Auf Tortuga! Teil 1

Hier findet sich ein Auszug aus den Notizen von Schwester Lydia, die die Ordensschwester nach ihrem Aufenthalt in Tortuga anfertigte. Die knapp zwei Tage, die ich auf der LARP-Convention war, lege ich für meinen gespielten Charakter als längeren Landgang aus, da die Handlung natürlich nicht über Wochen hinweg am Stück ausgespielt werden kann.

Lydia war also von ihrer Kirche als Missionarin auf die Pirateninsel geschickt worden. Kein leichter Auftrag, wie sich herausstellen wird…


Auf Tortuga! Teil 1

Die Wogen warfen das Beiboot in die Höhe, ließen es fallen wie ein launisches Kind sein Spielzeug und es landete unsanft auf der harten Meeresoberfläche. Salziges Wasser drang aus allen Richtungen auf die beiden Insassen ein. Bald wussten sie nicht mehr, wo oben und wo unten war.

Überfahrt mit Hindernissen

Pablo und ich hatten eine rauhe Überfahrt von der „Aaskrähe“ zur Insel. Binnen weniger Momente frischte der Wind auf, peitschte die See und unser Boot. Wir wurden mitsamt dem Beiboot an eine Felseninsel gespült. Ich hielt das Reliquiar, die hölzerne Truhe mit der kostbaren einbalsamierten Hand der Heiligen Franka, fest an mich gedrückt. Wie durch ein Wunder blieb die heilige Hand unversehrt. Andere Dinge, die ich für unseren Schrein und hoffentlich eine kleine, dauerhafte Kapelle mitgebracht hatte, gingen über Bord und ich musste sie aus der Brandung fischen.

Später beschwerte sich Pablo: „Da landen wir an diesem verdammten Felsbrocken und was holt sie als erstes aus dem Wasser? Dieses verflu… ähem, gesegnete Banner!“ Es ist das Banner meiner Kirche und seines Auftraggebers als Koch einer Mannschaft aus Freibeutern.

Die Strömung machte es uns unmöglich, an diesem Tag noch nach Tortuga überzusetzen. Wir fügten uns also in unser Schicksal und schlugen auf dem kargen Boden ein ebenso karges Lager auf. Glücklicherweise hatten wir den größten Teil des Proviants im Beiboot, nicht nur meine liturgischen Geräte. Das Kochgeschirr war allerdings bei den anderen und schon auf Tortuga. Pablo sorgte so gut es eben ging für unser leibliches Wohl, ich für unser geistliches. Uns fehlte nur noch eines: Unsere Mannschaft.

Ankunft auf Tortuga

Am nächsten Tag langten wir endlich am tortugiesischen Strand an und fanden das Lager unserer Mannschaft. Jetzt war der Moment gekommen, in dem sich Pablo über meine Rettung des Banners beschwerte.

Die Piratenspiele

Raul mischte bereits in dem angebotenen Zeitvertreib und Kräftemessen der Insulaner mit, wie ich nun erfuhr. In diesen Tagen sollten so genannte Piratenspiele stattfinden. Es würde mehrere Disziplinen geben, in denen sich die Teilnehmer messen konnten – doch welche Disziplinen es waren, das wurde im Voraus nicht bekanntgegeben.

Letztlich rangen sie um einen Diskus, schubsten sich gegenseitig von einer wackeligen Planke und zuletzt ging es um eine gelbe, gebogene Südfrucht.

Das Ringen um den Diskus war doch eher ein handfester Kampf um ihn, da fast jeder eine Klinge dabei hatte und diese auch benutzte. Raul musste einige schmerzhafte Hiebe und Schnitte einstecken, doch er schaffte es, bis zum Schluss immer wieder auf die Beine zu kommen. Der Arme spielte von Anfang an zu ehrlich mit diesen Piraten, die solche Skrupel natürlich nicht kannten.

Geschicktes Abwägen

Dann wurden sie einander in Zweierpaaren gegenüber gesetzt, ohne dass der eine den anderen sah. Raul und ein Seemann, den ich in den vorangehenden Tagen kennengelernt hatte, waren die ersten, die diese Runde begannen. Jeder erhielt ein Stück des gelben Obstes und musste ein Stück abschneiden. Dies wurde gewogen und, immer noch ohne Einblick des Gegners, der Sieger bestimmt, dessen Stück schwerer war. In drei Durchgängen. Sie durften ihre Bananenstücke dabei nicht selbst auf die Waagschalen legen, sondern mussten sie an einen Helfer weiterreichen, der direkt neben ihnen saß. Das störte meinen Plan ein wenig, aber es war für mich beschlossene Sache, dass ich eingreifen wollte. Raul hatte bis hierher jedes Spiel verloren und er spielte so regeltreu, dass es dem Herren Praios, der die Ordnung und die Gesetzestreue liebt, eine Freude sein musste.

Der listige Gott Phex ist aber mit dem, der sich selbst hilft. Wie heißt es so schön: ‚Hilf dir selbst, dann hilft dir Phex.‘ Keine Weisheit, nach der ich bisher oft gelebt habe. Aber irgendwann ist die Zeit für jeden der Zwölf Götter gekommen.

Die ersten beiden Bananenstücke wanderten in die Hand der zwei Helfer und auf die Waage. Dann die zweiten Stücke. Es ging  schnell.

Dann kam das dritte. Und ich langte zu und nahm dem Helfer das Obststück beherzt aus der Hand und biss hinein, in die ungeschälte Banane, wie in einen Apfel. Für einen Wimpernschlag oder zwei standen sie starr vor Überraschung. Dann hatte der Aufseher seine Pistole in der Hand und auf mich gerichtet. Pablo war mit einem langen Schritt vor mir, zwischen mir und der Waffe. Doch der Schiedsrichter zögerte und wusste nicht recht, ob er wirklich abdrücken sollte. Ich spürte und sah, dass es ihm aber gehörig gegen den Strich ging, um es salopp auszudrücken.

Letztlich ließ er zähneknirschend von mir ab, bedachte mich noch mit dem einen oder anderen bösen Blick und ließ die Sache auf sich beruhen. Der Matrose, gegen den Raul spielte, erhielt eine neue Banane und gewann damit diese letzte Spielrunde. Er sagte mir, dass er mir für mein Eingreifen dankbar war, anderenfälls hätte er dieses Spiel ja nicht gewonnen.

 

Davor: Richtung Tortuga

Danach: Auf Tortuga! Teil 2

2 Kommentare zu „Auf Tortuga! Teil 1

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