschiff auf der gekräuselten Oberfläche. Winzig wie Ameisen und genauso emsig beschäftigt wuselten die Frauen und Männer des Dorfes auf dem Schiff und am Ufer umher. Alles bereitete eifrig die baldige Abfahrt vor. Nach kurzem Umschauen fand sie den, den sie suchte: Im blauen Hemd, die alte Lederweste offen, hievte Raskir gerade ein paar Kisten von hier nach dort. Eine Bö zauste durch seinen rotblonden Pferdeschwanz und Hedwyg hätte ihm am liebsten zugerufen und wäre in seine Arme gehüpft. Aber als Feder hatte sie natürlich keine Stimme. Abrupt hob da der Vater den Kopf. Er runzelte die Brauen und drehte den Kopf von links nach rechts. Vater! wollte Hedwyg noch einmal rufen. Doch der hatte sich schon wieder seiner Arbeit zugewandt. Sie glaubte, ein warmes, wohlbekanntes Lächeln auf seinen Lippen gesehen zu haben.

Das Mädchen schlug die Augen auf. Es fröstelte, die Sonne wärmte nicht mehr und stand eine Handbreit über der Wasseroberfläche. Das Meer hatte sich zurückgezogen. Die Ebbe! Sie wollten doch mit der Ebbe auslaufen! Schnell schnappte sie sich ihren Rucksack und trabte zur Hafenbucht. Dort standen sie alle versammelt, diejenigen, die daheim bleiben würden, und die, die zur Sommerfahrt aufbrachen. Der Vater hielt gerade die Mutter im Arm, er blickte über ihre Schulter und sah sie heraneilen. Er zwinkerte ihr zu. „Na, kommst du mich noch einmal verabschieden?“ Seltsam, er betonte das „noch einmal“ so, als hätte sie das heute schon getan. Dabei hatte sie das doch bloß geträumt.

Sie drückte den Vater ganz fest und gab ihm einen dicken Abschiedskuss. An der Hand der Mutter winkten sie ihm solange nach, bis das gestreifte Segel in der Dämmerung verschwand. Der Wind wehte vom Meer, fuhr ihr durch die Haare und versprach dem Kind, ihm Botschaft vom Vater zu überbringen.

13.01.2014

Die Hochzeit der Wüstentochter

Mastfar war tot.

Ich wollte, dass wir ihn begraben. Nicht einmal ein ungläubiger Novadi hatte es verdient, dass sein unbestatteter Leichnam unter der Wüstensonne verdorrte. Aber ich konnte mit meinem gebrochenen Bein ohne Hilfe gerade einmal stehen, nicht einmal gehen, und Phelicitas würde sich die Hände nicht schmutzig machen. Elgur zuckte bloß die Schultern und wandte sich ab. Wieder überkam mich dieses Gefühl von Ablehnung, das mir zusammen mit leichter Übelkeit aufstieg: Wie konnten diese Leute nur so… so opportunistisch sein? War ihnen denn wirklich gar nichts heilig, bei der Göttin!?

So lange redete ich auf sie ein, bis Rizella und Eichmann schließlich eine Grube schaufelten und den toten Mann mit Steinen bedeckten. Ich hatte den Eindruck dass sich Eichmann lediglich fügte, damit ich endlich Frieden gab.

Und ich gab mich damit zufrieden.

Wir fanden sein Pferd in der Nähe. Es war ein edles, ein stolzes Tier, mit schlanken Hufen und feurigen Augen. Wenn es ohne seinen Reiter in die Oase zurückkehrte, würde seine Sippe sofort vermuten, dass ihm etwas zugestoßen war. Nun war es Phelicitas, die mich entgegen meines Widerstandes davon überzeugte, dass das Ross seinem Reiter in den Tod folgen musste.

