Ich habe an dir einen Narren gefressen

„Ich habe einen Narren an dir gefressen.“ Das soll ja eigentlich ein Lob sein. Aber nur, solange man es nicht allzu wörtlich nimmt. Dann wird es nämlich ganz schnell eklig. Verboten eklig.

Verboten und eklig.

Zugegeben: Eine altertümliche Redewendung. Vielleicht ganz gut, dass sie nicht in aller Munde ist. Denn mit dem Wörtlichnehmen zeigt man nämlich gar nicht mehr seine Zuneigung, sondern man tötet mit den Mitteln der Sprache eine geistig möglicherweise minderbemittelte Person (den „Narren“) und vollzieht an ihr Kannibalismus („fressen“). Wenn man das dann auch noch in aller Öffentlichkeit kund tot und lauthals verkündet: „Ich habe einen Narren an dieser Person gefressen“, dann ist es

Exhibitionistischer Kannibalismus

Gehen wir das Sprichwort Schritt für Schritt durch: „Ich habe einen Narren an dir gefressen.“

1. Der ‚Narr‘

Das Wort lässt an mittelalterliche Hofnarren denken, die Räder schlagen und zur Belustigung des Hofstaates als Spaßmacher angestellt waren. Wir wissen, dass diese Rolle immer wieder Versehrten oder Krüppeln zufiel.

Eine Stufe abstrakter: Der Narr ist eine Figur, die in Literatur und Film nicht (immer) mit Narrenkappe und Schellenkleid daherkommt. Die Figur zeichnet sich dadurch aus, dass sie anderen auf spielerische, spöttische, manchmal bitterböse Art den Spiegel vorhält, sie überzeichnet, ihnen ihre Schwächen aufzeigt. Indem er sich über jemanden lustig macht, zeigt der Narr häufig eine Wahrheit auf, die anderen verborgen bleiben würde.

2. Den ‚Narren fressen‘

Welchen Zusammenhang hat also dieser prototypische Narr mit der Absicht des Sprichwortes, jemandem seine Zuneigung auszudrücken? Denn seine bisweilen frivole, ennervierende und entlarvende Art macht den Narren nicht gerade beliebt.

Ist es nicht im Gegenteil eine Abneigung gegen die Gesamtheit der Narren, die sich in dem Sprichwort verewigt hat? Dieses lästige Den-Spiegel-vorgehalten-bekommen, das unliebsame Wissen, dass in seinem Spott auch ein Fünkchen Wahrheit liegt… das kann schon reichen, um den Wunsch zu verspüren, ihn wegzuputzen. Vom Angesicht der Welt zu tilgen. Ihn mit Haut und Haar… ihr wisst schon.

3. Dies ‚an jemandem‘ tun

Einen Narren „an jemandem“ zu fressen ist nach meiner wortwörtlichen Lesart eine räumliche Angabe. Das Sprichwort benennt drei Personen: Den Narren, den Esser und den Jemand. Dieser Jemand ist immer Ziel des Affekts – wer gemeint ist, hängt immer vom Sprecher ab. Im Satz ist er grammatikalisch gesehen immer gleichbleibend ein Objekt, und zwar das Dativobjekt.

Der Narr wird also an – oder nahe bei – der Person verspeist, von der der Sprecher ausdrücken will, dass er sie innig mag.

Stellen wir uns die Situation einmal ganz konkret vor. Also… wenn eine Person A, die mich gern hat, eine andere Person B, die als Narr gelten kann, an mich heranzieht und dann herzhaft in sie hineinbeißt… dann würde ich sehr wahrscheinlich Zweifel an Person A bekommen.

Und Person B vor ihrem Schicksal bewahren wollen.

Na, hoffentlich frisst Person B dann keinen Narren an mir.

Mein Leben als Untermensch – Teil 9: (K)eine Beratung für Untermenschen

Als brave Bürgerin folge ich der überaus freundlichen Einladung zu meiner Fortbildung, damit ich gefälligst dem Staat nicht mehr auf der Tasche liege, die Füße schleunigst wieder unter meinen eigenen Tisch stelle und wieder meine eigenen, kleinen Brötchen backe, damit ich nicht mehr die Butter vom Brot der Steuerzahler klaue… – genug davon.


Mein Leben als Untermensch – Teil 9: (K)eine Beratung für Untermenschen

Es regnet in Strömen, als ich zur Vorbesprechung radle. Ich muss durch einen Teil des Stadtparks fahren, den ich nicht kenne, und immer wieder auf mein Handy schauen, das mir als Navi dient. Der Regen erschwert es, das Handy überhaupt erst zu bedienen, ich wische die Tropfen über das Display und das Wasser macht viele lustige Random-Klicks und Wischgesten, die ich so gar nicht haben will.

Ich komme gerade so noch pünktlich und patschnass an, meine Jacke tropft und meine Hose ist so durchnässt, dass sie gar kein weiteres Wasser mehr aufnehmen kann. Obwohl mein Termin jetzt ist, werde ich noch warten gelassen. Ich sehne mich nach einem heißen Kaffee, bekomme aber nicht einmal ein kaltes Wasser.

Eine Wand mit Flyern bewirbt Onlinekurse für Wirtschaftsthemen und Marketing. Würde ich mich bei meiner Jobsuche leichter tun, wenn ich mich für einen der beiden Bereiche interessieren würde? Trocken und trockener… ganz anders als meine regennassen Klamotten. Zugegeben, Marketing ist nicht uninteressant. Aber… eine zweijährige, spezialisierte – böse Zungen würden ‚einseitige‘ sagen – Fortbildung vor dem Bildschirm sagt mir auf Anhieb nicht soooo zu. Das Unterricht findet nämlich ausschließlich vor dem Computer statt. Ein „Hoch!“ auf die modernen Zeiten und dass wir alle so jung, flexibel, kreativ, dynamisch, belastbar und kreativ sind (und Danke, Marc-Uwe, für diese Liste. Ich habe sie schon oft zitiert – sogar schon viel öfter, als ich arbeitslos bin.)

Dann endlich holt mich mein Beratungsmensch in sein Büro. Kaum sind wir über den üblich nutzlosen Smalltalk hinaus, stellt er die rhethorische Frage: „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich die Kollegin aus der anderen Stadt im Video-Chat dazuschalte?“ Ich weiß nicht, warum ich Einwände erheben sollte, auch wenn ich gespannt bin, warum sie mien Beratungsgespräch zu zweit machen müssen. Das gibt mir das Gefühl, als würde ich hier mit einem unfertigen Azubi zusammensitzen und ganz unverbindlich und ohne Konsequenzen jedweder Art über meine Möglichkeiten plaudern. Zu dritt reden wir schließlich über meinen Bildungs- und Berufsweg, wobei ich feststelle, dass die Frau auf dem Bildschirm meinen Lebenslauf genauso wenig gelesen hat wie der Mann vor mir. Letzten Endes läuft die Beratung darauf hinaus, dass sie mir sagen, ich müsse selber wissen, in welche Richtung ich mich fortbilden wolle.

Ich habe also die freie Wahl, welche Kurse ich machen will. (Doch noch Wirschaft? Gepaart mit Marketing? Verlockend, verlockend.)

Das Arbeitsamt gibt mir drei Monate. Das ist wohl der kürzeste Zeitraum, für den es Fortbildungsmaßnahmen verordnen kann. Mein erster Kurs soll schon in einer Woche starten: Am kommenden Montag. Von Mitte August bis Mitte November bin ich dann also in dieser Einrichtung.

Ich entscheide mich für: 1. Bildbearbeitung mit einer weitbekannten, sehr teuren Software, 2. Online Marketing (Ja, ich weiß – Marketing…) und 3. noch mehr spezialisiertes Online Marketing (Yeah, Marketing!).

