An die Gesellschaft

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​Deutschland, im Oktober 2017

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

verehrte Gesellschaft,

in den vergangenen Monaten konnte ich nicht umhin, gewisse Missstände festzustellen. Aufgrund deren wiederholten Auftretens und ihres bisweilen wochenlangen Andauerns sah ich mich schlussendlich bemüßigt, dies vorliegende Schreiben aufzusetzen um Ihre Aufmerksamkeit auf jene Gegebenheiten zu lenken.

 

Um die Probleme nachzuvollziehen, welche ich diagnostiziert habe, ist es unumgänglich, zunächst mit ein paar Worten meine Person zu umreißen: Ich bin ehrenamtlich tätig, engagiert, arbeitswillig, belastbar, auf hohem Niveau ausgebildet, motiviert, mit durchgehend sehr guten Praktikums- und seltener Arbeitszeugnissen versehen.

Ich bin am Ende.

Am Ende meiner akademischen Ausbildung angelangt. Vor circa einem Jahr absolvierte ich mit Erfolg den Master of Arts im Fach Germanistik. Vor diesem konsekutiven Aufbaustudiengang schloss ich den Bachelor of Arts in ebendiesem Fach sowie in der Medienwissenschaft ab. Die akademischen Titel offenbaren bereits, dass ich keine Laufbahn als Lehrkraft anstrebe. Gleichwohl beabsichtige ich in unmittelbarer Zukunft keine weitere Betätigung in der Wissenschaft. Vielmehr schwebte mir vor, nach nunmehr 13 Jahren Schulbildung und weiteren sechs Jahren Hochschulbildung einen Beruf außerhalb des Bildungssektors und damit in der Wirtschaft zu ergreifen.

A propos ‚unmittelbare Zukunft​‘: Ich bin am Ende meiner Hoffnung.

In den vergangenen 365 Tagen überzeugte ich im Rahmen mehrerer Praktika meine Arbeitskollegen und Vorgesetzten von mir. Wenn ich mich nicht in einem Praktikum betätigte, verfasste und versandt ich Bewerbungen. Ich erhielt dreierlei Rückmeldungen: Absagen mit der Begründung, dass ich nicht für die ausgeschriebene Tätigkeit geeignet sei; Absagen unter Versicherungen aufrichtigen Bedauerns, dass alle Stellen bereits vergeben seien​; oder keine Rückmeldung.

Ein Jahr lang Schwimmen mit immer den gleichen Zügen – Bewerbungen tippen, abschicken, Praktikum, Bewerbungen – lehrte mich eine heftige Abneigung gegen dieses Schwimmen. Gleich dem Schwimmen gegen die anrollende Flut kommt der Schwimmer nicht vorwärts und das Schwimmen zehrt dennoch an seinen Kräften. Nichtsdestoweniger entwickelte ich Routine darin.

Das Meer ist endlos, kein Land in Sicht.

 

Am Ende meiner Kräfte wurde mir unverhofft ein Rettungsring zugeworfen. Ich persönlich befinde mich auf dem Weg zum Ufer, mir wurde wieder Hoffnung auf festen Boden unter den Füßen gegeben, den man auch den „sicheren“ Grund nennt.

 

Mein dringlicher Appell an Sie, meine Damen und Herren, geschieht nicht um meinetwillen. Er soll meinen Mitschwimmern zur Hilfe gereichen, die dort, verlassen auf einsamer See, schon nicht mehr nach Land, Ufer, Signalfeuern ausspähen und hoffen: Tun Sie alles, was in Ihrer Macht steht, um ihnen zu helfen. Tun sie etwas. Verändern Sie sich.

Sie brauchen Geisteswissenschaftler.

Mit der Hoffnung auf baldige Besserung obig dargelegter Verhältnisse

verbleibe ich

noch hochachtungsvoll,

 

xxx

– Master of Arts –

 

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Rückkehr in den Norden

Mein Liebster,

ich bin wohlbehalten wieder in meinen heimatlichen, nördlichen Gefilden angelangt. Die Reise war beschwerlich, nicht so sanft wie meine Hinreise zu Dir, auf der mich die Gedanken daran, Dich alsbald wieder in meine Arme zu schließen, beflügelten. Der Kutscher warnte mehrmals vor rauen Passagen, und während wir diese unwegsamen Wegabschnitte durchfuhren, erbleichten viele meiner Mitreisenden merklich.
Ich selbst brachte den längsten Teil der Reisezeit lesend oder schlafend zu.

Nach den schönen, sonnigen und warmen Tagen zu Gast bei Dir im Süden erscheint mir nun unser Klima hier daheim so kalt und unfreundlich! Und doch weilte ich nicht einmal ein volles Dutzend an Tagen in Deinem Stadthaus, umgeben von der spätsommerlichen bis herbstlichen Stadt. Schon vermisse ich das goldene Laub, das sich raschelnd in den Ecken der Straßenzüge sammelte, und das wie riesenhafte, gelbe Schneeflocken hie und dort vom blauen Himmel schneite, wenn der Wind es hoch über die Dächer emportrug!
Und Deine Hände wärmten die meinen.

Noch einmal möchte ich Dir danken für die Planung meines Aufenthaltes. Ich dünkte mich bereits faul und selbstverliebt, dass mir Deine Kenntnis der dortigen Geographie zum Vorwand gereichte, mich aus den Vorbereitungen weitestgehend herauszuhalten.

Wehmütig denke ich an die Sonne des Südens, während sie sich hier hinter kalten Dunstschleiern verbirgt.

Und natürlich gelten Dir meine wärmsten Gedanken. Ich bin mir gewiss, dass auch Du an mich denkst.

 

In Liebe, Deine ……