Am Hof der Shanja – Teil 1: Lamon (Rahjageflüster 10)

Wie alle Geschichten des Rahjageflüsters richtet sich auch diese Episode an Leser ab 18 Jahren.


Der Hengst schimmerte in der Sonne, die mitten am Himmel stand. Schweißtropfen perlten auf seinen Flanken und sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich im raschen Wechsel. Seine harten Hufe trommelten ein Stakkato auf den festen Sand des Hofs und die Reiterin gab all ihr Können, den Rappen davon abzuhalten, die bunten, zarten Blumenbeete zu zertrampeln. Die Muskelberge des Pferdes zeichneten sich deutlich unter seiner Haut ab, doch die edle Reiterin war genauso angespannt wie das Tier.

So prächtig er war, so wild war er. Seine Augen glänzten wie im Fieber. Endlich hatte er genug geschwitzt, genug gekämpft. Müde senkte er den Kopf und ließ die Zügel zu, die ihn mal in die eine, mal in die andere Richtung wiesen, ließ es zu, dass die Reiterin die Geschwindigkeit bestimmte.

Einsamer Applaus erklang. „Sehr gut gemacht, Euer Magnifizenz!“, lobte Lamon und klatschte in die Hände. „Jetzt habt ihr ihn unter Eurem Willen und in Eueren schönen Händen. – Lasst mich Euch beim Absteigen helfen.“ Die Shanja hatte den Rappen zum Stall gelenkt. Er hatte für heute genug Schweiß vergossen und da er sich letzten Endes ihrem Willen gebeugt hatte, hatte er sich seine Ruhe und eine Box mit trockenem Stroh verdient.

Lamon legte seine Hände an die Hüften seiner Herrin. Natürlich hatte der Rittmeister keine Einwände erhoben, als die Shanja verkündet hatte, den schwarzen Wildfang selbst einreiten zu wollen. Dies stünde ihm nicht zu. Doch insgeheim hatte er Bedenken gegen dieses riskante Vorhaben gehegt, denn das gebrochene Bein eines Stallburschen und die Verletzung zweier Mägde durch den Rappen hatten seine Sorge um die hohe Shanja genährt.

 

Nun stand sie wieder wohlbehalten auf ihren eigenen Füßen und Lamon konnte aufatmen. Es gebührte ihm, jetzt das erschöpfte Pferd zu versorgen.

„Du hattest deine Zweifel, Lamon.“, stellte die Shanja fest, als er die Zügel aus ihren Händen nahm. Es war keine Frage. „Wir reden heute Abend über deinen Platz an meinem Hof.“ Ohne einen weiteren Blick ging sie über den Hof. Lamon sah ihr nach, bis sie hinter einem der roten Vorhänge verschwunden war. Sein Mut sank. Jetzt war er voll des Lobes und trotzdem hatte sie ihn durchschaut! Konnte sie Gedanken lesen? Konnte sie ihn so gut kennen – ihn, einen Diener unter vielen -, dass sie ihm seine Gefühle und geheimen Gedanken ansah? Würde sie ihn jetzt des Hofes verweisen? Bis zum Abend ging er seiner Arbeit in Sorge nach.

 

Eine der beiden Kammerzofen der Shanja brachte ihn in die privaten Gemächer der Fürstin. Lamon wunderte sich darüber. Er konnte sich nicht erklären, aus welchem Grund sie ihn in ihre inneren Räume lassen sollte, wenn sie ihn, wovon er überzeugt war, vor die Türe setzen wollte? Er wurde immer unruhiger.

Die Shanja stand an einem der geschwungenen Fenster, die auf einen grünen Innenhof gingen. Das Plätschern eines Springbrunnens – ein Zeichen verschwenderischen Reichtums – wehte durch die durchscheinenden Vorhänge. Die Fürstin war in ein herrliches Gewand gekleidet: Zwei kostbare Broschen hielten Tücher aus hauchdünner Seide an ihren Schultern zusammen. Die Tücher flossen in allen Farben des Sonnenuntergangs an ihrem schlanken, gebräunten Körper entlang.

Sie deutete Lamon, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Selbst bleib sie stehen. So konnte sie auf ihn hinabsehen.

„Du hast geglaubt, dass ich den Großen nicht handhaben kann. Dass er zu viel, zu wild für mich ist. Zu stark. Zu groß.“ Unter dunklen Wimpern sah sie ihn lange an. „Aber so leicht übernehme ich mich nicht. Ich kenne meine Grenzen.“ Ihre Stimme wurde bedrohlich leise, bis sie die Worte nur noch über ihre roten, vollen Lippen hauchte. Dann ging sie einen Schritt auf ihn zu, und noch einen, bis sie ihre Hände auf die mohagonidunklen Armlehnen von Lamons Sessel legte und ihn von oben herab fixierte. „Ich kenne meine Grenzen, im Gegensatz zu dir. Deine Zweifel an meinen Fähigkeiten stehen dir nicht zu. Du hast eine Grenze überschritten und deshalb muss ich dich lehren, mein Diener, wo dein Platz ist.“

Er öffnete den Mund zu einer Bitte um Verzeihung, doch sie legte eine Fingerspitze sachte auf seine Lippen und verbot ihm so das Wort. Ihr Finger strich an seinem bärtigen Kinn, seinen weichen Hals entlang, über das Schlüsselbein und über seinem Hemd über seine kräftige Brust. Mit einer schnellen Bewegung hatte sie das Hemd geöffnet und es ihm über den Kopf gezogen – so weit, dass sie die Ärmel vor seinen Augen verknotete. Lamon war reglos, er wusste nicht, was er tun, wohin das führen würde. Er sah nur noch das Schwarz seiner Lider und strengte sich an, mit seinen anderen Sinnen zu erspüren, was die Shanja tat.

Plötzlich hatte er ihre Stimme ganz nah an seinem Ohr: „Du begibt dich jetzt in meine Hände. Das soll dich daran erinnern, dass du in meinen Händen bist, solange du an meinem Hof bist. Und meine Hände wissen, was sie tun – du bist nicht der erste Diener, dem ich die Zweifel austreiben muss.“ Von einem Moment auf den anderen wurde ihre Stimme fester und sie befahl ihm: „Umfasse die Armlehnen.“ Er gehorchte ohne nachzudenken. Lamon spürte, dass sich etwas um seine Handgelenke legte und er erkannte, dass sie seine Hände an den Sessel fesselte, dann seine Beine an die Stuhlbeine. Lamon konnte sich kaum bewegen, er war gefesselt, hilflos, sein Körper spannte sich an… an Stellen die er nicht erwartet hätte. Er war dieser Frau ausgeliefert. Er hatte Lust, ihr ausgeliefert zu sein.

