Herzenssache

Die nachfolgende Gruselgeschichte habe ich mir für ein Zeltlager ausgedacht, das jedes Jahr in der Fränkischen Schweiz für eine erlebnisreiche Woche die Zelte aufschlug. Als beliebte Mutprobe gab es für unsere Jugendlichen jedesmal eine Nachtwanderung in Kleingruppen durch den Wald, vor der immer eine Gruselgeschichte erzählt wurde. Dies ist nun meine erste und einzige Geschichte, die ich zu dieser Gelegenheit erfand. Natürlich führte die Strecke unserer damaligen Mutprobe an einer Höhle vorbei…

 

Die Fränkische Schweiz – schroffe Felsen, die Wochenende für Wochenende Scharen an Kletterern anziehen, die malerische Pegnitz, auf der sich bei schönem Wetter Schlauchboote, Kajaks und Kanus tummeln, ausgedehnte Wanderwege, die Flussauen mit kühlen Wäldern verbinden und geheimnisvolle Grotten und Höhlen, die zum Entdecken einladen.

Egal, ob man sie auf eigene Faust oder mit einer Führung begeht, heute sind die Höhlen ein Touristenmagnet. Damals, vor der Zeit von Kühlschrank und Kühltruhe, spielten sie im alltäglichen Leben der Bevölkerung eine wichtige Rolle. Da sie das ganze Jahr über eine gleichbleibend niedrige Temperatur haben, wurden sie zur Aufbewahrung leicht verderblicher Lebensmittel wie zum Beispiel Fleisch verwendet.

Einige der Höhlen sind immer noch nicht vollständig erkundet. Manche werden erst nach und nach vollständig erschlossen, Ebene für Ebene. Ein Zugang zu einem unteren Geschoss der Maximiliansgrotte wurde erst kürzlich, im letzten Herbst, entdeckt, und so kam wieder ein neuer, unerforschter Abschnitt in der Höhle dazu, die bislang als vollständig erschlossen galt. Die Höhlenforscher drangen langsam vor, kundschafteten in die Tiefe der Höhle und kartografierten sie fachmännisch. Es war ein kleines Team aus zwei Männern und zwei Frauen und die Erkundung galt nicht als gefährlich. In diesem Gebiet musste man keine plötzlichen Felsabbrüche oder scharf abfallende Spalten erwarten. Die Höhlenforscher waren ein eingespieltes Team mit guter Ausrüstung und sie waren mit einem Sicherheitsseil miteinander verbunden. Als sie schon ziemlich weit hinabgestiegen waren, machten sie weit hinten in einem abgelegenen Teil der Höhle eine Entdeckung, mit der niemand gerechnet hat. Sie fanden eine kleine, blau-weiße Kühlbox mit einem grauenhaften Inhalt: Einem menschlichen Herz.

Erst durch diesen Fund kam die Polizei einem illegalen Organhändlerring auf die Spur. Jahrelang hatte eine Gruppe aus tschechischen Ärzten und mindestens einer deutschen Krankenschwester aus dieser Gegend einsamen Wanderern, einzelnen Kletterern und Höhlengängern aufgelauert, sie mit Chlorophorm betäubt und ihnen Herz, Nieren, die Leber und was sonst noch gerade an Organen auf dem tschechischen Schwarzmarkt nachgefragt wurde, herausgeschnitten. Mit dem Helikopter ist es gerade einmal eine halbe Stunde Flug bis in die Tschechei, und dort bekommt man für ein menschliches Herz bis zu 100.000 Euro bar auf die Hand, je nachdem wie groß die Nachfrage gerade ist. Und die Menschen, die so eine Transplantation brauchen, stellen keine Fragen, woher denn das Spenderherz kommt und was mit dem Vorbesitzer passiert ist. Eine Hand wäscht die andere, und so ist das illegale Treiben jahrelang im Dunkeln geblieben.

Die Leichen haben sie die Klippen hinuntergeworfen, damit es wie ein Unfall aussieht, oder sie haben sie mit Steinen beschwert und im Fluss versenkt oder gleich in einer der vielen Höhlen und Nischen begraben, nachdem sie die Wunden wieder zugenäht haben.

Nur einmal hat die Betäubung zu früh nachgelassen. Ein Höhlengänger ist aufgewacht, mit schrecklichen Schmerzen in der Seite, wo vor einer Stunde noch seine Nieren waren. Jetzt klafften zwei grobe, blutige Nähte über den Löchern, wo man ihm die Organe entnommen hat. Blutüberströmt hat er sich in das nächstgelegene Dorf geschleppt, wo er gerade lange genug überlebt hat, um seine Geschichte zu erzählen.

So bekam die Polizei ihren Hinweis, und etliche ungelöste Vermisstmeldungen von Wanderern und Kletterern wurden mit dem Fall in Verbindung gebracht. Im Verlauf der Ermittlungen wurden zwei Ärzte in Tschechien festgenommen, und eine Arzthelferin aus der Gegend. Andere Beteiligte konnten nicht ausfindig gemacht werden, aber es ist sicher, dass noch weitere Personen beteiligt waren.

(01.06.2016)

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Der Tribut des Winterunholdes

Im Gegensatz zu Schwester Elìn schreckt Noiona zusammen, als das scharfe Klopfen an der Türe durch die Hütte klingt. Gorm ist schon aufgesprungen, als die Priesterin sich mit steifen Gliedern vom Boden aufrappelt und den Staub, von dem es in Schwester Elìns Hütte wahrlich nicht viel gibt, von der Robe über ihren Knien klopft.

Verstohlen wischt sie sich mit den Fingerknöcheln über die Augenlider und die getrockneten Tränen weg. Sie erkennt Jadwigas Stimme und rückt aus Verlegenheit den Stuhl zurecht, auf dem gerade noch ihre spitzen Ellbogen geruht hatten.

Erst als Gwynna ihre düsteren Worte spricht, blickt Noiona auf. Der Winterunhold – wohl nicht die verkleidete Strohpuppe, die der Mummenschanz durch die Häuser und das Moor getragen hatte, sondern das, was die Puppe repräsentierte? Ein Untier? Ein Geist? Im Hintergrund dieser Überlegungen rührt sich die Freude und Erleichterung darüber, dass es der alten Großmutter besser geht – so gut sogar, dass sie wenn noch die Sterne am Nachthimmel stehen die Reise zur Dreifelderschwester unternehmen kann. Doch was ist so dringend, dass es keinen Aufschub bis zum Tagesanbruch duldet?

Ohne dass sie sich dessen bewusst ist, umklammern Noionas Finger die Stuhllehne und sie blickt unentwegt zu der alten Frau.


„Morlinde ist tot. Ich habe sie gesehen in meinem Traum. Ganz bleich war sie.“

„Bitte setz dich, Gwynna und du auch, Jadwiga. Ich werde euch einen Tee zubereiten und dann erzählt ihr, was geschehen ist.“

Immer noch ist Elìns Stimme ruhig, doch die Art, wie sie ein Licht entzündet und zum Herd geht, um den schwarzen Kessel darauf zu stellen verrät Noiona, dass selbst sie um ihre Selbstbeherrschung ringt.

„Und nun nehmen sie sie mit.“

Gwynna steht immer noch aufrecht, streicht Gorm, der ängstlich zu ihr aufschaut, scheinbar ohne es selbst zu bemerken über das helle Haar.

„Morlind, Morlind, wiegt ihr Kind. Da kommt der wilde Reiter, nimmt mit sich das arme Kindelein, Morlinde bleibt zurück allein…“

„Sei still, Weib! Willst du, dass er dich hört?“

Jadwiga unterbricht erschrocken ihren Singsang.

„Es musste ja irgendwann so kommen. Hab ich gleich gesagt, damals“,

beginnt sie dann zu wimmern.