Nur wie? Wir konnten es nicht mit Waffengewalt niederstrecken, sein Körper würde viel einfacher entdeckt werden als der von Mastfar. Doch wir hatten noch den Wasserschlauch von dem arglistigen Mann in der Wüstenoase entlang der Rennstrecke. Er hatte es genau dafür zusammengemischt, um Pferde in ihr Verderben zu schicken. Schweren Herzens ließ ich es geschehen und das Pferd soff von dem vergifteten Wasser, so viel es wollte und konnte. Bevor wir es mit leichten Schlägen in die Wüste davontrieben, dachte ich an Wiedergutmachung und schnitt eine Strähne des rabenschwarzen Schweifs ab, die ich zusammenrollte und einsteckte. Später flocht ich daraus einen Zopf, so kunstvoll ich es vermochte. Ich würde diese Geschichte und meine Schuld, dass ich den Tod eines unschuldigen, wunderschönen Pferdes – Rahjas Geschöpf, und was für ein prächtiges Exemplar er gewesen war! – zugelassen hatte, im nächsten Rahja-Tempel beichten.

Jetzt war nicht die Zeit für Reue. Wir mussten in die Oase zurückkeren, bevor die Teilnehmer des Wüstenrennens an uns vorbeikamen. Da ich nur mein kleines Zelt hatte, das gerade für mich zum Schlafen reichte, luden Phelicitas und Rizella mich in ihr größeres Zelt ein. Sie bewohnten gemeinsam mit Delque, Eichmann und Elgur zwar ein gemeinsames Zelt, welches aber, um den strengen Sitten dieses Wüstenvölkchens zu genügen, mit einer Trennwand in einen Frauen- und einen Männerbereich unterteilt war. Dort hatte ich bis zum Eintreffen der Brautbewerber einige ruhige Momente, in denen ich mein verletztes Bein ordentlich versorgen konnte.

Während sich die zwei Frauen unterhielten, war ich ungestört und die beiden miteinander beschäftigt. Das nutzte ich, um einen festen Verband anzulegen und für eine unauffällige Hexerei. Ich konzentrierte mich auf den warmen Wüstenboden unter mir. Durch ihn fließt die Magie und diese Verbindung rief ich im Stillen an, um die Magie zu wirken, die in mir schlummert. Heilende Kräfte rief ich an, wie es uns Satuaria, wie es die Legenden besagen, gelehrt hat. Der Zauber tat sein wundersames Werk und ich spürte nicht nur, wie sich der Knochen wieder zusammenfügte, ich konnte die Heilung sogar beobachten.

Rizella und Phelicitas bemerkten nichts. Sie hinterfragten auch meinen Verband nicht, der für den Bruch für gewöhnlich viel zu wenig gewesen wäre. Ihr Gespräch indes war höchst interessant anzuhören. Ich erfuhr daraus, dass die Braut eine besondere Freundin – eine besonders innige Freundin – hatte. Die arme Frau wollte augenscheinlich gar nicht heiraten, aber das Gesetz der Novadis sah für ihre Frauen, insbesondere wenn sich auch noch die Tochter eines Anführers war, nichts anders vor. Diese Vorzeichen deuteten nicht gerade auf eine künftige erfüllte Ehe hin.

 

Mit aufgeregten Rufen der Oasenbewohner machte sich das Eintreffen des Siegers des Wettrennens bemerkbar. Die gesamte Siedlung, wir eingeschlossen, lief zusammen, um den Sieger in Empfang zu nehmen. Jubel stieg in meine Brust und machte sich in meiner Kehle Platz als wir sahen, wer das Rennen um die Hand Fationas gewonnen hatte: Delque thronte mit almadanischem Stolz auf dem Rücken seines Pferdes, trotz der sichtlichen Erschöpfung von Ross und Reiter aufrecht und siegesgewiss.