 

Quiliania

Mein Stammbaum ist der älteste, den man unter allen Familien, die heute leben, finden kann. Wenn ich in den Spiegel blicke, enthüllt mir das reflektierende Glas mehr als den oberflächlichen Anblick meiner gedrungenen, knochigen Gestalt, meiner runden, leicht hervortretenden und gänzlich schwarzen Augen, meiner krummen Beine, der verwachsenen Zehen.

Das könnte, zugegeben, nach altmodischen Ansichten als ein Abbild der Schwächung, die zweifelsohne eine Verdünnung des Blutes über die Jahrhunderte und Jahrtausende bewirkte, ausgelegt werden. Persönlich bin ich allerdings sehr mit meiner Erscheinung zufrieden. Immerhin: ich lebe und bin jeden Tag das lebende Zeugnis, dass wir, meine uralte Familie, bis in diese modernen Zeiten überlebt haben. Das Abbild im Spiegel enthüllt mir ferner, dass ebenjene Merkmale, die mich auszeichnen – Gestalt, Einzelheiten meines Antlitzes und so fort – durch meine Gene festgelegte Bausteine sind, die sich bei der Betrachtung meiner langen Ahnengalerie immer wieder finden. Ich gebe zu, man muss dabei auch wissen, wohin man seinen suchenden Blick richten muss.

Unleugbar bin ich ein Spross dieser altehrwürdigen Familie. Aber ach, welch kläglich dürres Zweiglein gebe ich doch am oberen Ende dieser Abstammungsreihe ab, vergleicht man mich mit den Ästen, aus denen ich hervorgegangen bin, oder gar dem mächtigen Stamm meines Stammbaumes, und vergleicht man mein Erscheinungsbild den ersten Gemälden, die in dem hallenden Familiengemäuer die Wände schmücken! Da trifft man auf kräftigen Wuchs, eine Veranlagung zur Muskulösität, dort ein kühnes Gebiss und weite Nüstern bei den stolzen Vorvätern. All dies fehlt mir. Nur die Haut, die mich fest und faltenlos und trocken umspannt, auf die bin ich stolz. Besonders an den Beinen ist an ihr selbst für Unkundige die direkte Abstammung nicht zu verkennen.

Von den Stimmen meiner verblichenen Verwandtschaft heißt es, dass sie eher laut gewesen seien. Mein eigenes Stimmorgan eignet sich gut für den Gesang, obschon ich nie sehr laut bin.

Ein Vetter von mir, mütterlicherseits, klang mir zum Verwechseln ähnlich. Auch von der Statur her waren wir uns ganz ähnlich, man hätte uns für Brüder halten können – wären seine Finger und auch die Zehen nicht unterschiedlich gewesen. Sie waren kräftiger als die meinen, die Nägel an den Spitzen schwach gekrümmt und nach der Mode spitz zulaufend gefeilt. Auch sein Haarschnitt zeugte davon, dass er immer mit der Mode ging. Doch unweigerlich verrannte er sich, sein Lebensstil war nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Er wurde nicht alt.

Ich lebe nicht in der Vergangenheit, ich bin mit der Zeit gegangen. Meine Wohnung liegt im Stadtkern einer größeren Stadt, daneben bin ich immer wieder auch in anderen Apartments anzutreffen, die ich auf Zeit bewohne. Ich bevorzuge regelmäßige Ortswechsel und neige nicht gerade zu Untätigkeit, zumal mir das alte Familienerbteil noch so den Unterhalt des mir überantworteten, kleinen Besitzes ermöglicht. Auf selbstständiger Basis nehme ich kleine und kleinste Aufträge an. Ich verdiene mein täglich Brot im Ordnungsdienst. Manch einer schimpft mich zudringlich. Ich jedoch habe ein reines Gewissen – ich halte die öffentlichen Plätze rein.

Ich bin klein und blicke auf eine große Genealogie zurück.

Ich habe mich angepasst und lebe in Städten, aber auch auf dem Lande.

Ich bin beweglich und ungebunden, wo meine Ahnen plump und ungebärdig waren.

Ich picke Krümel von der Straße, während meine verstorbenen Vettern auf der Jagd nach Fleisch und großen Portionen gewesen sind.

Quiliania hieß einer meiner Cousins. Er starb vor vielen Jahren und ist weitläufig in Vergessenheit geraten. So wie auch meine Abstammung.

Man sieht es an meinen Füßen, die noch immer die Schuppenhaut der Reptilien tragen. Ich bin ein direkter Abkömmling der mächtigen Dinosaurier. Ich bin: Ein Vogel.

28.02.2020

Mein Leben als Untermensch – Teil 8: Die Einladung

Ich habe nach dem Ende meines Probemonats das Kellerloch, das ich in diesen Wochen bewohnt habe, hinter mir gelassen. Es waren schöne Sommerwochen in meiner Lieblingsstadt, aber auch einsame Abende, ein Mini-Garten, der durch das halb unterirdische Fenster hereinspitzt. Halb hell, halb dunkel.

Die Arbeit hatte mir Spaß gemacht, aber es ist nichts daraus entstanden. Ich bin zurück in meiner normalen Wohnung.


Mein Leben als Untermensch – Teil 8: Die Einladung

Zurück in meinem Zuhause, zurück in der Arbeitslosigkeit. Also nein, in der Arbeitslosigkeit fühle ich mich nun wirklich nicht zuhause.

Mein Leben als Untermensch geht hier weiter, auch wenn ich vom defizitären Zimmer im Souterrain in das voll ausgestattete Hochparterre aufgestiegen bin. Mit funktionierenden Sanitäreinrichtungen, Dusche und so. Luxus wie beispielsweise einem Schlüssel in der Badtüre. Und einem funktionierenden Kühlschrank.

Das Arbeitsamt schickt mir eine Einladung, über die ich mich sogar freue. Sie schreiben:

 

Einladung

…hiermit laden wir Sie recht herzlich zu einer Veranstaltung für akademische Kunden zum Thema ‘Unterstützung im Bewerbungsprozess’ ein.

Um Sie bestmöglich bei Ihrer Arbeitssuche zu unterstützen, bieten wir Ihnen die Teilnahme an einem Coaching an.

Bei der Veranstaltung werden Vertreter zweier Bildungsträger mit exklusiven Coaching Angeboten anwesend sein […]

Sie sind zur Teilnahme an der Veranstaltung verpflichtet. Die Kontrolle Ihrer Anwesenheit findet nach der Informationsveranstaltung beim Gespräch mit einem Arbeitsvermittler in den Räumen […] statt.

 

Wie höflich formuliert! “Recht herzlich” bin ich zu einem Coaching eingeladen. Und ich bin ein “Kunde”, dem exklusive Coaching Angebote zur Verfügung stehen. Ich finde das nett, auch trotz des Deppen Leerzeichens im dritten Satz. So ein Coaching tut mir bestimmt gut, und es ist einmal etwas Abwechslung, die mir so kurz nach dem gescheiterten Probemonat bestimmt Aufwind gibt.

Und mein letztes Gespräch mit einer Arbeitsvermittlerin lief gar nicht so schlecht, wie ich es mir ausgemalt hatte. Wesentlich persönlicher nämlich, als ich es mir ausgemalt hatte.

In freudiger Erwartung gehe ich also zu meinem Coaching.

Was bin ich doch naiv.

Mich erwartet ein Raum mit 100 Stühlen – ja, ich habe die Reihen gezählt. Die Plätze sind etwa zur Hälfte besetzt, ungefähr sitzen also vierzig Leute in dem Raum. Mit den Nachzüglern werden es etwa siebzig Zuhörer, meint später eine junge Frau in etwa meinem Alter zu mir. Ich bin gelinde überrascht. Das Coaching findet dann wohl nach der Gruppenveranstaltung statt…?, frage ich mich.