Er war ihr Diener. Und er hatte sie auf dem Hof infrage gestellt. Es war nur recht und willig, ihre Strafe ohne Murren anzunehmen. Lamon murrte also nicht. Doch manchmal stahlen sich Laute der Lust von seinen Lippen, während sie ihn seiner gerechten Bestrafung unterzog. Ein Glöckchen klingelte ganz nah. Eine Türe wurde geöffnet und fiel wieder ins Schloss. Dann Schritte.

„Ihr habt mich gerufen, edle Shanja.“, hörte Lamon eine Männerstimme sagen. Er war sich nicht sicher, glaubte aber, dass sie zu Ruberto, dem Koch der Shanja, gehörte.

„Ja, mein Treuer. Dieser Mann hat mich heute bitter herabgewürdigt. Du wirst ihm zeigen, wie ergebene Treue zu seiner Herrin auszusehen hat… er soll diese Demonstration mitansehen.“

Lamons verknotetes Hemd wurde ihm abgenommen und er sah sich in der Tat Ruberto gegenüber. Auf dem großen Himmelbett hinter ihm hatte sich die Shanja auf den seidenen Kissen ausgestreckt. Mit einem mitleidigen Blick auf den Rittmeister ließ er das Tuch in dessen Schoß fallen und wandte sich wieder der hohen Dame zu. Allem Anschein nach wusste er genau, was er zu tun hatte: Er küsste ihren Nacken, den das Gewand der Shanja frei ließ, die Schultern und ihren Rücken. Unablässig murmelte er das Lob ihrer Schönheit, ihrer Klugheit und Güte. Die Shanja wand sich wohlig und gurrte vor Vergnügen. Lamon stockte der Atem. Der Koch war, wie er ahnte, besonders um das leibliche Wohl ihrer Herrin bemüht.

Als Ruberto ihre Hüfte küsste und sie sich unter Räkeln auf den Rücken drehte, stahl sich das erste, sehnsuchtsschwere Stöhnen von Lamons Lippen. Er sah die dunklen Schemen ihrer Brustwarzen, die sich fest unter den dünnen, orangeroten Schleiern ihres Gewandes abzeichneten. Die Shanja winkelte ein Bein an und die rotgelbe Seide glitt wie ein Seufzer von ihrem Oberschenkel und rutschte zwischen ihre Beine. Auch Ruberto wollte dieser Bewegung folgen, doch die Shanja hielt ihn zurück, „Noch nicht. Stille zuerst meinen Durst.“ Sie deutete auf eine Flasche, die neben dem Hinmelbett stand. Ruberto öffnete sie mit einem lauten Ploppen und goss die prickelnde Flüssigkeit in ein hohes Glas. Sie trank und ließ dabei ihre dunklen Augen über ihre beiden Diener schweifen.

Den letzten Schluck in ihrem Glas goss sie sich plötzlich über ihr Dekolleté. Ruberto reagierte sofort: „Oh nein, Herrin, Euer edles Gewand, die feine Seide!“ Sein Mund schloss sich um das Malheur, bevor es die Schleier beflecken konnte, und von dort aus wanderten seine Finger und seine Lippen weiter zu ihren Brüsten und schenkten ihnen liebevoll Aufmerksamkeit und die Bewunderung, die ihnen zustand. Die Shanja verschränkte den Blick mit dem von Lamon und ließ ihn nicht wegsehen. Er sah, wie Ruberto die Innenseiten ihrer Schenkel liebkoste, wie seine Zunge ihre zarten Lippen umspielten, sah, wie sich ihre Finger um das rotseidene Bettlaken krallten, hörte ihren raschen Atem und Rubertos murmelnde Ehrerbietung. Dass er selbst vor Erregung strotzte bemerkte er erst, als sich sein Körper gegen die Fesseln aufbäumte, die ihn am Sessel hielten, er gemeinsam mit seiner Herrin und ihrem Diener den Gipfel der Leidenschaft erreichte.

„Ruberto, binde ihn los. Er soll sich noch einmal waschen und dann soll er mir zeigen, ob er gelernt hat, wie er mir zu Diensten sein muss.“, kam es von der Shanja von ihrem Platz in den Laken aus. „Ansonsten muss ich diese Lektion wiederholen. Und wenn er es von dir nicht behalten hat, dann lernt er es vielleicht besser von Devan…“

Lamon tat, wie ihm geheißen wurde. Und zur Zufriedenheit der Shanja hatte er gut aufgepasst.

 

08.12.2018

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Worte und Rauch

Sobald der Pfeifentabak glimmt, zieht ein weißer Rauchfaden aus der Pfeife gen Zimmerdecke. Noiona nimmt einen Zug und verbreitet mitsamt einer diffusen Wolke den Duft nach Süße und südländischen Gewürzen. Nelken und Zimt.

Noiona kann irgendwie, ohne einen konkreten Grund dafür benennen zu können, nachvollziehen, was die andere Ordensschwester über Gorm sagt, über sein Anderssein. Er war ihr als ein feinfühliger Junge erschienen, der nicht dem Pfad folgen will, den sein Vater für ihn vorsieht, ohne dass er nach links und rechts von diesem Weg abweicht und erkundet, was jenseits davon liegt.

Nun, da sie zu zweit sind, wird Elìns Anrede vertraulicher. Sie wechselt zum Du in ihrer Anrede Noionas. Und dann weckt Schwester Elìns Vorrede, ihre Hinführung zu einer schwierigen und möglicherweise – wie Elìn sagte – unschicklichen Frage, ein kitzelndes Gefühl in Noiona, das die Boroni sehr selten spürt: Neugierde. Sie legt ihre Unterarme auf die Tischplatte, beugt sich leicht nach vorne und blickt Schwester Elìn aufmerksam an, damit ihr auch kein Wort und keine Regung in Elìns Gesicht entgeht.

Zuerst will sie sich zurückziehen – körperlich und von diesem unbekannten, erschreckenden Thema -, als die Feldschwester ihre Hand auf Noionas dünnen Arm legt. Der Moment geht vorbei. Und als die Frage heraus ist, lassen sich in ihren Gesichtszügen, in ihrem unwillkürlichen, gelösten Heben der Mundwinkel, deutlich Verblüffung und Erleichterung erkennen. In ihrer Vorstellung hatten sich diffuse weiß-Boron-welche privaten, intimen Frage gebildet – und nun wollte Elìn lediglich ihren Weg zum Glauben, zu Boron erfahren. Puuh. Ich hatte gerade befürchtet, ihr jetzt erklären zu müssen, dass ich im Zölibat lebe und ihr bei ihrer Frage beileibe nicht helfen könne…

 

Schwester Noiona hebt die Pfeife an ihre schmalen Lippen, nimmt einen bedächtigen Zug. Bläst den Rauch zur Seite hin aus. Bedenkt Schwester Elìn mit einem langen Blick, den sie in ihre eigene Vergangenheit wirft. Dann erst setzt sie zu einer Antwort an. Als sie es tut, passt sie sich Elìns Flüstern an.

