Mein Leben als Untermensch – Teil 7: Time to say goodbye

Über die Schwierigkeit der Kommunikation hatte ich zuletzt geschrieben und einen Einblick in mein Arbeitsleben während des Probemonats gegeben. Ein Monat ist im Rückblick immer schneller vorbei, als wenn man ihn von vorne betrachtet.

Und der Abschied kommt schneller als man erwartet.


Mein Leben als Untermensch – Teil 7: Time to say goodbye

Mein Abschlussgespräch mit besagtem unbeirrbaren Chef hat ganze sieben Minuten gedauert. Das ist kurz, aber schon nach den ersten 30 Sekunden wusste ich dass er mich nicht übernimmt.

Adieu, fleckige Tischdecke. Lebt wohl, greuliche Vorhänge. Machs gut, Ikeamesser, du einziges und stumpfes Kochmesser. Tschüss, kaputte Nachttischlampe. Und auch du, mein Kaktus, meine Schreibtischlampe, mein Wasserkocher, meine Kleiderbügel, meine Müslischüssel, mein Flaschenöffner: Dient eurem nächsten Besitzer so treu, wir ihr mir gedient habt. Ich lasse euch hier, damit die oder der nächste ein bisschen mehr Ausstattung hat als ich. Von Wohnkomfort will ich gar nicht schreiben.

Und trotzdem bin ich wehmütig. Ich lebe gerne in dieser Stadt und dieses Viertel hat den anheimelnden Charme eines kleinen Dorfes innerhalb der Stadt. Hier denke ich mehr an die Stadt als Wohnort als das Kellerloch – bei mir zuhause ist es andersrum: Dort betrachte ich mehr meine vier Wände als mein Lebensraum als die Umgebung, in der diese vier Wände stehen. Die Stadt und das Viertel fühlen sich wenig heimisch an.

Dem Radweg an der alten Stadtmauer entlang, dem Aufblitzen des Flusses im späten Licht, schwüle Barfuß-Spaziergänge in der Abenddämmerung, der grünen Insel in meinem Straßenzug. Unhöflichen Kollegen, Chefs, die von ihrer einmal gebildeten Meinung keinen Zentimeter mehr abrücken, einer extrem wechselhaften Arbeitsatmosphäre. Dem sage ich Lebewohl. Es geht zurück in die große Stadt.

27.06., 04.07.2019

 

Auf Tortuga! Teil 3

Auf der LARP-Veranstaltung Tortuga geht die Ordensschwester Lydia auf der gleichnamigen, berühmt-berüchtigten Pirateninsel Tortuga dem Missionsauftrag ihrer Kirche nach.

Dort schloss sie Bekanntschaft mit dem Naturforscher Alexander von Rumboldt und mit dem Tod. Sie parlierte mit der tortugiesischen Oberschicht und genoss einen Opernabend (siehe Teil 2).

Mit dem letzten Teil nimmt das Geschehen eine ernste Wendung…


Auf Tortuga! Teil 3

Aufbruch von Tortuga

Raul vereinbarte mit den von Rumboldts – Alexander von Rumboldt, seine Frau Lumumba und ihre Praktikantin – dass sie am Abend zum Abendessen und für ein anschließendes Kolloquium zu uns kommen.

Die Nacht brach herein, wir waren in angenehmer Gesellschaft und ich diskutierte mit Lumumba über meine Abhandlung „Von Raben und Krähen„. Allem Anschein nach handelt es sich doch um zwei unterschiedliche Arten und nicht um die gleiche Spezies, wie ich hartnäckig angenommen hatte.

Der Eindringling

Plötzlich wurden wir unterbrochen. Der Casinobesitzer in hoher Begleitung: Besuch von Ragabash. Sie meckerte natürlich, dass ich mich nicht tief genug verbeugte, aber durch eine Laune, die mir zugute kam, ging sie meiner Weigerung nicht nach. Die Totenbeschwörerin hatte jedoch eine kleine Rede für uns vorbereitet, in der sie uns großspurig kund tat, dass sich einer der anderen mächtigen Nekromanten der Insel – ein gewisser Baron Martin – geopfert hatte. Ein großer Verlust für Tortuga, sagte sie. Doch dank dieser selbstlosen Tat, frohlockte sie , würden sich in diesem Augenblick rund um Tortuga Geisterschiffe aus den Fluten erheben. Wir sollten dieser Tat unseren Respekt zollen, forderte sie uns auf. Keiner von uns schien zu wissen, was genau sie von uns verlangte, und wahrscheinlich wusste sie es selbst nicht einmal. Meine Erinnerung daran ist verschwommen, ich weiß noch, dass ich in ihrer Gegenwart körperliches Unwohlsein verspürte und mir die Zeit sehr lang vorkam. In Wirklichkeit wurde sie nur ihre Rede los, bereitete uns allen Unbehagen mit ihrer Anwesenheit und stolzierte dann in die Nacht und in Richtung Marktplatz davon.

Endlich konnte ich aufatmen. Am Opernabend war es das erste Mal passiert, dass mir mit einem Mal übel wurde und mir so stark schwindelte, das Yassir mich zu einem Stuhl führen musste. Es muss die hohe Zahl an Untoten auf Tortuga sein, die mir so zusetzt.

Die Berufung

Ihr Auftritt in unserem Lager hatte einen Funken in mir entzündet. Tief in meiner Seele wusste ich, dass diese Nacht nicht mehr alleine ich selbst meine Handlungen bestimmte, sondern eine höhere Macht. Mein Gott leitete mich, zeigte mir den Weg.

Ragabash, diese Nekromantin… Sie schart Untote um sich und jocht andere unter ihren Willen. Aber sie verkörpert auch Aspekte meines Gottes: Den Tod an sich, die nächtlichen Gefilde und die Rauschhaftigkeit. Sie hatte mich eingeschüchtert. Aber ich trug mich schon einige Zeit mit dem Gedanken, dass ich mehr über sie herausfinden wollte. Vielleicht gab es etwas an ihr, mit dem ich mich aussöhnen konnte?