Beim Herumblicken denke ich mir: Alles arbeitslose Akademiker. Wie ich. Ein leises Verbundenheitsgefühl zupft an mir, ich spüre Mitleid vor allem mit denen, die älter sind als ich.

Aus einem Lautsprecher an der Wand rauscht es furchtbar – so laut, dass ich das Gespräch der drei Frauen, die sich vorne an einem Tisch herumtreiben und offenkundig die späteren Sprecherinnen sind, nicht ganz mitanhören kann. Obwohl ich in der dritten Reihe von vorne sitze. Aber sie reden auch über das Rauschen. Nach etlichen Minuten nimmt eine von ihnen ein Mikro zur Hand, das auf einem Fernsehschrank liegt, und drückt daran herum. Das Rauschen wird bis zur Erträglichkeit leiser. Sie verkündet, dass jemand kommt, der sich mit der Technik auskennt. Tatsächlich kommt auch eine Frau – mir fällt der hohe Frauenanteil auf – und drückt noch einmal kurz Knöpfe an dem Mikro. Jetzt hört das Rauschen auf. Ein erleichtertes, kollektives “Aaaah.” geht durch den Raum.

Ich habe ganz kurz den Impuls, zu klatschen, lasse es aber lieber. Nicht, dass es ironisch verstanden wird. Ich bin auf das Geld angewiesen.

Nach den ersten Sätzen weiß ich sicher, was mir beim Hereinkommen gedämmert hat: Es ist erst einmal nur eine Infoveranstaltung darüber, welche Coaching-Angebot es gibt. Mir kommt das Wort “Etikettenschwindel” in den Sinn. In meiner Hand halte ich die Einladung, die aus irgend einem bürokratischen Grund mitzubringen war, und wäge zwei Teile des Inhalts gegeneinander ab: Da habe ich wohl den Formulierungen als Einladung zur “Teilnahme an einem Coaching” ganz leichtsinnig mehr Gewicht beigemessen als dem Wörtchen “Informationsveranstaltung”. Hoppla, wie dumm von mir.

Die erste Frau sagt, sie brauche kein Mikrofom. Sie schreie die Leute immer an, sagt sie und grinst dabei selbstironisch. Leider stimmt es aber. Sie schreit uns wirklich an, statt einfach nur laut genug zu sprechen.

Sie referiert über den Bewerbungsmappen-Check und ergeht sich darüber, dass Eigenschaften wie “kreativ”, “belastbar”, “flexibel” und “teamorientiert” nicht in der Bewerbung stehen sollen. Das sei Grundvoraussetzung heutzutage, auch wenn es bei Stellenausschreibungen in den Anforderungen drinstünde. Dafür braucht es also einen zertifizierten Business-Coach wie sie. Ich habe diese Schlagwörter eh nicht in meinen Bewerbungsunterlagen stehen. Sie sind mir zu abgedroschen, zu sehr Allgemeinplatz. Würde ich zum zertifizierten Business-Coach taugen? Nein, ich stelle mir diese Frage nicht ernsthaft.

Die zweite Rednerin schreit nicht so. Ihr Vortrag schweift auch nicht so viel ab und sie bringt ihre Infos in einem Drittel der Zeit rüber.

Nach etwas mehr als einer halben Stunde weiß ich also, welche drei Coaching-Angebote es gibt. Wir müssen und an Ort und Stelle für eines der Coachings entscheiden und einen Termin vereinbaren.

Siebzig Menschen werden auf eine Handvoll – fünf – Sachbearbeiter im Raum nebenan losgelassen. Ich stehe im hinteren Viertel der Schlange.

Es

dauert

schier

endlos.

Mehr als eine Stunde stehe ich an.

Und von wegen “Gespräch mit einem Arbeitsvermittler” im Anschluss. Die gute Frau tippt zuerst noch ein paar letzte Daten von meinem Vorgänger in den Computer, hakt dann auf einer ausgedruckten Liste händisch (!) meinen Namen ab, wartet, bis ihr Programm meine Daten geladen hat, tippt wieder Dinge in ihre Software-Maske, wartet wieder auf das Programm. Entschuldigt sich bei mir für die Wartezeit. Ich bin gnädig gestimmt, jetzt, wo ich endich an der Reihe bin.

Sie vermerkt, zu welchem Coaching ich gehen will, fragt noch recht freundlich, wie sie mir noch helfen kann und dann kann ich meinen Termin vereinbaren. Im nächsten Raum.

Und stehe wieder Schlange. Dieselbe Frau wie vorhin steht vor mir, unsere Sachbearbeiter waren also gleich schnell. Läppische 40 Minuten später kann ich vor der nächsten Mitarbeiterin Platz nehmen. Ihre Brille liegt neben ihrem Laptop, ihre Nase schwebt nur Zentimeter vor dem Bildschirm. Das macht mir nichts aus, auch nicht, dass sie mich beim Sprechen nicht ansieht, sondern weiter in ihren Bildschirm guckt. Ich helfe, indem ich ihr meine Kundennummer diktiere. Sie dankt es mir… mit Softwareproblemen. Ich brauche zwei Termine. Sie schlägt mir fünf vor. Immer wieder schlägt sie mir ein Datum und eine Uhrzeit vor, klickt… tippt… klickt… seufzt ungehalten und teilt mir mit, dass der Termin gesperrt ist, weil eine Kollegin schon einen Termin eingetragen hat. So geht das noch vier Mal. Einmal ruft sie zur Kollegin, die am Schreibtisch eine Armlänge links von mir mit einer anderen Kundin sitzt, dass ihre Termine immer gesperrt sind. Die jüngere Kollegin meint nur, dass sie selbst den letzten Termin gerade gespeichert habe und der jetzt eben im System fix sei.

Dankeschön.

Irgendwann hab ich leicht den Überblick verloren, aber schließlich hab ich meine beiden Termine. Und kann, nach zweieinhalb Stunden, endlich wieder nach Hause radeln.

08.07.2019

 

Die Bruderschaft

Wie ein Gongschlag klingt die Frage in Noionas Kopf wider: Wo ist Gorm? Ihr schlechtes Gewissen, das sie mühsam unterdrückt hat, seit sie im Unklaren und Warten gelasssen wurde, meldet sich sofort wieder. Sein intensiver Blick wird ihr unangenehm, genau aus diesem Grund, und sie zwingt sich, ihn dennoch zu erwidern.

„Eine Gruppe Boronis ist unten in der Krypta“, sagt sie zögerlich. „Sie wollten alleine mit ihm… reden. Morlinde ist… zu Boron gegangen.“ Die Geweihte schlägt ohne nachzudenken ein Boronrad vor der Brust. „Wer sind sie?“

Noiona ist nur das Kloster Garrensand bekannt und Golgariten sind es nicht. Gut möglich, dass sie von einer kleineren Abtei einfach noch nicht gehört hat, da sie im Schatten Garrensands nicht so bedeutend ist.


Der Torfstecher nimmt seine Mütze ab und senkt den Kopf, entlässt Noiona damit endlich aus seinem Blick und murmelt,

„Möge ihr die Ruhe Borons beschieden sein.“

Er schlägt wie die Geweihte das Rad vor der Brust und verharrt für einen Moment in stillem Gedenken. Doch die Dringlichkeit, die hinter seiner Frage nach dem Jungen stand, verschafft sich schnell wieder die Oberhand über die Andacht und erneut heftet sich sein Blick auf sie.