„Niemand hat über mich bestimmt, außer Ihm. Boron.“ Erneut folgt ein kurzes, versonnenes Schweigen, in dem Noiona an der Pfeife zieht.

„Ich bin im Kloster meiner heiligen Ordensstifterin aufgewachsen, in Selem. Dort wurde ich nach einem Sturm an Land gespült… was mir erst danach gesagt wurde, nachdem ich erwachte. Und was sich dazwischen ereignet hat, als ich lange bewusstlos war, das ist die eigentliche Geschichte und meine Bestimmung.

Und dir, Schwester Elìn, als Glaubensschwester, erzähle ich es gerne.

Es… Ich erlebte das Untergehen im Wasser wie im Traum. An den Sturm kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, nur an das Sinken. Nach der Panik war es friedlich, vor allem als ich den Grund erreicht hatte. Alles war still… die heilige Stille… bis mich etwas mit sich forttrug. Damals sah ich es nicht, aber heute weiß ich, dass ich über ein anderes Meer getragen wurde.“ Das Nirgendmeer. Sie spricht es nicht aus, aber das Wort ist offensichtlich.

„Und dann endete die Reise und vor mir war eine Frau. Aber sie war viel mehr als eine Frau. Ihr Kleid war aus dem Stoff, vor dem die Sterne strahlen, und Sterne leuchteten zwischen den Falten und aus dem Dunkel ihrer Augen.“ Noionas Blick driftet weg und ihr Ausdruck ist abwesend, während sie mit leiser Stimme von dem einschneidensten Erlebnis ihres Lebens spricht.

„Sie reichte mir ihre Hand und zog mich hoch und immer höher, zurück durch die nächtliche Schwärze und die grauen Schwaden, in die Licht scheint, und hinein in das Licht. Vielleicht kennst du das Gefühl, wenn du lange getaucht bist und durch die Oberfläche brichst und nach Luft ringst. Es war… ähnlich.

Ich erwachte im Kloster, so wie ich jetzt bin.“ Mit ihrer freien Hand weist sie auf ihr Gesicht. „Boron hatte mich zurück ins Leben geschickt und ich weihte es Ihm.“


Davor: Gesegneter Abend

Zündung (Rahjageflüster 11 – In Space)

Diese Geschichte ist für Erwachsene – also für Menschen ab 18 Jahren – gedacht!

 

Zündung

Rahjageflüster 11 – Im All

 

Auf und ab, auf und ab, auf und wieder ab und in stetem, rhythmischem Wechsel bewegten sich die Kolben in ihren Zylindern. Mit goldenem Schimmer strömte das Öl in die Leitungen. Sanft und mit angenehmen Surren setzte sich das Schwungrad in Bewegung, bis es gleichmäßig um seine Achse kreiste.

Raul schwebte in der Schwerelosigkeit des Maschinenraums, die Hände gelassen über den zerzausten, schwarzen Haaren verschränkt, und seine dunklen Augen folgten zufrieden den reibungslosen Bewegungen der Treibstoffpumpe. Ein leises Schmunzeln kräuselte seine Lippen und zeichnete ihm kleine Fältchen in die Augenwinkel.

Eine runde Höhle, aus deren vollkommener Dunkelheit lautlos ein Plasmainferno hervorschoss. Da wurde Raul der Schraubenschlüssel aus der Hand gerissen. Klirrend schepperte er gegen das Gitter, das den Mechaniker davor bewahrte, seinen Arm versehentlich in die Kessel und Räder und Kolben zu stecken. Er selbst krallte sich an einen Kabeltunnel, um nicht gegen die Kühlrippen geschleudert zu werden. Die alte Mühle war noch gut in Schuss – und das war ja zu einem guten Teil auch sein Verdienst -, aber mit diesem abrupten Schub hatte selbst er nicht gerechnet. Vor allem nicht ohne Vorwarnung.

“Zündung.”, verkündete die blecherne Stimme des Kapitäns durch den Lautsprecher. Drei Sekunden zu spät. Schönen Dank auch. Als ob auch nur einer auf dem Schiff diesen Ruck verpasst hatte.

Jetzt hatten sie vorübergehend also wieder so etwas wie Schwerkraft. Vielleicht 0,3, höchstens 0,5 G. Der Aufstieg würde also nicht so easy sein wie Rauls Abstieg zum Treibstofftank, wo er sich so lange mit sachtem Druck von den Wänden abgestoßen hatte, bis er unten angekommen war. Nur nicht zu fest. Die Schwerelosigkeit hatte ihm das Klettern die Leiter hinab erspart. Für den Aufstieg sah es leider nicht mehr so günstig aus.

 

Mit einem leisen Seufzer auf den Lippen griff er nach der ersten Sprosse. Sein Blick fiel dabei auf seine Hand. Ein roter Striemen zog sich über seinen gebräunten Handrücken, aus dem kleine Blutströpfchen perlten. Mierda, wo hatte er sich schon wieder geschnitten? Aber eigentlich… ärgerte er sich nicht wirklich. Jetzt, wo er es bemerkt hatte, brannte die Wunde aber der Schmerz störte ihn nicht. Es war eine gute Gelegenheit, um der Krankenstation von Dr. Nguyen einen Besuch abzustatten.

Dr. Nguyen Quyn war vor ein paar Monaten zur Crew gestoßen. Der Kapitän hatte sie angeheuert, nachdem diese hässliche Sache mit Lawrence und der explosiven Dekompression passiert war.

Kaum hatte sie ihre winzige Krankenstation bezogen, unterzog sie die gesamte Mannschaft einem Routine-Check-Up. Raul wurde gewogen, gemessen, der Puls genommen, Strahlungstest, Reflextest, Sehtest, der nächte bitte. Und bei ihrer ersten Begegnung war er ihr sofort verfallen: Ihre katzenhaften, braunschwarzen Augen, ihre zierliche Gestalt, diese schlanken, gepflegten Hände, die über die Kraft hinwegtäuschten, mit der sie zupacken konnten, die spielerische Anmut, mit der sie alltägliche Bewegungen vollführte, etwa wenn sie ihre seidig glatten, glänzenden Haare hinter ihre Ohren steckte, brachten ihn um seinen Schlaf und Verstand.

Sie hatte ihn dann sein Shirt ausziehen lassen, damit sie ihn mit ihrem Stethoskop abhören konnte. Und dann hatte sie ihn für seine körperliche Fitness gelobt und seine Ration an muskelaufbauenden Tabletten gekürzt.