„Bitte, Gwynna!“

mahnt die Dreifelderschwester eindringlich.

„Du machst dem Jungen Angst. Setz dich, und sage mir was passiert ist.“

„Ich habe sie gesehen, in meinem Traum. Ganz bleich war sie. Und da waren Stimmen, viele. Sie haben immer wieder das Gleiche gesagt.“

„Was haben sie gesagt? Gwynna!“

„Pekatum! Pekatum! Pekatum!“

Die alte Frau sinkt auf den angebotenen Hocker und schlägt die Hände vor das Gesicht. Ihre nächsten Worte sind kaum zu verstehen.

„Ich weiß nicht was das bedeutet. Aber sie klangen… zornig.“

Elìn sucht den Blick der Boron-Geweihten. In ihren Augen steht nun echte Besorgnis. Jadwiga beginnt erneut zu murmeln, während sie sich unablässig vor und zurück wiegt.

„Morlind, Morlind, wiegt ihr Kind. Da kommt der wilde Reiter, nimmt mit sich das arme Kindelein, Morlinde bleibt zurück allein…“


Gwynna spricht wieder von prophetischen Träumen. Am vergangenen Morgen hatte sie Noiona erzählt, dass sie von ihr geträumt hatte. Nun hatte sie Morlinde gesehen, die Frau, die bei der Ruine des Klosters lebte. Über die Ingalf der Köhler ihr gesagt hatte, dass sie wirr im Kopf war.

Die Frau, der Noiona Schwester Elìns Gesellschaft vorgezogen hatte.

Und mehr noch, ihr eigener Traum war darin aufgetaucht. Ein geteilter Traum? Morlinde ist in ihrem eigenen Traum nicht vorgekommen.

Noiona tritt an Jadwiga heran, hebt einen Arm und legt der Greisin langsam eine Hand auf die Schulter – ganz behutsam, sodass sie sich jederzeit die Berührung verbitten lassen kann. Sie spürt die Kälte der Nacht, die auf Jadwigas Gewand liegt, auf ihrer Haut, die knochige Schulter unter dem Stoff, zart wie die Knochen eines Vögelchens. Dass Jadwiga aber keineswegs so schwach und wehrlos ist, wie sie jetzt wirkt, steht ihr noch lebhaft in Erinnerung.

Mit leiser Stimme sagt Noiona: „Peccatum. Es bedeutet ‚Gesündigt‘.“ In diesem Moment wird ihr eines klar und mit der Erkenntnis keimt Erleichterung in ihrer Brust auf: War es gar nicht sie, die gesündigt hatte? Hat sich der Traum an jemand anderen gerichtet – an Morlinde? – Ach, was für ein selbstherrlicher Gedanke! Besonders wenn es wahr war und Morlinde tot ist.

Genauso ruhig fährt sie fort: „Ich habe es auch geträumt. Am besten gehen wir wohl zu Morlinde.“ Sie wirft einen raschen Blick zu Schwester Elìn, dann zu Gwynna. „Was… ist mit dem Lied?“, fragt sie die beiden Frauen zögernd. „Hatte Morlinde ein Kind?“


Davor: Nächtliche Stimmen

Hedwyg: Wahn

Eine Hand auf der Reling, mit der anderen stützte sie sich am hohen geschnitzten Drachenkopf ab. Hedwyg stand kurz vor ihrer offiziellen Anerkennung als vollwertiges Mitglied der seefahrenden Gemeinschaft und heute würde sie wieder ein paar Handgriffe der Seemannskunst erlernen. Über den Bug des Schiffes gelehnt ließ das junge Mädchen sich vom Fahrtwind den Atem rauben. So musste sich das Fliegen anfühlen, wenn die Seevögel mit kräftigen Schwingen in rasender Geschwindigkeit über die Wellenkämme brausten. Gischttröpfchen benetzten ihr Gesicht und ließen ihre Lippen nach Salz schmecken. Ihre Augen tränten. Über ihr knarrten die Taue, die steife Brise pfiff schneidend durch die Seile und die Wellen krachten donnernd gegen die letzten Felsen, die sie rasch hinter sich ließen. Ein Dutzend Möwen umkreiste lärmend den Mast. Ein paar Meilen noch, dann würden die Vögel wieder umkehren. So weit, wie das Drachenschiff heute noch fahren würde, entfernten sich die Tiere nie von der Küste. Das Ziel der heutigen Reise waren die nördlichsten der Inseln, die vor der Westküste des Kontinents lagen. Die Riemen des Langschiffes waren eingezogen, ein kräftiger Ost trieb sie schnell auf die offene See. Zum Glück, denn auch heranwachsende Mädchen mussten mit anpacken und fanden ihren Platz auf den Ruderbänken.

Hinter ihr brummte eine raue Männerstimme etwas, was bellendes Gelächter erntete. Die Jugendliche spürte, dass die zweifellos zotige Bemerkung ihrer Person galt und drehte sich rasch um, um den Übeltäter mit einem strengen Blick zu bedenken. Leider hatte sie die Windrichtung nicht bedacht und musste erst einmal die langen Haare aus dem Gesicht wischen. Doch der strafende Blick traf Olaf trotzdem. Der grinste nur breit zurück. „Nichts für die Ohren von kleinen Mädchen!“, rief er ihr zu. „Und pass auf, dass es dich nicht über Bord bläst!“ – was natürlich eine unnötige Warnung war. Dennoch verließ sie ihren Posten, um sich beim Steuer niederzulassen und den Erklärungen des Steuermanns zu lauschen. Wie man die Wellen las, die genaue Windrichtung bestimmte, wie man Strömungen erkannte und wie Wind und Segel, Ruder und Mannes- und Frauenkraft zusammenarbeiteten.

Am besten gefiel ihr, anhand kleinster Landmarken, am Geschmack der Gischt und am Geruch des Windes die Position des Schiffes mit erstaunlicher Sicherheit festzustellen. Sie hatte vor, eine der besten Navigatoren ihres Volkes zu werden. Ach was, die beste, der Skaldensänge und Strophen von Sagas gewidmet werden.

Der günstige Ostwind hielt, das flache Drachenschiff steuerte zügig auf die Inselgruppe zu. Es dämmerte bereits, der Horizont war noch hell vom Sonnenuntergang, während im Osten schon die ersten Sterne aufschimmerten. Als der dunkle Schatten der sich nähernden Inseln gerade zu sehen war, übernahm Akleif wieder den Ruderbalken. Das schlaksige Mädchen zeigte Geschick bei der Navigation, doch er kannte diese Gewässer so gut wie den Weg von seinem Langhaus zum Dorfplatz.

Plötzlich drehte der Wind. Eine heftige Bö fuhr in die Segel, die sich mit lautem Klatschen drehten. Sie war die Vorhut für eine Serie unsichtbarer Schläge, die der Wind gegen die Seefahrer führte, tausend Hände, die unablässig an Haaren und Kleidung zerrten und die immer schneller, immer stärker wurden. Der ferne Schemen wurde schnell größer, schneller und schneller näherte er sich, er bauschte und türmte sich auf und gab sich auch dem letzten erschrockenen Mann auf dem Schiff als dräuende Gewitterwolke zu erkennen. Sie breitete sich immer weiter aus und umfing das Schiff in einer innigen, finsteren Umarmung. Nicht genug Zeit, den Mast abzubauen, alle Mann die Segel reffen und – beten. Schlagartig wurde es Nacht. Keine Sterne mehr zu sehen. Nicht einmal mehr das andere Ende des Schiffes. Einen kurzen Moment war alles überlaut – das Tosen der Wellen, der schrille Ruf einer Matrosin, das Knallen eines losen Seils – dann beendete ein ohrenbetäubendes Donnern alle Geräusche. Es klang als hätten sich zwei urgewaltige Berge wutentbrannt aufeinander gestürzt, Berge aus Luftmassen. Gebirge aus Sturm.

