Ich habe an dir einen Narren gefressen

„Ich habe einen Narren an dir gefressen.“ Das soll ja eigentlich ein Lob sein. Aber nur, solange man es nicht allzu wörtlich nimmt. Dann wird es nämlich ganz schnell eklig. Verboten eklig.

Verboten und eklig.

Zugegeben: Eine altertümliche Redewendung. Vielleicht ganz gut, dass sie nicht in aller Munde ist. Denn mit dem Wörtlichnehmen zeigt man nämlich gar nicht mehr seine Zuneigung, sondern man tötet mit den Mitteln der Sprache eine geistig möglicherweise minderbemittelte Person (den „Narren“) und vollzieht an ihr Kannibalismus („fressen“). Wenn man das dann auch noch in aller Öffentlichkeit kund tot und lauthals verkündet: „Ich habe einen Narren an dieser Person gefressen“, dann ist es

Exhibitionistischer Kannibalismus

Gehen wir das Sprichwort Schritt für Schritt durch: „Ich habe einen Narren an dir gefressen.“

1. Der ‚Narr‘

Das Wort lässt an mittelalterliche Hofnarren denken, die Räder schlagen und zur Belustigung des Hofstaates als Spaßmacher angestellt waren. Wir wissen, dass diese Rolle immer wieder Versehrten oder Krüppeln zufiel.

Eine Stufe abstrakter: Der Narr ist eine Figur, die in Literatur und Film nicht (immer) mit Narrenkappe und Schellenkleid daherkommt. Die Figur zeichnet sich dadurch aus, dass sie anderen auf spielerische, spöttische, manchmal bitterböse Art den Spiegel vorhält, sie überzeichnet, ihnen ihre Schwächen aufzeigt. Indem er sich über jemanden lustig macht, zeigt der Narr häufig eine Wahrheit auf, die anderen verborgen bleiben würde.

2. Den ‚Narren fressen‘

Welchen Zusammenhang hat also dieser prototypische Narr mit der Absicht des Sprichwortes, jemandem seine Zuneigung auszudrücken? Denn seine bisweilen frivole, ennervierende und entlarvende Art macht den Narren nicht gerade beliebt.

Ist es nicht im Gegenteil eine Abneigung gegen die Gesamtheit der Narren, die sich in dem Sprichwort verewigt hat? Dieses lästige Den-Spiegel-vorgehalten-bekommen, das unliebsame Wissen, dass in seinem Spott auch ein Fünkchen Wahrheit liegt… das kann schon reichen, um den Wunsch zu verspüren, ihn wegzuputzen. Vom Angesicht der Welt zu tilgen. Ihn mit Haut und Haar… ihr wisst schon.

3. Dies ‚an jemandem‘ tun

Einen Narren „an jemandem“ zu fressen ist nach meiner wortwörtlichen Lesart eine räumliche Angabe. Das Sprichwort benennt drei Personen: Den Narren, den Esser und den Jemand. Dieser Jemand ist immer Ziel des Affekts – wer gemeint ist, hängt immer vom Sprecher ab. Im Satz ist er grammatikalisch gesehen immer gleichbleibend ein Objekt, und zwar das Dativobjekt.

Der Narr wird also an – oder nahe bei – der Person verspeist, von der der Sprecher ausdrücken will, dass er sie innig mag.

Stellen wir uns die Situation einmal ganz konkret vor. Also… wenn eine Person A, die mich gern hat, eine andere Person B, die als Narr gelten kann, an mich heranzieht und dann herzhaft in sie hineinbeißt… dann würde ich sehr wahrscheinlich Zweifel an Person A bekommen.

Und Person B vor ihrem Schicksal bewahren wollen.

Na, hoffentlich frisst Person B dann keinen Narren an mir.

Umschwung

Es ist nicht viel passiert, aber alles ist urplötzlich anders.