 

Kurze Zeit später hatte er Reparaturen am Treibstofftank durchführen müssen. An der Außenwand. Eine Naht musste verstärkt werden, zur Sicherheit. Danach war, wie immer nach einem Einsatz im Weltraum, in dem nur der Raumanzug zwischen dem Menschen und der kosmischen Strahlung stand, eine Strahlungsuntersuchung angesagt. Dr. Nguyen hatte ihn sehr gründlich untersucht und hatte sie ihm dabei nicht immer wieder zugezwinkert und ihn so… versonnen angesehen? Raul wollte sie darauf ansprechen, aber dann wiederum hatte er befürchtet, sich zum Deppen zu machen. Zum Gespött der ganzen Mannschaft hätte er sich gemacht! Ein einfacher Mechaniker wie er konnte sich doch nichts von so einer gelehrten Frau erhoffen, rief er sich zur Ordnung. Und sagte nichts zu ihr. Und sie entließ ihn mit einem langen Blick ihrer dunklen Augen wieder aus dem Behandlungszimmer.

 

Raul hörte Schritte auf der Leiter. Jemand stieg hinab. Er spähte nach oben. Ein dunkler Schemen vor einem noch dunkleren Hintergrund. Der Besucher hatte sogar die Luke wieder geschlossen, nachdem er in den Schacht gestiegen war. Weil im oberen Abschnitt keine Lampen waren, konnte er nicht sehen, wer es war. Außer Raul kümmerte sich sonst niemand um den Wartungsschacht und die Instandhaltung der Treibstofftanks, deshalb hatte er dort keine Lampen montiert.

In dem Moment, in dem er den Kopf in den Nacken legte, fiel ein kleiner, silberner Hammer dicht an Rauls Arm vorbei. Er war gerade einmal so lang wie seine Hand und so breit wie zwei seiner Finger. Ein Kinderspielzeug?, fragte er sich einen kurzen, verwirrten Moment, bis ihm einfiel, wer an Bord ein solches Werkzeug besaß.

Fast im selben Augenblick rief Dr. Nguyen von oben: “Vorsicht, Raul! Mein Reflexhammer-!” – “Schon vorbei.”, beruhigte sie Raul. “Aber was machen Sie hier überhaupt?” – “Ich… wollte nach Ihnen sehen. Das war ja ein sehr spontaner Schub und ich dachte, Sie im Maschinenschacht könnten vielleicht jemanden brauchen, der mal nach Ihnen sieht.” Sie klang eindeutig nervös. Rauls Herzschlag beschleunigte sich, als hätte jemand einen alten Verbrennungsmotor um einen Gang nach unten geschalten. “Danke, mir geht’s ganz gut. Also, ich habe mich tatsächlich verletzt, aber es ist nichts Schlimmes.”

Jetzt war sie bei ihm angekommen und dirigierte ihn die wenigen Sprossen wieder hinunter, die er erklommen hatte. Ihre Mandelaugen erfassten sofort den Kratzer an seiner Hand. “Nicht tief, aber das sollten wir desinfizieren. Zur Sicherheit.” Damit zog sie die kleine Sprühflasche hervor, die sie für solche Fälle hatte.

Komisch, er hatte vor Kurzem erst fast dasselbe zum Kapitän gesagt, kurz bevor er seinen Außeneinsatz gehabt hatte: Die Naht des Treibstofftanks sollten wir verstärken. Zur Sicherheit.

 

Dr. Nguyen war mit seiner Hand fertig, ließ sie aber nicht los. Sie hatte warme Haut, hielt seine schwieligen Finger in ihrer Hand und sah ihm direkt in die Augen. Der Raum war knapp, vor allem wenn ihn sich zwei Personen teilen mussten, und sie standen so dicht beieinander, dass Raul ihr blumiges Parfum riechen konnte. Mi madre, und ich trage Eau de Maschinenöl…, schoss es ihm beschämt durch den Kopf.

Ihre vollen, roten Lippen teilten sich fast zögerlich, als sie raunte: “Ich bin auch hergekommen, damit wir einmal nicht im Behandlungszimmer miteinander sprechen. Du brauchst ein Gespräch abseits der restlichen Besatzung, nicht wahr.”

Ihm fiel auf, dass das keine richtige Frage war, sondern eine Feststellung. Und, dass sie ihn geduzt hatte. Gleich darauf sprach sie weiter und drückte dabei Rauls Hand leicht, die sie noch immer in ihrer hielt: “Nenn mich Quyn. Quyn… das bedeutet Dunkelrot. Und du… möchtest etwas anderes als nur zu reden, habe ich Recht?”

Raul traute seiner Stimme nicht. Statt ihr mit Worten zu antworten, zog er ihre Hand zu sich, lehnte sich vorsichtig zu ihr und legte seine Lippen auf ihre. Sofort erwiderte sie den Kuss und rückte näher an Raul. Ihr weißer Arztkittel fiel zu Boden und bedeckte den Schraubenschlüssel und den kleinen metallenen Hammer, die dort lagen. Rauls Kleider folgten und sie tauschten keine Worte mehr, sondern Küsse aus.

Raul küsste ihren Nacken, ihren Hals, ihr Kinn. Er konnte sie spielend leicht hochheben, hielt sie und küsste sie leidenschaftlich auf den roten Mund. Seine wachsende Erregung blieb ihr nicht verborgen.

Quyn strich durch die Haare auf seiner Brust, dann hielt sie sich an seinen Schultern fest, schlang ihre Beine um seine Hüfte und grub ihre Finger in seine schwarzen Haare. Sie vereinten sich im gleichen Rhythmus, ihre Bewegungen griffen wie Zahnräder ineinander, wurden synchron. Die Vibrationen des Antriebs gruben sich in ihre Nerven. Sie sprangen wie Funken auf Quyn und Raul über und das Prickeln auf ihrer Haut bahnte sich seinen Weg in ihr Innerstes. Dort steigerte es sich zu einem drängenden Gefühl, das sich Bahn brechen wollte – ein Treibstofftank, der danach strebt, zum Antrieb zu erwachen.

Sie spürten, wie sich Hitze von unten ihren Weg bahnte. Der Antriebsstrahl erwärmte den Boden und die Luft, doch Raul und Quyn hatten eine Gänsehaut. Das elektromagnetische Knistern des Pumpenmotors übertönte alle Geräusche, die von den beiden Liebenden kamen, bis sie erbebten, gleich den zitternden, schuftenden Motoren des Maschinenraums. Quyns manikürte Fingernägel zeichneten neue Striemen auf Rauls starken Rücken.

 

Hypergolische Treibstoffe, zwei Substanzen, die spontan miteinander reagieren, wenn sie sich vermischen. Es kommt zur Explosion. Etwa beim Raketenantrieb. Keine der Substanzen kann mehr für sich allein existieren, sie verschmelzen zu einer neuen Einheit, werden von einer mächtigeren Kraft erfasst, als sie selbst.