Inmitten ihres Kampfes – das kleine Schiffchen mit kurzlebigen Menschenwesen darauf. Gleichgültig waren sie dem Meer und dem Orkan, der sich aus dem Nichts zwischen Himmel und Ozean auftürmte, die das zerbrechliche Spielzeug achtlos zwischen sich hin und her warfen. Der Sturm war heran.

Fallwinde stürzten sich auf das Schiff, peitschten die See empor, trieben es Wellenberge hoch und ließen es tiefe Wellentäler hinabstürzen. Die See kehrte sich nach oben, doch bald gab es kein Oben und kein Unten mehr. Sie wurden Bergkämme aus Wasser empor getrieben, nur um dem Sturz nach unten gnadenlos ausgeliefert zu sein. Das Deck hob sich wie ein bockendes Pferd, das seinen Reiter um jeden Preis abschütteln will. Die Seefahrer erfuhren Sekunden, in denen beide Füße den Boden verloren und sie nur noch hofften, wieder auf den Holzplanken aufzukommen.

Der jugendlichen Lotsin schien es, als hörte sie Stimmen inmitten des Sturms. Kreischende Feindschaft brüllte ein Tenor, wortlose grelle Schreie schwollen durch alle Tonlagen hysterisch an und ab, eine dritte Partei waren aufbrausende hohe Soprane, deren Stimmen mit schrillem Zorn und wütenden Windstößen gegen das Schiff und seine Besatzung angingen. Ein Chor naturgewaltiger Mächte, die der Wahn gepackt hatte. Kaum vernehmbar hinter dem Toben und Wüten, wenn der Lärm ein wenig abschwoll, war eine weibliche Altstimme zu hören. Sie sprach sanft und beschwichtigend, aber sie kam nicht gegen die entfesselte Raserei der anderen Stimmen an. Doch die Navigatorin hörte sie. Hörte sie und schöpfte Hoffnung. Sie rief es an, das körperlose Wesen, schrie ihm entgegen, dass niemand auf dem Schiff den Tod verdiente, dass sie alle tapfere und tüchtige Nordleute waren und sich im Kampf mit den Elementen wacker geschlagen haben. Sie war sich sicher, das Wesen hörte sie.

Und das tat es.

Vor dem abgebrochenen Zahnstummel, der dort empor ragte, wo ehemals der Mastbaum stand, kämpfte die jugendliche Lotsin darum, nicht über Bord gespült zu werden. Welle um Flutwelle schleuderte sie gegen die Reling, die wie durch ein Wunder noch nicht gebrochen war. Am Anfang hatte jeder Sturz flammende Schmerzen durch die linke Schulter und den Arm hinab geschickt, doch die geprellten Knochen machten sich mittlerweile nurmehr als kleines Stechen inmitten des größeren Kampfes gegen die feindlichen Wogen bemerkbar. Abermals erhob sich eine dunkle Wasserwand über dem Schiff. schwarz vor dem tobenden Himmel. Mit Macht warf sie sich auf das Deck, auf die Bänke, auf das Mädchen, fegte Holzsplitter wie Geschosse durch die Luft. Wie eine harte Faust schlug es auf ihre Brust und in ihr Gesicht, drückte die Luft aus ihren Lungen und füllte sie mit Wasser.

Plötzlich war alles verlangsamt. Sie schlitterte auf allen Vieren auf das klaffende Loch zu, wo eben noch die Bordwand war. Wenn sie sich doch irgendwo festhalten könnte! Ihre Hände versuchten vergebens, auf den vom kalten Wasser überspülten Planken Halt zu finden. Eine Kiste rutschte gemächlich mit ihr auf den offenen Malstrom zu, die bot auch keinen Halt… ein Fetzen Stoff, den sie zu fassen bekam, riss Zentimeter für Zentimeter in ihren Fingern.

Da! Ein Tau peitschte knapp an ihrem Arm vorbei. Aber es war der falsche, der linke, sie konnte die Finger nicht bewegen. Mit äußerster Willensanstrengung streckte sie die Hand aus. Nur noch ein kleines Stück, dann gäbe es noch Hoffnung… Nein, sie konnte die Hand nicht öffnen. Noch einmal versuchte sie es, versuchte, das Seil mit schierem Willen in ihre Hand zu zwingen, und langsam, ganz langsam kroch das Ende auf sie zu, näherte sich Stück für Stück ihrer Hand, bis sie es endlich umfassen konnte. Nein, nicht sie umfasste es, es wickelte sich wie von Geisterhand um ihr Handgelenk. Dann gewann die Welt ihre ursprüngliche Geschwindigkeit zurück. Mit einem Ruck wurde sie gegen den Mast geschleudert. Ihr Hinterkopf schlug gegen etwas Hartes und ihre Welt versank in einer schwarzen Flut.

Ihr war, als ob sie Stimmen hörte. Fast gingen sie im Rauschen des Windes unter. Mal klangen sie näher, dann entfernten sie sich wieder. Doch sie wusste, dass die Worte nicht ihr galten, denn die hallenden Stimmen redeten auch über sie. Sie sprachen von Menschen, die tapfer dem Sturm trotzten. Eine andere, kraftvolle Stimme sprach dagegen und dass der Baum, der sich dem Sturm entgegen stellte, entwurzelt werde. Nur wer sich ihm beugt, bliebe unbeschadet. Dann diskutierten sie das Einholen der Segel und die Schäden am Langboot. Die junge Seefahrerin zuckte innerlich zusammen, als sie die Auflistung hörte. Dennoch waren sie nicht hoffnungslos verloren. Sie konnten Ruder herstellen und das Schiff immer noch nach Hause bringen.

Die Stimmen entfernten sich. Eine letzte blieb, Hedwyg hörte sie in ihrer Nähe flüstern. Es schien eine weibliche Stimme zu sein, doch das war schwierig festzustellen. Sie kannte diese Stimme, sie hörte sie manchmal im Wind. Sie forderte das halbwüchsige Mädchen auf, sich zu bewegen, nicht still zu stehen. Wirble, wehe, wandere – wehe dem, der Wurzeln schlägt! Ihn wird der Wind entwurzeln, wisperten die Worte hinter Hedwygs Schläfen. Ja! Ich will mich bewegen, will frei über die Dünen jagen, dachte Hedwyg. Aber es war so schwer, auch nur mit einem Glied eines Fingers zu zucken. Schlagartig wurde die Stimme wütend: Was bist du? Kind einer freien Sippe die dorthin segelt, wohin der Wind sie trägt? Oder ein schwacher Windhauch, der sich von jedem dünnen Fensterladen aussperren lässt? Etwas bäumte sich auf in Hedwygs Brust. Sie spürte Widerwillen in sich aufsteigen. Natürlich wollte sie nicht schwach sein! Stolz und frei, das waren ihre Leitsterne.

Das drängende Gefühl in ihrer Brust ballte sich zusammen, wurde zu einem harten Klumpen. Es drückte schmerzhaft und mit einem Mal bäumte sich das Mädchen auf. Akleif nahm seine Hände von ihrer Brust, die nun wieder selbst nach Luft rang. Verschwommenes Gemurmel brandete an ihre Ohren. Die Worte konnte sie nicht verstehen, doch sie hörte die Erleichterung in den Stimmen, während sie sich auf dem nassen, kalten Sand zusammenkrümmte und minutenlang nur noch Salzwasser ausspie.