„Gorm ist in der Krypta?“

Unausgesprochen, aber überdeutlich in seinen Augen zu lesen, steht der Vorwurf zwischen ihnen: Warum seid Ihr nicht bei ihm?
Erst nach einem weiteren langen Schweigen scheint ihre Frage nach den unbekannten Boron-Geweihten den Weg in seinen Geist zu finden.

„Boron-Geweihte? Vielleicht sind es Brüder vom Orden der Zorkabiner. Sie haben ihren Sitz im Kloster Trolleck weit oben in den Bergen, heißt es. Doch einmal jeden Götterlauf pilgern sie nach Moorbrück, um den Tag des Martyriums ihres Ordensgründers und seines Mitstreiters, des Heiligen Kalmund zu begehen. Man sieht sie jedoch niemals gemeinsam mit ihren Brüdern und Schwestern vom Orden des Heiligen Golgari an der Prozession der Gläubigen teilnehmen. Sie erscheinen in der Nacht, weshalb Keiner sie je von Nahem gesehen hat. Man sagt von ihnen, sie wüssten, wenn jemand zu Boron gegangen ist, würden den Tod riechen wie…“

Er verstummt, knautscht unbehaglich die Mütze in den Händen.

„Aber nach allem was ich weiß, kamen sie noch nie zu einem Toten aus dem Dorf.“


Herrboron, sie hat doch noch nie auf ein Kind aufpassen müssen! Ungeduld mischt sich in den Blick, mit dem die Albino Gernots durchdringende Musterung erwidert. Seinen Ausführungen zu diesem boronischen Orden lauscht sie dennoch ganz interessiert. ‚Zorkabiner‘? Der Name ist ihr nicht geläufig, es könnte die Bezeichnung einer mehr oder minder häretischen Sekte sein oder einer anerkannten Absplitterung der Hauptkirche. Sie weiß es nicht.

Wenn sie den Heiligen Kalmun ehren, scheint es sich bei ihnen schon einmal nicht um die stereotypen „Ketzer“ im punin’schen Sinne – um Anhänger der al’anfanischen Glaubensrichtung – zu handeln.

„Ich gehe hinunter.“ Ihr schlechtes Gewissen Gorm gegenüber, dass sie ihn alleine mit den fremden Männern gelassen hat, und der strenge Blick des Torfstechers geben die Motivation und den Anstoß für ihre Entscheidung.


Die Verunsicherung in der Miene des Torfstechers, ob er vielleicht zu weit gegangen ist, weicht offensichtlicher Erleichterung. Er nickt.

„Danke, Euer Gnaden.“

Um nach einem kurzen Zögern hinzuzufügen,

„Ich werde hier warten… oder soll ich Euch begleiten?“

Ob ihm das Eine oder das Andere lieber wäre, ist weder der Frage noch seinem Blick zu entnehmen.


„Bleib“, entgegnet Noiona einsilbig und bestimmt. Innerlich ist sie jedoch unsicher, sie fühlt sich unterlegen angesichts dieses unbekannten Ordens und ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit. Überdies verunsichert es sie, dass es nur Männer waren und die Strenge in ihren Blicken…

Sie bangt um Gorm.

Abrupt dreht sie sich von Gernot weg und entzündet ihre Laterne an dem kleinen Feuer, das sie im Inneren, im Kamin, in Gang gesetzt hat. Mit einem grimmigen Nicken geht sie dann an dem großen Torfstecher vorbei und setzt Schritt um Schritt zum Eingang der Krypta. Dort verweilt sie einen Augenblick und lauscht.

Und egal, was sie hört, sie geht nach unten.


„Paenitet!“

hört Noiona, und wieder,

„Paenitet!“

Und eine einzelne Stimme antwortet,

„Confiteor Deo Boron omnipotenti et vobis, fratres, quia peccavi nimis…“

„Paenitet!“

„…cogitatione, verbo, opere et omissione“

„Paenitet!“

„…Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.“

„Paenitet peccatum tuum!“

„Ideo precor Duodecim
Ideo precor Dominus Boron
Et omnes sancti
Et vos, fratres,
Orare pro me ad Dominum Deum nostrum.“

Der Bußfertige kniet mit gesenktem Kopf, während die restlichen Zorkabiner und Gorm einen Halbkreis um ihn bilden, in dessen Zentrum der Greis wie der Himmlische Richter selbst auf den Sünder herabschaut.

„Paenitet peccatum tuum!“

‚Paenitet peccatum tuum!‘ wirft das Gewölbe die Anklage vielstimmig zurück.

„…Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa
Miserere Domine, eleison
Quia peccavi tibi
Parce mihi.“

wiederholt der Mann auf dem Boden wieder und wieder und schlägt sich mit den Fäusten auf die Brust. Am Ende ist seine Bitte nur noch ein Flüstern.

Wie bei ihrem ersten Betreten des Tempels nimmt niemand Notiz von der Geweihten, doch dann, als habe er Noionas Gegenwart gespürt, wendet Gorm die Augen ab von dem reumütigen Sünder zu seinen Füßen und sieht sie an. In seinem Blick stehen Verwirrung und Furcht.

„Quin peccetis! Paenitet!“

donnert die Stimme des Greises. Der Beschuldigte duckt sich unter ihrer Macht wie unter einem Hieb.

„So höre, Eidbrecher. Es ist dir nicht länger erlaubt, den Habit zu tragen, denn du bist nicht länger Teil unserer Bruderschaft. Du wirst uns noch heute verlassen. Doch Boron in Seiner unendlichen Gnade hat uns diesen Jungen geschickt, der Fleisch ist von deinem Fleisch und dem Fleisch dieser Sünderin. Er wird deinen Platz einnehmen und IHM dienen. Er wird für die Vergebung deiner und der Sünden dieses Weibes beten so lange er lebt. Dir aber lege ich ewiges Schweigen auf. Möge der Herr Boron deiner Seele gnädig sein.“

Wimmernd sinkt der Verurteilte zusammen, während Gorms nun vor Entsetzen weit aufgerissene Augen Noiona stumm um Hilfe anflehen.


Noionas Füße fliegen über die Stufen, schnell, schnell hinab. In ihrer Vorstellung ist es Gorm, der arme Junge, der in der lichtlosen, kalten Krypta mit den rituellen Schuldzuweisungen überhäuft wird. Unten angekommentritt sie leise auf und erfasst die düstere Szenerie. Mitleid mit dem ausgestoßenen Glaubensbruder flutet durch ihre Brust. Doch sie hat kein Recht, sich gegen die Regel dieses Ordens auszusprechen.

Und der Greis, so einschüchternd die Aura auch ist, die ihn umgibt, hat kein Recht, über Gorms Leben zu verfügen.

Sie tritt nach vorne, wie sie bei einer Predigt im Tempel vor die versammelte Gemeinde auf die Kanzel treten würde, und nimmt sich das Recht, zu sprechen, heraus.

„Schwester Noiona Marbonna ist mein Name. Ich bin geweihte Jungfrau im Orden der Heiligen Noiona, Ehrwürden.“ Noiona macht einen tiefen Knicks zu dem Mann, von dem sie annimmt, dass er der Prior dieser Gemeinschaft ist, und neigt ihr Haupt vor ihm. „Der Knabe ist unter meinen Fittichen, ehrwürdiger Vater. Er reist mit mir gen Punin, hin zum Tempel des Gebrochenen Rades.“


Vorher: St. Kalmuns Grab

Danach: Disput

Rezension: Tortuga 2019 – Phantastische Piraten und wo sie zu finden sind

Tortuga 2019 – Phantastische Piraten und wo sie zu finden sind

Wollt ihr grundlos angemault werden? Wollt ihr von einem Spieler aus der Orga mal so richtig zur Schnecke gemacht werden? Wollt ihr mitten im Spiel angeschrien werden, dass er auf die Spieler sch***t?