 

Dann wurde es still im Maschinenraum.

Von einem Moment auf den anderen war die Zündungsphase vorbei. Die Schwerelosigkeit griff mit federleichten, unentrinnbaren Fingern nach ihnen, ließ die langen, pechschwarzen Haare Quyns in alle Richtungen schweben und auch alles andere entzog sich dem Griff der Schwerkraft.

Ein Schraubenschlüssel trudelte gleichgültig an ihnen vorbei, die sich eng umschlungen wie ein einziger Körper um die eigene Achse drehten.

Nun, da der weißglühende Antriebsstrahl verloschen war, schimmerte im Bullauge blass die Sichel des Planeten, dessen Orbit sie verlassen hatten. Bald würden die Lichtpunkte ferner Sterne ihren Platz einnehmen.

Schließlich schlüpfte Quyn Nguyen wieder in ihren Kittel und Raul in sein Shirt und seine ölbefleckte Hose. Es ging zurück an die Arbeit, für beide. Doch Rauls Einsamkeit im engen Wartungsschacht würde in Zukunft immer wieder der Zweisamkeit weichen… sooft sie den neugierigen Blicken der Mannschaft entkommen wollten.

 

21.11.2018

Von Krähen und Raben

Diese Betrachtung über die heiligen Vögel ihres Gottes ist ein Exzerpt aus den Schriften der Ordensschwester Noiona.

 

Mit einem Bruder in Boron führte ich ein Gespräch über das heilige Tier unseres göttlichen Herren und erkannte, dass wir unterschiedlicher Ansichten waren. Wir blieben es auch nach Beendigung unseres Wortwechsels. Zurück blieb in mir der Wunsch, die Betrachtung in den stummen Worten der Schrift festzuhalten und fortzusetzen.

Bruder Tassilo gehört dem Orden des Heiligen Golgari an. Ich lernte ihn als Akoluthen der Boronkirche kennen. Damals war mir nicht bewusst, dass er den Weg zur Weihe beschreitet, denn dies ist für einen Laiendiener eher ungewöhnlich. Schließlich hatte er sich mir nicht als Novize vorgestellt. Anderenfalls hätte ich häufiger den Austausch über religiöse Themen mit ihm gesucht.

Jahr und Tag später traf ich ihn wieder als Seine Gnaden Tassilo, Ritter Golgaris – immer noch ein vollwertiges Mitglied der Golgariten, der den Ritterschlag seines Ordens erhalten und darüber hinaus die Priesterweihe empfangen hatte. Immer noch sprachen wir nicht viel miteinander, doch bei einer Gelegenheit kam die Rede auf die Krähen und Raben.

Bruder Tassilo äußerte seine feste Überzeugung, dass nur die edlen Raben Diener des Dunklen Gottes seien, Krähen hingegen unwürdige Kreaturen und nicht borongefällig. Dieser Ansicht konnte und kann ich nur widersprechen. Der Traumbote Borons selbst zeigt sich in zwei sehr unterschiedlichen Gestalten: Schenkt er erbauliche Traumgesichte, so erscheint er als stattlicher Rabe mit glänzendem Gefieder und von prächtiger Gestalt. Bringt er hingegen Alpträume, so kommt er als zerzauste Krähe, sturmgebeutelt, mager und bisweilen sogar skelettiert.

Diese Zuschreibungen sind mehr als bloß Metaphern, welche ein angenehmes Erscheinungsbild des Boten mit angenehmen Träumen und das erschreckende Bildnis mit erschreckenden Träumen assoziieren. Nein, vielmehr gibt es Berichte von Dienern Bishdariels, nach denen sich der göttliche Sendbote selbst dem Träumenden kurz vor oder nach diesem oder jenem Traum in der einen respektive anderen Gestalt offenbart hätte.

Folglich wählt der Alveraniar Borons zwischen seiner Krähen- oder der Rabengestalt.

Es mag in selteneren Fällen und besonders in daimonisch verseuchten Gebieten wie den Schattenlanden auch Alpträume geben, die nicht von Boron gesandt sind, doch die meisten schickt Er uns als Warnung. Der Herr über den Schlaf sendet nicht nur angenehme Träume!

 

Nun habe ich mich während meiner Zeit als Skriptorin unseres Klosters auch mit Schriften über die Fauna – die Tierkunde – befasst. Besonderes Augenmerk galt mir dabei den heiligen Tieren meines Ewigen Herren.

Der bosparanische Name sowohl von Raben als auch von Krähen lautet „Corvus“. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass beide Vögel, so unterschiedlich sie ihrer Erscheinung nach auch zu sein scheinen, ein und derselben Art angehören. Die größeren Tiere dieser Gattung werden als „Raben“, die kleineren als „Krähen“ bezeichnet. Landläufig gelten sie als zweierlei Arten: Die Krähe ist der Galgenvogel, als Saatkrähe ein Schädling, als Sturmkrähe unansehnlich, als Aaskrähe unrein und der Volksmund sagt, dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt. Der Rabe gilt als wissend und weise sowie prophetisch begabt, niemand spricht von einem ‚Sturmraben‘ oder einem ‚Aasraben‘. Wer eines dieser Tiere als Haustier halten will, spricht von seinem Raben und nicht von seiner Krähe – höchstens, der Vogel lässt ihn mit seinem Krächzen nicht schlafen. Oder sind es doch die Rabenschreie? – Lediglich der Unglücksrabe weicht von diesem Schema der schlecht konnotierten Krähe und dem mit guten Attributen versehenen Raben ab.

An Unterarten gibt es den großen Borons- oder Kolkraben mit den charakteristischen Federn am Schnabel und an der Kehle, die Aaskrähe, welche in ihrer grau-schwarzen Form Nebelkrähe und in ganz scharzem Gefieder Rabenkrähe geheißen wird, die Saat- oder Kornkrähe wie auch die Gespensterkrähe bis hin zu der kleinen Dohle mit den blauen Augen. Die Sandkrähe ist in trockeneren Gegenden verbreitet. Der schwarz-weiße Streifenmeister ist wohl eher ein Tier Phexens. Er stiehlt alles was glänzt und legt damit richtige Horte an hohen, unzugänglichen Orten an.

Allen ist gemein, dass sie ein hohes Alter erreichen können. Glaubhafte Aufzeichnungen künden von einer Dohle, die fast 30 Jahre alt wurde.