„Wa…“, krächzte sie und es klang fremd und mehr wie ein Vogelschrei als nach ihrer eigenen Stimme. „Lass gut sein“, brummte Ekleif, „bis du wieder Luft in dir hast statt Wasser. Wolltest wohl das Meer aussaufen und rausspazieren, hm?“ Sie bemerkte, dass er damit nur seine Erleichterung überspielen wollte. Später witzelte er weiter: „Versuch nächstes Mal lieber, oben zu blieben. Als Fisch unter den Wellen hat es ja nicht so gut geklappt, was.“

Sie waren auf einem kahlen Felsen gelandet. Das Drachenboot war ohne Mast und hier würden sie auch keinen Ersatz finden. Abgesehen davon, mit was sie ihn denn hätten zimmern wollen? Es war ein harter Rückweg, da ihre Ruder dezimiert und der Mast nur noch ein Stummel war, aber die Freude und Dankbarkeit darüber, dass alle überlebt hatten ließ sie pullen ohne zu murren. Auf dem Sand zerbrach Senna die Klinge ihres Langdolches und warf sie in die aufgewühlten Fluten, als Opfer an den Gottwal und die Sturmgeister.

Und Hedwyg hatte noch immer diese körperlose Stimme im Ohr, die ihr Mut und Trotz zugesprochen hatte. Wenn sie daran dachte, spürte sie unsichtbare Finger im Wind, die ihr durch das unordentliche Haar zausten. Vom Seil, das wie eine lebendige Schlange, wie von Geisterhand auf sie zu gekrochen war, erzählte sie niemandem. Wer sollte ihr schon Glauben schenken – ihr, die schon immer Stimmen im wortlosen Wispern des Windes gehört hatte? Ihren Eltern blieb aber nicht verbergen, dass etwas sie beschäftigte. Es war ihre Mutter, die es schließlich aus ihr herauskitzelte. Doch sie lachte nicht und tat es nicht als Spinnerei ab, wie es Hedwyg erwartet hätte. Nein, sie schickte Hedwyg auf eine Reise. Zusammen mit ihrem Vater, Raskir. Gemeinsam würden sie Olport besuchen.

Olport und die Halle des Windes. Die Schule für Bordmagier.

13.04.2019

Hedwyg: Traum

Das Mädchen weinte. Dicke heiße Tränen kullerten ihre Wangen hinunter, die Nase lief, das Mündchen bebte, die kleinen Fäuste waren zornig geballt. „A-aber… aber ich bin doch schon ein großes Mädchen! Das hast du selbst gesagt! Ich kann ganz alleine bis zum Felsen am Strand, und ich kann auch schon mitsegeln!“ Dass die Mutter lachte war gemein. So sorgfältig hatte sie ihren Rucksack gepackt, und sogar die Puppe hatte sie auf dem Bett liegen lassen, damit die Mutter an sie dachte, wenn sie weg war. Auf großer Fahrt mit dem Vater. Doch sie durfte nicht, und das war unfair. Schließlich hatte sie Sigun erst gestern mit der Nachbarin darüber reden hören, was für ein großes Mädchen sie doch hatte. Da hatte die Mutter sie noch gelobt, aber jetzt…

Sie wirbelte so schnell herum, dass der blonde Zopf in weitem Bogen flog und rannte los. Sollte Sigun doch so viel rufen, wie sie wollte, sie würde nicht stehen bleiben und zurück kommen. Sie nicht. Nicht Hedwyg Raskirdottir. Erst als der stechende Schmerz in der Seite zu viel wurde, verlangsamte sie ihre wilde Flucht, verschnaufte keuchend und wischte sich mit dem Handrücken Rotz und Tränen aus dem Gesicht. Das Dorf war jetzt weit genug weg, entschied sie, nun konnte sie im normalen Schritt weiterlaufen. Die Mutter wird schon sehen, dass ich gut alleine zurechtkomme! Die Füße gingen wie von selbst den altbekannten Weg, ein kurzes Stück durch den Wald, die sechs Trittsteine über den Bach und dann immer bergab bis zu den Dünen. Die Schreie der Möwen hörte sie schon von weitem. In ihren Ohren klangen sie heute besonders gemein, oder vielleicht auch traurig und enttäuscht. Das Meer hörte sich an wie immer an einem ruhigen Tag.

Sie zog sich am kantigen Strandgras auf die Düne und ließ ihren Rucksack und danach sich selbst in den Sand fallen. Die Tränen waren versiegt, die Wut brannte noch im Magen und in der Kehle. Der Vater und die ganze Gemeinschaft, so kam es ihr im Moment vor, würden diesen Nachmittag mit dem großen Drachenschiff Viksand verlassen und erst im stürmischen Spätherbst wiederkommen. Monatelang müsste sie auf alle warten! In der Zwischenzeit hätte sie bestimmt schon längst ihre letzten Milchzähne, die hinteren, verloren. Und Raskir hatte ihr versprochen, dass sie bald – bald! – mit durfte. Es war ungerecht. Der Vater hatte gesagt, dass aus ihr eine große Seefahrerin würde, aber wie sollte sie eine große Seefahrerin werden, wenn sie nicht mit den anderen zur großen Ausfahrt mit durfte?

Die Kleine warf sich mit einem schweren Seufzer auf den Rücken und ließ Handvoll um Handvoll Sand durch die Finger rinnen. Zuerst energisch und mit den Handflächen immer wieder auf den Boden schlagend, doch mit der Zeit wurden ihre Bewegungen ruhiger. Die Frühlingssonne schien zwischen schnell dahinziehenden Wolken und wärmte ihr Gesicht und die bloßen Arme. Die Möwen kreischten, der stete Wind bließ. Er wischte ihr ein paar Haarsträhnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, über die Stirn und kitzelte sie in der Nase. Na gut, dachte sie sich, schnaubte die Haare weg, rappelte sich in den Schneidersitz hoch, verschränkte die Arme vor der Brust und streckte der Welt im Allgemeinen und dem böigen Wind im Besonderen die Zunge raus. Dann ärgerst du mich heute auch noch, fiese Windsbraut. Der Wind zupfte weiter an ihren Haaren. Jetzt kitzelten sie im Nacken. Hedwyg musste wider ihren Willen lachen. Ein leises Summen begann tief in ihrer Kehle und bahnte sich seinen Weg nach oben, die Mundwinkel zuckten, ein Kichern perlte zwischen halb geöffneten Lippen hervor, bis ein freies Lachen die Dünen hinunter scholl. Sie sprang auf, breitete die Arme weit aus, hüpfte im Kreis, legte den Kopf in den Nacken und lachte, lachte, bis ihr die Tränen kamen. Der Lachanfall verebbte in einem Glucksen, das sich im Rauschen der Wellen gegen den Strand verlor. Sie hickste. Na toll, jetzt hatte sie auch noch einen Schluckauf bekommen. Das hat man davon, wenn man nicht mehr Trübsal bläst. Aber nein, es war schon besser so. Die Erwachsenen waren immer so stur, da würde sie sich schon heimlich auf das Schiff schleichen und hinter irgendwelchen Kisten verstecken müssen, als dass sie mitdurfte. Und dann wären sie alle sauer auf sie. Bestimmt so lange, bis sie selbst erwachsen war. Dann lieber doch nicht. Sie angelte nach dem Riemen des Rucksacks, zog ihn zu sich herunter und kramte nach etwas Essbarem. Zwei Dörräpfel hatte sie eingepackt, eine Zwiebel, einen Kanten Brot… da, der süße Zwieback, ganz hinten war er gelandet. Der war jetzt genau das Richtige. Während sie zufrieden kaute und sich für ihre Weitsicht, das leckere Gebäck eingepackt zu haben, lobte, hatte sie sich wieder zwischen ein paar Büscheln Gras niedergelassen.