Das ist mir und einem meiner Mitspieler auf der Tortuga-Con 2019 passiert. Ich hatte mich geweigert, nach seinem kurzen Ritual nachdem er mich getötet hatte als Untote aufzustehen, da ich eine Priesterin eines Totengottes spiele, der strikt gegen Totenbeschwörung ist. Ich habe mich gut auf das Tortuga-Setting vorbereitet, da ich mich sehr gerne in Lore – Hintergrund, wichtige Persönlichkeiten und Geschehnisse usw. – einlese, und da stand nirgendwo etwas davon, dass andere Götter als die einheimischen Voodoo-Gottheiten keine Macht hätten. Also stand für mich fest, dass mein Gott mich als seine Priesterin nicht als Zombie auferstehen lässt, sondern meine Seele direkt abholt. Kein Zombie, keim Problem? Der Spieler sah das anders. Er hat, wie oben beschrieben, sehr unschöne Worte verwendet und ich bin, zusammen mit meinem Mitspieler, zurück in mein Lager gegangen, während der Spieler noch geschimpft und gewütet hat.

Ich habe am nächsten Tag von einem anderen Spieler erfahren, dass ihn mehrere Leute von dem Schauplatz weggezogen haben und ihn beruhigt hätten.

Die Tortuga-Con hatte auch schöne Momente (die Rotröcke! die Tod-Spielerin! die „Wogende Helga“! die Oper!). Aber es war eben dieses hässliche Erlebnis am letzten Abend, das mich sagen lässt: Nie wieder Tortuga.

Es war meine erste Con als Spieler. Jahrelang war ich mit meiner festen Rolle als NSC unterwegs, nun hatte ich meinen Einstand als „waschechter“ Spieler-Charakter. Nach meinem Erlebnis mit dem takt- und beherrschungslosen Orga-Spieler bekommt dieser Einstand immer einen unguten Beigeschmack.

 

Als erstes will ich aber ausführlicher über das schreiben, was mir gut gefallen hat.

Die Rothemden

Die Soldatentruppe mit den einheitlichen, für mich sehr überzeugenden Uniformen war beeindruckend: Mit erhobener Flagge und in Formation einmarschieren, geordnet ihre Schüsse abgeben und… naja, sich nicht so geordnet wieder zurückziehen. Vielleicht kam es ihnen selbst nicht so geordnet vor, wie es von außerhalb aussah. Glaubt mir: Es war geordnet genug.

Das Fort, das sie aufgebaut hatten, ist auch eindeutig der Rede wert: In der Dunkelheit war die fast mannshohe Palisade schon sehr beeindruckend. Bei Tageslicht aber auch, habe ich danach festgestellt. Das gemeinsame Würfelspiel hat mir gefallen, weil es stimmig war und schön in das Soldatenleben gepasst hat – obwohl ich normalerweise kein großer Fan von Würfelspielen bin. Und dann wurde das Fort auch noch von Angreifern überfallen, die wir im Dunkeln kaum sehen konnten, wir haben eine – zugegeben kurze, aber vorhandene! – Löschkette gegen einen „Brandsatz“, der geworfen wurde, gebildet, es gab ein bisschen Panik und Schreie… wie man sich das eben so vorstellt. Es war toll, unversehens mittendrin im Geschehen statt abseits des Lagerplots zu sein.

Als einzelnen Soldaten muss ich mir Johnny heraussuchen. Wir haben ihn abends in die Taverne mitgenommen, ihn also als feindlichen Spion eingeschmuggelt. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob unser Tun den Abend über unbemerkt geblieben ist, aber es hat Spaß gemacht.

Die „Wogende Helga“

Dieses Schiff ist der Hammer: Die „Wogende Helga“ ist sechs (oder mehr?) Holzpaletten lang, hat zwei Decks, ein paar Hängematten unter Deck, zwei Segel, die eine Mannschaft einholen und hissen kann, und natürlich zwei Planken, über die eine Landratte wie ich gebührend vorsichtig an Deck eiern kann. Unsere Überfahrt zur Insel mit dem Fort der Rotröcke hat mich so gut wie nichts anderes vorher oder nacher in das Piraten-Setting versetzt.

Super stimmungsvoll und überzeugend! Hut ab vor den Erbauern, die die „Wogende Helda“ dem Vernehmen nach jedes Jahr auf- und wieder abbauen.

Die Zuber-Nixen

Ein zufälliger Blick vom zentralen Platz aus in Richtung des Zuber-Zeltes hat mich unversehens gebannt: Dort lag eine waschechte Meerjungfrau in einer Freiluft-Badewanne – lange Haare, Flosse und alles drum und dran! Die Flosse war so groß, dass sie halb aus der Wanne heraushing und sie hat sehr überzeugend ausgesehen. Ihren männlichen Gegenpart habe ich leider nicht zu Gesicht bekommen, aber ich finde es sehr gut, dass es auch einen eine Mann-Nixe gegeben hat.

Der Opernabend

Noch beeindruckender als die Nixen war es, eine leibhaftige Opernsängerin zu erleben. Der geschlossene Raum, der uns für die Vorführungen zur Verfügung stand, war für ihre Stimme viel zu klein, sogar in der letzten Reihe haben mir die Ohren geklungen – wie muss es da erst denen in den vorderen Sitzreihen ergangen sein.

Dass es ein ganzes Programm mit Bauchtänzerin, Opernsängerin, einer etwas zu zurückhaltenden Musikdarbietung und gleich zwei Theaterstücken gab, war unerwartet ausgefeilt und ungefähr ab der vierten Einlage zu lang. Der Raum wurde stickig, die Aufmerksamkeit im Publikum ließ nach. Interessant und sehenswert war der ganze Abend, aber es wurde nach hinten immer anstrengender, die gebührende Aufmerksamkeit aufzubringen.

NSC: Der Tod… bzw. die Tod

Der Tod ist eine Frau. Dieses Wissen wird mein Charakter in allen Gegenden verbreiten, in denen er künftig unterwegs ist. Die vielen Anspielungen auf den Tod aus Terry Pratchetts Scheibenwelt habe ich natürlich als Pratchett-Fan auf der Stelle verstanden. Mir kam erst später, dass das ja keine Selbstverständlichkeit ist und ich hoffe – und ich gehe davon aus -, dass die Tod-Spielerin gemerkt hat, dass mir dieser Hintergrund geläufig ist.

DANKE, dass du, liebe Spielerin, so schön auf meine Dienstbezeugung eingegangen bist, als wir uns das erste Mal begegnet sind, und ich dich den Abend über begleiten und die Sanduhr tragen durfte. Danke, dass du unsere zweite, lethale Begegnung zur eindrücklichsten Spielszene gemacht hast, die mein Charakter bis dahin erlebt hat. Du hast mit deinem Spiel wiedergutgemacht, was der eingangs erwähnte Spieler verbockt hat. Obwohl du mein Highlight warst, werde ich alleine wegen dir nicht noch einmal auf die Tortuga-Con fahren. Ich hoffe, dass wir uns auf einer anderen Con wiedertreffen!

Und ich hoffe, deinem Hund geht es wieder gut. Der Hund des Todes sollte immer ein gesunder Hund sein.

 

Nun zu den negativen Punkten, was mir nicht gefallen hat:

IT-taugliche Bändchen

…wurden angekündigt, gab es aber nicht. Schade.