Der Volksglaube besagt, dass Raben – und nicht nur der Seelenrabe Golgari – die letzten Worte der Sterbenden hören und deshalb um alle dunklen Geheimnisse wissen würden. Wenn man zu einer Handlung ansetzt und ein Rabenvogel schreit, sei dies eine Warnung vor Todesgefahr. Wenn man von einem Raben stumm betrachtet werde, sei dies ebenfalls ein schlechtes Omen.
Wer einem Raben das Leben nimmt, würde binnen eines Siebenspanns sterben, und wer eine Krähe tötet, würde zu einem nächsten Leben in Krähengestalt verdammt. In Anbetracht meiner obigen Ausführungen zur Einheit von Raben und Krähen läuft es dann wohl immer auf den Tod innerhalb einer Woche, gefolgt von einem neuen Leben als Rabenvogel, hinaus.
Zu guter Letzt, so weiß es der Volksglaube, würde die Dohle als Bergbewohner ihren warnenden Ruf für jene erschallen lassen, welche sich zu weit Richtung Alveran gewagt hätten.

Auch wenn landauf und landab zwischen Raben und Krähen unterschieden wird, so weiß der gelehrte Tierkundler, dass es sich um eine einzige Tierart handelt.

Mehr noch weiß ein Boroni, dass Raben und Krähen Boron heilig sind.

Gesegneter Abend

Die Hütte hält noch die Wärme des letzten Feuers, auch wenn außer Elìns Talglicht kein Feuer brennt. Wie eine warme, freundliche Erinnerung. Noiona müht sich einmal mehr mit kalten Fingern mit den Mantelknöpfen ab und hängt den schwarzen Wollmantel an einen Nagel, den sie neben dem Haken ertastet, an dem Schwester Elìn ihren Umhang aufgehängt hat. Den Rucksack stellt sie darunter.

Mit ihrer eigenen Frage hat sie ihre unzureichenden Kenntnisse in der Kochkunst offenbart. Sie weiß nicht, wie einfach oder aufwändig Buchweizenküchlein zuzubereiten sind. Die Hände will die Scriptorin aber trotzdem nicht in den Schoß legen; vor allem nicht, wenn die fleißige Elìn ihr Tür und Tor öffnet und mit gutem Beispiel spätabendliches Kochen in Angriff nimmt. Deswegen ist sie froh, dass die Feldschwester ihr eine andere Aufgabe zuweist.

Die Asche in der Herdstelle ist noch warm. Noiona stellt ein paar Scheite zu einer Pyramide auf, steckt Reisig dazwischen, schiebt die erkaltete Asche beiseite, bis sie auf Glut stößt, und pustet sachte. Prompt* springt ein Funke auf den trockenen Reisig, brennt sich ein und züngelt als Flämmchen empor. Bald prasselt das Feuer und die Flammen beginnen, an den gespalteten Scheiten zu lecken.

Noiona hebt den Kopf, als Schwester Elìn die zwei ungewöhnlichen Namen ausspricht, die die Gänse tragen. Áhkká und Neljä. Es klingt fremdartig in ihren Ohren, die mit den südlichen Sprachen des Kontinents aufgewachsen ist. Und dann erzählt die Geweihte, dass sie aus einem so kalten Land stammt, das dort keine Buchen wachsen! Noiona stellt sich windumtoste, flechtenbewachsene Felsen vor, wo der Boden karg und die Luft selbst im Sommer kalt ist. Ähnlich wie das Koschgebirge, wo weit oben das Traviakloster Sankt Travinian steht, und ganz anders als Selems schwülwarme, pflanzenreiche Sumpflandschaft.

Dann sitzt sie zwischen Gorm und Schwester Elìn, die Kinderhand in der rechten und die rauhe Hand Elìns in der linken.

„Ein warmer Herd, ein sicheres Haus am Ende eines langen Tages. Unser Dank gilt Herrin Travia, die uns empfängt, wo immer wir aufgenommen werden,
Herrin Peraine, die uns nährt, wo wir Speise erhalten,
Herrin Tsa, die uns erfrischt, wo wir uns freundlich begegnen
und Herrn Boron, der uns bettet, wo uns Ruhe geboten wird.“

Einen Moment noch hält sie die Hände in besinnlicher Stille. Und dann kann sie dem Duft und dem versprochenen Ahornsirup – wie er im Feuerschein glänzt! – nicht widerstehen.


„So sei es“,

bekräftigt Elìn. Sie legt jedem ein Küchlein auf den Teller und gießt Gorm etwas Ahornsirup darüber, bevor sie den Krug mit einem freundlichen Nicken Noiona reicht.

„Und nun lasst es euch schmecken!“

Der Junge muss völlig ausgehungert sein, schon nach wenigen Augenblicken hat er seine Portion verschlungen. Sehnsüchtig wandert sein Blick zu dem Häuflein Pfannkuchen in der Mitte des Tisches.

„Nimm nur. Es ist genug da“,

ermuntert ihn die Geweihte, und Gorm lässt sich das nicht zweimal sagen. Er greift zu, hält die Köstlichkeit mit beiden Händen.

„Rauðíkorni“,

meint die Geweihte beim Anblick des Jungen, der auf beiden Backen kaut und streicht ihm durch das Haar.

„Was ist das, ein Ra…Rau…“

„Ein Rauðíkorni? So nennen wir dort, wo ich herkomme, die Eichhörnchen. Wenn sie eine Nuss essen, halten sie sie mit beiden Händen, genau so wie du das Küchlein.“

Der Junge schaut von einer der Frauen zur andern, über sein Gesicht huscht ein scheues Lächeln, er zieht die Nase hoch, dann erfüllt wieder Stille den Raum, kaum gestört vom leisen Rascheln der Gänse im Stroh und dem Knistern des Feuers im Ofen.
Irgendwann, als alle satt sind, steht Elìn auf. Sie deutet auf eine Leiter, die zu einer Art Heuboden unter dem Giebel führt.

„Dort oben findet ihr die Schlafstatt. Ich habe erst gestern frisches Heu aufgeschüttet, so dass es schön weich ist. Nehmt Euren Mantel mit hinauf, Schwester Noiona, denn wenn das Feuer erlischt, wird es kalt werden. Du, Gorm, kannst meinen Umhang haben. Geh schon voraus, du musst müde sein.“

Der Junge erhebt keine Einwände. Nach dem Essen sind ihm die Lider merklich schwer geworden und die Schatten unter seinen Augen tiefer.
Der Blick der Geweihten folgt Gorm, der, den wollenen Mantel Elìns unter dem Arm, etwas unbeholfen die Leiter erklimmt. Als sie sich wieder Noiona zuwendet, steht eine unausgesprochene Frage in ihrem Gesicht. Schweigend beginnt sie schließlich den Tisch abzuräumen.


Beim Anblick Gorms, der sein Essen mit sichtlichem Hunger verschlingt, muss Noiona in ihr Küchlein schmunzeln. Bei Travia, sie ist ja selbst hungrig! Aber der heranwachsende Junge futtert wie ausgehungert. Vielleicht war das bei heranwachsenden Jungen aber auch immer so?