Der Nachmittag verging, das Mädchen verfütterte das Brot an die zankenden Seevögel, genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres und schmiedete Pläne für den kommenden Sommer. Eine Woche lang die Tante besuchen, beim Schafscheren helfen, einen rotweißen Drachen bauen und ihn ganz hoch steigen lassen. Bis zu den Wolken, schwerelos im Wind tanzen… sehnsüchtig ging ihr Blick in den Himmel, wo die Brise die Wolken jagt. Sie schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Wie eine Feder, so leicht, ja, sie konnte sich gut vorstellen, wie das wäre, wie sich das anfühlen würde. Der Wind wisperte ihr unablässig ins Ohr, sie konnte die Worte nicht verstehen, doch das musste sie auch nicht. Sie wusste, was sie bedeuteten. Von der Sehnsucht und der Ferne und vom Meer erzählte ihr der Wind, von der Unrast und der Reise. Das Kind sehnte sich nach der Reise. Doch das weite Meer musste noch warten. Wenigstens ein paar Jahre noch. Solange hatte sie den Wind, der ihr von seinen Fahrten sang.

Wie eine Feder schwebte sie. Jeder Windhauch trug sie höher, das glitzernde Meer unter ihr erstreckte sich immer weiter, sie sah das Dorf wie Bauklötze auf dem Hügel hinter dem Wald. Dorthin wollte sie jetzt noch nicht zurück. Ein freundlicher Luftstrom trug sie in die andere Richtung, auf das Wasser zu. Sie hielt Ausschau, und da! Dort sah sie es, klein wie eine Nussschale schwamm das sonst so mächtige Drachenschiff auf der gekräuselten Oberfläche. Winzig wie Ameisen und genauso emsig beschäftigt wuselten die Frauen und Männer des Dorfes auf dem Schiff und am Ufer umher. Alles bereitete eifrig die baldige Abfahrt vor. Nach kurzem Umschauen fand sie den, den sie suchte: Im blauen Hemd, die alte Lederweste offen, hievte Raskir gerade ein paar Kisten von hier nach dort. Eine Bö zauste durch seinen rotblonden Pferdeschwanz und Hedwyg hätte ihm am liebsten zugerufen und wäre in seine Arme gehüpft. Aber als Feder hatte sie natürlich keine Stimme. Abrupt hob da der Vater den Kopf. Er runzelte die Brauen und drehte den Kopf von links nach rechts. Vater! wollte Hedwyg noch einmal rufen. Doch der hatte sich schon wieder seiner Arbeit zugewandt. Sie glaubte, ein warmes, wohlbekanntes Lächeln auf seinen Lippen gesehen zu haben.

Das Mädchen schlug die Augen auf. Es fröstelte, die Sonne wärmte nicht mehr und stand eine Handbreit über der Wasseroberfläche. Das Meer hatte sich zurückgezogen. Die Ebbe! Sie wollten doch mit der Ebbe auslaufen! Schnell schnappte sie sich ihren Rucksack und trabte zur Hafenbucht. Dort standen sie alle versammelt, diejenigen, die daheim bleiben würden, und die, die zur Sommerfahrt aufbrachen. Der Vater hielt gerade die Mutter im Arm, er blickte über ihre Schulter und sah sie heraneilen. Er zwinkerte ihr zu. „Na, kommst du mich noch einmal verabschieden?“ Seltsam, er betonte das „noch einmal“ so, als hätte sie das heute schon getan. Dabei hatte sie das doch bloß geträumt.

Sie drückte den Vater ganz fest und gab ihm einen dicken Abschiedskuss. An der Hand der Mutter winkten sie ihm solange nach, bis das gestreifte Segel in der Dämmerung verschwand. Der Wind wehte vom Meer, fuhr ihr durch die Haare und versprach dem Kind, ihm Botschaft vom Vater zu überbringen.

13.01.2014

RimWorld: Bruchlandung

Dies ist ein Logbuch, das aus einer Blackbox ausgelesen werden konnte. Die Blackbox wurde auf einem Planeten in der zur Milchstraße benachbarten Galaxie Andromeda entdeckt, wo sie mehrere Jahrhunderte überdauert hatte. Es handelt sich um einen habitablen Planeten. Verwitterte Strukturen weisen darauf hin, dass hier einst menschliche Siedler Fuß gefasst hatten. Ob sie ihren Aufenthalt auf dem Planeten langfristig überlebten oder mit ihren begrenzten Mitteln eine neue Raumkapsel bauen und den Planeten wieder verlassen konnten, ist bis dato ungeklärt.

 

Planet

Tundra- und Taigagürtel reichen bis zum Äquator – warme südliche Hemisphäre – ein Meer im Südwesten, eines im Nordwesten, vermutlich die meiste Zeit des Jahres zugefroren – ein Ozeam im Westen mit bewaldeten Inseln – zwei Seen im Nordwesten und mehrere im Süden

Charaktere

Alex (37), in der Kindheit stumm gewesen wegen Trauma, Bastlerin und Schrottsammlerin, zwischenmenschlich unfähig, fühlt sich schwach in ihrem menschlichen Körper, wünscht sich manchmal einen bionischen Körper.

Dr. Kimiko Asano (Kimi) (20), stammt aus Ärztefamilie, ging dann zur Space Navy, lernte Nahkampf und wurde Expertin, solche Kampfwunden zu versorgen. Kältetolerant und pyromanisch und süchtig nach Go-Juice. Beste Schützin der drei. Kann gut mit Tieren umgehen. Beziehung mit Victor.

Victor (20), als Junge Stalljunge auf einem mittelalterlichen Planeten aufgewachsen, jetzt Kapitän eines Schmugglerschiffs. Auch zwischenmenschlich unfähig, arbeitsam aber er läuft langsam. Beziehung mit Kimi.

Husky Buffy (w) (5), Alex‘ Hund

 

Die Kapseln schlagen auf und geben ihre drei Menschen frei. Wir haben eine harte Bruchlandung hinter uns, aber wir leben. Sumpf um uns herum, zerklüftete Felsen und die leeren Gebäudehüllen von drei Häusern.

Weitere Einschläge folgen, kleiner. Es sind weitere Kapseln, kleiner als unsere. Waffen und… Buffy! Kimi bekommt das Gewehr, Victor das Messer, Alex die Pistole. Hinter einer Felsnase im Süden geht eine Schlucht zwischen die schroffen Felsen, die sich verjüngt, dort steht eine Ruine mit intaktem Dach, davor ist ein Sumpfgebiet. Die Stelle ist gut zu verteidigen, also schleppen Alex und Kimi unsere Ausrüstung, Werkzeug und Bruckstücke der Metallhülle, die sicher noch nützlich werden, dorthin. Ein paar der Bäume sind bei unserem Landgang zu Bruch gegangen, jetzt haben wir Holz zum Feuermachen. 30 Packungen feinste Fertignahrung. Yummy.

Es ist kalt. Es hat vier Grad über Null, sagt mein Armbandcomputer.

Kimi hat die Ruine von Schutt befreit. Es wird dunkel und es beginnt zu regnen, nach ein paar Momenten schüttet es in Strömen. Wir bringen die Essenspäckchen ins Trockene. Kimi ruht sich einen Moment aus, setzt sich in der Ruine neben das Feuer, die Hündin sitzt neben ihr. Wir haben ein Dach überm Kopf und wärmendes Feuer. Es riecht nach nasser Buffy.