Der Orga-Spieler „Y“

Ich nenne ihn hier nur bei seinem Charakter-Anfangsbuchstaben „Y“. Die Szene habe ich oben geschildert, der Orga-Spieler hat mich OT beleidigt und, womit ich auch nicht gerechnet habe, hat er sich dafür auch nie entschuldigt. Mir ist klar, dass es nicht an meinem Spiel lag, sondern dass ich gerade das Ventil für ganz viel angestauten Frust war, den andere bei ihm verursacht haben. Das ist natürlich keine Entschuldigung für sein verletzendes, beleidigendes Verhalten.

 

Zuletzt kurz die Ereignisse, die sich innerhalb unserer Gruppe abgespielt haben:

Essen

Ein großer Dank an den Koch! Ich hoffe, der Smutje wird seinen Weg auf andere Veranstaltungen finden, die ich besuche.

Taufe

Es war schön, dass zwei Frauen von der „Wogenden Helga“ an unserem Mannschafts-Event als Gäste zugeschaut haben: Ich habe als Priesterin einen der Crew in die Kirche, die wir bespielt haben (aus dem DSA-Setting), aufgenommen. Das hat der kleinen Zeremonie gleich einen offizielleren Rahmen gegeben und für weitere Veranstaltungen dieser Art werde ich mir merken, dass es immer schön ist, wenn man „Außenstehende“ findet, denen man einen Einblick in seine dargestellte Glaubenswelt geben kann.

An dieser Stelle auch meinen Dank an Ulf (hießt du Ulf?) aus Nostria (in Nostria), dass du die Rum-Verkostung noch einmal für mich ermöglicht hast, so spät in der Nacht. Ich habe dich bereits im Kosch, in der Baronie Silberquell, weiterempfohlen.

Die von Rumboldts

Die besten Naturforscher ever! So großartig, das Forscherzelt mit Barometer, ausgestellten Zeichnungen, Forschungs-Dingense… Mit Spaß und Leidenschaft in der Rolle, genau die richtige Dosis zwischen Albernheit und „wissenschaftlichem“ Duktus ihrer Charaktere. Tolle Pömpler!

 

…und zum Abschluss? Ich hatte schöne Momente auf Tortuga. …Aber: „Nie wieder Tortuga.“

 

Die Tortuga-Reihe:

St. Kalmuns Grab

Noiona wandert durch den Schnee und über den stillen Boronanger. Ihre nasskalten Füße beginnen, sie zu stören… bis sie um das Geäst einer winterkahlen Hecke biegt, in der ein paar dunkle, erfrorene Hagebutten hängen. Der Grabstein misst bestimmt über zwei Schritt und zieht alleine mit seiner schieren Größe, die alle umstehenden Steine weit überragt, ihren Blick auf sich. Darüber hinaus glänzt er unter der weißen Schneehaube in sattem Schwarz. Die goldenen Lettern bestätigen es ihr: Sie hat ihn – seine Ruhestätte – gefunden!

„Hier ruht in Boron“ und in Ewigkeit der Heilige Kalmun – Patron derer, die gegen Häresie angehen und Irrglauben bekämpfen, und Schutzpatron des alten Puniner Ritus‘ der Boronkirche – der sich der ‚wahre‘ Kult nennt – und des Koschs. Unter der Gedenkschrift steht eine Warnung oder Abschreckung. „Weiche, du Wesen des Abgrunds!“ Der Heilige Kalmun hatte zu seiner Zeit im Kampf gegen die Sekte der Visaristen sein Leben hingegeben. Aber ob diese Sektenanhänger es auch sind, die hier als „Wesen des Abgrunds“ bezeichnet werden? Das klingt in ihren Ohren nicht ganz passend. Vielmehr wärde diese Bezeichnung auf ein unheiliges, gar niederhöllisches Wesen zugeschnitten.

Mit leisem Kopfschütteln wendet sie ihren Blick wieder nach oben und betrachtet mit Bewunderung in den Augen die kunstfertigen Bildnisse und Verzierungen. Ein ehrfürchtiger Schauer rieselt wie Schneegestöber durch den Körper der blassen Frau. „Preiset den Raben.“, flüstert sie. Noiona ist angekommen – sie hat die zweite Station ihrer Pilgerreise in den Norden erreicht. Nun will sie ihm ihre Referenz erweisen.

Die geweihte Ordensschwester macht sich mit Zunderbüchse und Räucherkohle zu schaffen und gibt kurz darauf ein paar goldgelbe Krümel Weihrauch und getrocknete Lavendelblüten auf das glimmende Kohlestück. Sie pickt die schwarze Rabenfeder vom Boden auf und fächert den Rauch zum Himmel.

„Hüter der Seelen, König der Totenhallen“, betet sie leise. Ihre Worte reichen kaum weiter als bis zur Spitze der Feder in ihrer Hand. „Hier ruht ein heiliger Märtyrer, der Dir im Leben und im Tod gedient hat. Sein Andenken ist nicht vergessen. Sein Name und seine Taten haben die Jahrhunderte überdauert, damit sie uns als Beispiel dienen.“

Ein schönes Grabmal, eine Heiligenlegende, ein Name unter den wenigen Heiligen Borons. Ob er es geahnt hat, welche Ehre ihm zuteil wird? Oder, dass er in diesem letzten Kampf, den er gefochten hat, zu Boron gehen wird? Noiona versucht, es sich vorzustellen: Das Kloster in seiner vergangenen Pracht, ein voll besetzter Konvent. Ein anderer Orden, der auftaucht und predigt und Anhänger um sich schart. …Sie fragt sich, wie es ihr später ergehen wird, wenn sie den Al’Anfaner Kult kennenlernen will. Schließlich gilt der Kult des Südens als kaum etwas bessers als eine abtrünnige Sekte.


Eine dünne, nach Weihrauch und Lavendel duftende Rauchfahne steigt von dem Opfergefäß auf und löst sich unter ihren fächelnden Händen in nichts auf. Ob ihre Worte Alveran erreichen, ob der stille Gott ihr Gebet hören kann? Oder verlieren auch sie sich wie ihr Atem in der winterkalten Luft?

Es ist still. Kein Knacken eines Astes oder das Knirschen von Schnee verrät die Anwesenheit eines Lebewesens, nicht einmal der Rabe, der in der Ruine zurückgeblieben ist, gibt einen Laut von sich. Um sie herrscht Stille. Totenstille.


Noiona steckt die Feder neben der Schale in den Schnee. Schon vor der Morgendämmerung waren sie aufgebrochen, Schwester Elìn, Gwynna, Jadwige, Gorm und sie. So langsam hat sie genug von der Kälte. Sie verneigt sich zum Abschied vor dem Grabmal und kehrt in dem Weg, den ihre eigenen Spuren vorgezeichnet haben, in das eingestürzte Häuschen zurück. Dort ist sie wenigstens vor dem Wind geschützt und kann mit Blick auf den Aufgang der Krypta abwarten, dass die Boronis mit Gorm auftauchen.


Aus der Krypta ist nicht das leiseste Geräusch zu vernehmen. Der Rabe ist verschwunden, was das Gefühl von Einsamkeit und Stille um Noiona herum nur noch intensiver werden lässt. Die blasse Winterpraiosscheibe wandert unendlich langsam in flachem Bogen über das Moor. Selbst jetzt ist ihr Licht kaum stark genug, um die Mauern und den Baum in der Mitte des Gevierts einen Schatten werfen zu lassen, und auch Wärme spendet sie nicht.

Es muss schon fast Mittag sein, als von jenseits des Torbogens schwere Schritte zu hören sind. Wenig später taucht über den Steinquadern eine dunkle Gestalt auf. Es ist Gernot. Eine Kiepe aus Weidengeflecht ragt über seine Schultern hinaus und lässt ihn noch größer erscheinen.
Im Innenhof angelangt verharrt er für einen Moment in der Nähe des eingewachsenen Boronrades und sieht sich um. Als er die Geweihte im Schutz der Ruine entdeckt, neigt er den Kopf wie zum Gruß und stapft nach einem fast unmerklichen Zögern mit bedächtigen Schritten auf sie zu.