Ich bin keine Predigerin mit Feuer und Schwert. Aber ich hatte keine Wahl. Ich nahm mein Räucherfässchen und entzündete Weihrauch. Ich nahm das Salböl. Dann ging ich zum Marktplatz, Pablo begleitete mich. Raul, Yassir und Kiata mussten auch irgendwo im Gedränge sein, aber ich sah sie nicht. Ich ging an den dunklen Altar und besprengte ihn unter leisen Gebeten mit dem gesegneten Salböl. Pablo unterstütze mich und meinte, ich solle lauter beten, doch das wäre mein sofortiger Tod gewesen, da ich außer ihm keine Hilfe hatte und alle Piraten auf dieser verrückten Insel sich vor Ragabashs Gewalt beugten.

Die Kerzen auf dem Altar erloschen. Ich deutete es als gutes Omen, dass mein Herr meine Gebete vernommen hatte.

Und als nächstes fand ich Ragabash, ohne sie suchen zu müssen. Am Rand des Tavernengedränges und ohne ihre untote Schar – zumindest war keiner in ihrer Umgebung in der Dunkelheit unmittelbar als Zombie zu erkennen.

„Uff, das stinkt!“, maulte sie mit einem angewiderten Blick auf mein Weihrauchfass, das ich beständig in Bewegung hielt. Ich erinnere mich nicht mehr im Worlaut an das Gespräch, aber ja, ich habe tatsächlich eine Unterhaltung mit ihr geführt. Ich sagte ihr, dass ich dem Herrn der Seelen diene, der auch um Schlaf und Vergessen angebetet wird, und dass dieser Gott die Erhebung von Untoten ablehnt. Dass ich gerne mehr über ihre Macht und ihren Einfluss erfahren würde, um herauszufinden, was davon mit meinem Gott zu vereinbaren wäre. Ich weiß noch, dass sie das zum Nachdenken brachte, aber was sie mir antworten wollte, bleibt für immer ungesagt.

Der mordende Lakai

Denn der Mann neben ihr mischte sich in unser Gespräch ein: „Lass sie mich töten! Ein paar Jahrhunderte auf einer der Galeeren werden sie schon eines besseren belehren!“, heulte er. Dies waren in etwa seine Worte, mit denen er Ragabash daran hinderte, mit mir zu sprechen. Unterbrach er mein Gespräch mit seiner Herrin, weil er mich insgeheim fürchtete? Ich wunderte mich, dass sie ihn nicht aufforderte, still zu sein, wenn sie ein Gespräch führt.

Ragabash gab nie ihr Einverständnis. Sie wollte mir antworten, doch sie kam nicht dazu. Denn ihr Lakai sprang vor, setzte mir die Klinge an die Kehle und… zog mir den Stahl durch den Hals.

Ich muss es nicht im Detail beschreiben: Ich starb. Ich hörte noch, dass rund um Pablo Gedränge und Lärm herrschte. Dann war alles gedämpft, wie unter Wasser, und mir war, als sähe ich von oben meinen Körper am Boden liegen. Der Totenrufer steckte qualmende Räucherstäbchen rund um meinen reglosen Leib in den Boden und rief in fremden Zungen Beschwörungsformeln gen Himmel. Ich fürchtete, dass ich mich im nächsten Augenblick dabei beobachten müsse, wie sich mein eigener, toter Körper als wandelnder Leichnam erhebt… doch es geschah nicht.

Die zweite Begegnung mit dem Tod

Stattdessen fand ich mich im nächsten Wimpernschlag einer bekannten Gestalt gegenüber: Dem Tod. Neben mir stand Pablo, aber es war nur sein geistiges Abbild – so wie auch ich körperlos war. Graue Leere umgab uns.

„Ich bin immer noch im Urlaub“, sagte der Tod, „aber weil du es bist, Lydia, habe ich die Arbeit ausnahmsweise übernommen. – Wie ihr vielleicht wisst, bin ich einem Spielchen nicht abgeneigt und ihr habt eine Crew, die sehr an euch hängt. Sie haben um euer Weiterleben gespielt. Allerdings… haben sie nur ein Spiel gewonnen. Nur einer von euch kann in die Welt der Lebenden zurückkehren.“

Pablo und ich blickten uns an. „Du gehst zurück.“, sagte ich ohne zu zögern. „Ich bin auf den Tod vorbereitet; ich habe keine Angst davor, zu sterben. Ich gehe zu meinem Herren.“ Pablo war erleichtert – auch ein Freibeuter ist irgendwie ein Pirat, der jede gute Chance nutzt, die sich ihm bietet.

Plötzlich blickten die knochigen Augenhöhlen des Todes ins Leere. Sie schien zu lauschen und auch ich glaubte, in der Ferne eine mächtige Stimme zu hören, die nur durch die große Distanz nicht zu verstehen war. Im Gegensatz zu mir hörte sie die Worte. „Was meint Ihr?“, fragte sie halblaut. Weder Pablo noch ich hatten etwas gesagt, uns konnte sie nicht meinen. „Wirklich? Na, wenn das so ist… Da kommt aber wieder gehöriger Papierkram auf mich zu. Wenn Ihr meint. Also gut.“

Sie wandte sich mir zu: „Sieht so aus, als wäre deine Zeit doch noch nicht zu Ende. Ich wurde gebeten, dich auch zurückzuschicken.“

In dem Bewusstsein, dass es nicht unsere letzte Begegnung war, schwand mein Bewusstsein…

…und ich erwachte in meinem zerschundenen Körper.

 

Davor: Auf Tortuga! Teil 2

Danach: Rezension: Tortuga 2019 – Phantastische Piraten und wo sie zu finden sind

Mein Leben als Untermensch – Teil 6: Kommunikation ist eine schwierige Sache

Zuletzt hatte mich mein Vermieter im Kellerloch besucht. Es gibt Versprechungen und Reparaturen, vor allem an Fahrrädern.

Jetzt erzähle ich von meinem aufregendsten Arbeitstag und -abend, den ich während des Probemonats erlebt habe. ‚Aufregend‘ im doppelten Sinn: Sowohl spannend als auch ein Grund, sich aufzuregen.


Mein Leben als Untermensch – Teil 6: Kommunikation ist eine schwierige Sache

In der Arbeit ist heute etwas merkwürdiges passiert. Merkwürdig: würdig, es mir zu merken. Dass ich es nächstes Mal vermeiden kann? Ich hätte es gerne vermeiden, aber ich würde immer noch nicht anders handeln.