Ein Wimpernschlag, die Ahnung einer Geste und das Kartenhaus – nein, die ganze Welt – fiel, stürzte in sich zusammen. Der Boden unter deinen Fußen ist verschwunden.

Später fragst du dich: Eine Wimper ist so zart und fein. Wie kann sie schlagen?

Alles ist schwarz: Deine Vergangenheit, der Horizont deiner Gedanken, deine Zukunft endet in dem schwarzen Loch, in dessen Abwärtsstrudel du schon gefangen bist. Kein Entkommen, keine Hoffnung. Es existiert nichts anderes mehr als Schwärze und Nichts.

In den Splittern eines zerschlagenen Spiegels blitzen alle Erniedrigungen, alle Schmähungen, alle Zurückstellungen auf, die du je erlitten hast. Und du weißt, es sind noch viel mehr als die, die du erkennen kannst, die in den scharfen Glaskanten nur zu erahnen sind.

Schwere Gewichte legen sich auf deinen Rücken und deine Glieder, drücken dich nieder zu Boden. Das Atmen fällt dir schwer. Du willst dich nicht einmal dagegen stemmen, dein Wille ist gebrochen.

 

So liegst du am Boden, müde, elend. Erwartest den Tod. Wartest. Und wartest. Warum kommt er nicht? Du wirst zornig. Hat sogar er dich vergessen? Eine Hand ballt sich zur Faust.

Irgendwann ist es Gewissheit: Nein, er wird nicht kommen. Er kommt zu seiner Zeit, nicht, wenn du ihn dir wünschst. Warum liegst du hier im Staub?

Dir bleibt nichts anders übrig, als dich wieder aufzurappeln. Steh auf. Geh weiter, mach weiter. Liegenbleiben hilft nichts.

Und wenn du nicht genug Mut hast, nimm Trotz.

 

28.06.2019

Salz und nass

​Ein halbes Jahr ist vergangen.

Nun ist es Frühling. Ich höre das Lied der Amsel, sie singt von Neubeginn und wieder erwachendem Leben, von Hoffnung und Freude und Glück.

Ich höre ihr Lied, doch es erreicht nicht mein Herz.

Nein, sie singt es mir nicht zum Spott – ich weiß ja, dass sie nichts von mir weiß, nichts von meinem Hiersein erahnt und dass ich ihr lausche. Sie singt einfach nur. Alles andere ist ihr egal.

Würde es regnen, würde sie genauso singen.

Ob sie glücklich ist?

Ich renne, um mein Ziel zu erreichen. Ich weiß nicht, wo es liegt, ich renne, um es auch nur zu sehen. Ich spüre, dass es vor mir liegt und auf mich wartet.

Ich kann es nicht warten lassen! Das Warten peinigt mich.

Ich bin zu hastig, ich schlage mir das Knie auf. Der harte Boden hat meine Haut durchstoßen, Blut tropft und ein roter Schmierer zeigt die Stelle an. Ich stemme mich hoch, zwinge mich wieder auf die Beine. Was mich nicht umbringt, macht mich stärker, und ich muss weiter!

Ich erlaube mir stolz zu sein, dass ich weitermache. Ich bin wütend, dass es nun langsamer geht. Wütend auf mich, meine Schwäche. Brennender Schmerz sengt mein Knie bei jedem zweiten Schritt.

Ich weiß, dass Selbsthass mich nicht weiterbringt. Der Selbsthass weiß das leider nicht.

Meine Stimme ist heiser und rau. Das kommt vom Schluchzen.

Dunkle Flecken auf dem Boden, wo die Tropfen zerplatzen.

Ein Schattenspiel aus hellen und dunklen Flecken, wo die Sonne durch das Laub fällt.

Sie scheint auf mich, nicht für mich.

Es regnet. Das Wasser vom Himmel vermischt sich mit meinen Tränen, wo es mein Gesicht netzt.

Mein Kleid ist nass. Die Katze mag das Salz.