Wenige stimmten in den Jubel ein. Die Nomaden wollten natürlich lieber einen der ihren an der Seite der schönen Hairanstochter und damit als nächsten Anführer der Sippe sehen. Am lautesten protestierte der Mawdli, ein Prediger und Rechtsgelehrte und religiöses Oberhaupt dieser Leute. Er spie förmlich Gift und Galle, stellte sich an die Spitze und prangerte Delque des Betrugs an. Sein ganzes Gebaren erweckte sehr den Anschein, als hätte er es schon von langer Hand geplant und es nährte meinen Verdacht, dass er es gewesen war, der den Wegposten mit dem vergifteten Wasser versorgt und vielleicht sogar den Hinterhalt in der Felsschlucht angestiftet hatte.

Die Gemüter erhitzten sich, bis sie schier mit dem glühenden Wüstensand konkurrierten. Dann wurden Klingen gezückt. Selbst ich, eine auf eine Krücke gestützte Frau ohne irgend eine Waffe, wurde von einem der Männer mit einem krummen Säbel angegangen. Ich verteidigte mich, indem ich ihn mit einem Zauber blendete, ein greller Blitz in seinem Bewusstsein. Er krähte etwas von böser Hexerei, woraufhin ich halblaut seine Dummheit verspottete, in die Sonne zu blicken.

Phelicitas schleuderte wieder Feuerlanzen auf die Krieger, die der Mawdli gegen seinen Hairan aufgehetzt hatte. Die Schreie und der Geruch verbrannter Kleidung und versengten Fleisches vermischten sich mit den Rufen. Doch langsam wurde der Kampf und der Lärm ruhiger. Die Krieger, die sich auf die Seite des Anführers und gegen den Prediger gestellt hatten – und die damit auf unserer oder wir auf ihrer Seite waren – hatten über die Kämpfer des aufmüpfigen Mawdlis gesiegt. Keiner von ihnen kannte das Aufgeben, es gab Tote zu beklagen.

Und Delque hatte die Braut gewonnen. Bevor der Hairan jedoch die Hochzeit ausrufen konnte, ergriff einer der anderen Teilnehmer des Rennens das Wort. Er trat neben Fationa und was er in seiner Rede enthüllte, ließ die Kämpfe um ein Haar erneut aufflammen. Er war – eine Frau. Eben jene intime Freundin, von der Phelicitas und Rizella gemunkelt hatten. Woher hatten die beiden dieses sehr delikate Detail eigentlich gewusst? Wie dem auch sei, sie hatte sich mit Delque besprochen und erhob Anspruch auf die Hand Fationas. Erschüttertes Gemurmel ging durch die Reihen, als sie ihr Ersuchen rechtlich untermauern konnte, denn sie war zu Beginn des Wettbewerbs gemeinsam mit allen anderen, männlichen Teilnehmern von der Hand des Mawdlis zu einem ‚Krieger Rastullahs‘ eingesegnet worden. Und als solcher hatte sie das Anrecht, Fationa zu heiraten.

Der Hairan war geschlagen. Er fügte sich in das Recht der Wüste, denn so war es Brauch. Ein tapferer Krieger Rastullahs heiratete im Verlauf des mehrtägigen Festes seine Tochter Fationa.

Der hübsche Almadani Delque hingegen… ist immer noch zu haben.


Davor: Den Sand zum Feind

Den Sand zum Feind

Der Novadi hatte dunkle Augen. Sein Lächeln, das seine weißen Zähne blitzen ließ, erreichte sie nicht. Sie leuchteten kalt.

Mir fiel auf, dass seine rechte Hand, halb verborgen unter dem edlen dunklen Kaftan, Bandagen trug. „Mastfar ibn Dscherek, der Sohn des Hairan.“, flüsterte mir Eichmann auf meinen fragenden Blick hin zu. Sie hatten offenkundig eine gemeinsame Vorgeschichte. Phelicitas verwickelte ihn in ein Gespräch, dem ich nicht ganz folgen konnte, da mir die Geschehnisse vor meinem Treffen mit Delque, meinem Landsmann, lagen.

