Mein Leben als Untermensch – Teil 6: Kommunikation ist eine schwierige Sache

Zuletzt hatte mich mein Vermieter im Kellerloch besucht. Es gibt Versprechungen und Reparaturen, vor allem an Fahrrädern.

Jetzt erzähle ich von meinem aufregendsten Arbeitstag und -abend, den ich während des Probemonats erlebt habe. ‚Aufregend‘ im doppelten Sinn: Sowohl spannend als auch ein Grund, sich aufzuregen.


Mein Leben als Untermensch – Teil 6: Kommunikation ist eine schwierige Sache

In der Arbeit ist heute etwas merkwürdiges passiert. Merkwürdig: würdig, es mir zu merken. Dass ich es nächstes Mal vermeiden kann? Ich hätte es gerne vermeiden, aber ich würde immer noch nicht anders handeln.

Am Ende sah ich die Kommunikationskette mit ihren einzelnen Gliedern. Die herausragende Eigenschaft dieser Kette ist, dass sie, genauso wie eine ordentliche Halskette, dort endet, wo sie anfängt.

Die Auftragslage ist dürr. Das Sommerloch ist in diesem Jahr früh dran. Alle klagen, dass zu wenig los ist, durch die Bank alle.

Der Kollege, der in dieser Woche die Oberaufsicht führt, kommt an den Schreibtisch der Hospitantin und mir. „Ihr zwei braucht doch Arbeit.“ Begeisterung mischt sich mit eher gedämpften Gefühlen – Hurrah, etwas zu tun! Aber was wird das schon für eine dröge Aufgabe sein, wenn er uns zu zweit losschickt und kein anderer es tun will? Wir als Hospitantin beziehungsweise Probearbeiterin stehen ja am unteren Ende der Nahrungs… ich meine, Aufgabenzuweisungskette.

Er gibt uns in zwei Sätzen einen Auftrag, bei dem wir bis spät in die Nacht in einer gedrängten Menschenmenge unterwegs sein werden, wirft mir auf meine Nachfrage noch zwei Brocken Information im Gehen über seine Schulter zu und ist wieder weg. Gut, dass ich Block und Stift gezückt hatte, die Hospitantin hatte diese Art der Kommunikation überfordert und sie hatte zwei Drittel der Information gar nicht mitbekommen.

Wir waren also gestern – oder eigentlich zeitlich hyperkorrekt: heute – bis kurz nach Mitternacht für die Arbeit unterwegs. Und danach gleich zurück zur Arbeitsstelle und unsere Arbeit abliefern, damit gleich in der Früh damit gearbeitet werden kann. Ich rufe an der Pforte an und melde an, das wir so spät nochmal rein müssen. Der Pförtner lehnt rundheraus ab. Eine Probearbeiterin und eine Hospitantin, die bekommen keinen Zugangschip. Nie. Als ich vor zwei Jahren meine Hospitanz gemacht habe, hatte ich für einen Abend den Zugangschip bekommen. Allerdings sage ich dem Pförtner das jetzt am Telefon lieber nicht.

Zum Glück ist der Kameramann ein Argument, das für uns spricht. Den kennt der Pförtner und er sagt: Ja, mit dem Kameramann haben wir ja schon öfters gearbeitet, der ist bekannt. Der darf rein. Zusammen mit ihm kommen wir also rein. Puh.

Im Auto ist der Kameramann verwundert, dass der Pförtner das gesagt haben soll. Er hätte nicht damit gerechnet, sagt er, dass ihm ausgerechnet dieser Torwächter Vertrauen zusprechen würde. Angeblich würde er von ihm immer eher unfreundlich empfangen und eingelassen werden. Habe ich ihn gerade ein Stück mit seiner Nemesis an der Pforte versöhnt?

Unterwegs rufe ich zur Sicherheit nochmal an der Pforte an und frage nach: Kommen wir nicht nur auf das Gelände, sondern auch in das Gebäude? Und diesmal meint der Pförtner, dass er seiner Chefin von der Verwaltung eine E-Mail und eine WhatsApp-Nachricht geschrieben hat und sich meldet, sobald er von ihr hört.

Er meldet sich nicht.

Wir kommen nach getaner Arbeit also zurück.