Am Ende sah ich die Kommunikationskette mit ihren einzelnen Gliedern. Die herausragende Eigenschaft dieser Kette ist, dass sie, genauso wie eine ordentliche Halskette, dort endet, wo sie anfängt.

Die Auftragslage ist dürr. Das Sommerloch ist in diesem Jahr früh dran. Alle klagen, dass zu wenig los ist, durch die Bank alle.

Der Kollege, der in dieser Woche die Oberaufsicht führt, kommt an den Schreibtisch der Hospitantin und mir. „Ihr zwei braucht doch Arbeit.“ Begeisterung mischt sich mit eher gedämpften Gefühlen – Hurrah, etwas zu tun! Aber was wird das schon für eine dröge Aufgabe sein, wenn er uns zu zweit losschickt und kein anderer es tun will? Wir als Hospitantin beziehungsweise Probearbeiterin stehen ja am unteren Ende der Nahrungs… ich meine, Aufgabenzuweisungskette.

Er gibt uns in zwei Sätzen einen Auftrag, bei dem wir bis spät in die Nacht in einer gedrängten Menschenmenge unterwegs sein werden, wirft mir auf meine Nachfrage noch zwei Brocken Information im Gehen über seine Schulter zu und ist wieder weg. Gut, dass ich Block und Stift gezückt hatte, die Hospitantin hatte diese Art der Kommunikation überfordert und sie hatte zwei Drittel der Information gar nicht mitbekommen.

Wir waren also gestern – oder eigentlich zeitlich hyperkorrekt: heute – bis kurz nach Mitternacht für die Arbeit unterwegs. Und danach gleich zurück zur Arbeitsstelle und unsere Arbeit abliefern, damit gleich in der Früh damit gearbeitet werden kann. Ich rufe an der Pforte an und melde an, das wir so spät nochmal rein müssen. Der Pförtner lehnt rundheraus ab. Eine Probearbeiterin und eine Hospitantin, die bekommen keinen Zugangschip. Nie. Als ich vor zwei Jahren meine Hospitanz gemacht habe, hatte ich für einen Abend den Zugangschip bekommen. Allerdings sage ich dem Pförtner das jetzt am Telefon lieber nicht.

Zum Glück ist der Kameramann ein Argument, das für uns spricht. Den kennt der Pförtner und er sagt: Ja, mit dem Kameramann haben wir ja schon öfters gearbeitet, der ist bekannt. Der darf rein. Zusammen mit ihm kommen wir also rein. Puh.

Im Auto ist der Kameramann verwundert, dass der Pförtner das gesagt haben soll. Er hätte nicht damit gerechnet, sagt er, dass ihm ausgerechnet dieser Torwächter Vertrauen zusprechen würde. Angeblich würde er von ihm immer eher unfreundlich empfangen und eingelassen werden. Habe ich ihn gerade ein Stück mit seiner Nemesis an der Pforte versöhnt?

Unterwegs rufe ich zur Sicherheit nochmal an der Pforte an und frage nach: Kommen wir nicht nur auf das Gelände, sondern auch in das Gebäude? Und diesmal meint der Pförtner, dass er seiner Chefin von der Verwaltung eine E-Mail und eine WhatsApp-Nachricht geschrieben hat und sich meldet, sobald er von ihr hört.

Er meldet sich nicht.

Wir kommen nach getaner Arbeit also zurück.

Mit vielen Beteuerungen meinerseits und viel Kopfschütteln und -nicken habe ich endlich den Zugangschip zu unserem Gebäude in der Hand. Gegen Unterschrift, versteht sich. Wir liefern also unsere Arbeit ab, machen fertig, was fertig zu machen ist und sind in einer Dreiviertelstunde fertig. Perfekt! Und jetzt ab nach Hause und in die Heia.

Als ich beim Rausgehen den Chip wieder abliefere meint der Nachtpförtner noch zu mir, dass er dafür eine Rüge von der Verwaltung erhalten würde. Der Arme. Aber muss er mir deswegen ein schlechtes Gewissen machen? Ich kann ja auch nichts dafür, dass uns niemand gesagt hat, dass jemand Festangestelltes für uns diesen verdammten Chip organisieren und sozusagen für uns bürgen muss.

Am nächsten Tag hat derselbe Pförtner Dienst, als ich Feierabend mache. Ob noch alles gut ging?, frage ich ihn. „Ja, ja“, winkt er ab, „ich hab nichts von der Verwaltung gehört.“

Aber zurück zum Morgen nach dem Nachteinsatz. Frühs will ich den Kollegen, der uns im Vorbeigehen den Auftrag erteilt hat, fragen, wie ich das Material bearbeiten soll. Was genau soll rauskommen? Mein Termin in der Nachbearbeitung fängt um zehn Uhr an. Ich habe eine Viertelstunde Zeitpuffer eingeplant. Mein Kollege telefoniert durchgehend. Ich frage die Kollegin am Platz neben ihm und plötzlich wird er aufmerksam und beendet sein Telefongespräch. Er ist vollkommen verwundert, dass ich zum ersten Mal in der Nachbearbeitung bin. Wie kann es sein, dass ich das noch nie gemacht habe? Die Chefs sagen doch immer, dass „wir alle“ alle Arbeitsschritte in allen Bereichen können!

Ich versichere ihm, dass ich ähnliche Aufgaben schon eigenständig gemacht habe und zuversichtlich bin, dass mir das zusammen mit den Leuten aus der Nachbearbeitung gelingen wird. Er schüttelt ungläubig den Kopf und fragt mich, warum ich nicht früher gesagt hätte, dass ich darin keine Erfahrung hätte. Ich frage mich, wie das jetzt mit seinem letzten Satz zusammenpasst, dass wir alle laut den Chefs alles können würden?

Die Hospitantin steckt mir, dass sie ihm am Vortag, als er uns diesen Auftrag zugeworfen hat, gesagt hat, dass sie das noch nie gemacht hat. Seine Antwort war da gewesen: „Darum schicken wir euch ja zu zweit los.“ Das Einholen unseres Materials habe ich auch schon gemacht. Ich wusste nur nicht, wie das Nachbearbeiten funktioniert.