Sie geht sparsam mit dem goldglänzenden Sirup um und selbst dabei rühren sich in ihr leichte Zweifel, ob sie damit nicht ihre gelobte Enthaltsamkeit strapaziert. Aber nach diesem schrecklich, eisig kaltem, schneeüberladenem Wintertag konnte die Heilige Noiona doch sicherlich ein gutes Wort beim gestrengen Herrn Boron zugunsten ihrer ihrer Ordensschwester und Namensvetterin einlegen…?

Die Süße und Wärme fluten alle Zweifel hiinweg. Und wieder nimmt Elìn ein Wort in den Mund, bei dem sich Noiona vornimmt, es sich zu merken. Rauðíkorni. Ein seltsamer Laut war das, so ein weiches, fast unhörbares „d“ hat sie noch nie gehört.

Gorm fallen im Sitzen die Augen zu und Schwester Elìn schickt ihn ins Bett. Noiona schickt ihm, als er mit dem eingerollten Mantel unter dem Arm zur Leiter vorbeischlurft, hundert stumme Segenswünsche nach und lässt einen Gute-Nacht-Wunsch über ihre Lippen kommen: „Bishdariel schenke dir schöne Träume.“

Sie geht der Ordensschwester zur Hand, in einträchtigem Schweigen.

Dabei sieht sie die wortlose Frage in Elìns Züge geschrieben. Der Tisch ist aufgeräumt und Noiona lässt Stille einkehren, ẃährend der sie darüber nachdenkt, wo sie ihre Erzählung beginnen soll. In Selem, ihrem Heimatkloster? …Nein, dass sie von einem Ordenshaus ihrer Gemeinschaft aufgebrochen ist, ist offensichtlich. Im Kloster Sankt Travinian, in dem die Pocken ausgebrochen waren? …Nein. Das hatte sie in die Hände der Priester aus Gratenfels und Garrensand gelegt, es wäre Geschwätz.

Also in einer Köhlerhütte. Und vorher holt sie ihren Wollmantel vom Haken, aus dem sie eine Pfeife und den Tabaksbeutel nimmt. „Stört es dich?“ Sie packt die Sachen entweder wieder weg oder beginnt damit, ihre Pfeife zu stopfen.

„Jadwiga, seine Großmutter, geht mit mir zu den Ruinen des Kalmunsklosters.“, sagt sie schließlich. Unsicher, welchen der implizierten Punkte sie weiter ausführen soll, lässt sie für den Anfang erst einmal nur diesen Satz verklingen.


Elìn bedeutet ihrem Gast mit einem Kopfnicken, dass der Pfeifenrauch sie nicht stören wird.

„Der Junge hat es nicht leicht.“,

eröffnet sie, als die Pfeife entzündet ist, mit gedämpfter Stimme das Gespräch, will wohl nicht, dass das Kind auf seinem Lager ihre Worte vernimmt.

„Er ist anders als andere Kinder, und Ingalf…“

Sie scheint nach Worten zu suchen.

„Der Köhler ist beileibe kein schlechter Mensch, nur… er braucht einen Sohn, der ihm bei der Arbeit hilft, der zupacken kann. Gorm… er gibt sich Mühe, aber… Ich glaube, er ist für etwas Anderes bestimmt, auch wenn ich nicht sagen kann was es ist.“

Die Geweihte schaut ihr Gegenüber forschend an, nicht sicher, ob sie das, was ihr auf dem Herzen liegt, aussprechen soll. Dann hat sie wohl eine Entscheidung getroffen.

„Vielleicht schickt es sich nicht, dich danach zu fragen, aber wir sind Schwestern, auch wenn ich einer anderen Kirche angehöre als du. Sei gewiss, ich stelle die Frage nicht leichtfertig, nicht, um eine oberflächliche Neugier zu stillen. Doch wenn du sie nicht beantworten möchtest, so werde ich nicht weiter in dich dringen.“

Sie legt ihrer bleichen Gesprächspartnerin die Hand auf den Arm. Noiona kann die Spuren erkennen, die die harte Arbeit auf dem Feld hinterlassen hat. Es ist eine zupackende Hand, mit kurz gehaltenen Fingernägeln und voller Schwielen. Eine noch frische Narbe läuft quer über den Handrücken. Sie ist wunderbar warm.

„Wann hast du den stillen Ruf Borons gehört? Warst du immer schon auf der Suche nach ihm? Oder bestimmten andere über dich und dein Leben, wie es so oft der Fall ist?“


*Würfelprobe auf „Wildnisleben“


Davor: Zwei Schwestern unter einem Dach

Danach: Worte und Rauch

Buchweizen-Pfannkuchen

Die angegebene Menge reicht für 3-4 Personen:

0,5 l Milch

3 große Eier

250 g Buchweizenmehl

1 Prise Salz

Butter oder Margarine zum Backen

Eier, Milch und Salz in einer Rührschüssel verrühren. Nach und nach das Mehl zugeben und weiter rühren, bis der Teig glatt ist. 1 EL Butter oder Margarine in einer beschichteten Pfanne gut erhitzten. Den Teig portionsweise in die heiße Pfanne geben. Wird die Pfanne beim Eingießen schräg gehalten, gelingen die Pfannkuchen besonders dünn. Wenden, wenn der Teig auf der Oberseite fest ist.
Die Pfanne muss nach Bedarf erneut gefettet werden, nach meiner Erfahrung genügt etwa bei jedem vierten Pfannkuchen ein Stückchen Butter oder Margarine.

Dazu passt alles, was schmeckt, von Ahornsirup bis Zwetschgenmus oder auch eine deftige Füllung nach Belieben.

Ränke

Denn offiziellen Start der Bewerber verpassten wir, denn wir ritten vor ihnen los. Ohne großes Gepäck, ohne großes Aufsehen.

Das Pferd kannte mich nicht und drängte sich immer wieder gegen meine Kommandos mit den Zügeln und den Schenkeln, um auszuloten, wie weit es bei mir gehen konnte. Das machte mir den Ritt nicht gerade einfacher.

Der Boden hier war rötlicher, steinharter Sand. Immer wieder ragten GesGteinsbrocken in den tiefblauen, wolkenlosen Himmel. Sie wuchsen immer weiter in die Höhe, je näher wir dem ersten Etappenziel kamen: Eine Felsschlucht, durch die der Weg der Reiter führen würde. Ein mulmiges Gefühl nistete sich in meiner Magengrube ein, je näher wir dem Durchgang kamen. Die Oberseite der Felsen und sogar die schartigen Innenwände waren der perfekte Ort für einen Hinterhalt, und man hätte uns schon von weitem gesehen.
Doch niemand schoss auf uns.
Die Felswände spendeten einen schmalen Streifen Schatten. Die Tritte unserer Pferde waren durch die niedrigen Pflanzen gedämpft. Hier hallten die Geräusche dennoch die schroffen, kahlen Wände empor. Mein Instinkt sagte mir, dass wir trotz der augenblicklichen Ruhe hier noch einen Kampf austragen würden. Dieser Ort war einfach wie geschaffen für Banditen, sich auf die Lauer zu legen.

