Von Raben und Krähen

Mein LARP-Charakter Schwester Lydia hat auf der ersten LARP-Veranstaltung, während der ich in diese Rolle geschlüpft bin – auf dem Heerlager zu Lauf 2016 – einen Glaubensbruder kennengelernt. Er gehört derselben Kirche, aber einem anderen Orden an, der kämpferisch ausgerichtet ist. Sein Name ist Tassilo. Er ist kein Kämpfer, sondern Kämmerer in seinem Orden. Mein Charakter widmet sich insbesondere der Traumdeutung und der Seelsorge.

Bei einem Gespräch waren wir uns uneins. Er vertrat die Meinung, dass Raben und Krähen unterschiedliche Tiere seien. Ich stütze mich hingegen auf die taxonomische Einordnung, nach der nur die Größe für die unterschiedliche Bezeichnung ausschlaggebend ist, aber die Art dieselbe ist.

Ich konnte ihn nicht überzeugen. Das Thema hat mich aber nicht losgelassen und deshalb schrieb ich nach der LARP-Con in der Rolle als Schwester Lydia eine knappe Abhandlung „Von Raben und Krähen“.

Mit Bruder Tassilo verstehe ich mich übrigens immer noch hervorragend.


 

Mit einem Bruder in Boron führte ich ein Gespräch über das heilige Tier unseres göttlichen Herren und erkannte, dass wir unterschiedlicher Ansichten waren. Wir blieben es auch nach Beendigung unseres Wortwechsels. Zurück blieb in mir der Wunsch, die Betrachtung in den stummen Worten der Schrift festzuhalten und fortzusetzen.
Bruder Tassilo gehört dem Orden des Heiligen Golgari an. Ich lernte ihn als Akoluthen der Boronkirche kennen. Damals war mir nicht bewusst, dass er den Weg zur Weihe beschreitet, denn dies ist für einen Laiendiener eher ungewöhnlich. Schließlich hatte er sich mir nicht als Novize vorgestellt. Anderenfalls hätte ich häufiger den Austausch über religiöse Themen mit ihm gesucht.
Jahr und Tag später traf ich ihn wieder als Seine Gnaden Tassilo, Ritter Golgaris – immer noch ein vollwertiges Mitglied der Golgariten, der den Ritterschlag seines Ordens erhalten und darüber hinaus die Priesterweihe empfangen hatte. Immer noch sprachen wir nicht viel miteinander, doch bei einer Gelegenheit kam die Rede auf die Krähen und Raben.

Bruder Tassilo äußerte seine feste Überzeugung, dass nur die edlen Raben Diener des Dunklen Gottes seien, Krähen hingegen unwürdige Kreaturen und nicht borongefällig. Dieser Ansicht konnte und kann ich nur widersprechen. Der Traumbote Borons selbst zeigt sich in zwei sehr unterschiedlichen Gestalten: Schenkt er erbauliche Traumgesichte, so erscheint er als stattlicher Rabe mit glänzendem Gefieder und von prächtiger Gestalt. Bringt er hingegen Alpträume, so kommt er als zerzauste Krähe, sturmgebeutelt, mager und bisweilen sogar skelettiert.
Diese Zuschreibungen sind mehr als bloße Metaphern, welche ein angenehmes Erscheinungsbild des Boten mit angenehmen Träumen und das erschreckende Bildnis mit erschreckenden Träumen assoziieren. Nein, vielmehr gibt es Berichte von Dienern Bishdariels, nach denen sich der göttliche Sendbote selbst dem Träumenden kurz vor oder nach diesem oder jenem Traum in der einen respektive anderen Gestalt offenbart hätte.
Folglich wählt der Alveraniar Borons zwischen seiner Krähen- oder der Rabengestalt.
Es mag in selteneren Fällen und besonders in daimonisch verseuchten Gebieten wie den Schattenlanden auch Alpträume geben, die nicht von Boron gesandt sind, doch die meisten schickt Er uns als Warnung. Der Herr über den Schlaf sendet nicht nur angenehme Träume!