Am Nachmittag ruft mich der Chef in sein Büro. Mein Kollege hat sich bei ihm beschwert, dass ich das noch nie gemacht habe und ich hätte ihm das sagen müssen. Danke für das Gespräch. In Gedanken stelle ich unerfreuliche Dinge mit diesem Kollegen an. Dass er sich auch noch beim Chef beschwert! Bis zum Schluss, bis zum Ende meines Probemonats gibt mir diese Sache zu denken und ich zweifle nachhaltig, ob ich in so einem Umfeld arbeiten will.

Hätte sonst wer diesen Job gemacht, bis spät in die Nacht? Naja… vielleicht. Ja sicher, irgendwer hätte sich schon gefunden und mir hat es schon gefallen. Aber darum gerissen hatte sich keiner.

Nach Feierabend sitze ich vor dem Gebäude. Ein anderer Kollege schlendert vorbei und fragt mich, ob ich gesehen habe, was bei meinem Material rausgekommen ist. Ich verneine, ich war mit etwas anderem beschäftigt. Er betätigt sich als Sphinx und sagt mir kryptisch: „Die Würfel sind zu deinen Gunsten gefallen.“ Ich kann nicht glauben, was er mir andeutet und gehe nachsehen.

Und tatsächlich! Sie haben alles so genommen, wie ich es fertiggemacht habe. Obwohl eine ältere Kollegin meine nochmal gemacht hatte. Schlussendlich haben sie doch meines genommen. Ich frage den netten Kollegen, wer denn diese Würfel geworfen hat, die zu meinen Gunsten gefallen sind. Er war es.

Ich nehme einen imaginären Stein und platziere den Stein für ihn in meinem imaginären Brett.

18.06.19, 25.06.2019

 

Auf Tortuga! Teil 2

Die Ordensfrau Schwester Lydia ist auf Missionsreise im tiefen Süden, auf der Insel Tortuga. Ein Piratennest sondergleichen.

So weit die Handlung im Spiel. Im wirklichen Leben vollzog sich das Spiel auf einem Zeltplatz nördlich von Frankfurt auf der jährlichen Tortuga-Convention des Orga-Vereins Legende Orga e.V.

Nach der Vorgeschichte über die Anreise nach Tortuga berichtet der erste Teil in den Notizen der unerfahrenen, aber nichtsdestotrotz ambitionierten Missionarin von den Piratenspielen, bei denen sich Raul wacker, aber leider erfolglos schlägt, von gebogenen Früchten und gebogenen Regeln.

Hier ist der zweite Teil der Aufzeichnungen von Schwester Lydia.


Auf Tortuga! Teil 2

Eine nächtliche Überfahrt

Am Abend nach den Piratenspielen wurden wir zu einem Besuch auf dem Schiff „Wogende Helga“ eingeladen. Es war ein Zweimaster wie unsere „Aaskrähe“, unser eigenes Schiff, das ein gutes Stück weiter vor der Insel geankert hatte. Und es war ein prächtiges Schiff, das sie hatten, so weit ich das beurteilen kann.

Wir setzten auf eine der nächsten, kleinen Inseln über, auf der die Rotröcke ihr befestigtes Lager errichtet hatten. Der Nachthimmel war wolkenlos und unsäglich schön, die Sterne so  dicht wie die glitzernden Tröpfchen am Fuße eines Wasserfalls. Das Sternbild Rabe stand mit seinen weit ausgebreiteten Flügeln am Himmel und zog auf dem Sternenpfad über uns dahin.

Als wir uns ihrer Palisade näherten, schlugen die Rotröcke sogleich Alarm. Doch wir sind keine Tortugiesen, wie hatten weder Groll gegen sie noch in die bewaffneten Auseinandersetzungen während der letzten Tage eingegriffen. Es wurde ein angenehmer Abend mit Würfelspiel, Gesang – mehr von Seiten der Soldaten als von uns, da wir ihre Lieder nicht kannten – und nur einem eher halbherzigen Überfall durch Tortugiesen, die ebenfalls im Schutz der Nacht zu dieser Insel übergesetzt hatten.

Sie griffen einmal an und verzogen sich wieder. Die Palisade hielt stand, eine Stelle fing jedoch Feuer, bei dessen Löschen ich half. Mit neu gewonnenen Sympathien verabschiedeten wir uns.

Die Begegnung mit dem Tod

In einer der kommenden Nächte… begegnete ich dem Tod.

Sie erkannte mich als eine derer, die ihr dienen. Schließlich bin ich eine Priesterin Borons, dem Herrn des… nun ja, Todes. Und der Tod führt den Willen Borons aus, worum auch ich mich immerdar bemühe. Der Tod – sie – ist natürlich weitaus mächtiger und näher an meinem Gott als ich.

Sie war sehr freundlich zu mir, ließ mich sie begleiten und stellte mich ihren Gesprächspartnern, darunter auch zwei hohen Herren von Tortuga, bisweilen sogar als ihre Tochter vor. Zu viel der Ehre…

Der Tod sagte mir, dass sie Urlaub auf Tortuga mache. Während ihrer Absenz würde ein Stellvertreter in Wolfsform die Seelen der Todgeweihten abholen und zu Boron geleiten. Eine interessante Information. Ich hatte von den Nordleuten gehört, dass sie einen Gott anbeten, der meinem Gott zu entsprechen scheint. Er wird, genauso wie mein Herr Boron, von zwei Raben begleitet – darüber hinaus aber auch von zwei Wölfen.

Insularische Naturforschungen

Eine weitaus profanere Begegnung und Bekanntschaft möchte ich nicht unerwähnt lassen. Zwei Zelte neben unserem Lager hatten drei Naturforscher ihre Forschungsstätte errichtet. Es war der berühmte Naturforscher Alexander von Rumboldt, gemeinsam mit seiner kreolischen Ehefrau Lumumba und einer Praktikantin. Zu dritt spürten sie den Tierarten und Umweltbedingungen auf Tortuga nach, machten Aufzeichnungen und fertigten Zeichnungen an. Besonders waren sie von einer Hundeart begeistert, die sie entdeckten. Diese Art ist endemisch, das heißt, sie kommt ausschließlich auf dieser Insel und nirdendwo sonst vor.

Unerwartete Hochkultur

Gänzlich überrascht von diesem hochkulturellen Angebot erfuhren wir von einem Opernabend. Karten für die zweitbeste Kategorie mussten uns genügen, doch später war ich froh, dass wir hinten im Raum, in der zweiten Klasse, saßen. Es wurde sehr stickig und hinten hatten wir frischere Luft… und weniger unangenehm hohe Herrschaften von Tortuga in direkter Sitznachbarschaft.