Etwa zwei Schritt vor ihr bleibt er erneut stehen, scheint unsicher zu sein, ob es ihm gestattet ist, näher zu treten. Er vermeidet es, sie anzusehen, ob aus Respekt oder aus Scheu vor der seltsam blassen Frau ist kaum zu sagen. Stattdessen fliegt sein Blick an ihr vorbei auf das Innere der Ruine, und heftet sich, als er nicht findet was er sucht, wieder auf seine Füße.


Die Kälte betäubt Noionas Zehen, dann die Füße, die Finger und dann ihre Hände, während sie vor dem Kamin des verfallenen Hauses mit klammen Händen mit ihrer Zunderdose hantiert und sich müht, ein Fünkchen auf den Zunderschwamm und auf ein paar schneefeuchte Zweige zu schlagen. Irgendwann bringt sie ein qualmendes Feuer zustande, das mehr Rauch als Wärme unter dem eingestürzten Dach verbreitet. Sie hustet und wedelt mit den Händen und klemmt sich schließlich an dem Punkt, wo sich der Qualm und die Kälte von draußen die Waage halten, die Hände unter die Achseln.

Gernots Anblick lässt sie aus ihrer Starre hochschrecken. Sie blickt ihm beim Näherkommen entgegen und gibt sich dabei keine große Mühe, ihm ihre Freude zu verhehlen. „Gernot. Es ist gut, Dich zu sehen“, spricht sie ihn an und erlöst ihn von seiner Scheu. Sie hat auch seinen suchenden Blick in das Innere des Hauses bemerkt, aber zunächst erkundigt sie sich nach den beiden alten Frauen, die sie im Morgengrauen hierher begleitet haben: „Wie geht es Jadwiga und Gwynna?“


Bisher hat Noiona den Torfstecher nur im Dunkeln gesehen, im Licht einer Fackel oder einer Öllampe, er war ihr höchstens durch seine Größe und offensichtliche Stärke aufgefallen. Als der Mann nun, da sie ihn angesprochen hat, es wagt, den Kopf zu heben und ihren Blick zu erwidern, sieht sie in ein wettergegerbtes Gesicht, dessen beherrschendstes Merkmal die Augen sind. Sie weiß nicht, welche Farbe sie haben, es könnte ein tiefes Blau sein oder aber auch ein Smaragdgrün. Das auffälligste an ihnen ist das intensive Strahlen, das von ihnen ausgeht und von den zahlreichen Falten, die sich in die Haut darum herum eingegraben haben, noch verstärkt wird. Augen, die es gewöhnt sind, in die Weite zu sehen.

Eine Weile sagt der Torfstecher nichts, vielleicht legt er sich die Worte zurecht, vielleicht starrt er sie auch nur an, weil er die blasse Frau zum ersten Mal bei Tageslicht erblickt.

„Es geht ihr…“

Er senkt den Blick wieder auf seine Schuhe, als hätte er bemerkt, dass es unschicklich ist, eine Geweihte derart unverhohlen zu mustern.

„Gwynna… es geht ihr nicht gut. Sie hat es mit letzter Kraft bis zu Erìns Hütte geschafft. Doch dann… Jadwiga und Erìn kümmern sich um sie, doch es geht mit ihr zu Ende.“

Seine Stiefel scharren im Schnee und auch die Hände wollen keine Ruhe geben.

„Der Junge“,

bricht es schließlich aus ihm heraus, und wieder richtet sich der seltsam intensive Blick des Mannes auf Noiona, hält den ihren nun unbarmherzig fest.

„Wo ist Gorm?“


Vorher: Borons Wille

Danach: Die Bruderschaft

Mein Leben als Untermensch – Teil 7: Time to say goodbye

Über die Schwierigkeit der Kommunikation hatte ich zuletzt geschrieben und einen Einblick in mein Arbeitsleben während des Probemonats gegeben. Ein Monat ist im Rückblick immer schneller vorbei, als wenn man ihn von vorne betrachtet.

Und der Abschied kommt schneller als man erwartet.


Mein Leben als Untermensch – Teil 7: Time to say goodbye

Mein Abschlussgespräch mit besagtem unbeirrbaren Chef hat ganze sieben Minuten gedauert. Das ist kurz, aber schon nach den ersten 30 Sekunden wusste ich dass er mich nicht übernimmt.

Adieu, fleckige Tischdecke. Lebt wohl, greuliche Vorhänge. Machs gut, Ikeamesser, du einziges und stumpfes Kochmesser. Tschüss, kaputte Nachttischlampe. Und auch du, mein Kaktus, meine Schreibtischlampe, mein Wasserkocher, meine Kleiderbügel, meine Müslischüssel, mein Flaschenöffner: Dient eurem nächsten Besitzer so treu, wir ihr mir gedient habt. Ich lasse euch hier, damit die oder der nächste ein bisschen mehr Ausstattung hat als ich. Von Wohnkomfort will ich gar nicht schreiben.

Und trotzdem bin ich wehmütig. Ich lebe gerne in dieser Stadt und dieses Viertel hat den anheimelnden Charme eines kleinen Dorfes innerhalb der Stadt. Hier denke ich mehr an die Stadt als Wohnort als das Kellerloch – bei mir zuhause ist es andersrum: Dort betrachte ich mehr meine vier Wände als mein Lebensraum als die Umgebung, in der diese vier Wände stehen. Die Stadt und das Viertel fühlen sich wenig heimisch an.

Dem Radweg an der alten Stadtmauer entlang, dem Aufblitzen des Flusses im späten Licht, schwüle Barfuß-Spaziergänge in der Abenddämmerung, der grünen Insel in meinem Straßenzug. Unhöflichen Kollegen, Chefs, die von ihrer einmal gebildeten Meinung keinen Zentimeter mehr abrücken, einer extrem wechselhaften Arbeitsatmosphäre. Dem sage ich Lebewohl. Es geht zurück in die große Stadt.

27.06., 04.07.2019

 

Auf Tortuga! Teil 3

Auf der LARP-Veranstaltung Tortuga geht die Ordensschwester Lydia auf der gleichnamigen, berühmt-berüchtigten Pirateninsel Tortuga dem Missionsauftrag ihrer Kirche nach.

Dort schloss sie Bekanntschaft mit dem Naturforscher Alexander von Rumboldt und mit dem Tod. Sie parlierte mit der tortugiesischen Oberschicht und genoss einen Opernabend (siehe Teil 2).

Mit dem letzten Teil nimmt das Geschehen eine ernste Wendung…


Auf Tortuga! Teil 3

Aufbruch von Tortuga

Raul vereinbarte mit den von Rumboldts – Alexander von Rumboldt, seine Frau Lumumba und ihre Praktikantin – dass sie am Abend zum Abendessen und für ein anschließendes Kolloquium zu uns kommen.

Die Nacht brach herein, wir waren in angenehmer Gesellschaft und ich diskutierte mit Lumumba über meine Abhandlung „Von Raben und Krähen„. Allem Anschein nach handelt es sich doch um zwei unterschiedliche Arten und nicht um die gleiche Spezies, wie ich hartnäckig angenommen hatte.