Victor arbeitet bis spät in die Nacht. Er hämmert einen Durchgang von der Landezone zur Ruine, sodass wir nicht mehr so weit außen um den Felsen herum tragen müssen. Dann hat auch er genug. Wir haben einen warmen Raum, aber wir schlafen auf viel zu engem Raum. Keine Privatsphäre mehr. Hunger. Die Notrationen bleiben unberührt, die nächsten Tage gibt es Beeren. Himbeeren, Brombeeren, Blaubeeren, Preiselbeeren. Was auch immer diese hier sind. Ich liebe Beeren, aber ich bin mir sicher dass ich meine Meinung schon bald relativieren werede. Wir reden ein bisschen, dann schlafen wir auf unseren provisorischen, harten Matten ein.

Kimi ist als erste wach. Wir zimmern vor der Ruine ein Häuschen für Kimi und Victor aus Brettern zusammen, dazu ein richtiges Bett. Ein Truthahn läuft bei uns herum, Kimi ist eine Zeitlang mit ihm beschäftigt und zähmt ihn tatsächlich. Er folgt ihr jetzt, wenn er nicht gerade auf Nahrungssuche ist. Kimi ist stolz.

Victor hat Kimi einen Heiratsantrag gemacht, sie hat natürlich angenommen.

Es ist Abend. Irgend jemand hat heute Betten zusammengezimmert, wir werden alle komfortabler schlafen können. Die Ruine bekommt einen Anbau im Osten, zum Eingang der Schlucht hin, was Victors Zimmer wird. Alex schläft noch in der Ruine. Bei Kimi und Victor hat es kühle zehn Grad. Ihr macht es nichts aus und er hat sie zum Wärmen.

Nächster Tag. Alex findet eine Truthenne und zähmt sie. Jetzt haben wir ein Pärchen und sollten einen Stall bauen. Im Süden ist eine Felsnische, die wir einzäunen.

Jemand zimmert einen Tisch und drei Stühle für die Ruine und – ganz wichtig im Hinblick auf unsere aufkommende Truthahnzucht – wir errichten einen Herd. Das ist jetzt unser Hauptraum.

Kimi kocht gerade irgendwas aus Beeren, Victor macht Holz und Alex trägt immer noch Stahl von den abgestürzten Rettungskapseln ins Lager. Da bellt Buffy, jemand Fremdes nähert sich. In der Dämmerung erscheinen zwei Leute von Nordwesten. Sie stellen sich als Roslyn und Marjot vor, älteren Alters, wohl Ende 50 oder Anfang 60, in einfacher, abgetragener Kleidung. Kimi ist unsere Sprecherin und Roslyn ist bereit zu handeln. Beide machen einen nicht ungebildeten Eindruck (Roslyn: Lehrerin, Marjot: Wissenschaftlerin). Sie trägt ein bisschen Essen, Medizin und „Yayo“: Ein weißes Pulver zum Schnupfen, das Schmerzen unterdrückt, wach macht und Euphorie bewirkt. Kimi ist sehr interessiert an Yayo. Gegen drei Rationen der frisch gekochten Beerenmahlzeit ertauschen wir uns dreie Portion Yayo, eine für jeden von uns. Buffy muss leider leer ausgehen. Kimi geht’s nicht gut, sie braucht lange für alles, was sie anpackt, und macht den Eindruck als könne sie sich nicht richtig konzentrieren. Sie geht früh schlafen.

Victor hat vorgeschlagen, dass wir unserer Ansiedlung einen Namen geben. Schließlich sieht es nicht danach aus, als würden wir hier in nächster Zeit wieder wegkommen. Wir haben uns für „Ellis“ entschieden.

Und steht spät auf. Scheinbar hat sich Victor seiner ehelichen Pflichten angenommen. Kaum ist sie einigermaßen wach geworden, schlurft sie zu den drei Päckchen mit dem weißen Pulver, die immer noch draußen im Freien liegen, und genehmigt sich ihre Portion. Das erste Mal seit sie hier gelandet sind, lässt der Schmerz in ihren Muskeln nach. Es geht ihr so gut wie schon lange nicht mehr.

Auch den Truthähnen scheint es in ihrem Verschlag zu gefallen. Sie suchen nachts in den Schlafkästen Unterschlupf.

Wir ummauern weiter hinten in der Schlucht einen weiteren Raum. Diesmal aus Metall statt Holz, denn dies wird unser Gebäude für den Generator. Der Sommer ist jetzt schon so kalt, dass er diesen Namen kaum verdient doch auf einmal…

ein Eichhörnchen rennt auf unsere Behausung zu, an Buffy vorbei und springt Alex an! Sie gibt drei Schuss auf das tollwütige Nagetier ab und erlegt es. Alex „die Jägerin“ hat Kimi vorgeschlagen. Sie hat Kratzer an Kopf und Torso davongetragen, Kimi versorgt sie und ist total übermütig. Sie arbeitet die Nacht durch am Generator, bis sie um fünf Uhr erschöpft ins Bett fällt.

Keine Stunde später steht Victor auf und setzt ihre Arbeit fort. Es ist acht Uhr früh und der Generator steht!

Nachmittag. Ein Wanderer namens Yoshinoya erzählt, dass er ein reisender Erzähler ist. Er kann sich selbst vor den Gefahren der Straße schützen, aber anscheinend kann er nicht hart arbeiten und hat ein paar wirklich schräge Weltansichten. Ach ja, und er ist nackt. Er will bei uns bleiben. Wir wollen ihm eine Chance geben. Immerhin hilft er gleich beim Beerensammeln mit. Er hat ein Bett bei den Truthähnen bekommen, da hat er wenigstens ein Dach überm Kopf und wir hatten endlich einen Grund, eine Türe einzubauen.

Der Generator läuft auf Hochtouren und produziert Strom.

Außerdem bauen wir Gold ab. Im Norden sieht der Fels nach Erz aus, östlich davon zieht sich eine Goldader durch das Gestein.

Ein Pirat streift aus dem Osten heran und greift uns an!

Kimiko schnupft eine zweite Portion Yayo. Schmerzen weg, Zielsicherheit da. Ihr erster Schuss dabeben. Ihr zweiter auch. Der dritte trifft, doch der Pirat ist viel schneller durch den Sumpf als wir geglaubt haben. Er trägt türkisfarbenes Haar, einen zerlumpten Parka und eine Keule. Victor hat sich am Hauseck versteckt, kommt aus seiner Deckung und greift ihm mit dem Messer an, Kimi schießt weiter. Alex gibt ebenfalls ein paar Schüsse ab. Die Beine des Mannes knicken unter ihm ein, er ist sofort tot. Drei Schüsse in den Torso, zwei Schüsse ins Bein. Kimi schnuppert. Der vertraute, beruhigende Geruch von Go-Juice haftet ihm an. Es muss hier irgendwo eine Quelle für Go-Juice geben!

Er hatte welchen in den Taschen. Ob Kimi das schon gesehen hat? Wahrscheinlich nicht.

Im Osten hinter dem weitläufigen Sumpf legen wir den Toten in einer Gebäuderuine ab.

Yoshinoya sieht ihm hinterher, bedauernd? Er bekommt die Hose und das Hemd. Mir ist aufgefallen, dass er sich nie darüber beschwert hat, im Stall zu schlafen. Wenn er es lange genug durchhält, bauen wir ihm eine eigene Hütte.

Victor liegt im Bett und hat Schmerzen. Kimi versorgt ihn. In medizinischer Hinsicht.

Das zeigt uns, dass wir eine Verteidigungsstellung brauchen. Verschanzung. Wir kunstruieren eine vorgelagerte Mauer mit Schießscharten. Kimi arbeitet wieder die Nacht durch, weil sie high ist. Metallwände und Sandsäcke, dazwischen ein paar Waffenregale.

Abends: Victor beleidigt Yoshi.

Nachts: Yoshi macht Avancen gegenüber Alex, die ihn aber zurückweist.

Mitternacht. Kimi isst endlich mal was, sie hat es am letzten Tag einfach vergessen.