Vorab gab es Häppchen und sprudelnden Perlwein und Debattierkärtchen mit Vorschlägen, welche Fragen man an seine Gesprächspartner richten könnte, wenn man wenig Erfahrung mit solchen gesellschaftlichen Ereignissen und seichtem Geplauder hatte. Und auf so einige der Besucher traf das zu.

Der Opernabend an sich war abwechslungsreich, unterhaltsam, geistig ansprechend und… lang. Ich hätte ihn nicht missen wollen, sie hatten eine waschechte Opernsängerin auf der Bühne, für deren Darbietung der Raum schier zu klein war.

 

Ja, wir hatten auch eine gute Zeit auf Tortuga. Doch was danach geschah, überschattet bis heute die Erinnerung an den gesamten Aufenthalt auf dieser verfluchten, götterverlassenen Insel.

 

 

Davor: Auf Tortuga! Teil 1

Danach: Auf Tortuga! Teil 3

Borons Wille

Für die Dauer eines Wimpernschlages scheint selbst Satinav den Atem anzuhalten; keiner der Menschen, die um die Bahre stehen rührt sich. Noiona fühlt die mageren Schultern des Jungen unter ihren Händen. Kein Zittern, nur eisige Starre, als habe Firuns kalter Hauch ihn getroffen und in eine Statue verwandelt.

Doch die Zeit verweilt niemals. Vielleicht dehnt sie manchmal einen Augenblick, bis er uns unendlich erscheint, oder sie lässt ihn schrumpfen und er vergeht, bevor wir ihn überhaupt wahrgenommen haben, aber sie steht nicht still.

Der Novize kniet neben dem Ohnmächtigen, redet flüsternd auf ihn ein, schaut sich schließlich Hilfe suchend um, als der Mann am Boden nicht reagiert. Die beiden Mönche, die auf der anderen Seite der Bahre standen, erwachen aus ihrer Erstarrung, eilen um den Tisch herum und hinter Noiona und dem Jungen vorbei, um ihrem Mitbruder beizustehen. Der Greis, der der Geweihten und ihrem Schützling gegenüber steht, bewegt sich kaum, hebt nur leicht den Kopf.

Noiona kann nun das Antlitz des Mannes erkennen, auf dem jahrelange Askese tiefe Spuren hinterlassen hat. Kein Fleisch füllt die hohlen Wangen, deren Knochen unter Haut wie Pergament spitz hervorstechen, zwei strenge Falten begrenzen einen harten Mund, die Augen unter der hohen Stirn liegen in tiefen, von dunklen Schatten umgebenen Höhlen und erwecken den Eindruck tiefer Brunnen. Wenn dieser Mensch jemals Gefühle gezeigt, ja vielleicht sogar gelacht oder geweint haben sollte, so muss das in einem anderen, unendlich fernen Leben gewesen sein.
Stumm mustert er den Verursacher des Aufruhrs und dann seine Beschützerin, macht unvermittelt eine herrische Bewegung, die ihr und nur ihr bedeutet: Geh!


Die Priesterin erkennt, dass sie es möglicherweise an Respekt hat mangeln lassen. Sie drückt Gorm die Schulter, denn ihr fällt gar nicht ein, dem Befehl des alten Asketen nicht zu folgen.

Um ihr mutwilliges Verfehlen wiedergutzumachen, sinkt sie in einen tiefen Knicks, schenkt Gorm einen langen Blick und wendet sich dann ab. Mit schwebenden Schritten verlässt sie das Gewölbe. Ihr Blick ist auf den Schein ihrer Laterne gerichtet, aber ihre Ohren lauschen auf jedes Geräusch hinter ihr.

Die Treppe nach oben. Die Luft wird frischer.

Wieder ins Freie. Ein Blick an den Himmel.

Was werden sie mit ihm tun? War es richtig, ihn alleine zu lassen? Woher kommen diese Männer? Niemand hat mir gegenüber ein existierendes Boronkloster in dieser Gegend erwähnt, nicht einmal Schwester Elìn.


Inzwischen ist es hell geworden, wenn man von Helligkeit sprechen kann an diesem düsteren Wintertag. Der Himmel ist verhangen und die noch tief stehende Praiosscheibe hinter grauen Wolken verborgen.

Noiona steht inmitten der teils eingestürzten Mauern des Gevierts, sieht die Eiche und das geborstene Boronsrad in der Nähe des Tors. In eine Ecke des Gevierts schmiegt sich ein Haus, dessen Dach eingestürzt ist und an dessen Mauern sich Efeu klammert. Dort, wo die Ranken einen Riss im Gemäuer gefunden haben, sind sie eingedrungen, haben sich des Innern bemächtigt und im Lauf der Jahre der Wildnis zurückgegeben.

Gegenüber lehnen sich die Reste eines aus Holz gebauten Schuppens oder Stalls an die Mauer. Die Tür hängt schief in den Angeln und ein in der Öffnung gespanntes Spinnennetz, in dem sich uralter Staub gefangen hat zeugt davon, dass hier schon lange weder Mensch noch Tier hinein oder hinaus gegangen sind.

Das Tor, durch das sie und Gorm getreten sind, und das nun, im Tageslicht, weit weniger beeindruckend wirkt als im Schein ihrer Laterne, ist nicht der einzige Zugang in die Klosteranlage. Eine breite Bresche befindet sich in der rückwärtigen Mauer, die von irgendjemandem nur notdürftig durch ein paar trockene Äste verschlossen wurde, und die Noiona einen Blick nach draußen auf einen kleinen Boronanger erlaubt.

Dieses Kloster war niemals wichtig. Nicht für die Welt außerhalb dieses Ortes. Aber vielleicht für eine Frau, die hier Zuflucht gefunden hatte.

Stille umgibt sie. Aus dem unterirdischen Gewölbe dringt kein Geräusch zu ihr herauf, und die Natur um sie herum scheint wie eingefroren. Die Zeit dehnt sich ins Unermessliche.