Nun habe ich mich während meiner Zeit als Skriptorin unseres Klosters auch mit Schriften über die Fauna – die Tierkunde – befasst. Besonderes Augenmerk galt mir dabei den heiligen Tieren meines Ewigen Herren.
Der bosparanische Name sowohl von Raben als auch von Krähen lautet Corvus. Dies ist
der Tatsache geschuldet, dass beide Vögel, so unterschiedlich sie ihrer Erscheinung nach auch zu sein scheinen, ein- und derselben Art angehören. Die größeren Tiere dieser Gattung werden als Raben, die kleineren als Krähen bezeichnet. Landläufig gelten sie als zweierlei Arten:
Die Krähe ist der Galgenvogel, als Saatkrähe ein Schädling, als Sturmkrähe unansehnlich, als Aaskrähe unrein und der Volksmund sagt, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt.
Der Rabe gilt als wissend und weise sowie prophetisch begabt, niemand spricht von einem ‚Sturmraben‘ oder einem ‚Aasraben‘. Wer eines dieser klugen Tiere als Haustier halten will, spricht von seinem Raben und nicht von seiner Krähe – höchstens, er will schlecht über den Vogel reden, weil er ihn beispielsweise mit seinem Krächzen nicht schlafen lässt. Oder sind es doch die Rabenschreie, nicht das Krähenkrächzen? – Lediglich der Unglücksrabe weicht von diesem Schema der schlecht konnotierten Krähe und dem mit guten Attributen versehenen Raben ab.

An Unterarten gibt es den großen Borons- oder Kolkraben mit den charakteristischen Federn am Schnabel und an der Kehle; die Aaskrähe, welche in ihrer grau-schwarzen Form Nebelkrähe und in ganz schwarzem Gefieder Rabenkrähe geheißen wird; die Saat- oder Kornkrähe wie auch die Gespensterkrähe bis hin zu der kleinen Dohle mit den blauen Augen. Die Sandkrähe ist in trockeneren Gegenden verbreitet. Der schwarz-weiße Streifenmeister ist wohl eher ein Tier Phexens. Er stiehlt alles was glänzt und legt damit richtige Horte an hohen, unzugänglichen Orten an.
Allen ist gemein, dass sie ein hohes Alter erreichen können. Glaubhafte Aufzeichnungen künden von einer Dohle, die fast 30 Jahre alt wurde.

Der Volksglaube besagt, dass Raben – und nicht nur der Seelenrabe Golgari, sondern alle Raben als Borons Symboltiere – die letzten Worte der Sterbenden hören und deshalb um alle dunklen Geheimnisse wissen würden. Wenn man zu einer Handlung ansetzt und ein Rabenvogel schreit, sei dies eine Warnung vor Todesgefahr. Wenn man von einem Raben stumm betrachtet werde, sei dies ebenfalls ein schlechtes Omen. Wer einem Raben das Leben nimmt, würde binnen eines Siebenspanns sterben, und wer eine Krähe tötet, würde zu einem nächsten Leben in Krähengestalt verdammt. In Anbetracht meiner obigen Ausführungen zur Einheit von Raben und Krähen läuft es dann wohl immer auf den Tod innerhalb einer Woche, gefolgt von einem neuen Leben als Rabenvogel, hinaus.
Zu guter Letzt, so weiß es der Volksglaube, würde die Dohle als Bergbewohner ihren warnenden Ruf für jene erschallen lassen, welche sich zu weit Richtung Alveran gewagt hätten.

Auch wenn landauf und landab zwischen Raben und Krähen unterschieden wird, so weiß der gelehrte Tierkundler, dass es sich um eine einzige Tierart handelt. Mehr noch weiß ein Borondiener, dass sowohl die Vögel, die als Krähen bezeinet werden, als auch
die Raben Boron heilig sind.

Ein Kommentar zu „Von Raben und Krähen

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