 

Phelicitas und Elgur stiegen vom Pferderücken und erklommen die Felsen. Zu dritt blieben wir an der Felsmündung und beobachteten die beiden. Wir wagten nicht, den Weg dazwischen weiterzugehen, da wir dann Angriffen von vorne und von oben schutzlos ausgeliefert wären.
Phelicitas kletterte wieder herunter. Sie hatte auf ihrer Seite nichts verdächtiges entdeckt.
„Ein Bogenschütze!“, rief da Elgur. Der Schütze musste ein Versteck innen an einem Vorsprung haben. Phelicitas hob die Arme, sagte etwas – ich verstand nicht, was – und auf einmal schoss ein Feuerball von ihren Fingerspitzen auf die drei Gestalten, die mit Elgurs Ruf aus ihren Verstecken gesprungen waren.

Ich hatte das Pferd am Zügel… gehabt. Mein Pferd, Elgurs Reittier, Phelicitas‘ Wallach – sie alle rissen sich loß und flohen panisch beim hellen Aufflammen der magischen Feuerkugel. Mit einem Seufzen wandte ich mich ab und ging die Tiere vom offenen Gelände einfangen. Im ganzen Weg zwischen den Felsen stank es jetzt nach verbranntem Stoff, aber viel schlimmer noch nach verbranntem Fleisch. Drei Menschen waren auf einen Schlag getötet worden.
Getötet? Ich blickte mich nach ihnen um. Nein, sie lebten noch, sie waren bewusstlos. Eine Diskussion entbrannte, was wir mit ihnen tun sollten. Ich stimmte dafür, dass ich ihre Wunden verband und wir sie mit einem Wasserschlauch versorgten. Ich bin mir nicht mehr sicher, wer welche Position vertrat, aber wenn ich mich recht erinnere, hielten sich Eichmann und Elgur aus dieser Frage sehr heraus. Noch heute erschrecke ich über ihre Gleichgültigkeit im Angesicht dieser im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtigen Frage, ging es für diese drei schwer verwundeten Novadis doch um Leben und Tod. Meinen Vorschlag teilte jedenfalls niemand. Letzten Endes tötete Rizella die drei Männer.

 

Die nächste Station war ein Wasserloch. Die Pferde wurden ohne unser Zutun schneller, sobald sie das Grün sahen und die Feuchtigkeit in der Luft schmeckten. Ein Novadi saß als Wächter des Rennens im Schatten einer Palme. Auf unsere Fragen antwortete er immer ausweichend, erwiderte den Blick nicht, klang unsicher. Er war eindeutig schuldbewusst. Wir konfrontierten ihn direkt mit dem Vorwurf, dass er die Wasserstelle vergiftet habe. Einer von uns zwang ihn, von dem Wasser zu trinken. Er tat es ohne zu zögern. Also mehr! Jalla!

Da spähte er zur Seite, als ob er nach einem Ausweg suchte. Jetzt hatten wir ihn. Das Wasser war also wirklich vergiftet, man musste aber eine größere Menge davon trinken. Wie es Kamele oder Pferde tun würden.

Eine harsche Befragung förderte zutage, dass der Mawli des Hairans – der Berater in religiösen Fragen, zu denen auch die Heirat gehörte – ihn damit beauftragt hatte. Haza ben Kadef war der Name dieses giftmischenden Gottesmannes. Der hatte wohl Einwände gegen Delque als neues Sippenmitglied. Delque war in seinen Augen ja auch ein Ungläubiger. Schon witzig, das so zu sehen. Der Rest der Welt sieht in den Novadis die Ungläubigen.

Ich fesselte den Mann. Eichmann schaute mir plötzlich über die Schulter, drehte die gefesselten Hände des Novadis und befühlte meine Knoten – und befand sie für gut. Pah, was soll ich mit dem Lob eines verkopften Magiers.
Und seit wann bilden sich Magier ein, etwas vom Knotenknüpfen zu verstehen?

Phelicitas bekam den Wasserschlauch, der das Gift enthielt. Wir markierten den Verschluss sofort mit einem roten Band, nicht dass noch ein Unglück wegen einer dummen Verwechslung geschah. Mit harter Hand trieben wir unsere unwilligen und durstigen Reittiere weiter.

Dies war der zweite und letzte Punkt gewesen, für die Delques Mitstreiter einen Hinweis erhalten hatten. Wir legten ihn wie einen Sack über den Sattel seines Pferdes und banden das Tier an Eichmanns Reitpferd. Jetzt konnten wir zurück in die Oase der Beni Kiwad reiten.

 

Rafi hatte auf diesem Sattel keine Sitzstange. Er hielt sich mit Treten und Greifen auf dem Leder des Sattelknaufs.

Plötzlich ließ mich ein wortloser Schrei herumfahren. Auch das Pferd war erschrocken, aber was ich als nächstes sah, ließ mich die Zügel enger nehmen und das Pferd antreiben. Schneller, schneller. Denn der Mittelsmann des Beraters jagte sein Pferd durch die Wüste. Er hatte sich unbemerkt im Sattel aufgerichtet, sich von Eichwart los gemacht und hieb seinem Gaul die Fersen in die Seiten. Ein Pfeil flog. Er traf den Menschen, er fiel zu Boden.
Es war leicht für mich, ihn aufzuspüren. Rafi stand als dunkler Punkt hoch am Himmel über ihm. Auch ohne meinen treuen Raffael hätte er sich im kniehohen Gestrüpp nirgends verbergen können. Der Pfeil steckte in seinem Oberarm. Ich brach den Schaft ab und verband ihn provisorisch. Er sollte ja sein Geständnis, vom Mawli zur Brunnen-, naja, Oasenvergiftung angestiftet worden zu sein, vor den Ohren des Hairans und der Oasenbewohner wiederholen.

 

Der Weg wurde felsiger. Wir führten unsere Pferde – bis auf den verräterischen Oasenwächter, natürlich, den wir diesmal am Sattel festgebunden hatten. Eichmann entdeckte Spuren. Ja wirklich, der Magier hat Spuren von zwei Personen gefunden. Eine davon führte weg von dem Pfad, dem wir folgten. Die andere… gehörte zu Mastfar ben Dschenek. Der Sohn des Hairans stand vor uns und trug ein selbstsicheres Lächeln in seinem hübschen Gesicht.


Davor: Das Rennen um die Braut

Danach: Den Sand zum Feind