Der Eindringling

Plötzlich wurden wir unterbrochen. Der Casinobesitzer in hoher Begleitung: Besuch von Ragabash. Sie meckerte natürlich, dass ich mich nicht tief genug verbeugte, aber durch eine Laune, die mir zugute kam, ging sie meiner Weigerung nicht nach. Die Totenbeschwörerin hatte jedoch eine kleine Rede für uns vorbereitet, in der sie uns großspurig kund tat, dass sich einer der anderen mächtigen Nekromanten der Insel – ein gewisser Baron Martin – geopfert hatte. Ein großer Verlust für Tortuga, sagte sie. Doch dank dieser selbstlosen Tat, frohlockte sie , würden sich in diesem Augenblick rund um Tortuga Geisterschiffe aus den Fluten erheben. Wir sollten dieser Tat unseren Respekt zollen, forderte sie uns auf. Keiner von uns schien zu wissen, was genau sie von uns verlangte, und wahrscheinlich wusste sie es selbst nicht einmal. Meine Erinnerung daran ist verschwommen, ich weiß noch, dass ich in ihrer Gegenwart körperliches Unwohlsein verspürte und mir die Zeit sehr lang vorkam. In Wirklichkeit wurde sie nur ihre Rede los, bereitete uns allen Unbehagen mit ihrer Anwesenheit und stolzierte dann in die Nacht und in Richtung Marktplatz davon.

Endlich konnte ich aufatmen. Am Opernabend war es das erste Mal passiert, dass mir mit einem Mal übel wurde und mir so stark schwindelte, das Yassir mich zu einem Stuhl führen musste. Es muss die hohe Zahl an Untoten auf Tortuga sein, die mir so zusetzt.

Die Berufung

Ihr Auftritt in unserem Lager hatte einen Funken in mir entzündet. Tief in meiner Seele wusste ich, dass diese Nacht nicht mehr alleine ich selbst meine Handlungen bestimmte, sondern eine höhere Macht. Mein Gott leitete mich, zeigte mir den Weg.

Ragabash, diese Nekromantin… Sie schart Untote um sich und jocht andere unter ihren Willen. Aber sie verkörpert auch Aspekte meines Gottes: Den Tod an sich, die nächtlichen Gefilde und die Rauschhaftigkeit. Sie hatte mich eingeschüchtert. Aber ich trug mich schon einige Zeit mit dem Gedanken, dass ich mehr über sie herausfinden wollte. Vielleicht gab es etwas an ihr, mit dem ich mich aussöhnen konnte?

Ich bin keine Predigerin mit Feuer und Schwert. Aber ich hatte keine Wahl. Ich nahm mein Räucherfässchen und entzündete Weihrauch. Ich nahm das Salböl. Dann ging ich zum Marktplatz, Pablo begleitete mich. Raul, Yassir und Kiata mussten auch irgendwo im Gedränge sein, aber ich sah sie nicht. Ich ging an den dunklen Altar und besprengte ihn unter leisen Gebeten mit dem gesegneten Salböl. Pablo unterstütze mich und meinte, ich solle lauter beten, doch das wäre mein sofortiger Tod gewesen, da ich außer ihm keine Hilfe hatte und alle Piraten auf dieser verrückten Insel sich vor Ragabashs Gewalt beugten.

Die Kerzen auf dem Altar erloschen. Ich deutete es als gutes Omen, dass mein Herr meine Gebete vernommen hatte.

Und als nächstes fand ich Ragabash, ohne sie suchen zu müssen. Am Rand des Tavernengedränges und ohne ihre untote Schar – zumindest war keiner in ihrer Umgebung in der Dunkelheit unmittelbar als Zombie zu erkennen.

„Uff, das stinkt!“, maulte sie mit einem angewiderten Blick auf mein Weihrauchfass, das ich beständig in Bewegung hielt. Ich erinnere mich nicht mehr im Worlaut an das Gespräch, aber ja, ich habe tatsächlich eine Unterhaltung mit ihr geführt. Ich sagte ihr, dass ich dem Herrn der Seelen diene, der auch um Schlaf und Vergessen angebetet wird, und dass dieser Gott die Erhebung von Untoten ablehnt. Dass ich gerne mehr über ihre Macht und ihren Einfluss erfahren würde, um herauszufinden, was davon mit meinem Gott zu vereinbaren wäre. Ich weiß noch, dass sie das zum Nachdenken brachte, aber was sie mir antworten wollte, bleibt für immer ungesagt.

Der mordende Lakai

Denn der Mann neben ihr mischte sich in unser Gespräch ein: „Lass sie mich töten! Ein paar Jahrhunderte auf einer der Galeeren werden sie schon eines besseren belehren!“, heulte er. Dies waren in etwa seine Worte, mit denen er Ragabash daran hinderte, mit mir zu sprechen. Unterbrach er mein Gespräch mit seiner Herrin, weil er mich insgeheim fürchtete? Ich wunderte mich, dass sie ihn nicht aufforderte, still zu sein, wenn sie ein Gespräch führt.

Ragabash gab nie ihr Einverständnis. Sie wollte mir antworten, doch sie kam nicht dazu. Denn ihr Lakai sprang vor, setzte mir die Klinge an die Kehle und… zog mir den Stahl durch den Hals.

Ich muss es nicht im Detail beschreiben: Ich starb. Ich hörte noch, dass rund um Pablo Gedränge und Lärm herrschte. Dann war alles gedämpft, wie unter Wasser, und mir war, als sähe ich von oben meinen Körper am Boden liegen. Der Totenrufer steckte qualmende Räucherstäbchen rund um meinen reglosen Leib in den Boden und rief in fremden Zungen Beschwörungsformeln gen Himmel. Ich fürchtete, dass ich mich im nächsten Augenblick dabei beobachten müsse, wie sich mein eigener, toter Körper als wandelnder Leichnam erhebt… doch es geschah nicht.

Die zweite Begegnung mit dem Tod

Stattdessen fand ich mich im nächsten Wimpernschlag einer bekannten Gestalt gegenüber: Dem Tod. Neben mir stand Pablo, aber es war nur sein geistiges Abbild – so wie auch ich körperlos war. Graue Leere umgab uns.

„Ich bin immer noch im Urlaub“, sagte der Tod, „aber weil du es bist, Lydia, habe ich die Arbeit ausnahmsweise übernommen. – Wie ihr vielleicht wisst, bin ich einem Spielchen nicht abgeneigt und ihr habt eine Crew, die sehr an euch hängt. Sie haben um euer Weiterleben gespielt. Allerdings… haben sie nur ein Spiel gewonnen. Nur einer von euch kann in die Welt der Lebenden zurückkehren.“

Pablo und ich blickten uns an. „Du gehst zurück.“, sagte ich ohne zu zögern. „Ich bin auf den Tod vorbereitet; ich habe keine Angst davor, zu sterben. Ich gehe zu meinem Herren.“ Pablo war erleichtert – auch ein Freibeuter ist irgendwie ein Pirat, der jede gute Chance nutzt, die sich ihm bietet.

Plötzlich blickten die knochigen Augenhöhlen des Todes ins Leere. Sie schien zu lauschen und auch ich glaubte, in der Ferne eine mächtige Stimme zu hören, die nur durch die große Distanz nicht zu verstehen war. Im Gegensatz zu mir hörte sie die Worte. „Was meint Ihr?“, fragte sie halblaut. Weder Pablo noch ich hatten etwas gesagt, uns konnte sie nicht meinen. „Wirklich? Na, wenn das so ist… Da kommt aber wieder gehöriger Papierkram auf mich zu. Wenn Ihr meint. Also gut.“

Sie wandte sich mir zu: „Sieht so aus, als wäre deine Zeit doch noch nicht zu Ende. Ich wurde gebeten, dich auch zurückzuschicken.“

In dem Bewusstsein, dass es nicht unsere letzte Begegnung war, schwand mein Bewusstsein…

…und ich erwachte in meinem zerschundenen Körper.

 

Davor: Auf Tortuga! Teil 2

Danach: Rezension: Tortuga 2019 – Phantastische Piraten und wo sie zu finden sind