Noiona haucht in ihre Hände und blickt kurz dem weißen Dampf hinterher, der sich in der kalten Winterluft auflöst. Beim Umherblicken zieht das Haus ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie beschließt, sich abzulenken, schlägt den Weg durch den Schnee zu dem efeuüberwucherten Gebäude ein und drückt die Klinke herunter.


Sie versucht die Tür zu öffnen, spürt einen Widerstand, der unvermittelt nachgibt, als sie etwas fester gegen die Tür drückt. Etwas fällt dicht neben ihren Füßen in den Schnee. Es ist ein Ziegel, der wohl nur noch lose auf einem der morschen Sparren lag, die über ihr ins Nichts ragen. Das Dach ist eingestürzt, der alte Firstbalken versperrt ihr den Weg. Der Rest eines Kamins ragt wie ein abgebrochener Zahn in den schneeschweren Himmel, der Herd darunter hat schon lange kein Feuer mehr gesehen. Der Efeu hat das Haus für sich beansprucht und scheint das einzig Lebendige hier zu sein.

Doch dann bemerkt sie, dass sie sich getäuscht hat. Auf einem der letzten verbliebenen Dachbalken hockt unbeweglich ein Rabe und schaut auf sie herab.


Erschrocken fährt Noiona zusammen, als knapp neben ihr unvermittelt etwas Schweres herabfällt und sich mit einem dumpfen Geräusch und mit Schwung in den Schnee gräbt. Ein Ziegel! Ihr Herz rast hinter ihren Rippen wie ein scheues Pferd in der Umzäunung, noch bis sie in die Ruhe und das Dämmerlicht des eingesunkenen Hauses tritt und sich umsieht.

Umständlich klettert sie um den eingestürzten Balken. So kann sie einen Blick auf den zähen Efeu werfen, die rußige und lange erkaltete Herdstelle und…

„Oh, hallo du Hübscher.“, sagt sie leise zu dem schwarzen Vogel. „Mal sehen, ob ich etwas für dich finde…“ Ihr Murmeln geht im Stöbern durch ihre Taschen unter, auf der Suche nach ein paar Krümeln, die sie ihm geben kann. Als Wiedergutmachung, dass sie seine Ruhe gestört hat.


Der Rabe trippelt auf seinem hohen Sitz ein paar Schritte zur Seite, reckt neugierig den Hals, legt dabei den Kopf ein wenig schief, trippelt wieder zurück. Kurz darauf landet er etwa einen Schritt weit von ihr entfernt im Schnee, nähert sich Noiona mit diesem typisch wiegenden Schritt, der diesen Vögeln eigen ist. Er pickt die wenigen Krümel, die sie in ihren Taschen gefunden und ihm hingestreut hat, eher höflich als hungrig aus dem Schnee.
Nach einer Weile scheint er der Scharade überdrüssig zu sein, kehrt wieder zurück auf den Balken und beginnt sich angelegentlich zu putzen.


Ein blasses Lächeln erhellt Noionas Züge, als der Rabe wieder an seinen Platz zurückfliegt. Viel mehr scheint es hier nicht zu entdecken zu geben, also bewegt sie sich wieder zur Türe und fragt sich dabei, ob Schwester Moorlinde immer noch hier gelebt hat, in dieser geborstenen Ruine? Aber sie hätte keinen Winter überlebt. Hat sie unten in der Krypta gewohnt? Und wer hat sie versorgt? Gernot? Wie viele fromme Leute gab es hier wohl, die in ihr eine Götterdienerin und nicht bloß eine arme Irre sehen… gesehen haben?

In der offenen Türe legt Noiona den Kopf nach hinten und blickt in den hellgrauen Himmel. Ihr kann sie diese Fragen nicht mehr stellen. …Was Elìn, Jadwiga und Gwynna nun tun? Und Gorm? Wie mag es ihm ergehen?

Die Fragen treiben Noiona wieder dazu, sich zu bewegen und sie wandert zu der Bresche in der Mauer, um den Boronanger zu betreten.


Als sie über die trockenen Äste steigt, die die Lücke nur notdürftig verschließen, verheddert sich ihr Umhang in langen Brombeerranken. Fast scheint es, als wollten sie die Geweihte davon abhalten, den Boronanger zu betreten, doch mit etwas Geduld gelingt es Noiona schließlich sich aus ihrem Griff zu befreien, nur um sogleich bis zu den Knien in einer Schneewehe zu versinken. Sie spürt, wie der Schnee einen Weg in ihre Stiefel findet und dort zu schmelzen beginnt. Schon fühlt sie die feuchte Kälte an ihren Füßen.

Niemand, auch keiner der Männer in der Gruft, scheint in den letzten Stunden den Boronanger betreten zu haben, die weiße Fläche dehnt sich von Menschenspuren unberührt vor ihr aus. Umso mehr Tierspuren kann sie entdecken, die überall zwischen den Grabsteinen verlaufen, sich kreuzen und wieder auseinander streben, um sich irgendwo in der Ferne zu verlieren.
Obwohl dieser Ort gänzlich verlassen wirkt, ist offensichtlich, dass irgendjemand sich große Mühe gegeben hat, die Gräber vor dem völligen Verfall zu retten. Ein paar der Steine sind zwar im Lauf der Jahrhunderte zur Seite gesunken, doch bei den meisten ist es zumindest gelungen, sie von den üppig wuchernden Brombeer- und Efeuranken freizuhalten, die im Inneren der Klostermauern allgegenwärtig waren. Verwitterte Inschriften wurden sorgfältig von Moos befreit, wohl in der Hoffnung, sie dem Vergessen zu entreißen.


Noiona brummelt missmutig, als der Schnee in ihre Schuhe dringt und sich sogleich eine kalte Pfütze zwischen ihren Fuß- und Schohsohlen ausbreitet. Naja, es ist nicht mehr zu ändern. Stattdessen lenkt sie ihre Aufmerksamkeit auf das, was sie sieht: Die Schönheit der nahezu makellosen Schneedecke. Die Spuren der kleinen und größeren Tiere; auf Pfoten, Krallen und Hufen unterwegs. Die Inschriften auf den nächsten Grsbsteinen, die sie zu entziffern versucht. Der Blick auf das winterliche Moor und auf die überwucherten und verschneiten Klostermauern.

Hätte Boron sie nicht gerufen… dann hätte sie sich am ehesten der milden Ifirn zugewandt.