Ein Feuer im Süden von Kimis und Victors Holzhütte bricht aus. Kimi hat es gelegt, Victor löscht es. Kurz darauf brennt der Wald zwischen der Pärchenhütte und dem Geschützvorbau, danach auch die Bäume in der Nähe des Solarpanels des Generators. Die anderen müssen erst aufwachen, Victor kann alleine nicht dem Feuer Herr werden. Alex will sie festnehmen, sie widersetzt sich. Zusammen mit Victor überwältigen sie sie, er trägt sie zu ihrem gemeinsamen Bett. Er hat ihr einen Schnitt am Hals und zwei Schnitte am Torso zugefügt. Jetzt versorgt Victor sie.

Das Feuer zwischen Hütte und Verschanzung ist gelöscht. Das am Solarpanel wird größer. Yoshi tut nichts, er ist sich zu fein zum Feuerlöschen. Alex löscht.

Victor flickt Kimi wieder zusammen. Sie hat sich beruhigt.

Langsam fällt Yoshi auf, dass es im Stall kalt ist und er auf dem Boden schlafen muss. Jetzt müssen wir ihm schneller ein ordentliches Bett bauen. Ob er schon so weit ist, dass wir ihm vertrauen können?

02.09.2016

Nächtliche Stimmen

Media vita in morte sumus

steht in kunstvollen Lettern in den schwarzen Stein gemeißelt über dem hoch über ihr aufragenden Tor. Tausende Stimmen in tausend vor langer Zeit untergegangenen Sprachen flüstern unverständliche Worte und ein kalter Hauch aus den tiefsten Tiefen des Berges zerrt an ihrem Umhang, lässt sie schaudern.

Von unsichtbarer Hand geöffnet schwingt einer der Flügel aus Ebenholz weit auf und sie neigt demütig das Haupt, als sie an unsichtbaren Wächtern vorbei ins Innere tritt.

Schatten lösen sich aus den Mauern, folgen ihr auf ihrem Weg in die blicklose Dunkelheit. Sie kann sie weder hören noch sehen, doch sie weiß dass sie sie begleiten.

Der intensive Duft von Weihrauch dringt zu ihr, während ihre nackten Füße kalten Stein ertasten. Tiefer geht es und tiefer, Stufe um Stufe hinab in eine unbekannte Schwärze.

Eine Frau schluchzt.

Ein Säugling schreit kläglich, während die unzähligen Stimmen sich zu einem Chor vereinen.

„Peccatum!“,

‚Sünde!‘, versteht sie nun die bosparanischen Worte,

„Paenitet!“,

‚Bereue!‘ mahnen sie.

„Er ist mein Sohn!“

Ist sie selbst es, die da um Gnade bittet?

„Paenitet peccatum tuum!“,

fordert der Chor.

Sie hält sich die Ohren zu, doch die Stimmen sind allgegenwärtig, dringen in ihren Geist wie der Weihrauch in ihre Nase. Plötzlich erhebt sich eine andere, kraftvolle Stimme, volltönend wie die Glocke im Kloster zu Selem.

„Sieh, oh Boron, dieses schutzlose Kind, geschenkt durch die Gnade der ewig jungen Tsa!“

„Pœnitet!“,

drängt der Chor.

„Herr, ich bitte Dich, schütze dieses Kind mit Deiner göttlichen Kraft, auf dass es in seiner Unschuld nicht dem Bösen anheimfalle, sondern den Weg zu Dir und Deinen göttlichen Geschwistern findet.“

Der Geburtssegen.

„Quod pertinet Boron!“

„Voveo praedonis…“

Die Schwärze um sie herum nimmt ihr die Luft zum Atmen, lässt sie schwindeln.

„Peccatum autem feminam!“,

intoniert der Chor der Unsichtbaren unversöhnlich.

Sie steht am Ufer eines unter den Strahlen der Praiosscheibe silbern glitzernden Meeres, streckt flehend die Hände nach dem Jungen aus, der sich unaufhaltsam von ihr entfernt, kleiner und kleiner wird. Bevor er endgültig aus ihrem Gesichtskreis entschwindet, dreht er sich zu ihr um und winkt ihr zu. Sie ahnt, dass es das letzte Mal sein wird, dass sie ihn sieht, sie wollte ihm noch etwas sagen, aber sie hat vergessen was es ist. Sein Mund bewegt sich, aber sie kann ihn nicht hören, denn die Stimmen des Chors schwellen an, werden lauter und lauter, fordern sie auf zu bereuen, Buße zu tun, denn sie ist ein sündiges Weib.

„Orfeo!“

Sie erwacht von ihrem eigenen Schrei, kalter Schweiß steht auf ihrer Stirn und ihr Herz rast. Tränen laufen über ihre Wangen. Völlige Dunkelheit umgibt sie und sie weiß nicht ob sie wirklich wach oder doch noch in ihrem Traum gefangen ist.

„Noiona? Was ist mit dir?“

Eine ängstliche Jungenstimme.

„Du hast gerufen. Ich glaube es war ein Name, auch wenn ich ihn noch nie zuvor gehört habe.“

Es ist unverkennbar Gorm, dessen vom Schlaf warme Hand den Weg in die ihre findet.

„Wer ist Orfeo?“


Sie zuckt aus dem Schlaf, geradezu gewaltsam. Zwinkert in die Dunkelheit, die kein Lichtschimmer erhellt, ringsum. Genausogut könnte sie über Nacht erblindet sein. Noiona richtet sich auf, als das Spähen nur Schwärze ergibt, legt die Decke wieder über sich zurecht und umfasst ihre Knie, umspannt ihre knochigen Knie mit ihren Fingern. Nein, sie schläft nicht mehr.

Sie blinzelt erneut, spürt die nassen Tränen in ihren Wimpern. Das Blinzeln schickt neue Ströme über ihre Wangen. So verletzlich… sie fühlte sich so verletzlich im Traum – grausame Welt – und tut es immer noch.

Und sie hat auch noch Gorm aufgeweckt.

Noiona tastet nach seinem Arm, nach oben und streichelt ihm über die Haare. „Ich wollte dich nicht aufwecken. Mach dir darüber keine Gedanken…“, murmelt sie ihm zu. Sie beugt sich über ihn und steckt Schwester Elìns Umhang, den er als Decke hat, um ihn fest. „Schlaf noch ein Weilchen. Morgen können wir reden.“

Sie selbst hat im Gegensatz zu ihren Worten noch nicht vor, weiterzuschlafen. Die Priesterin wickelt sich in ihre Decke und kraxelt schlaftrunken und ungelenk die Leiter nach unten. Als ihre nackten Füße den kalten Boden berühren, fährt ihr am ganzen Leib die Gänsehaut auf – nicht nur wegen der Kälte.

Die Gänse… wie waren ihre Namen gewesen? Ahk-ka und Neljä, es klang ganz fremdartig aus Elìns Mund… regen sich im Schlaf und schnattern leise, als Noiona im Finstern zum Herd geht und nach der Zunderbüchse und einem der Talglichter tastet. Gut, dass sie selbst am Vorabend das Feuer entzündet und das Zubehör eigenhändig weggelegt hat. Nach einigen Versuchen – Schwester Elìn hätte es bestimmt schneller gekonnt – springt ein Funke auf den Zunder und verfängt sich. Wenige Augenblicke später brennt das Licht, mit dem sie aus ihrem Rucksack ihr Büchlein und Schreibsachen holt, den Traum aufzuschreiben, sonst holt ihn sich Bishdariel wieder und sie vergisst ihn.