Mit vielen Beteuerungen meinerseits und viel Kopfschütteln und -nicken habe ich endlich den Zugangschip zu unserem Gebäude in der Hand. Gegen Unterschrift, versteht sich. Wir liefern also unsere Arbeit ab, machen fertig, was fertig zu machen ist und sind in einer Dreiviertelstunde fertig. Perfekt! Und jetzt ab nach Hause und in die Heia.

Als ich beim Rausgehen den Chip wieder abliefere meint der Nachtpförtner noch zu mir, dass er dafür eine Rüge von der Verwaltung erhalten würde. Der Arme. Aber muss er mir deswegen ein schlechtes Gewissen machen? Ich kann ja auch nichts dafür, dass uns niemand gesagt hat, dass jemand Festangestelltes für uns diesen verdammten Chip organisieren und sozusagen für uns bürgen muss.

Am nächsten Tag hat derselbe Pförtner Dienst, als ich Feierabend mache. Ob noch alles gut ging?, frage ich ihn. „Ja, ja“, winkt er ab, „ich hab nichts von der Verwaltung gehört.“

Aber zurück zum Morgen nach dem Nachteinsatz. Frühs will ich den Kollegen, der uns im Vorbeigehen den Auftrag erteilt hat, fragen, wie ich das Material bearbeiten soll. Was genau soll rauskommen? Mein Termin in der Nachbearbeitung fängt um zehn Uhr an. Ich habe eine Viertelstunde Zeitpuffer eingeplant. Mein Kollege telefoniert durchgehend. Ich frage die Kollegin am Platz neben ihm und plötzlich wird er aufmerksam und beendet sein Telefongespräch. Er ist vollkommen verwundert, dass ich zum ersten Mal in der Nachbearbeitung bin. Wie kann es sein, dass ich das noch nie gemacht habe? Die Chefs sagen doch immer, dass „wir alle“ alle Arbeitsschritte in allen Bereichen können!

Ich versichere ihm, dass ich ähnliche Aufgaben schon eigenständig gemacht habe und zuversichtlich bin, dass mir das zusammen mit den Leuten aus der Nachbearbeitung gelingen wird. Er schüttelt ungläubig den Kopf und fragt mich, warum ich nicht früher gesagt hätte, dass ich darin keine Erfahrung hätte. Ich frage mich, wie das jetzt mit seinem letzten Satz zusammenpasst, dass wir alle laut den Chefs alles können würden?

Die Hospitantin steckt mir, dass sie ihm am Vortag, als er uns diesen Auftrag zugeworfen hat, gesagt hat, dass sie das noch nie gemacht hat. Seine Antwort war da gewesen: „Darum schicken wir euch ja zu zweit los.“ Das Einholen unseres Materials habe ich auch schon gemacht. Ich wusste nur nicht, wie das Nachbearbeiten funktioniert.

Am Nachmittag ruft mich der Chef in sein Büro. Mein Kollege hat sich bei ihm beschwert, dass ich das noch nie gemacht habe und ich hätte ihm das sagen müssen. Danke für das Gespräch. In Gedanken stelle ich unerfreuliche Dinge mit diesem Kollegen an. Dass er sich auch noch beim Chef beschwert! Bis zum Schluss, bis zum Ende meines Probemonats gibt mir diese Sache zu denken und ich zweifle nachhaltig, ob ich in so einem Umfeld arbeiten will.

Hätte sonst wer diesen Job gemacht, bis spät in die Nacht? Naja… vielleicht. Ja sicher, irgendwer hätte sich schon gefunden und mir hat es schon gefallen. Aber darum gerissen hatte sich keiner.

Nach Feierabend sitze ich vor dem Gebäude. Ein anderer Kollege schlendert vorbei und fragt mich, ob ich gesehen habe, was bei meinem Material rausgekommen ist. Ich verneine, ich war mit etwas anderem beschäftigt. Er betätigt sich als Sphinx und sagt mir kryptisch: „Die Würfel sind zu deinen Gunsten gefallen.“ Ich kann nicht glauben, was er mir andeutet und gehe nachsehen.

Und tatsächlich! Sie haben alles so genommen, wie ich es fertiggemacht habe. Obwohl eine ältere Kollegin meine nochmal gemacht hatte. Schlussendlich haben sie doch meines genommen. Ich frage den netten Kollegen, wer denn diese Würfel geworfen hat, die zu meinen Gunsten gefallen sind. Er war es.

Ich nehme einen imaginären Stein und platziere den Stein für ihn in meinem imaginären Brett.

18.06.19, 25.06.2019

 

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