Schon beim nächsten Schritt sinkt sie wieder ein, kann sich gerade noch an dem ihr nächsten Grabstein festhalten, der etwas windschief aus dem Schnee ragt. Die Inschrift darauf ist schmucklos, ‚Jette Linneweber‘ steht da, darunter ‚Treues Weib und liebende Mutter‘ und ‚Ruhe in Borons Frieden‘, dazu eine mit einem Boronsrad versehene Jahreszahl, 871. Kein Jahr ihrer Geburt, kein Tsatag. Direkt daneben steht ein weiterer Stein, dieser in Form eines Boronsrades. ‚Jost Brohm, Steinhauer, 820 – 888 BF‘ verraten die mit großer Sorgfalt eingemeißelten Buchstaben.
Von Stein zu Stein geht sie, und jeder erzählt die Geschichte eines Einwohners dieses Dorfes. ‚Savertin Rodiak, viel zu früh von uns gegangen‘, Maline, einziges Kind von Leta und Elbrecht Kleiber, gestorben im Jahr der Blauen Keuche. Die untröstlichen Eltern‘. ‚Hitta Lowanger, Hebamme, möge Tsa sich ihrer annehmen‘, ‚Zum Gedenken an Immo Schultheiß, den das Moor nicht mehr hergab‘. Manches Mal hat der Zahn der Zeit die Schrift fast vollständig verschwinden lassen, sodass Noiona nur raten kann, wer dort wohl begraben liegen mag. Manche mögen noch aus der Zeit stammen, als das Dorf noch Farnhain hieß, andere sind nur wenige Jahre alt, doch sie alle legen Zeugnis ab von der Frömmigkeit und Bescheidenheit der Menschen hier.
Nur ein einziges Grab unterscheidet sich von den einfachen Ruhestätten der Dorfbewohner. Eine übermannshohe, vom geflügelten Rad der Golgariten gekrönte Platte aus glänzendem schwarzem Stein ragt über Noiona auf. Darauf befindet sich eine goldene Inschrift:

Hier ruht in Boron
Der Heilige und Märtyrer
Kalmun Breckenbart
Gründer des Klosters Trolleck
Unermüdlicher Kämpfer gegen die Häresie
Gefallen im Jahre 1014 BF

Möge der ewig währende Flug unseres Herrn Boron einen jeden seiner Schritte begleiten

Verschlungene Ornamente aus seltsamen Symbolen und Schädeln bilden ein kunstvolles Fries, und darunter folgt eine weitere Inschrift:

Weiche, du Wesen des Abgrunds!
Dich werden wir jagen um deinen Frevel zu tilgen von diesem Ort
Damit nichts beschmutze das Auge Borons.
Preiset den Raben!

Auf den aus zwei Stufen bestehenden Sockel hat jemand eine kleine Schale gestellt, die wohl zum Verbrennen von Weihrauch diente. Sie ist leer. Daneben liegt eine Rabenfeder im Schnee.


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Auf Tortuga! Teil 1

Hier findet sich ein Auszug aus den Notizen von Schwester Lydia, die die Ordensschwester nach ihrem Aufenthalt in Tortuga anfertigte. Die knapp zwei Tage, die ich auf der LARP-Convention war, lege ich für meinen gespielten Charakter als längeren Landgang aus, da die Handlung natürlich nicht über Wochen hinweg am Stück ausgespielt werden kann.

Lydia war also von ihrer Kirche als Missionarin auf die Pirateninsel geschickt worden. Kein leichter Auftrag, wie sich herausstellen wird…


Auf Tortuga! Teil 1

Die Wogen warfen das Beiboot in die Höhe, ließen es fallen wie ein launisches Kind sein Spielzeug und es landete unsanft auf der harten Meeresoberfläche. Salziges Wasser drang aus allen Richtungen auf die beiden Insassen ein. Bald wussten sie nicht mehr, wo oben und wo unten war.

Überfahrt mit Hindernissen

Pablo und ich hatten eine rauhe Überfahrt von der „Aaskrähe“ zur Insel. Binnen weniger Momente frischte der Wind auf, peitschte die See und unser Boot. Wir wurden mitsamt dem Beiboot an eine Felseninsel gespült. Ich hielt das Reliquiar, die hölzerne Truhe mit der kostbaren einbalsamierten Hand der Heiligen Franka, fest an mich gedrückt. Wie durch ein Wunder blieb die heilige Hand unversehrt. Andere Dinge, die ich für unseren Schrein und hoffentlich eine kleine, dauerhafte Kapelle mitgebracht hatte, gingen über Bord und ich musste sie aus der Brandung fischen.

Später beschwerte sich Pablo: „Da landen wir an diesem verdammten Felsbrocken und was holt sie als erstes aus dem Wasser? Dieses verflu… ähem, gesegnete Banner!“ Es ist das Banner meiner Kirche und seines Auftraggebers als Koch einer Mannschaft aus Freibeutern.

Die Strömung machte es uns unmöglich, an diesem Tag noch nach Tortuga überzusetzen. Wir fügten uns also in unser Schicksal und schlugen auf dem kargen Boden ein ebenso karges Lager auf. Glücklicherweise hatten wir den größten Teil des Proviants im Beiboot, nicht nur meine liturgischen Geräte. Das Kochgeschirr war allerdings bei den anderen und schon auf Tortuga. Pablo sorgte so gut es eben ging für unser leibliches Wohl, ich für unser geistliches. Uns fehlte nur noch eines: Unsere Mannschaft.

Ankunft auf Tortuga

Am nächsten Tag langten wir endlich am tortugiesischen Strand an und fanden das Lager unserer Mannschaft. Jetzt war der Moment gekommen, in dem sich Pablo über meine Rettung des Banners beschwerte.

Die Piratenspiele

Raul mischte bereits in dem angebotenen Zeitvertreib und Kräftemessen der Insulaner mit, wie ich nun erfuhr. In diesen Tagen sollten so genannte Piratenspiele stattfinden. Es würde mehrere Disziplinen geben, in denen sich die Teilnehmer messen konnten – doch welche Disziplinen es waren, das wurde im Voraus nicht bekanntgegeben.

Letztlich rangen sie um einen Diskus, schubsten sich gegenseitig von einer wackeligen Planke und zuletzt ging es um eine gelbe, gebogene Südfrucht.