Die Inschrift über dem Tor… der Gang durch den Tunnel in die Tiefe und durch Schwärze… die heulenden Stimmen im heulenden Wind, die jemanden – sie selbst! – auffordern, zu bereuen… das Kleinkind, das den Geburtssegen erhält (wider den Willen der unsichtbaren Stimmen?) und das in Sünde gezeugt wurde? Sie ist eine geweihte Jungfrau! Sie würde niemals ein Kind bekommen! Niemals. Das Meer und die Sonnenstrahlen, die die Wellenkämme silbern glitzern ließen und das Boot mit dem Jungen.

Und ihre Verzweiflung und Ohnmacht. Schließlich der Schrei, mit dem sie erwacht war.

Die Tinte trocknet, doch Noionas Gedanken kommen noch nicht zur Ruhe während sie auf die Schriftzeichen schaut, die sie auf dem Papier verewigt hat, und sie doch nicht sieht. Doch plötzlich blickt sie auf, auf die Lampe. Sie verschwendet Talg, so pustet sie das Licht aus und bleibt einfach im Dunkeln sitzen, während sie nachdenkt.

Bei dem letzten Traum über Orfeo… „Orfeo.“, flüstert sie um den Klang zu hören… hatte sie geglaubt, in ihm einen Bruder zu haben. Nun war es ein Sohn gewesen. Das war unheimlich, verboten, sündig. Und dieser Traum kam gerade nach ihrem Entschluss, sich Gorms anzunehmen.

Sie spürt Tränen auf ihren Wangen. Wieder überkommt sie die Verzweiflung, die nackte Hilflosigkeit und gleichzeitig das Gefühl, nichtswürdig zu sein, da sie gesündigt hatte. Im Traum.

Noiona rutscht vom Stuhl, kniet davor, legt die Ellbogen auf die Sitzfläche und betet lautlos:

Herr Boron, mein oberster Herr, mein Weg und Ziel!

Verlasse mich nicht, höre niemals auf, mich zu lieben. Und wenn ich einmal gesündigt haben sollte oder gezweifelt habe in meinem Herzen, dann verstoße mich nicht! Lass mich immer Deine Dienerin sein, auch wenn ich nur ein schwacher Mensch bin und fehlbar. Bitte, in Namen Deiner Tochter Marbo und der sanften Etilia, verlasse mich nicht Herr! Vergiss mich nicht.


Das leise Knarren von Holz stört ihre Versenkung. Vielleicht sind es die Gänse in ihrem Verschlag? Sie versucht sich wieder auf ihr Gebet zu konzentrieren, als sie eine stille Gegenwart neben sich spürt. Sie ist sich sicher, es ist nicht Elìn, sondern Gorm, der der da neben ihr kniet. Er wagt nicht, ihre Zwiesprache mit Boron zu stören, aber sie kann seine stumme Frage hören, als habe er sie laut ausgesprochen.

Eiskalte Luft strömt herein, als im selben Moment in Noionas Rücken die Tür geöffnet und kurz darauf fast lautlos wieder geschlossen wird. Jemand geht durch den Raum zur Feuerstelle, es raschelt, dann erhellt ein Funke für die Dauer eines Wimpernschlages das über ihre Hände gebeugte Gesicht der Dreifelderschwester, die behutsam auf den Zunder bläst. Ein Flämmchen flackert auf, entzündet einen Kienspan, und kurz darauf brennt bereits ein kleines Feuer im Herd.

Jetzt erst bemerkt Elìn die beiden nebeneinander auf dem Boden knienden Menschen. Sie nickt ihnen zu, hält das Gebet wohl für eine etwas frühe Laudes. Doch als sie im Licht der Flammen die Tränen auf den Wangen der Borondienerin entdeckt, weicht der Ausdruck freundlicher Ruhe auf ihrem Gesicht tiefer Anteilnahme. Ihr Blick wandert weiter zu dem Jungen, der fragend zu der totenblassen Geweihten neben sich aufschaut. Als habe er Elìns Blick gespürt, wendet er den Kopf und sieht sie wie um Hilfe bittend an. Und nun erscheint doch ein Lächeln auf dem Antlitz der Dreifelderschwester und sie nickt ein zweites Mal, fast als habe auch sie stumme Zwiesprache gehalten. Ohne Zögern kniet sie auf Noionas anderer Seite nieder, umfasst deren Rechte und beginnt ebenfalls lautlos zu beten. Gorm, der Elìns Nicken wohl als Aufforderung verstanden hat, tut es ihr nach, schiebt seine kleine Hand in Noionas Linke. Seine Lippen bewegen sich, doch was sie sagen bleibt sein Geheimnis.


In der dunklen Kammer sieht sie es nicht, aber sie spürt natürlich, dass Gorm sich neben sie kniet. Sie wendet den Kopf zur Seite, mit etwas Licht hätte sie ihm einen Blick zugeworfen. – Nein. Lass dich nicht ablenken. Konzentriere dich. Bete.

Der Junge kann die Tränen in ihrem Atem hören, der in unregelmäßigen Stößen geht. Mühsam ringt sie um äußere Beherrschung, um Kontrolle über ihren Atem, ihren Herzschlag. In Gedanken wirft sie sich in den Staub vor Borons Füßen. Noiona hält ihre Stirn wieder auf ihre gefalteten Hände ausgerichtet. Den Blickwechsel zwischen dem Jungen, der sich still und leise neben sie gesellt hat, und der gutmütigen Schwester Elìn bemerkt sie so fast nicht.

Dann raschelt es neben ihr, diesmal auf der anderen Seite, und eine feste Hand schließt sich um ihre Rechte. Wärme legt sich auf ihre Haut und spendet Trost und Halt. Sie ist verwirrt und traurig… und nicht allein. Ihre Hand in Elìns ist verkrampft und kalt, bis sie die Berührung annimmt und den Druck erwidert. Im selben Moment, in dem Gorms Finger nach Noionas schmaler Hand greifen, tastet sie nach der seinen. Der Beistand entzündet ein Gefühl der Wärme in ihrer klammen Brust, das sie in dieser Stunde nicht für möglich gehalten hätte.

Allmählich geht der Atem der Rabenpriesterin tiefer und ihre Schultern sind weniger verkrampft. Die Bilder des Traums sind längst nicht verblasst, noch sind die Gefühle, die sie durchlebt hat, viel schwächer geworden. Doch es wird leichter auszuhalten.

Sie will nichts sagen, drückt nur die Hände als sie sich beruhigt, lässt los und ihre Hände auf ihren Schoß sinken. Sie blickt auf ihre Knie, dann scheu zur Seite – erst zu Gorm, dann etwas länger zu Schwester Elìn.


In diesem Moment klopft es mehrmals an der Tür, als schlage jemand mit einem Stock dagegen.
Der Dreifelderschwester ist kein Erstaunen anzumerken angesichts der ungewöhnlichen Zeit für einen Besuch. Sie legt Noiona nur kurz die Hand auf die Schulter und nickt ihr zu. Dann erhebt sie sich und geht zur Tür um zu öffnen. Im hellen Licht des Madamals sind die Umrisse zweier kleiner Gestalten auszumachen. Noch ehe Elìn etwas sagen kann ist auch Gorm aufgesprungen und drängt an ihr vorbei.

„Großmutter!“

„Travia sei mit euch. Kommt herein, es ist kalt.“,

bittet Elìn die Besucher herein.

„Das kann man wohl sagen. Aber sie war nicht zu beruhigen. Wollte unbedingt hierher, sagte die Sache sei dringend und erlaube keinen Aufschub.“

Das ist unverkennbar die Stimme Jadwigas.

„Ich bin zu spät gekommen. Der Winterunhold hat seinen Tribut gefordert.“

Mit diesen Unheil verkündenden Worten betritt Gwynna an der Seite des alten Kräuterweibes die Hütte.


Davor: In Verbena Veritas

Danach: Der Tribut des Winterunholds