Waffen trug der Novadi keine bis auf das obligatorische, gebogene Waqqif.

Irgendwann, während Phelicitas mit ihm redete, hörte er auf, auf sie einzugehen und stimmte den Singsang einer Zauberformel an. …Nichts passierte.

Etwas anderes geschah, eine Regung von Elgur oder etwas, das Phelicitas sagte, und plötzlich entbrannte ein Kampf. Ja, ein richtiger Kampf, obwohl er alleine und meine Begleiter zu viert waren. Ich sah, wie Elgur seinen Magierstab über den Kopf hob und ihn dort kreisen ließ und ich trieb mein geliehenes Pferd an seine Seite. Diese Zaubergeste kannte ich von Nephas – damit zaubern die Gildenmagier eine  Schutzkuppel, die feindliche Magie wie Zauber und dämonische Wesen abwehrt. Diese Schutzkuppel sollte genügen Platz für uns beide bieten, wenn nicht sogar für mehr von uns.

Rizella war jedoch viel näher an den novadischen Magier herangegangen. Sie hatte zwei Säbel gezogen und drang auf den Novadi ein. Eine Windhose wirbelte vor Elgur eine Handvoll Staub und Sand, ließ ihn bis auf Kniehöhe, dann bis zur Hüfte aufsteigen, bis sich vor ihm nahezu mannshohes Gebilde erhob, das ihn mit sandrauhen, steinharten Armen angriff. Elgurs magische Schutzkuppel bot also keine Sicherheit vor diesem Zauberwerk.

Der dunkelhäutige Zauberer war abgelenkt. Ich zog mich zurück, stieg ab und schlich am Rand des Geröllhügels in den Rücken des Novadis. Er sah und hörte mich nicht. Ich zückte meinen Dolch, pirschte mich noch näher an ihn heran. Er bemerkte mich immer noch nicht.

Der Dolch ist nicht die Waffe meiner Wahl, aber meinen Kampfstab hatte diese räuberische Bande, der ich Rache geschworen hatte. Ich griff also mit dem Dolch an – und er wich aus. Scheinbar hatte er das Glück auf seiner Seite, dass er im selben Moment eine Bewegung zur Seite machte. Doch nun bemerkte er mich. Wie von Zauberhand türmte sich der Sand als lebende Mauer vor mir auf, er sprang immer an der Stelle empor, an der ich mit der Klinge in der Hand vorstoßen wollte. Das hatte keinen Sinn, so machte ich nur die Schneide stumpf. Doch der Sand ließ nicht zu, dass ich mich zurückzog. Ein Fangarm schlang sich um meinen Unterschenkel und zog und zerrte an mir, sosehr ich auch versuchte, mich aus dem unerbittlichen Griff zu befreien. Doch der Sand verfügte über übermenschliche Kräfte, denen ich nichts entgegensetzen konnte. Die Pein in meinem Bein wuchs und ich spürte mit grausamer Bestimmtheit den stechenden Schmerz, mit dem einer der Knochen brach.

Durch die zusammengebissenen Zähne stöhnte ich vor Schmerz und Wut, zu gleichen Teilen. Phelicitas schoss mit Feuerlanzen auf den Magier, Rizella setzte ihm mit ihren Säbeln zu. Da ging Mastfar ibn Dscherek, der magisch ausgebildete Sohn des Hairans, zu Boden und rührte sich nicht mehr. Boron… oder in seinem Fall wohl eher Rastullah… hatte ihn zu sich gerufen.

Doch der kämpferische belebte Sand lockerte seinen Griff keinen Finger breit! Erst Elgur und Eichmann, die mit ihren verzauberten Stäben auf das Sandgebilde einstachen, brachten es schließlich zum Erlahmen und dann sackte der Sand wieder in sich zusammen. Und war nur noch ein unscheinbares, harmloses Häufchen Wüstenstaub.


Davor: Ränke
Danach: Die Hochzeit der Wüstentochter