Das Ringen um den Diskus war doch eher ein handfester Kampf um ihn, da fast jeder eine Klinge dabei hatte und diese auch benutzte. Raul musste einige schmerzhafte Hiebe und Schnitte einstecken, doch er schaffte es, bis zum Schluss immer wieder auf die Beine zu kommen. Der Arme spielte von Anfang an zu ehrlich mit diesen Piraten, die solche Skrupel natürlich nicht kannten.

Geschicktes Abwägen

Dann wurden sie einander in Zweierpaaren gegenüber gesetzt, ohne dass der eine den anderen sah. Raul und ein Seemann, den ich in den vorangehenden Tagen kennengelernt hatte, waren die ersten, die diese Runde begannen. Jeder erhielt ein Stück des gelben Obstes und musste ein Stück abschneiden. Dies wurde gewogen und, immer noch ohne Einblick des Gegners, der Sieger bestimmt, dessen Stück schwerer war. In drei Durchgängen. Sie durften ihre Bananenstücke dabei nicht selbst auf die Waagschalen legen, sondern mussten sie an einen Helfer weiterreichen, der direkt neben ihnen saß. Das störte meinen Plan ein wenig, aber es war für mich beschlossene Sache, dass ich eingreifen wollte. Raul hatte bis hierher jedes Spiel verloren und er spielte so regeltreu, dass es dem Herren Praios, der die Ordnung und die Gesetzestreue liebt, eine Freude sein musste.

Der listige Gott Phex ist aber mit dem, der sich selbst hilft. Wie heißt es so schön: ‚Hilf dir selbst, dann hilft dir Phex.‘ Keine Weisheit, nach der ich bisher oft gelebt habe. Aber irgendwann ist die Zeit für jeden der Zwölf Götter gekommen.

Die ersten beiden Bananenstücke wanderten in die Hand der zwei Helfer und auf die Waage. Dann die zweiten Stücke. Es ging  schnell.

Dann kam das dritte. Und ich langte zu und nahm dem Helfer das Obststück beherzt aus der Hand und biss hinein, in die ungeschälte Banane, wie in einen Apfel. Für einen Wimpernschlag oder zwei standen sie starr vor Überraschung. Dann hatte der Aufseher seine Pistole in der Hand und auf mich gerichtet. Pablo war mit einem langen Schritt vor mir, zwischen mir und der Waffe. Doch der Schiedsrichter zögerte und wusste nicht recht, ob er wirklich abdrücken sollte. Ich spürte und sah, dass es ihm aber gehörig gegen den Strich ging, um es salopp auszudrücken.

Letztlich ließ er zähneknirschend von mir ab, bedachte mich noch mit dem einen oder anderen bösen Blick und ließ die Sache auf sich beruhen. Der Matrose, gegen den Raul spielte, erhielt eine neue Banane und gewann damit diese letzte Spielrunde. Er sagte mir, dass er mir für mein Eingreifen dankbar war, anderenfälls hätte er dieses Spiel ja nicht gewonnen.

 

Davor: Richtung Tortuga

Danach: Auf Tortuga! Teil 2

Die Kunst, in mehr als einer Welt zuhause zu sein

Wie kann man in mehreren Welten zuhause sein?

Und was bedeutet der Name „Egilsheim“?

Die Sage von König Egil

Der Name steht in Verbindung mit dem altisländischen Sagenkönig Egil. Eine der in einschlägigen Kreisen – unter Altnordisten, Mediävisten und anderen ähnlichen Orchideenfach-Liebhabern – bekanntesten Sagas überliefert sein Leben und Wirken: Die Egils Saga. Aus der historischen Quelle ist gesichert, dass er im 10. Jahrhundert lebte und ein Lyriker (Skalde) und Anführer war. Und ein Wikinger, selbstverständlich.

Daneben erzählt die Saga von Egil als Wunderkind. Er soll mit drei Jahren nicht nur Lesen und Schreiben gekonnt haben, sondern darüber hinaus auch noch sein erstes Gedicht verfasst haben. So gerne man auch einen Blick auf dieses frühkindliche Meisterstück werfen würde – es ist leider nicht mit überliefert.

Eine negative Seite Egils will ich nicht verschweigen: Er war jähzornig und erschlug der Überlieferung zufolge im Kindesalter einen anderen Jungen, als er im Spiel gegen ihn verlor.

Runenmagie

Zurück zu den schönen Dingen. Egil war, so heißt es, der zaubermächtigen Runen kundig. Mithilfe des altnordischen Alphabets, dem Futhark, war es auserwählten Weisen möglich, auf magische Weise Krankheiten zu heilen, das Wetter zu beeinflussen und andere hilfreiche, zauberische Wirkungen zu erzielen.

Zuhause in Egilsheim

Diesen Sagenkönig habe ich mir als Patron meines Blogs ausgesucht. Er konnte dichten, Runen schnitzen, kämpfen, war vorausschauend und weise und lebte in einer spannenden Zeit an zwei Sehnsuchtsorten, in Island und Norwegen – was will man mehr?

In Egilsheim erzähle ich wie der Skaldenkönig Egil, was mich in den Welten bewegt, in denen ich mich bewege. Ich spiele gerne kooperative Brettspiele, Pen-and-Paper-Rollenspiele oder Computerspiele. Daraus ergeben sich immer wieder Geschichten und manche davon finden den Weg hierher.

Gedichte – Lyrics

Meine produktivste Zeit des Gedichteschreibens ist vorüber, aber wenn wieder eines anklopft und darum bittet, niedergeschrieben zu werden, werdet ihr es unter Lyrics finden, zusammen mit vielen der Gedichte, die ich in den letzten Jahren geschrieben habe.

Mit Galgenhumor und Augenzwinkern: Mein Leben als Untermensch

Das Unterkapitel Mein Leben als Untermensch ist autobiographisch angehaucht und zeitlich im Sommer 2019 angesiedelt.

Sci-Fi, SpaceFiction & Wikings in Space

Und – last but not least – ist meiner Liebe zu Skandinavien eine Kurzgeschichte in einem Sci-Fi-Weltraumsetting entsprungen (Nordic Space Opera) und mehrere Geschichten in meinem bodenständigen, mittelalterlichen, leicht phantastischem Skandinavien, das ich Svearland getauft habe.